Korjo-Saram

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Korjo-Saram (auch Koryo-Saram genannt; russisch Корё-сарам; korean. 고려사람) ist der Eigenname der koreanischen Minderheit, die seit vielen Generationen in der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten lebt. Heute wird von 450.000 bis 500.000 Korjo-Saram weltweit ausgegangen, wovon die Mehrheit in Zentralasien, insbesondere in Usbekistan, Russland und Kasachstan lebt. Kleinere Minderheiten gibt es auch in Kirgisistan, der Ukraine und anderen GUS-Staaten. Ein anderer Teil der Korjo-Saram ist nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Südkorea emigriert.

Häufig werden die Korjo-Saram auch als Sowjetkoreaner oder Russlandkoreaner bezeichnet, auch wenn sie in den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, wie etwa in Kasachstan oder Usbekistan, leben. Begriffe wie etwa Kasachstankoreaner[1] oder Usbekistankoreaner[2] werden nur selten verwendet.

Koreanisches Grab auf einem Friedhof in Samarkand

Herkunft des Namens[Bearbeiten]

Der Name „Korjo“ in „Korjo-Saram“ ist vermutlich vom mittelalterlichen Königreich Koryŏ abgleitet, von dem auch das Wort „Korea“ abgeleitet wurde. Lokal werden die Korjo-Saram auch oft nur als "Koreaner" bezeichnet.

Geschichte[Bearbeiten]

Einwanderung nach Sibirien und in den russischen fernen Osten[Bearbeiten]

Das Ende des 19. Jahrhunderts stellte in Korea auch das Ende der Joseon-Dynastie dar. Viele verarmte Bauern verließen damals Korea in der Hoffnung auf ein besseres Leben, das russische Reich, besonders der russische ferne Osten, war damals eines der beliebtesten Ziele für koreanische Einwanderer. 1869 stellten Koreaner 20 % der Bevölkerung in der Region Primorje, die direkt an Korea angrenzte. Beim russischen Zensus 1897 gaben etwa 26.000 Menschen Koreanisch als ihre Muttersprache an[3], bis 1914 stieg deren Zahl auf fast 65.000. Auch nach der russischen Revolution und dem Entstehen der Sowjetunion setzte sich die koreanische Einwanderung nach Russland fort, insbesondere da Japan ab 1910 Korea annektierte. Wladiwostok entwickelte sich zu einem Zentrum koreanischer Exilanten, die von dort aus auch die Unabhängigkeitsbestrebungen in Korea, wie etwa die Bewegung des ersten März, unterstützten.[4] 1923 lebten bereits über 100.000 Koreaner im sowjetischen Russland.

Im Zuge der Korenisazija-Politik der 1920er Jahre wurden Minderheiten der Sowjetunion explizit gefördert, darunter auch die koreanische Minderheit. Die Förderung der Minderheiten fiel zwar weitestgehend weg als die Sowjetunion begann, die Russifizierung zu forcieren, dennoch konnten sich die koreanischen Gemeinden weiterhin entfalten. Da viele Koreaner familiäre Beziehungen in das japanische Kaiserreich unterhielten (Korea war nach wie vor unter japanischer Herrschaft), wurden sie ab Ende der 1920er Jahren von der sowjetischen Obrigkeit als potenzielle Gefahr gesehen. 1931 wurde jegliche weitere Einwanderung aus Korea in die Sowjetunion unterbunden, alle dort lebenden Koreaner mussten zudem sowjetische Staatsbürger werden.

Beim sowjetischen Zensus 1937 gaben fast 170.000 Menschen an, Koreaner zu sein. Die große Mehrheit von ihnen lebte nach wie vor im russischen fernen Osten.

Deportation nach Zentralasien[Bearbeiten]

Wiktor Zoi, sowjetischer Rockstar der 1980er Jahre

1937 gab es Berichte über koreanische Spione in Russland, die für Japan arbeiteten. Stalin und Molotow beschlossen daraufhin, die koreanische Minderheit aus dem russischen fernen Osten nach Zentralasien, außerhalb des japanischen Einflussbereichs, zu deportieren.[5] Noch im selben Jahr wurde dann fast die komplette koreanische Minderheit umgesiedelt. In ihrer neuen Heimat trafen die Korjo-Saram auf große Schwierigkeiten. Die meisten von ihnen waren zuvor Reisbauern und Fischer und konnten sich an die trockene zentralasiatische Umgebung nur schwer anpassen. Schätzungen zufolge starben bis zu 40.000 Koreaner in den ersten Jahren nach der Deportation.[6]

1940–1991[Bearbeiten]

Es dauerte Jahre, bis die Korjo-Saram denselben Lebensstandard erreichten, den sie zuvor an der russischen Pazifikküste hatten.

Im Laufe der Zeit verbesserte sich ihre Situation aber wieder. Unter Nikita Chruschtschow waren die Sowjetkoreaner die erste Minderheit, die offiziell rehabilitiert wurde.[7]Die meisten Korjo-Saram zogen unterdessen in die größeren Städte in Zentralasien und passten sich an die russischsprachige Bevölkerung an. Bedeutende koreanische Gemeinden fanden sich, und finden sich z- T. noch, etwa in Taschkent, Almaty, Astana, Samarkand, Aktjubinsk oder Karaganda. Vielen Korjo-Saram gelang der soziale Aufstieg. Gleichzeitig gingen bei den jüngeren Generationen aber viele Elemente der koreanischen Kultur verloren, insbesondere ihre Sprache, auch Mischehen wurden häufiger. Ähnlich wie die ebenso deportierten Russlanddeutschen assimilierten sich die Korjo-Saram im Laufe der Zeit, Vorurteile ihnen gegenüber verloren gleichzeitig ebenfalls an Bedeutung, es setzte gewissermaßen eine Normalisierung ihrer Lebensbedingungen ein. Einer der bekanntesten Korjo-Saram der damaligen Zeit, war der Rockmusiker Wiktor Zoi.

Die Korjo-Saram stiegen im Laufe der Zeit schließlich zu einer der erfolgreichsten Minderheiten in der Sowjetunion auf. Ihr Lebensstandard lag zuletzt über dem sowjetischen Durchschnitt, an Universitäten waren sie überproportional stark vertreten.[7]

Nach dem Zerfall der Sowjetunion[Bearbeiten]

Russischsprachige Kirche in Seoul für Korjo-Saram, daneben kirgisisches Restaurant

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es in einigen ihrer Nachfolgestaaten zu nationalistischen Tendenzen, denen sich Minderheiten, wie die Korjo-Saram, genauso wie die russische Bevölkerung, ausgesetzt sahen. Zusätzlich brach die Wirtschaft der meisten ehemaligen Sowjetrepubliken in den 1990er Jahren zusammen, wodurch viele Menschen in die Arbeitslosigkeit gedrängt wurden.

In allen Nachfolgestaaten kam es dadurch zu einer Auswanderungswelle. Wie die griechische Minderheit, die Russlanddeutschen und einige andere Bevölkerungsgruppen, deren Vorfahren außerhalb der UdSSR beheimatet waren, remigrierten viele Korjo-Saram nach Korea. So lebten in Südkorea 2005 etwa 15.000 usbekische Staatsbürger, ein Großteil davon Korjo-Saram.[8] Die „Rückkehrer“ zieht es fast durchgängig in das wirtschaftlich prosperierende Südkorea und nicht in das abgeschottete und diktatorisch regierte Nordkorea. Die Auswanderung nach Korea ist bei den Korjo-Saram jedoch bei weitem nicht so ausgeprägt, wie etwa die Rückwanderung der Russlanddeutschen nach Deutschland. 2002 lebten noch immer 470.000 Korjo-Saram in den GUS-Staaten.[9] Im Gegensatz zu Deutschland, das es Russlanddeutschen relativ einfach ermöglichte, sich dort anzusiedeln und die deutsche Staatsbürgerschaft schnell zu erwerben, existieren solche Programme für die Korjo-Saram in Südkorea nicht.

Auch nach Russland zog es viele Sowjetkoreaner, so etwa nach Moskau und insbesondere an die russische Pazifikküste und die Region um Wladiwostok, in der die Korjo-Saram ursprünglich ansässig waren.[10]

In letztere Region wanderten in jüngerer Zeit auch einige tausend Nordkoreaner ein. Heute vermutlich größtes Zentrum der Korjo-Saram ist aber immer noch Taschkent, wo fast 50.000 Koreaner leben.[11] Viele Korjo-Saram sind heute über Kulturvereine organisiert.

Kultur[Bearbeiten]

Korjo-Saram passten sich kulturell meist an die russischsprachigen Bevölkerungsgruppen in ihrer Heimat an. Traditionelle koreanische Kleidung wurde von ihnen durch westliche Mode ersetzt.[4] Die meisten von ihnen tragen auch nicht mehr koreanische, sondern russische Vornamen. Auch der russische Vatersname ist üblich. Über 70% der Korjo-Saram lebt in Städten, weniger als 30% von ihnen gehört der Landbevölkerung an.[8] Auch die koreanische Sprache geriet im Laufe der Generationen in den Hintergrund.[12] Insbesondere die koreanische Küche konnte aber über die Generationen bewahrt werden. Die meisten Korjo-Saram sind heute Buddhisten oder orthodoxe Christen.

Sprache[Bearbeiten]

Die sprachliche Situation der Korjo-Saram ist ähnlich wie die der Russlanddeutschen, insbesondere die junge Generation spricht meist Russisch unter sich. Bei der letzten sowjetischen Volkszählung 1989 gaben etwa 220.000 Koreaner Russisch als ihre Muttersprache an, 217.000 gaben Koreanisch an. Nur eine kleine Minderheit von etwa 16.000 Koreanischstämmigen sprach eine andere Sprache als Koreanisch oder Russisch als Muttersprache, meist die jeweilige Landessprache (beispielsweise Ukrainisch in der Ukraine).[13] Die Korjo-Saram, die das Koreanische beherrschen, sprechen meist einen Dialekt, der als Koryŏmal bekannt ist (Hangul: 고려말; russisch Корё маль). So gut wie alle Korjo-Saram sprechen Russisch aber zumindest als Zweitsprache.

In den Medien[Bearbeiten]

Die Korjo-Saram wurden mehrfach in Filmen thematisiert, etwa im 2005 erschienen südkoreanischen Film Wedding Campaign oder im 2011 veröffentlichten Hanaan von Ruslan Pak.

Bekannte Korjo-Saram[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.deutsche-allgemeine-zeitung.de/index.php?option=com_content&task=view&id=489&Itemid=32
  2. http://www.willi-stengel.de/Fragen4.htm#Usbekische Koreaner
  3. http://demoscope.ru/weekly/ssp/rus_lan_97.php
  4. a b Lee, Kwang-kyu (2000), Overseas Koreans, Seoul: Jimoondang, ISBN 89-88095-18-9
  5. Pohl, J. Otto (1999), Ethnic Cleansing in the USSR, 1937-1949, Greenwood, ISBN 0313309213, S. 11 ff.
  6. Pohl, J. Otto (1999), Ethnic Cleansing in the USSR, 1937-1949, Greenwood, ISBN 0313309213, S.13-14
  7. a b Jochen Stappenbeck in Moskauer Deutsche Zeitung, 15. Februar 2012: Wir sind schon lange Russen
  8. a b Scattered Koreans turn homeward
  9. Ki, Kwangseo (December 2002), "구소련 한인사회의 역사적 변천과 현실 [Korean society in the former Soviet Union: historical development and realities]", Proceedings of 2002 Conference of the Association for the Study of Overseas Koreans (ASOK), Seoul: Association for the Study of Overseas Koreans
  10. Nonna Chernyakova: Comming Home (Version vom 17. Juli 2011 im Internet Archive) In: Vladivostok News, 4. September 1997, Issue #149
  11. http://tashkent.uz/www_data/articles/administrator/image/n3.JPG
  12. Trosterud, Trond (2000), [ http://www.hum.uit.no/a/trond/sintr.html Soviet censuses: Introduction to the census data, legend to the tables, and sources], Norway: University of Tromsø
  13. hum.uit.no: Sowjetischer Zensus 1970, 1979, 1989