Paulinum (Universität Leipzig)

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Baustelle des Paulinums – Aula und Universitätskirche St. Pauli im Juli 2012

Das Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli ist ein Gebäude der Universität Leipzig am Augustusplatz. Das Gebäude entsteht seit 2007 an der Stelle, an der am 30. Mai 1968 die Paulinerkirche gesprengt wurde. Das Paulinum als universitätseigenes Gebäude vereinigt unter seinem Dach sowohl wissenschaftliche Institute und die Aula der Universität als auch ihren Andachtsraum. Aula und Andachtsraum sollen für größere Veranstaltungen über einen variablen und transparenten Raumteiler miteinander verbunden werden können.

Die Fertigstellung des Gebäudes war ursprünglich für das Jubiläumsjahr der Universität 2009 geplant, war bis dahin aber nur zum Teil realisiert. Zur 600-Jahr-Feier im Dezember 2009 waren letztlich nur die Aula und das Foyer zugänglich. Die festliche Einweihung des Paulinums ist für Dezember 2014 geplant. Das angrenzende Augusteum ist hingegen bereits seit Sommersemester 2012 in Benutzung.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Paulinum und Paulinerkirche bis 1968[Bearbeiten]

Paulinerkirche und Collegium Paulinum vor 1830
Paulinerkirche und Augusteum um 1890

An dem Platz des heutigen Paulinums standen im 13. Jahrhundert die Klostergebäude des Dominikanerkloster Dominikanerkloster St. Pauli, welche am Beginn des 13. Jahrhunderts erbaut worden waren. Die Klosterkirche wurde 1240 geweiht. Einzelne Gebäude wurden im 15. Jahrhundert ersetzt. Die Paulinerkirche diente zu dieser Zeit der Universität Leipzig als Auditorium maximum, Promotionsort, als Ort für Gottesdienste und Begräbnisstätte für Universitätsprofessoren.

Das nach der Reformation säkularisierte Kloster einschließlich der dreischiffigen gotischen Kirche St. Pauli wurde 1543 der Universität als Eigentum übertragen und durch diese als Collegium Paulinum genutzt. Nach einem Umbau zog 1546 auch die medizinische Fakultät ins Paulinum. 1704 wurde im Paulinum ein Anatomisches Theater eröffnet.

1830 wurde das an die Paulinerkirche anschließende Gebäude abgerissen und 1833 bis 1836 durch ein repräsentatives, mit der Front zum Augustusplatz gerichtetes neues Hauptgebäude der Universität, das Augusteum einschließlich einer Aula, nach Plänen von Albert Geutebrück ersetzt. Der Name Paulinum hielt sich für ein Gebäude im Hof des Paulinerareals als Mittelpaulinum und das Gebäude längs der Universitätsstraße, das Vorderpaulinum hieß.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde das gesamte Universitätsgelände durch Arwed Rossbach grundlegend umgestaltet. Das mit einer neuen Fassade versehene Augusteum wurde um einen Mittel-, einen Süd- und einen Westflügel erweitert. Der Westflügel an der Universitätsstraße erhielt nun den Namen Paulinum. Alle alten Kollegienbauten wurden abgerissen. Erhalten blieb lediglich das an die Grimmaische Straße angrenzende Fürstenhaus (erbaut um 1560).[2]

Alle Universitätsgebäude außer der Paulinerkirche wurden bei Bombenangriffen 1943 schwer beschädigt, nach dem Krieg zum Teil aber wieder nutzbar gemacht. Die Universitätskirche St. Pauli wurde, trotz nur geringer Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg, aus politischen Gründen nach der teilweisen Sicherung des Inventars am 30. Mai 1968 gesprengt, ebenso die verbliebenen weiteren Bauten.

An der Stelle der Kirche und auf der Fläche des Augusteums entstand das Hauptgebäude des sozialistischen Baus der Karl-Marx-Universität Leipzig mit dem wuchtigen Bronzerelief Aufbruch, das sich genau an der Stelle des Giebels der gesprengten Paulinerkirche befand.

Gegenwärtig wird an der Stelle der gesprengten Paulinerkirche das Paulinum als Teil des Campus-Neubaus der Universität Leipzig gebaut. Das Bauwerk entsteht nach dem Entwurf des niederländischen Architekten Erick van Egeraat.

„Paulinum“ – Streit um Namen und Nutzungshoheit des Neubaus[Bearbeiten]

Die Universität erhält mit dem Neubau des Paulinums ein Gebäude, das die neue Aula mit Andachtsraum und Arbeitsräume für Wissenschaftler der Fakultät Mathematik und Informatik enthält. Der Paulinerverein e.V. sieht in dem Gebäude den Wiederaufbau der gesprengten Universitätskirche St. Pauli und fordert die kirchliche Entscheidungsbefugnis über seine Nutzung. Der Paulinerverein ist eine Bürgerinitiative, die sich seit Beginn des Neubaus dafür einsetzt, dass das Gebäude den Namen Universitätskirche St. Pauli tragen und kirchlicher Nutzungshoheit unterstehen soll.[3] Die Bürgerinitiative Für eine weltoffene, weltliche und autonome Universität Leipzig erkennt darin den Versuch, die durch das Grundgesetz vorgegebene Trennung von Staat und Kirche auszuhebeln und letztlich der Leipziger Universität Anschein und Gepräge einer christlichen Bildungsstätte zu verleihen. Die Bürgerinitiative wurde 2008 von Leipziger Bürgerinnen und Bürgern mit dem Ziel gegründet, den gefundenen Harms-Kompromiss (s.u.) zu verteidigen und alle Versuche einer einseitigen geistigen oder geistlichen Beeinflussung und Ausrichtung der Universität abzuwehren.[4] Unter der Vermittlung von Generalbundesanwältin Monika Harms beschlossen im Dezember 2008 Vertreter der Universität Leipzig, des Freistaates Sachsen, der evangelischen Landeskirche sowie der Stadt Leipzig. den sog. Harms-Kompromiss. Dieser sieht vor, dass das Gebäude den Namen Paulinum - Aula und Universitätskirche St. Pauli tragen soll.[5] Der Kompromiss bestätigt die in der Bauplanung vorgesehene multifunktionale Nutzung als Aula, fakultäre Arbeitsräume und Andachtsraum und bekräftigt, dass die Entscheidungskompetenz in allen Fragen rechtlich dem Bauherrn im Einvernehmen mit der Universität zukommt.[6]

Das Paulinum als Teil des neuen Universitätscampus[Bearbeiten]

Rückseite des Paulinums im Bau, vom Leibnizforum aus gesehen (Juli 2012)

Der sozialistische Universitätsbau wurde beginnend im Februar 2007 abgerissen. Die Bauarbeiten für den neuen Universitätscampus begannen mit der Grundsteinlegung für die Mensa am Park am 15. Juli 2005. Im Oktober 2008 fand das Richtfest für das Paulinum statt. Am 17. September 2009 wurde die Glocke der gesprengten Paulinerkirche im neuen Paulinum unter Anteilnahme von Presse und Fernsehen angebracht.[7][8][9][10]

Zur 600-Jahr-Feier der Universität wurde am 2. Dezember 2009 im unfertigen Bau ein Festakt abgehalten.[11][12] Am 6. Dezember 2009, dem zweiten Advent, fand der erste Gottesdienst in dem dazu völlig überfüllten Neubau statt.[13][14]

Die Aula soll 550 Sitzplätze bieten. Weitere 120 finden sich auf der Empore. Gleichzeitig gibt es einen durch eine (weiterhin umstrittene) Glaswand abgetrennten Andachtsraum mit 120 Sitzplätzen für die geistliche Nutzung.[15] Die vor der Sprengung aus der Paulinerkirche geborgenen Epitaphien sowie der Altar sollen in diesen Andachtsraum integriert werden.

Orgeln[Bearbeiten]

In den Jahren 2008–2009 baute der Orgelbauer Wegscheider aus Dresden ein kleines Orgelpositiv für den Andachtsraum. Das rein mechanische Instrument hat sieben Register auf einem Manual. Es ist mit einer Transponiervorrichtung für 415, 440 bzw. 465 Hz als Kammerton ausgestattet.[16]

Manualwerk C–d3
1. Gedackt 8′
2. Principal 4′
3. Flöte 4′
4. Octava 2′
5. Quinta 11/3
6. Quinta (Diskant) 22/3
7. Cymbel II

Weiterhin sind für die Westempore der Einbau einer Jehmlich-Orgel und für den Andachtsraum eine Metzler-Schwalbennestorgel in einer für das 16. Jahrhundert typischen Bauform und Disposition[17] geplant.

Inventar[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Cornelius Gurlitt: Paulinum. In: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 17. Heft: Stadt Leipzig (I. Theil). C. C. Meinhold, Dresden 1895, S. 213.
  • Universität Leipzig (Hrsg.): Der neue Uni-Campus im Herzen der Stadt. (PDF; 1,9 MB) Sonderveröffentlichung der Universität Leipzig, Leipziger Volkszeitung vom 18. Oktober 2008.
  • Universität Leipzig (Hrsg.) (2010): Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009. 5 Bände. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, ISBN 978-3-86583-310-5

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paulinum/Aula und Universitätskirche St. Pauli (Leipzig) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [1] Webseite zum Baugeschehen ab 1990
  2. Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Bd. 1, Mitteldeutschland, Wasmuth, Berlin 1914, S. 205 f.
  3. Paulinerverein.de Website des Paulinervereins e. V. (Letzter Zugriff: 8. Dezember 2009)
  4. Bürger pro Uni - Webseite der Bürgerinitiative Für eine weltoffene, weltliche und autonome Universität
  5. MDR.de (16. Dezember 2008): Namensstreit um das „Paulinum“ ist beigelegt.
  6. Harms-Kompromiss Monika Harms: Erklärung vom 15. Dezember 2008
  7. LVZ 18. September 2009 Glocke der gesprengten Unikirche kehrt an ihren Platz zurück
  8. BILD 18. September 2009 Gestern 9.27 Uhr ...
  9. DIE ZEIT 50/2009 S.66: Halleluja! Halleeeeeluja!
  10. Leipzig Fernsehen (17. September 2009): Paulinerglocke Donnerstagfrüh „heimlich“ ins Paulinum gehoben. (Letzter Zugriff: 21. März 2010)
  11. Universität Leipzig: Website zum 600-Jahr-Jubiläum (Letzter Zugriff: 8. Dezember 2009)
  12. MDR Figaro (12. Februar 2009): Endlich ein Amen! Von Siegfried Stadler (Letzter Zugriff: 12. August 2009)
  13. Welt (8. Dezember 2009): Gottesdienst in Paulinerkirche wird zur Demo. (Letzter Zugriff: 12. Dezember 2009)
  14. DIE ZEIT 51/2009: Gibt es was zu feiern?
  15. Universität Leipzig: Der Campus in der Übersicht. Paulinum. (Letzter Zugriff: 20. März 2010)
  16. Nähere Informationen zur Orgel
  17. Ausschreibung der Schwalbennestorgel