Obsoleszenz

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Der Begriff Obsoleszenz (Veralterung) bezeichnet das künstliche oder natürliche Veralten eines Produktes. Das zugehörige Adjektiv obsolet im Sinne von „nicht mehr gebräuchlich, hinfällig“ bezeichnet generell Veraltetes, meist Normen, Therapien oder Gerätschaften.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Formen der Obsoleszenz

[Bearbeiten] Geplante Obsoleszenz

Londons Veröffentlichung zu geplanter Obsoleszenz

Die geplante Obsoleszenz ist Teil einer Produktstrategie. Beim Herstellprozess werden in das Produkt bewusst Schwachstellen eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit oder Rohstoffe von schlechter Qualität eingesetzt. Das Produkt wird schnell schad- oder fehlerhaft, kann nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden.

Häufig wird gleichzeitig dafür gesorgt, dass eine Reparatur übermäßig teuer wäre oder gar nicht möglich ist; siehe auch Wegwerfgesellschaft#Geringe Reparaturfähigkeit moderner Produkte. Der Kunde will oder muss daher das Produkt durch ein neues ersetzen.

Die Obsoleszenz ist unabhängig vom Produktlebenszyklus, der sich nicht auf die Haltbarkeit eines einzelnen Produktes bezieht, sondern auf den Zeitraum von der Entwicklung bis zum Verkaufsende.

Zu geplanter Obsoleszenz gehören auch Maßnahmen, die nicht auf die (Zer-)Störung der eigentlichen Funktionalität abzielen, sondern bewusst Möglichkeiten der Abnutzung einbauen. So kann durch entsprechende Materialwahl das Aussehen und die Haptik eines Produkts derart beeinflusst werden, dass (etwa) nach Ablauf der Gewährleistungsfrist ein direkter Vergleich mit Neuprodukten letztere erheblich besser dastehen lässt, als es bei einem bloßen Funktionsvergleich der Fall wäre. Bei Mobiltelefonen werden beispielsweise bewusst leicht einzudrückende Schalen oder Gehäuse mit Kunstlederanteilen eingesetzt, die nach einiger Zeit deutlich abgegriffen sind.

Möglich ist auch der Einbau eines Mechanismus, welcher nach einer gewissen Betriebsstundenzahl, die größer als die Garantiezeit sein sollte, entweder eine Zerstörung wichtiger Funktionskomponenten hervorruft oder eine Betriebsstörung vortäuscht. Das Gerät kann dann nur durch eine in der Gebrauchsanleitung nicht beschriebene Aktion, welche nur Servicetechnikern bekannt sein sollte, wieder in Gang gebracht werden. Letzteres war (und ist womöglich noch) bei manchen PC-Druckern der Fall.[1][2]

Gerne als Beispiel für eine geplante Obsoleszenz herangezogen wird das 1924 gegründete Phöbuskartell, in dem die nominale Brenndauer von Glühlampen international auf 1000 Stunden festgelegt wurde.[3] Der Begriff geht zurück auf Bernard Londons Veröffentlichung Ending the Depression Through Planned Obsolescence von 1932.[4]

Siehe auch Phöbuskartell (Glühlampen) • Centennial Light

[Bearbeiten] Funktionelle Obsoleszenz

Durch neue Anforderungen (wie durch Komplementärprodukte) kann das Produkt nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden. Diese Form tritt vor allem in der Computerbranche auf (z. B. Anforderungen verschiedener Computerspiele an bestimmte Versionen des Betriebssystems oder die Verfügbarkeit von sicherheitsrelevanten Fehlerkorrekturen für ältere Software). Als Konsequenz reagieren die Konsumenten meist verunsichert und überspringen z.B. eine oder mehrere Versionen (Leap Frogging). Weitere Ursache kann die Abkündigung von (meist elektronischen) Bauteilen sein. Insbesondere langfristige Projekte und langlebige Wirtschaftsgüter sind zunehmend durch solche nur bedingt vorhersehbare Nichtverfügbarkeit gefährdet. Im Softwarebereich kann die Open-Source-Bewegung als Gegenbewegung gesehen werden. Bei Softwareprodukten die einer Freie-Software-Lizenz unterliegen (z.B. GPL) ist ein endgültiges Auslaufen über die garantierte Verfügbarkeit des Quellcodes ausgeschlossen.[5]

Im Obsoleszenz-Management werden Lösungsansätze für diese Problematik entwickelt, unter anderem:

  • rechtzeitige Information der Kunden,
  • gemeinsame Erarbeitung von Substituten oder
  • Lageraufbau für den geschätzten künftig erwarteten Gesamtbedarf.

[Bearbeiten] Psychische Obsoleszenz

Ein Produkt wird nicht mehr gewünscht, weil es geplant unansehnlich geworden ist oder an Popularität verloren hat und „out“ (ugs.: nicht modern, nicht auf der Höhe der Zeit) geworden ist. Dies geschieht oft durch Modetrends, aber auch durch technische Entwicklungen (beispielsweise beim Wechsel von der Analog- zur Digitalfotografie). Das Produkt an sich ist aber noch uneingeschränkt nutzbar. Die Popularität wird wesentlich beeinflusst durch das Image des Produktes, was durch geänderte up-to-date-Designs und die Vermarktung einschließlich der Bewerbung erreicht werden kann. Also ist das Design im Sinne von (modischem) Styling ein probates Mittel, künstliche Obsoleszenz herbeizuführen. Durch Design wird auch bewirkt, dass Produkte bald unansehnlich werden, beispielsweise weil Staub und Handschweiß gut haften bleiben, sich aber schlecht wieder entfernen lassen.

[Bearbeiten] Geplanter Mehrverbrauch

Durch entsprechende Gestaltung der Produktverpackung ist es möglich, bei jenen Produkten, die keinem Verschleiß unterliegen (nämlich allen Verbrauchsgütern) eine Erhöhung des Verbrauches zu erzielen. Dies ist dann der Fall, wenn durch eine zu große Flaschenöffnung von Badezusätzen (zu hoher Verbrauch) oder durch nicht vollständig entleerbare Verpackungen (Ketchupflasche) eine ungenutzte oder vergeudete Produktmenge entsteht. Das frühzeitige Austauschen von Fahrzeugteilen während einer Inspektion fördert einen erhöhten Verbrauch, weil die Teile nicht bis zum Ende der möglichen Verwendungsdauer genutzt werden.

[Bearbeiten] Indirekter Verschleiß

In diesem Falle veraltet durch Änderungen eines Bauteiles ein anderes Bauteil schneller. So kann durch Verbilligung oder Verschlechterung eines Reglers die Autobatterie schneller unbrauchbar werden.

[Bearbeiten] Geplante Systemvariationen

Produktneuheiten werden mit eigenständigen Zubehörvarianten ausgestattet. Dies hat zur Folge, dass modeorientierte Verbraucher nicht nur die Neuheiten, sondern auch das Zubehör neu kaufen müssen. Beispiele sind Spiegelreflexkameras, bei denen zusätzlich das Objektiv, Blitzlicht oder anderes zugekauft werden muss, weil bisherige Komponenten nicht mit den neuen Geräten kompatibel sind.

[Bearbeiten] Ursachen

  • Marktsättigungserscheinung (in der Regel mit Absatzstockungen verbunden)
  • Absprache der Konkurrenten (besonders bei oligopolisierten Märkten)
  • Prestigekonsum (führt in der Regel zu vorzeitigem Produktneukauf etwa als Zeichen beruflicher Leistungsfähigkeit)
  • Aufwandskonkurrenz und Konsumpassivismus
  • hohes (freies) verfügbares Einkommen
  • beschränkte Markttransparenz (verhindert, dass der Verbraucher Produkte findet, die weniger der geplanten Obsoleszenz unterliegen)
  • Wachstumsorientierung der Gesellschaft

[Bearbeiten] Rechtswissenschaftlicher Begriff

Ein häufiger Grund für Obsoleszenz in rechtlicher Hinsicht ist die grundlegende Änderung der staatsrechtlichen Verhältnisse. So sind verschiedene Normen aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht außer Kraft getreten, werden aber nicht mehr angewendet und so als obsolet betrachtet. Ein Beispiel hierfür ist, dass der Stiftungserlass für das Eiserne Kreuz noch rechtsgültig ist, der Bundespräsident als zuständiges Staatsorgan diesen Orden aber nicht mehr verleiht. Das Kennzeichen der Obsoleszenz ist hier die Staatspraxis. Sie wird als Grund für die Beendigung von völkerrechtlichen Verträgen anerkannt. So erklärte Österreich infolge der neuen Situation in Europa um 1990 die militärischen Bestimmungen des Staatsvertrages von Wien 1955 als obsolet.

[Bearbeiten] Literatur und bewegte Bilder

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Weblinks

 Commons: Geplante Obsoleszenz – Sammlung von Bildern
Wiktionary Wiktionary: Obsoleszenz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. geplante-obsoleszenz-der-motor-der-wirtschaft
  2. kaufen_fuer_die_müllhalde
  3. Helmut Höge: Hier spricht der Aushilfshausmeister! über geplanten Verschleiß bei Glühbirnen, in taz.de, 6. August 2006
  4. Bernard London: Ending the depression through planned obsolescence, 1932
  5. Fernando Cassia (28. März 2007): Open Source, the only weapon against "planned obsolescence" (englisch). theinquirer.net. Abgerufen am 15. Januar 2012.
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