Luftangriffe auf Leipzig

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Luftangriffe auf Leipzig fügten der Stadt Leipzig während des Zweiten Weltkrieges schwere Schäden zu. Die Luftangriffe wurden von Einheiten der Royal Air Force (RAF) und den United States Army Air Forces (USAAF) ausgeführt. Der schwerste wurde in den Morgenstunden des 4. Dezember 1943 von der britischen RAF ausgeführt und forderte über 1.800 Menschenleben. Das Stadtzentrum wurde zu großen Teilen zerstört, während die Industriebetriebe nur zeitweilige Produktionsausfälle zu verzeichnen hatten und später teilweise verlagert oder dezentralisiert wurden.

Durch Luftangriffe sind in Leipzig etwa 6.000 Menschen ums Leben gekommen.[1]

Trümmerfrauen nach Kriegsende vor der Universität.

Bedeutung als Angriffsziel[Bearbeiten]

Von den über 33.000 Messerschmitt Bf 109 Jagdflugzeugen baute das Erla Maschinenwerk in Leipzig rund ein Drittel.

Im „Großdeutschen Reich“ des Jahres 1939 stand Leipzig auf der Liste der größten deutschen Städte mit über 700.000 Einwohnern auf dem sechsten Platz, wobei Wien mit berücksichtigt ist. Als „Reichsmessestadt“ hatte es zusätzlich eine herausgehobene Bedeutung. Leipzig ist damals wie heute auch ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt.

Für die Kriegsführung besonders bedeutend war das Erla Maschinenwerk, das an drei Standorten in Heiterblick, Abtnaundorf und Mockau Bf-109-Jagdflugzeuge produzierte. Als weiterer Betrieb stellte die Allgemeine Transportanlagen-Gesellschaft in Großzschocher Flugzeugteile und komplette Maschinen her. Das Werk von Büssing-NAG in Wahren baute Motoren und Fahrgestelle für 8-Rad-Panzerspähwagen. Die bei Leipzig-Portitz in den 1930er Jahren neu errichteten Mitteldeutschen Motorenwerke waren ein wichtiger Hersteller von Junkers-Flugmotoren und -Strahltriebwerken (Jumo 004).

Angriffe[Bearbeiten]

Pläne und Erste Angriffe[Bearbeiten]

Sachsen galt bis 1942 wegen des langen Anflugweges von Großbritannien aus als relativ sicher vor Luftangriffen, jedoch existierten in den Akten der RAF bereits im August 1940 Pläne zur Bombardierung Leipzigs unter dem Codenamen „Haddock“ (Schellfisch).[2] Der Stellvertreter von Arthur Harris, Oberbefehlshaber des britischen Bomber Command, war Air Vice-Marshal Robert Saundby und versah als begeisterter Angler alle in Auswahl kommenden deutschen Städte mit einem Fish code.[3] Man versprach sich von einem Luftangriff zur Eröffnung der Leipziger Messe am 25. August 1940 oder unmittelbar danach eine Demonstration der britischen Luftmacht auf die aus ganz Europa angereisten Messegäste. Die in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1940 gestarteten Bomber mit dem Ziel Leipzig fanden die Stadt jedoch nicht.

Spätestens seit dem Luftangriff auf Kassel am 22./23. Oktober 1943 war jedoch klar, dass die britischen Bomber eine Reichweite hatten, die es ihnen ermöglichte, bis in den mitteldeutschen Raum vorzudringen.

Am 27. März 1943 wurde durch Notabwürfe eines britischen Flugzeuges in Gohlis ein Großfeuer ausgelöst. In der Nacht vom 31. August auf den 1. September erfolgte ein schwacher britischer Angriff, der Eutritzsch und Schönefeld traf und bei dem es vier Todesopfer gab.[4]

4. Dezember 1943[Bearbeiten]

Ab 1940 gelieferte Wagen der Feuerschutzpolizei trugen auch die tannengrüne Polizeilackierung. Eine Magirus-Kraftfahrleiter 26 (Meter) mit Dieselmotor (125 PS), Baujahr 1941.
Das Bildermuseum am Augustusplatz mit dem Mendebrunnen (ca. 1890–1900). Auf dem Areal des Museums steht heute das (3.) Gewandhaus.
Ruine der Hauptpost (Postamt C 1) auf der Ostseite vom Augustusplatz (Foto von 1948)

Vorgeschichte[Bearbeiten]

In der Nacht vom 2. zum 3. Dezember 1943 hatte die Royal Air Force, wie schon oft zuvor, Berlin angegriffen. Die deutsche Nachtjagd hatte sich inzwischen auf solche Angriffe eingestellt und schoss 40 Bomber ab.[5] In der folgenden Nacht war Leipzig das Ziel eines Angriffes, dessen Anflugroute so konzipiert war, dass die deutsche Luftabwehr möglichst lange im Unklaren über das Angriffsziel blieb. Auch wurde der Zeitpunkt des Angriffes in die frühen Morgenstunden gelegt, da man dann auf deutscher Seite kaum noch mit einem Angriff rechnen würde.

Verlauf[Bearbeiten]

Die Route des Bomberverbandes, 527 viermotorige Bomber der Typen Halifax und Lancaster,[6] überquerte über der Zuidersee die Küste des Festlandes, führte dann in östlicher Richtung über Norddeutschland auf Berlin zu und bog etwa über der Stadt Brandenburg nach Süden ab. Zwischen 3:50 Uhr und 4:25 Uhr warfen 442 Bomber insgesamt fast 1400 t Spreng- und Brandbomben ab. Fliegeralarm war um 3:39 Uhr gegeben worden, die Entwarnung erfolgte 5:32 Uhr.[7]

In der engbebauten Innenstadt entwickelte sich nach dem Angriff ein Feuersturm. Dessen Intensität überstieg nach Einschätzung des zur Angriffszeit zufällig in Leipzig befindlichen Generalinspekteurs für das Feuerlöschwesen, Hans Rumpf, sogar die des Hamburger Feuersturmes während der „Operation Gomorrha“.[8] Die Leipziger Feuerschutzpolizei hatte in der Nacht vorher die Hälfte ihrer Kräfte nach Berlin entsenden müssen. Die aus dem Umland herbeigerufenen Feuerwehren konnten Brände häufig nicht wirksam bekämpfen, da ihre Schläuche nicht an die speziellen Anschlüsse der Leipziger Hydranten passten, die nur zu etwa 30 % auf genormte Anschlüsse umgestellt worden waren.[9] Die Wasserversorgung brach zudem rasch zusammen.

Opfer und Schäden[Bearbeiten]

Bei dem Angriff starben über 1.800 Menschen. Diese Zahl ist für solch einen schweren Angriff relativ gering, da sich viele Einwohner nicht an die Anordnung hielten, bis zur Entwarnung in den Kellern zu bleiben, sondern rechtzeitig die Flucht ergriffen oder entstehende Brände bekämpften.[10] Bei diesem Luftangriff am 3. Dezember 1943 wurden 114.000 Menschen in Leipzig obdachlos.[11]

Besonders im Stadtzentrum fielen dem Angriff viele historische Gebäude zum Opfer, so das Alte und Neue Theater, die Neue Handelsbörse, das Schiff der Johanniskirche, die Alte Waage, die Matthäikirche, das Bildermuseum, die Hauptpost und das Augusteum, das Hauptgebäude der Universität. Der Dachstuhl des Alten Rathauses brannte aus; eine bei einer Sanierung Anfang des 20. Jahrhunderts eingezogene Betondecke verhinderte ein Ausbrennen auch der darunter liegenden Geschosse.[12] Als weitere Folge des Angriffes verzeichnete man unter anderem die Zerstörung von 1067 Geschäftshäusern, 472 Fabrikgebäuden, 56 Schulen, 29 Messehäusern und 9 Kirchen.[13] Von 92 Instituten der Universität Leipzig wurden 58 getroffen und teilweise zerstört.[14]

Im Mai 1944 wurden über 15.000 betroffene Gebäude gezählt, davon über 4.000 völlig zerstörte, über 1.000 schwer und über 10.000 leicht beschädigte. Laut vorläufigem amtlichen Abschlussbericht vom 30. Dezember 1943 waren hauptsächlich der Stadtkern innerhalb des Ringes, die sich unmittelbar im Westen, Norden und Osten anschließenden Gebiete sowie die gesamte Südvorstadt schwer betroffen. Die daran im Norden und Osten anschließenden Gebiete wurden leicht betroffen, während im äußeren Westen, Südwesten und Nordwesten keine Schäden entstanden waren. Etwa 140.000 Menschen waren obdachlos geworden.[15]

20. Februar 1944[Bearbeiten]

Die Ruine des zweiten Gewandhauses (Neues Concerthaus) wurde erst 1968 abgetragen. (Foto von 1947)

Während der so genannten Big Week war Leipzig eines der ersten Ziele, die von britischen und US-amerikanischen Bombern angegriffen wurden. Am 20. Februar 1944 wurden zwischen 3:15 Uhr und 4:20 Uhr Wohngebiete im Süden (Connewitz) sowie Wohn- und Industriegebiete im Südwesten Leipzigs (Schleußig und Großzschocher) getroffen. Bei diesem britischen Nachtangriff mit über 700 Bombern fielen knapp 2.300 t Bomben. Am Nachmittag desselben Tages warfen über 200 Bomber der 8. US-Luftflotte etwa 700 t Bomben auf die am Flughafen Mockau im Nordosten der Stadt liegenden Flugzeugwerke. Durch die Angriffe wurde unter anderem das (zweite) Gewandhaus zerstört.[16] Es traf ebenso die Hochschule für Musik, das Reichsgericht, die Universitätsbibliothek sowie große Teile des Musikviertels.

Insgesamt kamen etwa 970 Menschen ums Leben, die meisten durch den britischen Nachtangriff. Infolge des Tagesangriffs wurden die betroffenen Betriebe zum Teil schwer beschädigt, zum Beispiel das Erla Maschinenwerk in Heiterblick zu 65 %. Im Mai 1944 lief die Flugzeugproduktion bei Erla immer noch nicht wieder in vollem Umfang, während die anderen betroffenen Betriebe bis dahin wieder arbeiteten.[17]

März bis Dezember 1944[Bearbeiten]

Von der 8. US-Luftflotte wurden im Frühjahr und Sommer 1944 weitere Angriffe auf Leipziger Industrie- und Verkehrsanlagen geflogen, so am 29. Mai, 29. Juni und am 7. Juli. Bei dem Angriff am 7. Juli waren neben dem Hauptbahnhof weitere Verkehrsanlagen das Ziel. Ein direkter Treffer brachte das Dach des Querbahnsteiges des Hauptbahnhofes zum Einsturz.[18] Insgesamt fielen diesen Angriffen etwa 470 Menschen zum Opfer. Am 6. Dezember 1944 wurden erstmals Leutzsch im äußersten Westen der Stadt sowie der angrenzende Vorort Böhlitz-Ehrenberg angegriffen.

Im Rahmen von Angriffen auf Ziele in der Umgebung Leipzigs, wie die Hydrierwerke zur Erzeugung von synthetischem Benzin in Leuna, Böhlen und Zeitz, kam es vereinzelt zu Bombenabwürfen auf Leipzig als Ausweich- oder Notziel.

Januar 1945 bis Kriegsende[Bearbeiten]

Am 27. Februar 1945 flog die 8. US-Luftflotte, die bisher meist Punktziele angegriffen hatte, von 12:50 Uhr bis 14:15 Uhr einen Flächenangriff auf das gesamte Stadtgebiet, dem 677 Menschen zum Opfer fielen.[19] Am 6. April griff der Verband erneut Leipzig an, wobei 733 Menschen ums Leben kamen.[20] In der Nacht vom 10. auf den 11. April erfolgte nochmals ein Doppelangriff der britischen RAF. In den letzten zehn Tagen des am 15. April 1945 offiziell eingestellten westalliierten Bombenkrieges gegen Deutschland starben dadurch nochmals über 700 Menschen.[21]

Am 18. April, eine reichliche Woche nach dem letzten Großangriff, nahm die 69. Infanteriedivision der 1. US-Armee Leipzig ein.

Folgen[Bearbeiten]

Aufräumarbeiten an der Universitätskirche um 1948.

Durch die Luftangriffe lag ein großer Teil der Bausubstanz der eng bebauten Innenstadt in Trümmern. Die meisten der Gebäude am Augustusplatz waren schwer beschädigt, einzig die Universitätskirche war nur gering betroffen. Dagegen waren das Areal zwischen Richard-Wagner-Straße und Brühl sowie das von Katharinenstraße, Salzgäßchen, Schuhmachergäßchen und Reichsstraße begrenzte Gebiet weitgehend zerstört. Dadurch änderte sich das Erscheinungsbild der Innenstadt erheblich. Insgesamt waren 40 % der Wohnungen und 80 % der Messebauten zerstört oder schwer beschädigt worden.[22]

Viele der zerstörten historischen Gebäude wurden nicht wieder aufgebaut, darunter die Johanniskirche, deren Turm erst Anfang der 1960er-Jahre gesprengt wurde. Zwischen Katharinen- und Reichsstraße sowie Brühl und Böttchergäßchen wurden die Reste der Bebauung abgetragen und der Sachsenplatz angelegt, an dessen Stelle sich seit 2004 der Neubau des Museums der bildenden Künste befindet. Das Ensemble der früheren Universität (Augusteum) inklusive der fast unbeschädigten Universitätskirche wurde 1968 gesprengt, um Platz für den Neubau der Karl-Marx-Universität zu schaffen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Götz Bergander: Dresden im Luftkrieg. 2. Aufl.; Böhlau Verlag, Weimar, Köln, Wien 1994, ISBN 3-412-10193-1.
  • Olaf Groehler: Der Tod im Morgengrauen. In: Flieger-Revue H. 6/1984, S. 178–182 u. H. 7/1984 S. 210–214.
  • Birgit Horn-Kolditz: Die Nacht, als der Feuertod vom Himmel stürzte. Leipzig, 4. Dezember 1943. (Deutsche Städte im Bombenkrieg), Wartberg-Verlag, Gudensberg-Gleichen 2003, ISBN 3-8313-1340-7.
  • Mark Lehmstedt (Hg.): Leipzig brennt. Der Untergang des alten Leipzig am 4. Dezember 1943 in Fotografien und Berichten. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-937146-06-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: World War II destructions in Leipzig – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lehmstedt, S. 264
  2. Groehler, S. 178
  3. amaot.de: Datenblatt Fishcodes. abgerufen am 21. Juli 2013
  4. Lehmstedt, S. 26 u. Bergander, S. 404
  5. Groehler, S. 178
  6. RAF Bomber Command Campaign Diary, December 1943 (Version vom 28. Juli 2012 im Internet Archive)
  7. Groehler, S. 178 und 211
  8. Lehmstedt, S. 263 u. Groehler, S. 211
  9. Groehler, S. 211
  10. Groehler, S. 211
  11. A.C. Grayling: Die toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen? S. 371. München 2009
  12. Lehmstedt, S. 35
  13. Verwundungen. 50 Jahre nach der Zerstörung von Leipzig. (Katalog zur Ausstellung vom 4. Dezember 1993 bis 20. Februar 1994 im Alten Rathaus zu Leipzig), Verlag Kunst und Touristik, Leipzig 1993, ISBN 3-928802-34-8, S. 31–35.
  14. Siegfried Hoyer; Lothar Rathmann (Hrsg.): Alma mater Lipsiensis. Geschichte der Karl-Marx-Universität Leipzig. Edition Leipzig, Leipzig 1984, S. 268
  15. Horn, S. 201 ff.
  16. Horn, S. 56
  17. Groehler, S. 214
  18. Horn, S. 57
  19. A.C. Grayling: Die toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen? S. 387. München 2009
  20. A.C. Grayling: Die toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen? S. 388. München 2009
  21. Groehler, S. 214 u. Bergander, S. 409
  22. Groehler, S. 214