Iraner in Deutschland

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Iranische Studenten an der Ostseeküste in Heringsdorf, 1956

Als Iraner in Deutschland werden Menschen bezeichnet, die aus dem Iran stammen, sich mit diesem und dessen Kultur öffentlich identifizieren und in Deutschland wohnen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Geschichte der Exil-Iraner in Deutschland reicht in die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück. In der Weimarer Republik lebten etwa 1.000 Iraner. 1939 im Deutschen Reich lebten 642 Iraner und in den späten Kriegsjahren zählte die iranische Gemeinde in Berlin 190 Mitglieder, die sich zum größten Teil zeitbegrenzt als Studenten im Deutschen Reich aufhielten. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Iraner in Deutschland, die während des Krieges stark zurückgegangen war, wieder an. Bis in die 1960er Jahre kamen neben Studenten vor allem Geschäftsleute sowie Ärzte hinzu. Die iranischen Ärzte schlossen sich 1961 zur Vereinigung der Iranischen Ärzte und Zahnärzte in der Bundesrepublik Deutschland (VIA) zusammen. Der im November 1989 gegründete Verband Iranischer Hochschullehrer und Akademiker in Deutschland (VIHA) hat die Förderung der wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran zum Ziel. 1992 wurde der „Verein Iranischer Naturwissenschaftler und Ingenieure (VINI) in der Bundesrepublik Deutschland e. V.„ gegründet. Im November 2010 wurde der Verein „Iranische Gemeinde in Deutschland“[1] gegründet, welcher die Förderung der Interessen aller in Deutschland lebenden Iraner, unabhängig von ihrer ethnischen, religiösen und politischen Zugehörigkeit, zum Ziel hat.

Bei der Revolution im Iran 1979 sowie nach dem Ersten Golfkrieg (1980-1988) zwischen dem Irak und dem Iran bewirkten Einwanderungswellen der politischen Flüchtlinge, die sich wiederum stark auf die demographische Struktur der in Deutschland lebenden Iraner auswirkte.

Migrationssituation[Bearbeiten]

Die Zahl der in Deutschland lebenden Iraner beträgt 57.275 (31. Dezember 2012).[2] Schätzungen liegen zwischen 100.000[3] und 120.000[4], dabei werden auch die Iranischstämmigen berücksichtigt, somit liegt die iranische Diaspora in der Bundesrepublik Deutschland im europäischen Vergleich an der Spitze, vor Großbritannien, Schweden, Frankreich und Italien.[5]

In Hamburg leben 10.000 bis 25.000 Personen iranischer Abstammung[6], die größte Anzahl in einer deutschen Großstadt; sie bilden nach London die zweitgrößte Gemeinschaft in Europa. Weitere Konzentrationen der in Deutschland lebenden Iraner, sind vor allem in den Großstädten der alten Bundesländer Hessen und Nordrhein-Westfalen vorhanden. Hamburg entwickelte sich seit den 1960er Jahren zu einem Zentrum der Iraner; es bestehen viele Kultur- und Moscheevereine wie das Islamische Zentrum Hamburg, welches das Zentrum des schiitischen Islam in Deutschland darstellt, persische Restaurants und Geschäfte sowie die 1965 gegründete Bank Melli Iran, die in der Hamburger Altstadt ansässig ist.

Die iranischen Migranten bilden eine heterogene Gruppe aus bis zu zehn unterschiedlichen aus dem Iran stammenden Ethnien und Sprachgruppen. Den größten Anteil haben die ethnischen Perser, gefolgt von Aserbaidschanern, Kurden und Luren sowie Afghanen und weiteren kleineren Ethnien. Nahezu alle sprechen Persisch und zusätzlich oft auch ihre ursprüngliche Muttersprache.

Religion[Bearbeiten]

Die iranische Imam-Ali-Moschee des Islamischen Zentrum Hamburg

Unter den Iranern sind verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen vertreten. Neben Muslimen finden sich auch einige Christen verschiedener Kirchen sowie Bahai und ein kleiner Teil Anhänger des Zoroastrismus. Laut einer repräsentativen Studie von 2008 gehören 38 Prozent der iranischstämmigen Migranten gar keiner Religionsgemeinschaft an. Die Muslime aus Iran sind zu 95 Prozent Schiiten, nur 10 Prozent der iranischstämmigen Muslime sind sehr stark gläubig (stark gläubig: 34,8 %) und 72 Prozent besuchen nie religiöse Veranstaltungen. Dies wird einerseits mit der soziodemographischen und sozioökonomischen Zusammensetzung iranischer Migranten in Deutschland erklärt, die ein außerordentlich hohes Bildungsniveau besitzen, der politischen und ökonomischen Elite des Iran angehörten und oftmals säkular eingestellt sind.[7] Andererseits wird die Distanz zu Moscheegemeinden damit begründet, dass diese oft an das Islamische Zentrum Hamburg angebunden sind; eine Institution, die von Personen und Gruppen aus dem linken und liberalen Spektrum als »langer Arm« der Islamischen Republik Iran gefürchtet wird.[8]

Mehrstaatigkeit[Bearbeiten]

Da der Iran seine Staatsbürger fast nie aus der Staatsangehörigkeit entlässt (siehe Artikel 989 iran. ZGB[9]) und die iranische Staatsangehörigkeit gemäß Art. 976 iran. ZGB durch den Vater vererbt wird (Abstammungsprinzip), gibt es viele deutsch-iranische Mehrstaater. Das immer noch geltende Deutsch-iranische Niederlassungsabkommen von 1929[10] regelt in Nr. II des Schlußprotokolls, dass vor der Einbürgerung eines Angehörigen des anderen Staates die staatliche Zustimmung erforderlich ist. Dies hat zu untragbaren Bearbeitungszeiten und einem "Einbürgerungsstau" vor dem Jahr 2000 geführt.[11] In der Praxis werden Iraner inzwischen meist unter Hinnahme von Mehrstaatigkeit in Deutschland eingebürgert.[12][13] Von den 3662 Iranern, die im Jahr 2006 eingebürgert wurden, konnten 99,8 Prozent ihre alte Staatsangehörigkeit beibehalten.[14]

Bekannte Iraner in Deutschland[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Karin Hesse-Lehmann: Iraner in Hamburg. Verhaltensmuster im Kulturkontakt. Reimer Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-4960-2513-1

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Iranische Gemeinde in Deutschland
  2. Anzahl der Ausländer in Deutschland nach Herkunftsland (Stand: 31. Dezember 2012)
  3. SCHWERPUNKT: Iraner in Deutschland
  4. Zuwanderung und Integration
  5. Iran: Verfolgung durch den Gottesstaat
  6. "Nieder mit dem Diktator" - 3000 Exiliraner demonstrieren in Hamburg in Hamburger Abendblatt, 22. Juni 2009
  7. Haug, Müssig, Stichs: 6.4 Muslime aus Iran In: Muslimisches Leben in Deutschland, repräsentative Studie des Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für die Deutsche Islamkonferenz, Juni 2009
  8. Beispiel Al-Quds-Tag. Islamistische Netzwerke und Ideologien unter Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Möglichkeiten zivilgesellschaftlicher Intervention von Udo Wolter für Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, November 2004
  9. Iranisches Zivilgesetzbuch (iran. ZGB). Auf der UNHCR-Webseite: "The Civil Code of Iran" (englische Übersetzung, Gesetzesstand von 1985) published in Basic Document in Iranian Law, introduced and edited by Professor S. H. Amin. "Civil Code of the Islamic Republic of Iran" (inoffizielle englische Übersetzung) published by Alavi and Associates, Legal Counsels, Islamic Republic of Iran.
  10. Niederlassungsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und dem Kaiserreich Persien von 1929, Schlussprotokoll, Reichsgesetzblatt Jahrgang 1930, Teil II, Nr. 30, Seite 1012, ausgegeben zu Berlin am 13. August 1930
  11. Kleine Anfrage zum Deutsch-iranischen Niederlassungsabkommen (Deutscher Bundestag: Drucksache 13/491 vom 13. Februar 1995)
  12. Berliner Abgeordnetenhaus: Kleine Anfrage vom 29. April 2003 zur Einbürgerung von Iranern (PDF; 134 kB)
  13. Einbürgerung iranischer Staatsangehöriger unter Hinnahme von Mehrstaatigkeit (PDF; 23 kB) Erlass des Senator für Inneres und Sport Bremen, 11. Januar 2008
  14. Migrationsbericht 2006 (PDF; 7,6 MB) BAMF Seite 197