Hendrik Frensch Verwoerd

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Hendrik Frensch Verwoerd (* 8. September 1901 in Amsterdam, Niederlande; † 6. September 1966 in Kapstadt, Südafrika) war ein südafrikanischer Soziologe und Politiker. Er gilt als der ideologische Begründer und Architekt der Apartheid-Politik, wurde 1950 Minister für Eingeborenenfragen und war von 1958 bis zu seiner Ermordung Ministerpräsident von Südafrika.

Biographie[Bearbeiten]

Herkunft und Studium[Bearbeiten]

Verwoerd war der einzige Spitzenpolitiker des Apartheidregimes, der nicht in Südafrika geboren war. Allerdings wanderte er schon als Kleinkind 1902 mit seiner Familie aus den Niederlanden ein. Sein Vater war zunächst als Kaufmann in Südafrika, später als Missionar der Niederländisch Reformierten Kirche in Rhodesien tätig. Nach dem Studium der Philosophie und Psychologie war Verwoerd zeitweilig als Dozent an der Universität Stellenbosch tätig. Von 1924 bis 1928 studierte er in Hamburg, Leipzig und Berlin. Von 1928 bis 1932 war er Professor für Angewandte Psychologie und von 1932 bis 1936 Professor für Soziologie und Sozialarbeit in Stellenbosch. Danach wechselte er zur Zeitschrift The Transvaler.

Der Ideologe[Bearbeiten]

Verwoerd hatte in Deutschland nationalsozialistisches Gedankengut kennengelernt und wurde von der Rassenideologie der Nationalsozialisten stark beeinflusst. Als Professor für angewandte Psychologie und Soziologie an der südafrikanischen Universität Stellenbosch lehrte er die Auffassung, dass die verschiedenen Ethnien Südafrikas sich nicht vermischen und jeweils nach ihrer Eigenart entwickeln sollten. Scheinbar progressiv erkennt diese Position an, dass es tatsächlich eigenständige Kulturen der Zulu, Xhosa etc. gibt. Das unterschied Verwoerds Haltung vom früheren Rassismus, wie er besonders unter den Buren verbreitet war.

Andererseits lief Verwoerds Theorie in der Praxis auf das Prinzip Divide et impera! („Teile und herrsche!“) hinaus. Denn sie gliederte die schwarze Bevölkerungsmehrheit in lauter einzelne Bantu-Stämme auf, von denen jeder einzelne aufgrund der ökonomischen Gegebenheiten schwächer sein musste als der „weiße Stamm“ der Buren. Zudem ließ Verwoerd nie einen Zweifel daran, dass er deren Kultur als weit höherstehend erachtete als die der „Bantus“. So sei zum Beispiel eine höhere Schulbildung deren Kultur nicht gemäß.

Als Chefredakteur[Bearbeiten]

1937 wurde Verwoerd erster Chefredakteur der neuen, von der Nationalen Partei gegründeten Tageszeitung Die Transvaler. Neben einem Afrikaanernationalismus vertrat die Zeitung auch während des Zweiten Weltkriegs einen prodeutschen Kurs, was insbesondere zu Anfeindungen seitens der englischsprachigen Presse führte. So verlor Verwoerd einen Prozess gegen die Zeitung The Star, die ihn wegen seiner Haltung heftig kritisiert hatte. Er blieb bis 1948 Zeitungsredakteur.

Der Politiker[Bearbeiten]

Nach dem Wahlsieg der National Party 1948 (siehe auch: Geschichte Südafrikas) erhielt Verwoerd die Chance, seine Theorien in die politische Praxis umzusetzen. Zunächst trat er 1950 als Minister für Eingeborenenfragen in das Kabinett Malan ein. Schon im Jahr darauf legte er mit dem Bantu Authorities Act einen wichtigen Grundstein für die 40 Jahre währende Apartheidpolitik. Das Gesetz stärkte vordergründig die Stellung der Chiefs (Häuptlinge) in den Stammesgebieten, entrechtete aber die Angehörigen ihrer Stämme, die überwiegend in den städtischen Industriegebieten als Gastarbeiter arbeiteten und zunehmend in Townships leben mussten.

Verwoerds Grab in Pretoria

Der erneute, überwältigende Wahlsieg der National Party 1958 machte ihren Chefideologen nun auch zum Chef der Regierung. Den Zugewinn an Macht nutzte Verwoerd, um die Gesetze zur Rassentrennung noch weiter zu verschärfen. Seine Bantustan-Politik lief auf die räumliche Trennung der Wohngebiete von Schwarz und Weiß hinaus. Diesem Ziel diente vor allem der Promotion of Bantu Self-Government Act (Act No 46 / 1959), der scheinbar unabhängige Homelands für die schwarze Bevölkerung schuf. Diese waren aber nichts anderes als Formen bereits existierender Reservate unter der Kontrolle administrativ begünstigter Kollaborateure unter der Aufsicht weißer Commissioners General. Mit demselben Gesetz schaffte man die von weißen Personen wahrgenommenen Abgeordnetenmandate für die schwarze Bevölkerung ersatzlos ab. Das politische Hauptziel war es, die schwarze Bevölkerung, die acht (später neun) ethnischen Gruppen (national units) zugeordnet wurde, schrittweise zu Ausländern zu erklären und damit ihrer südafrikanischen Bürgerrechte zu berauben.[1]

Die Politik der Regierung Verwoerd provozierte die ersten schweren Rassenunruhen gegen die Apartheid, etwa im Township Sharpeville, wo die südafrikanische Polizei ein Massaker anrichtete. Anfang der 1960er Jahre gründeten ANC-Mitglieder um Nelson Mandela den Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation), eine kämpferische Untergrundbewegung innerhalb des ANC. Die Regierung antwortete mit weiteren Repressionen und Notstandsmaßnahmen. Auf die Ächtung Südafrikas durch die internationale Staatengemeinschaft reagierte sie mit dem Austritt aus dem Commonwealth und einem Referendum zu Ausrufung der Republik Südafrika. Bereits am 9. April 1960 war ein erfolgloses Attentat auf Hendrik Verwoerd während der Rand Easter Show in Johannesburg verübt worden. Hierbei gab ein weißer Farmer mit einer Pistole zwei Schüsse auf ihn ab und fügte ihm damit Verwundungen an Wange und Ohr zu.[2] Die zugespitzte innenpolitische Lage in Folge der Massenproteste gegen die Passgesetze und die Influx-Control-Politik (Arbeitsmarktregulierungen) der Regierung veranlassten Premierminister Verwoerd während seines Krankenhausaufenthaltes zu einer grundsätzlichen Erklärung in der laufenden parlamentarischen Debatte, die vom Finanzminister in der Parlamentssitzung vom 20. Mai 1960 verlesen wurde:

[...] The Government sees no reason to depart from the policy of separate development because of the disturbance.

[...] Die Regierung sieht keinen Anlass, aufgrund des Tumults von der Politik der getrennten Entwicklung abzuweichen.

Hendrik Verwoerd: In: SAIRR: A Survey of Race Relations in South Africa 1959-1960. Johannesburg 1961, S. 122 (zitiert dort aus Hansard 18, cols. 8337-8)

Am 6. September 1966 drang der Parlamentsangestellte Demitrios Tsafendas (1918–1999), der als Sohn eines Griechen und einer Mosambikanerin nach den südafrikanischen Rassegesetzen als Mischling galt, in den Sitzungssaal des Parlaments in Kapstadt ein und tötete den Ministerpräsidenten mit vier Messerstichen. Der Täter wurde für geistesgestört erklärt und lebenslang inhaftiert. Nachfolger Verwoerds als Ministerpräsident wurde sein Justizminister Balthazar Johannes Vorster.

Hendrik Verwoerd wurde auf dem Heldenfriedhof in Pretoria bestattet.

Familie[Bearbeiten]

Er hat sich mit Elizabeth (Betsie) Schoombie am 27. Januar 1927[3] in Deutschland vermählt. Zwei ihrer Kinder spielten eine Rolle in der südafrikanischen Politik - ihre Tochter Anna († 2007) war die Gattin Carel Boshoffs, eines der Anführer (zusammen mit H. F. Verwoerd dem Jüngeren) der ehemaligen konservativen politischen Partei Vereniging van Oranjewerkers.

Ehrungen[Bearbeiten]

  • Zur Erinnerung an seine Person wurde die südafrikanische Stadt Lyttelton 1967 in Verwoerdburg umbenannt; seit 1995 trägt sie den Namen Centurion.
  • H. F. Verwoerd Airport, heute der Port Elizabeth International Airport.[4]
  • H. F. Verwoerd Transmitting Station, eine Radiosendeanlage bei Meyerton.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Alexander Hepple: Verwoerd, London 1967
  • Henk van Woerden: Der Bastard. Die Geschichte des Mannes, der den südafrikanischen Premier ermordete. Berlin 2002

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hendrik Frensch Verwoerd – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Manfred Kurz: Indirekte Herrschaft und Gewalt in Südafrika. Hamburg 1981, S. 44–45
  2. There is an assassination attempt on Verwoerd at the Rand Easter Show in Johannesburg. auf www.sahistory.org.za (englisch)
  3. ANB Nuusbrief 11 (PDF; 118 kB)
  4. Port Elizabeth Airport. auf www.sa-airports.co.za
  5. Josef Theobald: RADIO RSA – Die Stimme Südafrikas aus Johannesburg. auf www.fmkompakt.de