Kiez

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschäftigt sich mit Stadtteilen, für mittelalterliche Dienstsiedlungen siehe Kietz (Siedlung), siehe auch Kietz. Für Kinder- und Jugenderholungszentren siehe KiEZ.
Stephanstraße im Stephankiez in Berlin-Moabit

Kiez bezeichnet vor allem in Berlin einen überschaubaren Wohnbereich (beispielsweise einen Stadtteil) in „inselartiger“ Lage und einem identitätsstiftenden Zugehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung. In Hamburg steht die Bezeichnung für das Vergnügungsviertel im Stadtteil St. Pauli um die Reeperbahn.

Das Wort stammt von der Bezeichnung Kietz für mittelalterliche Dienstsiedlungen im Nordosten Deutschlands. Die anfänglich meist slawischen Bewohner waren für eine unmittelbar benachbarte Burg zu Dienstleistungen verpflichtet (oft Abgabepflicht in Form von Fischen).

Nach 1990 wurden in Berlin mehr und mehr Wohngebiete mit „Kiez“ als Namensbestandteil bezeichnet.

Bedeutung und Entwicklung des Begriffs Kiez[Bearbeiten]

Ursprünglich war ein Kietz im Mittelalter eine slawische Dienstsiedlung in der Germania Slavica, die in der Regel in der Nähe einer Burg (mit deutscher Herrschaft) und zumeist als Fischersiedlung an Flussübergängen lag (beispielhaft in Berlin-Köpenick). Diese „echten“ Kietze gibt es nur östlich der Elbe. Die Herkunft des Begriffs Kietz ist unklar. Häufig wird ein slawischer Ursprung von chyza (= ‚Hütte‘ oder ‚Haus‘) angenommen (vergleiche etymologisch dazu auch Kessiner). Andere Theorien gehen dagegen von einem germanischen Ursprung des Wortes aus, etwa von Kober (‚Tragekorb‘) oder Kote (‚Hütte‘).[1] Auch lange nach der slawischen Besiedlung blieben viele Kietze als eigenständige Strukturen erhalten. Einige von ihnen bewahrten trotz unmittelbarer Nähe zum Zentrum einer Stadt bis ins 19. oder sogar 20. Jahrhundert ihre administrative Eigenständigkeit. An viele Kietze erinnern heute Orts- und Straßennamen vor allem in Nordostdeutschland. Gelegentlich haben sich Spuren dieser Kietze auch bis in die heutige Zeit im Ortsbild erhalten.

Später wurde die Bezeichnung Kiez mit abwertender Intention für bestimmte abgelegene Siedlungen verwendet.

„ […] da die Kietzer an Bildung, Wohlstand und Rechten den deutschen Städtern nachstanden, so erhielt der Name K[ietz] einen spöttischen Beigeschmack, und noch heute werden dürftige und entlegene Vorstadtgegenden scherzweise K[ietz] genannt.“

Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905: Stichwort Kietz[2]
Große Freiheit im „Kiez“ von Hamburg

Teilweise wurde der Begriff auch mit Prostitution und ihrem Umfeld besetzt. In diesem Sinne erschien 1921 das Lied Mignon vom Kiez von Friedrich Hollaender und Hermann Valentin. In diesem Sinne wird der Begriff bis heute für das Hamburger Amüsierviertel St. Pauli, und hier insbesondere für die Reeperbahn benutzt. So dient zum Beispiel die Wendung „man ist auf dem Kiez“ als Umschreibung für „man betreibt Prostitution“. Umgangssprachlich dient die gleiche Redewendung aber auch, um jede andere Form eines Besuchs in St. Pauli zu bezeichnen. Auch in Hannover werden einige Straßen mit einer ähnlichen Mischung aus Rotlicht- und Ausgehviertel als Kiez bezeichnet.

Nationalsozialistische Schriften aus den 1930er Jahren verwiesen darauf, dass ein Kiez in Berlin „in der Kampfzeit“ vor 1933 ein „Ort mit ausgesprochen kommunistischer Bevölkerung“ war, z. B. „Fischer-, Alexander-, Beussel-, Nostitz-, Rostocker, Soldiner Kiez, in Berlin Lichterfelde Ost Kaiserkiez (Kaiserplatz)“.[3] In seiner ebenfalls im Nazideutschland erschienen Arbeit Die ostdeutschen Kietze behandelt der Historiker Herbert Ludat am Rande ebenfalls die damals als Kietz oder Kiez bezeichneten Berliner Wohngebiete. Der seinerzeit vor allem durch das Wirken von Horst Wessel bekannt gewordene Fischerkietz in Berlin-Mitte war für ihn „nicht zuletzt durch die Presse […] zu einem feststehenden Begriff geworden, an dessen Bestehen durch die vergangenen Jahrhundert jedoch nicht gedacht werden darf“. Im Zusammenhang mit dem Bötzowviertel berichtet er über die „höhnische und absprechende Bezeichnung Beamtenkiez“. Ludat nennt einige weitere Beispiele für Berliner Kietze, die jedoch für ihn wenig bedeutend und folglich nicht eindeutig belegt oder neuzeitlichen Ursprungs sind. Ludat schließt, dass diese Kietz-Bezeichnungen „geradezu als Musterbeispiel für moderne und gerade erst im Entstehen begriffene Kietz-Benennungen gelten können“.[4]

Kiez-Treff der Arbeiterwohlfahrt in Berlin-Marzahn, 1990

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Begriff in Berlin als eher positiv belegtes Appelativum für ein kleines Wohngebiet. Vergleichbar mit dem Wiener Grätzl oder dem Kölner Veedel bezieht er sich meist auf Gebiete mit gewisser Altbausubstanz und ihre Bevölkerung. Vor allem geht es um die Rolle des jeweiligen Viertels bzw. Quartiers als soziales Bezugssystem, nicht unbedingt an festen Verwaltungsgrenzen orientiert. In diesem Rahmen zeichnet sich ein Kiez dadurch aus, dass der Bewohner dort über eine abgeschlossene urbane Infrastruktur mit Läden und Kneipen verfügt. Daher hört man in Berlin oft die Wendung: „Der kommt aus seinem Kiez nicht raus“, was bedeutet: „Jemand verlässt seine Wohnumgebung kaum“ – weil er alles vorfindet, was er für den Alltag braucht. Die Anwohner bleiben in „ihrem“ Kiez weitestgehend unter sich. Geschäfte siedeln sich hier fast ausschließlich für die dort ansässigen Anwohner an (im Gegensatz zu Einkaufszentren).

Vor allem seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts sind Bezeichnungen mit -kiez (meist angehängt an den Namen einer prägenden Straße oder eines zentralen Platzes) auch als Eigennamen bestimmter Gebiete populär geworden. Die Bezeichnung Kiez ist dabei mittlerweile nicht nur auf Altbaugebiete beschränkt, sondern existiert nun auch für Neubaugebiete oder Einzelhaussiedlungen. Von manchen Immobilienunternehmen wird er bewusst auch als werbende Bezeichnung für Neubauprojekte verwendet, denen damit ein besonderes Flair verliehen werden soll.

Bekannte Kieze[Bearbeiten]

Berlin[Bearbeiten]

Auf dem heutigen Gebiet von Berlin gab es zwei mittleralterliche Kietze, und zwar bei den damals selbstständigen Städten Köpenick und Spandau. Während der Köpenicker Kietz als weitgehend geschlossenes Bauensemble mit Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert bis heute erkennbar ist, ist der Spandauer Kietz nicht mehr erhalten. Der Lichtenberger Kietz im heutigen Ortsteil Rummelsburg entstand erst im 18. Jahrhundert und hat damit nichts mit den historischen Kietzen zu tun; der Name stammt von einer alten Flurbezeichnung.

Die heutigen Bezeichnungen der Berliner Kieze entstanden frühestens im 20. Jahrhundert. Seit Ende der 1990er Jahre wird der Begriff Kiez von den Medien in Berlin stärker aufgegriffen und wird mittlerweile auch in der gehobenen Ausdrucksweise verwendet. Die meisten der hier genannten Eigennamen mit -kiez stammen erst aus dieser Zeit. Häufiger wird dagegen die Bezeichnung Viertel verwendet.

Hamburg[Bearbeiten]

Den Hamburger Kiez bilden die Hamburger Reeperbahn sowie die umliegenden Straßen in St. Pauli wie der Hans-Albers-Platz, die Große Freiheit, der Hamburger Berg, die David-, Tal- oder auch die Herbertstraße, um nur die bekanntesten zu nennen. Das ganze Viertel rund um die Reeperbahn ist als „der Kiez“ bekannt, weshalb das Wort für Hamburger die Bedeutung Rotlichtviertel (oder generell: Vergnügungsviertel) hat. Im Gegensatz etwa zu der Berliner Bezeichnung sagt man „auf dem Kiez“ (nicht „im Kiez“).

Hannover[Bearbeiten]

Der Kiez befindet sich in Hannover am Steintor und besteht aus rund 70 Einrichtungen in fünf Straßen (beispielsweise die Scholvinstraße). Dem hannoverschen Kiez diente das Hamburger St. Pauli als Vorbild, wobei sich in Hannover eine komplett eigene Szene entwickelte, und daher nicht von einer Kopie gesprochen werden kann.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kiez – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gerhard Schlimpert: Slawische Namen in Brandenburg, in: Wilfried Schich (Hrsg.): Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter, de Gruyter 1993, ISBN 978-3-11-013983-9, S. 30 /31
  2. Stichwort Kietz. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 898–899
  3. Julius-Karl von Engelbrechten: Wir wandern durch das nationalsozialistische Berlin: ein Führer durch die Gedenkstätten des Kampfes um die Reichshauptstadt. Eher, München 1937
  4. Herbert Ludat: Die Ostdeutschen Kietze, Georg Olms Verlag, 1936. ISBN 3-48707-5733, S. 33/34.