Kernkraftwerk Leibstadt

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Kernkraftwerk Leibstadt
Kernkraftwerk Leibstadt
Kernkraftwerk Leibstadt
Lage
Kernkraftwerk Leibstadt (Aargau)
Kernkraftwerk Leibstadt
Koordinaten 656036 / 27256247.601358.18375341Koordinaten: 47° 36′ 4,9″ N, 8° 11′ 1,5″ O; CH1903: 656036 / 272562
Höhe 341 m
Land: Schweiz
Daten
Eigentümer: Kernkraftwerk Leibstadt AG
Betreiber: Kernkraftwerk Leibstadt AG
Projektbeginn: 1972
Kommerzieller Betrieb: 15. Dez. 1984

Aktive Reaktoren (Brutto):

1  (1275 MW)
Eingespeiste Energie im Jahr 2010: 8'773 GWh
Eingespeiste Energie seit Inbetriebnahme: 212'666 GWh
Website: Website des Kernkraftwerks
Stand: 28. Feb. 2011
Die Datenquelle der jeweiligen Einträge findet sich in der Dokumentation.

Das Kernkraftwerk Leibstadt, kurz KKL, befindet sich auf dem Gebiet der Gemeinde Leibstadt (Kanton Aargau, Schweiz) am Rhein nahe der Aare-Mündung und der deutschen Grenze bei Waldshut-Tiengen. Es ging Ende 1984 in Betrieb und ist damit das jüngste der fünf Kernkraftwerke in der Schweiz (Liste hier). Es erzeugt ein Sechstel des in der Schweiz erzeugten Stroms.[1] Ein sechzig Jahre währender Betrieb gilt (Stand 2014) als denkbar.[2]

Anlage[Bearbeiten]

Ein Siedewasserreaktor der Firma General Electric mit 1'275 MW elektrischer Bruttoleistung dient der Stromgewinnung, die Kühlung erfolgt durch einen 144 Meter hohen Naturzug-Nasskühlturm.[3] Das Kernkraftwerk produziert rund neun Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr und liegt damit etwas vor dem zweiten Schweizer Grosskraftwerk Gösgen.

Betrieben wird das Kraftwerk von der Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL). An der Gesellschaft sind sechs Schweizer Energieunternehmen beteiligt: die Alpiq AG mit 27,4  Prozent, die Alpiq Suisse SA mit 5  Prozent, die Axpo Power AG mit 22,8  Prozent, die Centralschweizerische Kraftwerke AG (CKW) mit 13,6  Prozent, die Axpo Trading AG (ehemals EGL) mit 16,3  Prozent, die Bernische Kraftwerke AG (BKW FMB Energie AG) mit 9,5  Prozent und die AEW Energie AG mit 5,4 Prozent. Die Geschäftsführung hatte ursprünglich die EGL inne, durch die Gründung der Axpo Holding wurden innerhalb der Axpo-Gruppe die Aufgabengebiete konsolidiert, wodurch heute die Axpo Power AG die Geschäftsführung innehat. Sie besorgt auch die Energieübertragung nach Laufenburg und Beznau auf der 380-kV-Spannungsebene (siehe Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg und hier).

Das Maschinenhaus ist auf einer Seite türkis gestrichen, auf der anderen (siehe obiges Foto) sind orange Rechtecke, deren Flächenabfolge der Fibonacci-Folge entspricht.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Kernkraftwerk Leibstadt ist ein altes Projekt: die Planung begann 1964 auf der Basis einer 600-MW-Anlage mit Flusswasserkühlung. Mit dem Verbot der Flusswasserkühlung durch den Bundesrat 1971 wurde eine Lösung mit Kühlturm benötigt. Im weiteren Planungsverlauf erhöhte man die Leistung von 600 auf 900 MW. 1984 konnte die Anlage nach elfjähriger Bauzeit den Betrieb aufnehmen. Infolge des Reaktorunfalls im Kernkraftwerk Three Mile Island im Jahr 1979 waren neue Sicherheitsbestimmungen erlassen worden, die die Fertigstellung um mehrere Jahre verzögerten. Statt der budgetierten zwei Milliarden Franken kostete das Kraftwerk am Ende über 4,8 Milliarden.

Die Geschichte der Fertigstellung des KKL reflektiert die zunehmend kritische Haltung gegenüber der Kernenergie in der Schweiz während der 1970er und 1980er Jahre, die in der Auseinandersetzung um das Projekt Kernkraftwerk Kaiseraugst kulminierten.

Störfälle[Bearbeiten]

Kühlturm
Gesamtaufnahme des Kraftwerks

Am 11. August 1995 um 8.22 Uhr ereignete sich im KKW Leibstadt während der Revisionsarbeiten eine Wasserstoff-Verpuffung. Zwei Angestellte erlitten Verbrennungen dritten Grades. Die Monteure wollten im Maschinenhaus einen Teil der Hilfsdampfanlage überprüfen. Sie öffneten bei einem der Behälter einen Deckel; der austretende Wasserstoff entzündete sich. Im Normalbetrieb befindet sich im betroffenen System Frischdampf, der aus dem Reaktor kommt und demnach kontaminiert ist. Der Unfall fand im nicht-nuklearen Teil der Anlage statt.[4]

Am 28. März 2005 wurde das Kraftwerk auf Grund eines Erdschlusses im Generator heruntergefahren. Während der vorgezogenen Revision gab es einen Störfall der INES-Stufe 1. Am 2. September ging das Kraftwerk zurück ans Netz.

Im Jahr 2007 meldete das KKW Leibstadt der Bundes-Atomaufsicht drei Vorkommnisse. Während die Aufsichtsbehörde, die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK), zwei der Zwischenfälle als Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung einstufte, klassierte sie die Reaktorschnellabschaltung wegen fehlerhafter Auslösung des automatischen Druckabbausystems am 6. März 2007 auf der INES-Stufe 1 als Störung, d. h. einer Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Betrieb der Anlage.[5][6]

Bei der Jahresrevision 2010 ereignete sich ein Störfall (INES-2), bei dem ein Mitarbeiter an der Hand verstrahlt und der Jahresdosisgrenzwert für Hände überschritten wurde.[7][8]

Im Juli 2014 wurde zufällig entdeckt, dass bereits im Jahr 2008 von Fremdpersonal zur Anbringung von Feuerlöschern insgesamt sechs wanddurchdringende Bohrungen durch das Primärcontainment vorgenommen worden waren. Diese wurden nach der Entdeckung zunächst provisorisch abgedichtet. Von der schweizerischen Atomsicherheitsbehörde ENSI wurde der Vorgang scharf kritisiert: Ein solches Vorkommnis dürfe nicht passieren und weise auf ein "bedeutendes Defizit im organisatorischen Bereich hin". Der Vorfall wurde auf der INES-Skala mit Stufe 1 bewertet.[9][10][11] Die Reparaturen wurden von dem ENSI am 18. Juli akzeptiert, darüber hinaus will die Behörde die vom Kernkraftwerk festgelegten Massnahmen zur zukünftigen Verhinderung solcher Vorkommnisse überprüfen.[12]

Protestaktionen[Bearbeiten]

Das Kernkraftwerk Leibstadt war mehrmals Schauplatz von Protesten:

Am 29. März 1998 versiegelten Aktivisten von Greenpeace auf dem Gelände des Kraftwerks einen zur Verladung vorbereiteten Transportbehälter und besetzten den Verladekran. Greenpeace forderte die Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL) auf, auf den aktuellen Transport zu verzichten und aus der Wiederaufarbeitung auszusteigen, da die Schweiz sich mit dem Export abgebrannter Brennelemente an der radioaktiven Verseuchung des Meeres und der Umgebung der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague schuldig mache.[13]

Am 13. November 2000 hielt Greenpeace auf den Werksgleisen eine Mahnwache ab, um gegen die Atommülltransporte von Leibstadt nach La Hague zu protestieren. Kurz vor dem Protest war von der Schweizerischen Bundesanwaltschaft eine Strafuntersuchung gegen die KKL und die zuständigen Behörden verfügt worden.[14]

Am 13. März 2003 erkletterten Greenpeace-Aktivisten unter anderem den Kühlturm und entfalteten ein Transparent mit der Aufschrift «Kein Bedarf». An der Aktion beteiligten sich rund 60 Aktivisten aus acht Ländern, die auf das Werksgelände eingedrungen waren. Mit ihrem Protest auf dem Kühlturm und dem Kamin machten sie darauf aufmerksam, dass die Schweiz (2003) die gleiche Strommenge ins Ausland exportiert(e) wie ihn das Kernkraftwerk Leibstadt (oder die ältesten Kernkraftwerke Beznau und Mühleberg zusammen) produzieren.[15]

Daten der Reaktorblöcke[Bearbeiten]

Das Kernkraftwerk Leibstadt hat einen Block:

Reaktorblock [16] Reaktortyp Netto-
leistung
Brutto-
leistung
Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Abschaltung
Leibstadt (KKL) Siedewasserreaktor 1220 MW 1275 MW 01.01.1974 24.05.1984 15.12.1984 geplant, voraussichtlich 2034

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kernkraftwerk Leibstadt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Homepage KKL
  2. Viel Zeit für den Atomausstieg; Bericht in der NZZ
  3. Technische Details des Kernkraftwerks Leibstadt
  4. Susan Boos: Strahlende Schweiz. Handbuch zur Atomwirtschaft. Rotpunktverlag, 1999
  5. HSK: Klassierte Vorkommnisse in Schweizerischen Kernkraftwerken, abgerufen am 20. Februar 2008
  6. HSK: Reaktorschnellabschaltung Leibstadt 6. März 2007, abgerufen am 20. Februar 2008
  7. Zwischenfall im Atomkraftwerk Leibstadt. In: NZZ Online vom 1. September 2010.
  8. AKW Leibstadt: Brisante Details aufgetaucht.
  9. Bohrlöcher im Primärcontainment des Kernkraftwerks Leibstadt. Pressemitteilung des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats. Abgerufen am 8. Juli 2014.
  10. Löcher in Sicherheitshülle gebohrt: Atomaufsicht kritisiert AKW Leibstadt heftig. In: Aargauer Zeitung, 7. Juli 2014. Abgerufen am 8. Juli 2014.
  11. AKW Leibstadt: Löcher in Reaktorhülle blieben sechs Jahre lang unbemerkt. In: Aargauer Zeitung, 10. Juli 2014
  12. Kernkraftwerk Leibstadt erfüllt ENSI-Forderung zur Reparatur des Containments. Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat, 18. Juli 2014, abgerufen am 29. August 2014.
  13. Greenpeace Schweiz:Greenpeace verhindert Beladung von illegalem Atom-Müll-Zug, abgerufen am 9. März 2008
  14. Greenpeace Schweiz: Mahnwache beim AKW Leibstadt: Breite Unterstützung für Greenpeace-Protest, abgerufen am 9. März 2008
  15. Greenpeace Schweiz: Grosse Greenpeace-Aktion in Leibstadt: Schweizer AKW produzieren für das Ausland., abgerufen am 9. März 2008
  16. Power Reactor Information System der IAEA: „Switzerland (Swiss Confederation): Nuclear Power Reactors.“ (englisch)