Othmar Ammann

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Othmar Hermann Ammann (* 26. März 1879 in Feuerthalen, Schweiz; † 22. September 1965 in Rye, New York) war ein schweizerisch-amerikanischer Ingenieur und ein bedeutender Brückenbauer, der insbesondere durch die Planung und den Bau der George-Washington-Brücke und der Verrazano-Narrows Bridge bekannt wurde.

Leben[Bearbeiten]

Othmar H. Ammann wurde in Feuerthalen bei Schaffhausen geboren, zog aber bald mit seinen Eltern nach Kilchberg am Zürichsee. Nach dem Besuch der Industrieschule in Zürich[1] von 1894 bis 1897 und einem Praktikum an der Baustelle der Hängebrücke Langenargen studierte er Bauingenieurwesen am damaligen Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, der heutigen ETH Zürich. Seine Lehrer waren unter anderen Wilhelm Ritter und Ludwig von Tetmajer. 1902 schloss er sein Studium mit dem Bauingenieurdiplom ab.[2]

Erste Jahre in den USA[Bearbeiten]

Nach ersten Tätigkeiten in der Schweiz und in Frankfurt am Main zog er 1904 in die USA, ursprünglich nur für zwei Jahre, um seine beruflichen Kenntnisse zu vertiefen. Im großen Ingenieurbüro von Joseph Mayer in New York City konnte er die ersten Erfahrungen im Bau großer Brücken sammeln. Als das Ingenieurbüro sein Personal reduzieren musste, wechselte er zur Pennsylvania Steel Company in Harrisburg, wo er Einblicke in die Stahlproduktion und -montage erhielt,[3] arbeitete daneben aber weiter für Joseph Mayer.[4] 1905 kehrte er für wenige Wochen nach Zürich zurück, um seine Jugendfreundin Lily Selma Wehrli zu heiraten. Anschließend war er zwei Monate bei McClintic-Marshall tätig, danach arbeitete er in Chicago im Büro von Ralph Modjeski, einem angesehenen Brückenbauer, und bald danach wieder bei der Pennsylvania Steel Company als Leiter eines Planungsgruppe. 1907 traf er Frederic C. Kunz, der neben Joseph Mayer und Ralph Modjeski einer der wenigen Experten für Brücken mit großen Spannweiten war. Nach dem Einsturz der im Bau befindlichen Québec-Brücke über den Sankt-Lorenz-Strom war das Büro Kunz & Schneider mit der Überprüfung der Planung der Queensboro Bridge beauftragt worden, die Kunz weitgehend von Ammann durchführen ließ. Anschließend half Ammann ihm bei den Untersuchungen des Einsturzes der Québec-Brücke. 1909 gab er schließlich seinem Drängen nach und wurde Mitarbeiter seines Büros in Philadelphia. Dort erstellte er unter anderem einen Entwurf für den Wiederaufbau der Québec-Brücke,[5] plante verschiedene andere Brücken und half bei der Abfassung des Design of Steel Bridges.[6][4]

Tätigkeit für Gustav Lindenthal[Bearbeiten]

Gustav Lindenthal, der sich mit Planung und Bau der Hell Gate Bridge befasste, welche damals die weitest gespannte Bogenbrücke der Welt war, stellte Othmar Ammann 1912 als first assistant ein. Damit war für Ammann wohl endgültig geklärt, dass er dauerhaft in den USA bleiben würde. In Lindenthals Ingenieurbüro begegnete er dem etwas jüngeren David B. Steinman. Am 6. August 1914 reiste er wegen der Kriegsgefahr überstürzt in die Schweiz, wurde aber nach drei Monaten von seinen militärischen Pflichten freigestellt. Im Dezember 1914 kam er nach New York zurück. Während seiner Abwesenheit war Steinman zu Lindenthals first assistant ernannt worden. Sofort nach seiner Rückkehr erhielt Ammann wieder diese Position, was wohl der Ausgangspunkt zu einer lebenslangen Rivalität der beiden großen Brückeningenieure war. 1917 war die Hellgate Bridge und auch die Sciotoville Bridge fertig. Als am 6. April 1917 die USA dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, hatte Lindenthals Büro plötzlich keine Aufträge mehr. Durch Vermittlung Lindenthals konnte Ammann in der Not den Posten des Managers der Just Such Clay Co. in New Jersey übernehmen, die er in kurzer Zeit wieder profitabel machte. Zu Othmar Ammanns Aufgaben gehörte später der Entwurf einer Hängebrücke über den Hudson River, der sich damals als zu teuer herausstellte.[4]

Erstes eigenes Ingenieurbüro[Bearbeiten]

Differenzen mit Lindenthal führten dazu, dass Amman sich 1923 selbständig machte. Er erstellte erste Entwürfe für eine Brücke über den Hudson an einer anderen, schmaleren Stelle. Um die Kosten für die kürzere Brücke weiter zu senken, sollte sie zunächst nur eine Ebene für sechs Fahrspuren und zwei breite Gehwege haben, aber so konstruiert sein, dass später eine zweite Ebene für Kraftfahrzeuge und Eisenbahnzüge im Vorortverkehr angefügt werden könnte. Damit konnte er eine Brücke anbieten, die deutlich weniger kostete als die von Lindenthal und anderen Konkurrenten angebotenen Brücken.[3]

1924 wurde Ammann amerikanischer Staatsbürger.[2]

Chefingenieur der New Yorker Hafenbehörde[Bearbeiten]

1925 wurde er Chefingenieur der Port Authority of New York and New Jersey, die für den Bau von Brücken und Tunneln im Gebiet des New Yorker Hafens zuständig war. In dieser Position leitete er die Fertigstellung der von ihm geplanten Outerbridge Crossing und der Goethals Bridge, plante und baute die Bayonne Bridge und erhielt die Zustimmung zu seinem endgültigen Plan und zum Bau der Brücke über den Hudson River, der dem Entwurf Lindenthals vorgezogen wurde.[3] Es war seine erste, eigenständig geplante und gebaute Hängebrücke. Sie wurde schließlich die George-Washington-Brücke, die mit 1067 Meter fast die doppelte Spannweite der Ambassador Bridge hatte, der bis dahin längsten Hängebrücke. Unter Ammanns Leitung wurde sie 1931 sechs Monate vor dem geplanten Termin fertig und das Budget in Höhe von 60 Millionen Dollar wurde nicht ausgeschöpft. Diese Brücke begründete Ammanns Ruf als einer der wichtigsten Brückenbauer des 20. Jahrhunderts.[7] Der Lincoln Tunnel wurde ebenfalls unter seiner Leitung gebaut.

Seine Frau Lilly starb 1933 im Alter von nur 55 Jahren. Sie hinterließ ihm zwei Söhne und eine erst 11 Jahre alte Tochter. Othmar Ammann heiratete zwei Jahre später die Schweizerin Kläry Nötzli-Vogt, die Witwe von Fred A. Nötzli, einem international bekannten Fachmann für Staumauern, mit dem Ammann befreundet war.[2]

Chefingenieur des New Yorker Brückenbaus[Bearbeiten]

1934 sorgte Robert Moses dafür, dass Ammann zusätzlich zu seiner Tätigkeit für die Port Authority auch zum Chefingenieur der gerade gegründeten Triborough Bridge Authority bestellt wurde. Dieses unabhängige Bauamt sollte zunächst nur den 1929 abgebrochenen Bau der Triborough Bridge vollenden, wurde von Robert Moses aber bald zu einer Stadtplanungs- und -baubehörde mit weiten Zuständigkeiten ausgestaltet. Amman war hier außer für die Triborough Bridge auch für die Planung und den Bau der Bronx-Whitestone Bridge zuständig und wurde später, als er sich schon selbständig gemacht hatte, von Robert Moses auch mit der Planung der Throgs Neck Bridge beauftragt.

Othmar Ammann hatte sich weithin einen Ruf als Brückenbauexperte erworben und wurde deshalb außerhalb seines New Yorker Aufgabenbereiches immer wieder um seinen Rat gebeten. So war er beim Entwurf und Bau der Golden Gate Bridge 1931–37 als beratender Ingenieur maßgeblich beteiligt.[7] Nach dem Einsturz der Tacoma-Narrows-Brücke im Jahre 1940 wurde er in die Kommission zur Aufklärung der Ursachen berufen.[8]

Ingenieurbüro Ammann & Whitney[Bearbeiten]

1939, im Alter von 60 Jahren, beendete er seine Tätigkeit bei den New Yorker Behörden und eröffnete sein eigenes Ingenieurbüro,[5] das er 1946 zusammen mit dem bekannten Betonbau-Ingenieur Charles Whitney zum Büro Ammann & Whitney erweiterte.[9] Die Partner und ihr Büro waren in den folgenden Jahrzehnten weltweit an einer Vielzahl von Großprojekten beteiligt. 86-jährig erlebte Ammann noch 1965 die Einweihung der ebenfalls von Robert Moses beauftragten Verrazano-Narrows Bridge in New York, welche er noch mitgeplant hatte und die mit einer Spannweite von 1298 m einen neuen Weltrekord aufstellte.

Schriften[Bearbeiten]

Othmar Ammann hat eine Fülle von Manuskripten und Publikationen zu den verschiedensten Brücken und den damit zusammenhängenden technischen Aspekten verfasst.[10] Zu den bekanntesten gehören wohl die in den USA lange als Bibel des Brückenbaus geltenden

  • Specifications for Design of Bridges Carrying Highway and Electric Rail Passenger Traffic, Port of New York Authority, Bridge Department, 1929
Büste von Othmar H. Ammann

Ehrungen[Bearbeiten]

Ammann war Ehrendoktor der ETH Zürich und zahlreicher amerikanischer Universitäten. Im Busbahnhof an der George-Washington-Brücke wurde 1962 eine Bronze-Büste von Othmar Amman enthüllt. 1964 verlieh ihm Präsident Lyndon B. Johnson die National Medal of Science,[7] die er als erster Bauingenieur überhaupt erhielt.[2] Er erhielt zahlreiche weitere Ehrungen, deren Aufzählung den Rahmen dieser Darstellung sprengen würden.[11]

Brücken (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Fritz Stüssi: Othmar H. Ammann – Sein Beitrag zur Entwicklung des Brückenbaus. Birkhäuser, Basel 1974, ISBN 3-764-30692-0.
  • Helmut Stalder: Othmar H. Ammann. Wie ein Schaffhauser New York gross machte. In: Helmut Stalder: Verkannte Visionäre. 24 Schweizer Lebensgeschichten. NZZ Libro, Zürich 2011, S. 95–103, ISBN 978-3-03823-715-0.
  • Helmut Stalder: Wie ein Schaffhauser New York gross machte. In: Schweizerischer Beobachter Ausgabe 23/10 vom 12. November 2010, S. 48–53.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Othmar Hermann Ammann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. heute die Kantonsschule Rämibühl
  2. a b c d Bernd Nebel: Othmar Hermann Ammann. Auf www.bernd-nebel.de
  3. a b c Cengiz Dicleli: Othmar Amman, Brückenbauer des 20. Jahrhunderts in den USA (PDF; 888 kB) auf db-bauzeitung.de
  4. a b c Darl Rastorfer: Six Bridges - The Legacy of Ottmar H. Ammann. Yale University Press, New Haven and London 2000, ISBN 0-300-08047-6
  5. a b Gerhard Mehlhorn (Hrsg.): Handbuch Brücken: Entwerfen, Konstruieren, Berechnen, Bauen und Erhalten. 2.Aufl. Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2007, 2010, ISBN 978-3-642-04422-9. S. 70
  6. F.C. Kunz, Design of Steel Bridges, McGraw-Hill, New York 1915
  7. a b c Thomas Fuchs: Ammann, Othmar H. im Historischen Lexikon der Schweiz (5. Januar 2008)
  8. Richard Scott: In the wake of Tacoma, suspension bridges and the quest for aerodynamic stability. ASCE Press, Reston, Va. 2001, ISBN 0-7844-0542-5, S. 35 ff
  9. Ammann & Whitney: Our Founders auf der Website der nach wie vor bestehenden Ingenieursgesellschaft.
  10. Verena Larcher (Bearbeitg.): Othmar H. Ammann, 1879-1965, Dokumente zu Leben und Werk. Verzeichnis des O.H.Ammann-Archivs in der ETH-Bibliothek, Zürich 1999
  11. Die Dokumente zu Leben und Werk des O.H.Ammann-Archivs in der ETH-Bibliothek enthalten in Anhang 2 eine mehr als zwei Seiten lange Liste seiner Ehrungen und Auszeichnungen
  12.  Brückenbau: Für die Ewigkeit. In: Der Spiegel. Nr. 49, 1964 (2. Dezember 1964, online).