Kažnjenička bojna

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Kažnjenička bojna
Sträflingsbataillon
Patch of the ATJ Convicts Battalion.svg
Ärmelabzeichen der Hauptabteilung
Aktiv 1991 bis 1994
Land Flag of the Croatian Republic of Herzeg-Bosnia.svg Kroatische Republik Herceg-Bosna
Streitkräfte Logo of Croatian Defence Council 2.svg Hrvatsko vijeće obrane (HVO)
Teilstreitkraft Heer
Truppengattung Infanterie
Typ Spezialeinheit
Grobgliederung 1 Hauptabteilung mit 10 Unterabteilungen (ab 1994)
Stärke 846 Mann, mit Unterabteilungen (November 1993)[1]
Stationierungsort Široki Brijeg (Herzegowina)
Herkunft der Soldaten Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Europa, Übersee
Spitzname Tutina Kažnjenička bojna
Tutići
Kažnjenici
Tuta ekipa
Stammnummer 1717
Schlachten Bosnienkrieg:

Operation „Lipanjske zore“ (1992)
Operation „Cincar“ (1994)

Kommandeur
Befehlshaber Mladen Naletilić

Das Kažnjenička bojna (kurz KB; deutsch Sträflingsbataillon) war eine militärische Spezialeinheit des Kroatischen Verteidigungsrats (HVO) während des Bosnienkriegs. Das Hauptquartier lag in der Tabakfabrik von Široki Brijeg (Herzegowina).

Der Name wurde gewählt, da die Einheit von Personen aufgestellt wurde, die im kommunistischen Jugoslawien politisch verfolgt und inhaftiert worden waren. Auch sollte der Name den Feind abschrecken, der sich tatsächlichen oder vermeintlichen „Sträflingen“ gegenüber sah.

Die Angehörigen des KB waren Freiwillige und in der Regel ethnische Kroaten, selten auch muslimische Bosniaken. Auch US-Amerikaner, Engländer, Dänen und Deutsche (darunter Alexander Neidlein, Franz Kunst, Stefan Rays, Ralf Mrachacz und Falk Simang) dienten in der Einheit.

Geschichte[Bearbeiten]

Das KB soll am 15. April 1991 von den vier kroatischen Emigranten Mladen „Tuta“ Naletilić (* 1. Dezember 1946), Ivan Andabak, Ludvig Pavlović und Ivan Tolić gegründet worden sein. Die Aufstellung erfolgte am 1. Juni 1991 durch Naletilić, welcher auch der militärische Befehlshaber der zu Beginn nur 40-50 Mann starken Einheit war.

Im Jahr 1991 kämpfte das KB im Kroatienkrieg gegen die Jugoslawische Volksarmee (JNA), die Armee der Republik Serbische Krajina (SVK), serbische paramilitärische Einheiten sowie die Serbische Freiwilligengarde. Als sich die Kämpfe 1992 auf Bosnien und Herzegowina ausweiteten, schloss sich das KB dem HVO an und wurde dem direkten Kommando des Generalstabs unterstellt.

Im Juni 1992 war das KB mit anderen kroatischen Einheiten an den Kämpfen um die Stadt Mostar und das Neretvatal beteiligt. Im Zuge dieser Kämpfe wurde die Region in der Militäroperation „Lipanjske zore“ („Juni-Morgengrauen“) von serbischem Militär befreit.

Operation „Lipanjske zore“ (Herzegowina, Juni 1992)

Am 9. August 1992 waren 15 Soldaten des KB an der Ermordung von Blaž Kraljević, dem militärischen Oberbefehlshaber der HOS, beteiligt. Der Mord wurde angeblich von Naletilić initiiert.

Nach dem Ausbruch des bosnisch-kroatischen Konflikts griffen Einheiten des HVO, darunter das KB, am 17. April 1993 die Dörfer Sovići und Doljani (bei Jablanica) an und betrieben ethnische Säuberung.

Ab dem 9. Mai 1993 beteiligte sich das KB, wiederum mit anderen Einheiten des HVO, am Kampf gegen die Armee von Bosnien und Herzegowina in Mostar, ebenso an der folgenden mehrmonatigen Belagerung, dem intensiven Beschuss und der Blockade humanitärer Hilfsgüter des muslimischen Ostteils der Stadt.

Ein großer Teil des KB wurde schließlich in die 22. Sabotageeinheit (22. Diverzantski odred) umgewandelt und blieb als Spezialeinheit dem HVO-Hauptquartier unterstellt. Im Oktober 1995 hatte diese Einheit 318 Angehörige, davon 269 Infanteristen, 27 Unteroffiziere und 22 Offiziere.[2] Das 22. Diverzantski odred ging 1995 in der 2. Gardebrigade des HVO (2. Gardijska brigada HVO-a) auf, die bereits im Januar 1994 an Kämpfen gegen die bosnisch-herzegowinische Armee bei Uskoplje/Prozor-Rama in Bosnien beteiligt gewesen war.

Organisation (um 1993)[Bearbeiten]

Die militärische Struktur des KB änderte sich fünfmal, in Abstimmung mit Umstrukturierungen innerhalb des gesamten HVO. Das KB wurde zunächst in vier kleine Kommandoeinheiten, später in weitere noch kleinere sogenannte Antiterroreinheiten (Antiteroristička jedinica – ATJ, auch Antiteroristička grupa – ATG) gegliedert. Jede dieser Einheiten hatte einen anderen Gefechtsstand.[3]

HVO Generalhauptquartier Mostar
Oberbefehlshaber: Oberst Milivoj Petković (ab April 1992); Generalmajor Slobodan Praljak (ab 24. Juli 1993); Generalleutnant Ante Roso (ab 12. November 1993)
HVO KB Siroki Brijeg.jpg
Kažnjenička bojna
Hauptquartier: Široki Brijeg, Tabakfabrik
Militärische Führung: Mladen „Tuta" Naletilić
Kommandant: Mario „Ćikota" Hrkać (bis zu seinem Tod am 20. April 1993); danach Ivan Andabak mit Željko Vukoja
Mannstärke: 40–50 (Mai 1992), 80–100 (nach Juni 1992), 282 (November 1993)
ATJ „Vinko Škrobo" (vormals „Mrmak“, bis Mitte 1993)
Namensgeber: Vinko Škrobo (* 26. Dezember 1924; † 1948), antikommunistischer Freischärler (sogenannter Škripar) aus Dužice
Aufstellung: Ende Mai/Anfang Juni 1993
Gefechtsstand: Mostar, Zagrebačka ulica
Kommandant: Vinko „Štela" Martinović
Mannstärke: 85 (November 1993)
Historie: Gebildet aus ehemaligen Mitgliedern der HOS um Vinko „Štela" Martinović, einem ehemaligen Mitglied des 4. Bataillon HOS. Hielt die Stellungen um das Krankenhaus in Mostar. Am 2. Juli 1993 der Stadtverteidigung von Mostar unterstellt.
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ATJ „Baja Kraljević“
Namensgeber: Stanislav Kraljević (* 13. November 1970 in Široki Brijeg; † 11. Juni 1992 in Mostar), Gefallener des KB aus Široki Brijeg
Gefechtsstand: Mostar, Heliodrom
Kommandant: Predrag „Lija" Mandić (* 1. Januar 1967 in Široki Brijeg)
Mannstärke: 20–80
Historie: Als eine der ursprünglichen Einheiten bildete sie den Kern des KB. Aufgestellt aus Führungspersonal des KB und Mannschaften des „Poskok bojna“ aus Široki Brijeg. Die Kämpfer sollten nicht älter als 23 Jahre sein.[4] Genoss eine Sonderstellung unter den ATGs mit gewisser Selbstständigkeit und war im Gegensatz zu des anderen ATGs eine Eliteeinheit, von der viele Kämpfer in andere ATGs wechselten. Wurde später direkt dem HVO-Generalhauptquartier unterstellt.
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ATJ „Benko Penavić“
Namensgeber: Benedikt Penavić († 10. oder 11. Dezember 1947), antikommunistischer Freischärler (sogenannter Škripar) aus Posušje
Aufstellung: um den 9. Mai 1993
Gefechtsstand: Mostar
Kommandant: Mario „Baja" Miličević
Mannstärke: 68 (November 1993)
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ATJ „Goran Spajić“
Namensgeber: Goran Spajić (* 7. Juli 1971 in Kroatien; † 20. September 1993 in Raštani, zu Mostar), Gefallener des KB aus Široki Brijeg
Gefechtsstand: Grude
Kommandant: Miljenko „Piki“ Zadro
Mannstärke: 34 (November 1993)
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ATJ „Marinko Marušić“ – Inženjerija Herceg-Bosne (vormals „Inženjerija“)
Namensgeber: Marinko Marušić (* 7. August 1942 in Mostar; † 28. Juli 1993 in Doljani, zu Jablanica), Gefallener des KB aus Mostar
Kommandant: Željko Bošnjak († 24. August 1993); danach Kata Biloš
Mannstärke: 53 (November 1993)
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ATJ „Martin Bebek“ (vormals „Hrvatska legija časti“)
Namensgeber: Martin Bebek (* 7. Mai 1966 in Čapljina; † 9. Juli 1992 in Podveležje, zu Mostar), Gefallener des KB aus Široki Brijeg
Gefechtsstand: Čapljina
Kommandant: Nedjeljko Ćemeraš
Mannstärke: 78 (November 1993)
HVO KB Miljenko Basic.jpg
ATJ „Miljenko Bašić“
Namensgeber: Miljenko Bašić (* 26. Oktober 1960 in Posušje; † 20. Januar 1993 in Gornji Vakuf-Uskoplje), Gefallener des KB aus Gornji Vakuf-Uskoplje
Gefechtsstand: Posušje
Kommandant: Miro Grabovac
Mannstärke: 81 (November 1993)
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ATJ „Stanko Zlomislić“ (vormals auch „Stanko Zlomislić-Ciciban“)
Gefechtsstand: Rakitno
Kommandant: Ivan Zlomislić
Mannstärke: 21 (November 1993)
HVO KB Zelja Bosnjak.jpg
ATJ „Želja Bošnjak“
Namensgeber: Željko Bošnjak (* 11. September 1965 in Mostar; † 24. August 1993 in Raštani, zu Mostar), Gefallener des KB aus Široki Brijeg
Aufstellung: Ende 1993
Gefechtsstand: Ljubuški
Kommandant: Mario „Baja" Miličević (ab Ende 1993)
Mannstärke: 38 (November 1993)
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ATJ „Boka Barbarić“
Namensgeber: Boro (Boris) Barbarić (* 16. Februar 1959 in Knešpolje, zu Široki Brijeg; † 19. April 1993 in Doljani, zu Jablanica), Gefallener des KB aus Široki Brijeg
Gefechtsstand: Široki Brijeg
Kommandant: Robert Medić
Mannstärke: 31 (November 1993)
ATJ „Kruško“
Namensgeber: Samir „Kruško“ Kafedžić (* 1967; † Frühjahr 1993 in Sarajevo, Berg Igman), Gefallener der Spezialeinheit der bosnisch-herzegowinischen Armee „Jukini vukovi“ (Jukas Wölfe) aus Sarajevo
Gefechtsstand: Mostar
Kommandant: Jusuf „Juka“ Prazina (* 7. September 1962 in Sarajevo; † 4. Dezember 1993 in Belgien), bis zu seiner Flucht nach Kroatien im Oktober 1993; danach Božo Šain (* 29. Juli 1970)
Mannstärke: 90, 27 (November 1993)

Ausrüstung[Bearbeiten]

Zu Jahresbeginn 1994 wurde für eine Antiterrorgruppe des KB von 60 Mann (komando grupe „BUSOVAČA) beim Verteidigungsministerium Kroatiens, folgende Ausrüstung angefordert:[5]

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

  • Stanislav „Baja“ Kraljević (1970–1992), geboren in Mokro, zu Široki Brijeg. Kraljević kehrte zu Beginn des Kroatienkriegs aus Österreich zurück, wo er gelebt und gearbeitet hatte. Nahm zunächst als Angehöriger der kroatischen Armee u.a. an der Schlacht um Dubrovnik teil. Gefallen am 11. Juni 1992 in der Militäroperation „Lipanjske zore“, bei der Eroberung des „Heliodrom“ in Mostar-Rodoč; heute Teil der Kaserne „Stanislav Baja Kraljević“ des 1. Infanterie-(Garde-)Regiments der Streitkräfte Bosnien-Herzegowinas (1. pješačke (gardijske) pukovnije OS BiH). Nach seinem Tod wurde eine Unterabteilung des Kažnjenička bojna nach Kraljević benannt. Auf dem Kasernengelände steht heute ein Denkmal das sein Konterfei zeigt.
  • Stanko „Baja“ Sopta (* 1966), geboren in Dužice, zu Široki Brijeg. Als ehemaliger Angehöriger des Kažnjenička bojna wurde er für höhere Posten vorgeschlagen und bis in den Rang eines Generals des Kroatischen Verteidigungsrates (HVO) befördert. Später auch General der Streitkräfte der Republik Kroatien (als solcher heute im Ruhestand) und Politiker (HDZ BiH).

Lieder[Bearbeiten]

Für das Kažnjenička bojna wurden während des Bosnienkriegs zwei Lieder veröffentlicht: „Čuvaj Tuta Mostar“ (Tuta behüte Mostar!) und „Kažnjenička bojna Tutina“ (Tutas Sträflingsbataillon).

Kroatischer Text Deutsche Übersetzung
Kažnjenička bojna Tutina
Tutas Sträflingsbataillon
Majko evo ratnika,
Zove ih domovina.
Sa svih strana dolaze,
Nekad duše kažnjene,
Da domove obrane.
Mutter, hier sind die Krieger,
Rief die Heimat.
Sie kommen von allen Seiten,
Lass die bestraften Seelen,
Die Heimat verteidigen.
Gledam hrabre ratnike,
Vidi duše kažnjene.
Poruka je njihova,
Dušmanima ne prašta,
Kažnjenička bojna Tutina.
Ich sehe die tapferen Krieger,
Sieh die bestraften Seelen.
Ihre Botschaft ist,
Dem Feind nicht zu verzeihen,
Tutas Sträflingsbataillon.
(Refrain:)
Ka-, Ka-, Kažnjeni,
Uvijek su mi zvali svi.
Od Slanog do Orlovca,
Nosim buru s Veleža,
Kažnjenička bojna Tutina.
(Refrain:)
Be-, Be-, Bestraft,
Haben sie mich immer genannt.
Von Slano bis Orlovac,
Bringe ich den Sturmwind zum Velež,
Tutas Sträflingsbataillon.
Mi u srcu nosimo,
Sveto ime Bajina.
Neka svatko dobro zna,
Da nikome ne prašta,
Kažnjenička bojna Tutina.
Wir tragen im Herzen,
Den heiligen Namen von Baja [Kraljević].
Lass sie alle gut wissen,
Dass niemandem verzeiht,
Tutas Sträflingsbataillon.
Majko evo ratnika,
Ponos Brijega Široka.
Poruka je njihova,
Bit će zemlja slobodna,
Sveta zemlja Hrvatska.
Mutter hier sind die Krieger,
Der Stolz von Široki Brijeg.
Ihre Botschaft ist,
Das Land wird frei sein,
Das heilige Land Kroatien.
(veränderter Refrain 2 x:)
Ka-, Ka-, Kažnjeni,
Uvijek su mi zvali svi.
Od Slanog do Orlovca,
Nosim buru s Veleža,
Kažnjenička bojna Tutina.
(veränderter Refrain 2 x:)
Be-, Be-, Bestraft,
Haben sie mich immer genannt.
Von Slano bis Orlovac,
Bringe ich den Sturmwind zum Velež,
Tutas Sträflingsbataillon.
Mi u srcu nosimo,
Sveto ime Bajina.
Neka svatko dobro zna,
Da se bori do kraja,
Kažnjenička bojna Tutina.
Wir tragen im Herzen,
Den heiligen Namen von Baja [Kraljević].
Lass sie alle sicher wissen,
Dass bis zum Ende kämpft,
Tutas Sträflingsbataillon.
Kažnjenička bojna Tutina.
Tutas Sträflingsbataillon.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Soldliste für den November 1993. Abgerufen am 24. März 2014.
  2. Schreiben des Verteidigungsministeriums der Kroatischen Republik Herceg-Bosna, unterzeichnet von Ivan Andabak. Široki Brijeg, 27. Oktober 1995, Registernr. 1790-17/95-11. Abgerufen am 24. März 2014.
  3. Aussage von Vinko „Štela" Martinović zitiert vor dem Internationaler Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, Protokoll vom 11. September 2001, S. 1981, Z. 10–15. Abgerufen am 12. April 2013.
  4.  Karlo Rotim: Široki Brijeg. Selbstverlag, Široki Brijeg 1994, S. 377.
  5. Schreiben des KB vom 24. Januar 1994, unterzeichnet von Mladen „Tuta“ Naletilić und Ivan Andabak. Široki Brijeg, Registernr. 1717-01/1-17/94. Abgerufen am 24. März 2014.