Polnische Exilregierung

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Polnische Exilregierung
Wappen der Republik Polen
Exilregierung
Regierung
Delegatura Rządu na Kraj
(„Regierungsvertretung im Lande“)
Parteien
PPS (Sozialisten)
SL (Bauernpartei)
SN (Nationale)
SP (Christdemokraten)
Militär
Polnische Streitkräfte im Westen
Polnische Heimatarmee

Die Polnische Exilregierung konstituierte sich im September 1939 nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Zweite Polnische Republik. Der erste Sitz der Regierung war Paris, später Angers. Kurz vor der Kapitulation Frankreichs wählte sie London als Sitz, um von dort aus u.a. die polnischen Streitkräfte im Westen zu koordinieren.

In Folge des deutschen Überfalls auf die Sowjetuntion handelte sie im Juli 1941 das Sikorski-Maiski-Abkommen aus, welches zur Aufstellung der polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion führte, dem größten regulären militärischen Verband, der im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Roten Armee kämpfte.

Nach dem Fund der Massengräber bei Katyn 1943 forderte die Polnische Exilregierung öffentlich Aufklärung. Die Sowjetunion stellte daraufhin ein Ultimatum an die Vereinigten Staaten und Großbritannien, die Exilregierung solle die Forderung nach der Entsendung einer internationalen Kommission nach Katyn zurücknehmen. Trotz Vermittlungsversuchen erklärte Stalin im April 1943 den Abbruch der Beziehungen zu Polens Exilregierung, die das Ultimatum nicht vollständig akzeptieren wollte. Damit war sie in der Anti-Hitler-Koalition isoliert.

Im Zuge der Weichsel-Oder-Operation eroberte die Rote Armee 1944 weite Teile von Polen. Nach Kriegsende übte die Exilregierung keinerlei Regierungsgewalt aus, stattdessen wurde die Volksrepublik Polen ausgerufen. Im Juli 1945 entzogen die USA und Großbritannien der Exilregierung die diplomatische Anerkennung.

Bis 1990 erkannten lediglich Irland, Spanien, Kuba und die Vatikanstadt die Polnische Exilregierung an, die vornehmlich als Symbol polnischer Unabhängigkeit aufrechterhalten wurde. Nach der Präsidentschaftswahl in Polen 1990, die Lech Wałęsa als Staatspräsidenten und eine polnische Regierung unter Jan Bielecki hervorbrachte, wurde sie aufgelöst.

In Frankreich (September 1939–Juni 1940)[Bearbeiten]

Am 25. September 1939 ernannte der polnische Präsident Ignacy Mościcki den Botschafter in Italien, Bolesław Wieniawa-Długoszowski, zu seinem Nachfolger. Dieser lehnte dies jedoch auf Drängen der französischen Regierung ab und so wurde Władysław Raczkiewicz zum ersten polnischen Präsidenten im Exil ernannt. Dieser ernannte den Offizier Władysław Sikorski zum Ministerpräsidenten und Oberkommandierenden der Exilstreitkräfte.

Am 18. Dezember 1939 verabschiedete die Regierung eine Deklaration, die die Ziele der Exilregierung beinhaltete:

Am 4. Januar 1940 wurde ein polnisch-französisches Militärabkommen unterschrieben. Im Frühling 1940 wurden die 1. Polnische Grenadierdivision, die 10. Panzerbrigade, die 1. Polnische Infanteriedivision und die Podhale-Schützen-Brigade gegründet.

In England (ab Juni 1940)[Bearbeiten]

General Władysław Anders

Am 17. Juni 1940, kurz vor der Kapitulation Frankreichs, nahm die Exilregierung die Einladung von Churchill an und verlegte ihren Sitz nach London. Am 19. Juni befahl General Władysław Sikorski in einer Radioansprache den polnischen Soldaten und Freiwilligen in Frankreich, sich nach England durchzuschlagen. Einem Großteil der Flotte gelang dies[1] und auch viele polnische Soldaten konnten über Ungarn, Rumänien oder die Ostsee aus Polen entkommen.

Am 5. August 1940 wurde ein polnisch-britisches Militärabkommen unterschrieben, das den Polen die Bildung eigener Streitkräfte in Großbritannien ermöglichte. Es wurden die 1. Polnische Panzerdivision und die 1. Polnische Fallschirmjägerbrigade aufgestellt.

Am 29. September wurde der Dienst für den Sieg Polens, Służba Zwycięstwu Polski, gegründet, der Vorläufer der Polnischen Heimatarmee. Sie wurde der Regierungsvertretung im Lande unterstellt, die im gleichen Jahr gegründet worden ist.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde am 30. Juli 1941 auf Initiative der britischen Regierung das Sikorski-Maiski-Abkommen unterschrieben. Darin vereinbarten sie einen Botschafteraustausch mit der Sowjetunion und die gemeinsame Fortführung des Kampfes gegen Deutschland. Die Lösung der Grenzstreitigkeiten zwischen der Sowjetunion und Polen wurden mit Hilfe des Foreign Office durch eine Kompromissformulierung für die Kriegszeit aus dem Wege geräumt, indem die Sowjetunion eine Erklärung abgab, dass der Hitler-Stalinpakt seine Gültigkeit verloren habe.[2] Am 12. August 1941 wurden Hunderttausende kriegsgefangene Polen in der Sowjetunion amnestiert und am 14. August wurde ein polnisch-sowjetisches Militärabkommen unterschrieben, das aus den Kriegsgefangenen die Bildung polnischer Streitkräfte in der Sowjetunion ermöglichte. Ihr Befehlshaber wurde der aus dem Gefängnis in der Sowjetunion entlassene General Władysław Anders. Am 30. November kam General Władysław Sikorski nach Moskau, um mit Stalin über die Evakuierung dieser Streitkräfte in den Iran zu verhandeln, was schließlich zur Evakuierung von weit über 25.000 Polen aus der Sowjetunion führte. Aus diesen Soldaten entstand das 2. Polnische Korps.

Dabei fiel den Polen auf, dass die Offiziere fehlten, die in den Lagern Koselsk, Ostaschkow und Starobelsk gewesen waren. Sikorskis Fragen nach diesen Offizieren wurde von Stalin und der Sowjetunion unter der Verwendung von Ausreden hinhaltend beantwortet. Auch die Lösung der Grenzfragen wurde mehrfach angesprochen und blieb unerledigt. Anfang 1943 verschlechterten sich die Beziehungen Polens zur Sowjetunion wieder. Die Sowjetunion erklärte nämlich alle Bewohner der von ihr besetzten polnischen Gebiete, die sie Weißrussland und der Ukraine zugeschlagen hatte, zu Staatsbürgern der Sowjetunion. Damit waren weitere Konflikte mit dem neuen Bundesgenossen Polen vorhersehbar. Zusätzlich gründeten polnische Kommunisten Anfang 1943 im Auftrage Stalins in der Sowjetunion den Bund Polnischer Patrioten in der UdSSR als politischen Partner für ein Nachkriegspolen zwischen Oder und Curzon-Linie und gaben ab 1. März 1943 eine eigene Zeitung mit dem Namen Das Freie Polen heraus.[3] Das ereignete sich zwei Monate vor der deutschen Bekanntgabe des Massakers von Katyn.

Nach der Bekanntgabe der deutschen Entdeckungen in Katyn am 13. April 1943 forderte die polnische Exilregierung am 15. April öffentlich die bedingungslose Aufklärung der Massaker von Katyn von der Sowjetunion und erklärte, dass sie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz gebeten habe, eine Untersuchung in Katyn durchzuführen. Die Sowjetunion gab dagegen der Weltöffentlichkeit bekannt, dass die Morde von den Deutschen begangen worden seien. Sie warf der Regierung Polens vor, sie sei ein Bundesgenosse der Deutschen und handele in Abstimmung mit ihnen. Stalin forderte am 24. April 1943 ultimativ in Schreiben identischen Inhalts an Roosevelt und Churchill, dass die polnische Exilregierung den Antrag an das Rote Kreuz zurückziehe. Churchill drängte daraufhin Polen, den Konflikt konsultativ zu lösen und auf die öffentliche Aufklärung im Interesse des Bündnisses zu verzichten. Die polnische Regierung konnte dem kaum zustimmen, aber sie erklärte gegenüber Churchill, dass sie auf die Anrufung des Internationalen Roten Kreuzes verzichten wolle.[4] Trotz der Bitten von Roosevelt und Churchill, es nicht zu tun, erklärte Stalin am 25. April 1943 den Abbruch der Beziehungen zu Polen. Damit isolierte er Polens Exilregierung in der Anti-Hitler-Koalition und stellte die Weichen für ein kommunistisches Nachkriegspolen ohne Rücksicht auf westliche Interessen.[5]

Daraufhin einigten sich die seit Oktober 1939 entstandenen polnischen Widerstandsgruppen wie auch die Vertreter vier demokratischer Exilparteien rasch auf das gemeinsame Nachkriegsziel eines nichtkommunistischen, unabhängigen Polens mit der im Frieden von Riga 1921 vereinbarten Ostgrenze. Im August 1943 schlossen sie eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion, den polnischen Kommunisten und rechtsnationalen Parteien Polens aus.

Für die Exilregierung war es nun schwer, die Ereignisse in Polen mitzubestimmen; es war klar, dass die Befreiung Polens nicht durch die Westalliierten, sondern durch die Rote Armee geschehen würde und dass Stalin eine polnische Nachkriegsregierung nach seinen Vorstellungen einsetzen würde. Dennoch trat Stanisław Mikołajczyk im November 1944 von seinem Londoner Amt zurück und stellte sich als stellvertretender Regierungschef in Warschau zur Verfügung; später floh er dann in die Vereinigten Staaten.

Am 6. Juli 1945, nach dem Ende des Krieges und kurz vor Anfang der Potsdamer Konferenz am 17. Juli, entzogen die Verbündeten USA und Großbritannien der Exilregierung die Anerkennung. Das 1. Polnische Korps war jedoch in der Polnischen Besatzungszone noch bis 1947 als Besatzungsmacht im Emsland stationiert.

Die Nachkriegsjahre (1945–1990)[Bearbeiten]

Wappen der Exilregierung in den Jahren 1956–1990

Irland, Spanien, Kuba und die Vatikanstadt waren die letzten Staaten, die die Polnische Exilregierung noch anerkannten.

Da das Potsdamer Abkommen eine friedensvertragliche Regelung mit Deutschland auf unbestimmte Zeit aufschob, sahen sich die exilpolnischen politischen Kreise (hinter denen immerhin einige Millionen Emigranten und viele Millionen in der Heimat standen) im Westen berechtigt, das Amt des Präsidenten und eine Schattenregierung als Symbole der polnischen Unabhängigkeit weiter bestehen zu lassen.

1954 kam es in der Exilregierung nach dem Bekanntwerden verdeckter CIA-Operationen in Polen (finanzielle und logistische Unterstützung der WiN im Austausch für Geheiminformationen aus der Volksrepublik Polen) zu einem Bruch, 80 % der anti-kommunistischen Exilpolen in Großbritannien verweigerten dem Präsidenten August Zaleski die Unterstützung und stellten sich auf die Seite des Dreierrats, der bis zum Tod von Zaleski im Jahr 1972 existierte.

Exilpräsidenten:

Die Residenz des Präsidenten befand sich im vornehmen Londoner Stadtviertel Chelsea, 43 Eaton Place; unweit davon gibt es heute das Polnische Institut mit Museum und Dokumentationszentrum.

Am 22. Dezember 1990 übergab der letzte Präsident der polnischen Exilregierung, Ryszard Kaczorowski die Insignien des Präsidentenamtes der 2. Polnischen Republik (Vorkriegspolen) an den neuen, demokratisch gewählten Staatspräsidenten Polens, Lech Wałęsa.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Detlef Brandes: Großbritannien und seine osteuropäischen Alliierten 1939–1943. Die Regierungen Polens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens im Londoner Exil vom Kriegsausbruch bis zur Konferenz von Teheran (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum. Bd. 59). Oldenbourg, München 1988, ISBN 3-486-54531-0, S. 25–29.
  • Anna M. Cienciala, Natalia S. Lebedeva, Wojciech Materski (Hrsg.): Katyn. A Crime Without Punishment. Yale University Press, New Haven CT 2007, ISBN 978-0-300-10851-4.
  • Jósef Garliński: Poland in the Second World War. Palgrave Macmillan, Basingstoke 1985, ISBN 0-333-39258-2.
  • Marianne Gyger: Im Spannungsfeld zwischen Großmächten und Untergrundbewegung: Die Polnische Exilregierung in London während des Zweiten Weltkrieges. Bemühungen der polnischen Exilregierung um die Erhaltung demokratischer Strukturen im Nachkriegs-Polen. Vom Abbruch polnisch-sowjetischer Beziehungen im Sommer 1943 bis zu den Folgen der Jaltakonferenz 1945 (= Berner Forschungen zur neuesten allgemeinen und Schweizer Geschichte. Bd. 2). Traugott Bautz, Nordhausen 2005, ISBN 3-88309-244-4 (Zugleich: Bern, Historisches Institut, Lizentiatsarbeit, 2003).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Garlinski, S. 17 f.
  2. Cienciala, Lebedeva, Materski (Hrsg.): Katyn. A Crime Without Punishment. 2007, S. 208 f.
  3. Klaus Zernack: Polen und Rußland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte (= Propyläen-Geschichte Europas. Ergänzungs-Bd.). Propyläen Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-549-05471-8, S. 455–457; Cienciala, Lebedewa, Materski: Katyn. A Crime Without Punishment. 2007, S. 216 f.
  4. Cienciala, Lebedeva, Materski (Hrsg.): Katyn. A Crime Without Punishment. 2007, S. 218 f.
  5. Jochen Laufer: Pax Sovietica. Stalin, die Westmächte und die deutsche Frage 1941–1945 (= Zeithistorische Studien. Bd. 46). Böhlau, Köln [u. a.] 2009, ISBN 978-3-412-20416-7, S. 309.

Weblinks[Bearbeiten]