Hämelschenburg

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Der Ostflügel von Schloss Hämelschenburg
Wappen von Jürgen Klencke und Anna von Holle am Portal des Westturms

Das Schloss Hämelschenburg in Emmerthal im Weserbergland zwischen Hameln und Bad Pyrmont gilt als ein Hauptwerk der Weserrenaissance und bildet mit seinen Kunstsammlungen, Gartenanlagen, Wassermühle, Wirtschaftsgebäuden und der Kirche eine der schönsten Renaissanceanlagen Deutschlands. Es ist wesentlicher Bestandteil der Straße der Weserrenaissance und liegt am Niedersachsenweg.

Geschichte[Bearbeiten]

Ursprung[Bearbeiten]

Hämelschenburg an der Emmer um 1650
Schlossbrücke Hämelschenburg
Tor, Schlossbrücke, Ehrenhof

Zwischen 1409 und 1414 erbauten die Grafen von Everstein auf dem Berg Woldau über dem Tal der Emmer die Burg Hemersen, die ab 1437 in den Besitz der Ritterfamilie Klencke überging, die aus Thedinghausen stammt und dort bis in das Jahr 1260 zurückverfolgt werden kann. 1487 geriet die Burg in die Große Stadtfehde und damit in die Gegenpartei der Welfen. Sie wurde unter Herzog Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg zerstört. Danach ließ die Ritterfamilie Klencke die Burg Hemersen wieder aufbauen. Der ab dann geführte Name Hämelschenburg entstand aus Dialektveränderungen des ursprünglichen Namens Hemersenburg, der wiederum aus dem Herrmann sin Burg nach Herrmann von Everstein entstanden war. 1544 brannte die gesamte Anlage, einschließlich der tiefer gelegenen Schlosskirche, vollständig nieder.

Bau des Schlosses[Bearbeiten]

Die wirtschaftliche Blüte zwischen 1520 und 1620 brachte dem Weserbergland eine rege Bautätigkeit. Beiderseits der Weser wurden vom Adel und den Landesherren viele Schlösser neu erbaut oder alte wesentlich umgestaltet. Der Wesersandstein (gelb und gut zu behauen von rechts der Weser, rot und deutlich härter von links der Weser) war ein begehrter Baustoff für Fassaden, Fußböden und Dacheindeckungen in ganz Nordwest- und Nordeuropa. 1588 ließen Jürgen Klencke (1551–1609; gedient am Grafenhof zu Nienburg/Weser und als Söldner zum Rittmeister empor gestiegen) und seine Frau Anna von Holle, hochgebildete Nichte des Lübecker Bischofs Eberhard von Holle aus Verden und des Oberst Georg von Holle, die Hämelschenburg als Wasserschloss im Stil der Weserrenaissance an neuem Standort unmittelbar am Flusslauf der Emmer neu erbauen. Die Mittel hierzu kamen einerseits durch die an der das Anwesen querenden Straße erhobenen Zölle und andererseits aus enormen Gewinnen eines regen Kornhandels zusammen.

In dreißigjähriger Bauzeit diente der bereits vom Onkel Jürgen Klenckes, Ludolf Klencke, errichtete umfriedete Wirtschaftshof unmittelbar an der Emmer dem Bauherren und seiner Frau als bescheidene Wohnstatt, bis der Nordflügel der als Dreiflügelbau durchgängig geplanten Anlage fertiggestellt war. Der Mittel- und der Südflügel mitsamt zweier im italienischen Renaissancestil erbauten achteckigen Treppentürme folgten nach und nach. Die Vollendung des Schlosses erlebte Jürgen Klencke nicht, er starb 1609.

Jürgen Klencke und Anna von Holle hatten zusammen 14 Kinder, von denen 12 erwachsen wurden, für die damalige Zeit mit hoher Kindersterblichkeit eine außergewöhnliche Zahl. Der älteste Sohn übernahm das Schloss nach dem Tod seines Vaters und ließ zusammen mit seiner Mutter den Bau fertigstellen.

Allianzen[Bearbeiten]

Im Dreißigjährigen Krieg gelang es Anna von Holle, Schloss Hämelschenburg nebst zugehöriger St. Marienkapelle durch Allianzen zu schützen. Die couragierte Schlossherrin fuhr den anrückenden Truppen unter Tilly entgegen und handelte mit dem General einen Schutzvertrag aus, der es seinen Soldaten unter Androhung der Todesstrafe verbot, Hämelschenburg zu betreten. Sie rettete somit die gesamte Anlage vor Plünderung und Zerstörung.

Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurde Hämelschenburg zwar besetzt, und es verschwanden auch Teile der Inneneinrichtung, aber durch geschicktes Taktieren der Schlossherren konnte Schlimmeres abgewendet werden. So ist der Gesamtkomplex mit seinen vier aufwendig gestalteten Giebeln, 17 Zwerchhäusern, den beiden hohen, kupfergedeckten Treppentürmen, zwei ebenerdigen, doppelgeschossigen Erkern (so genannten Ausluchten), mehreren Portalen und einer prächtigen Zugangsbrücke über den mit Karpfen besetzten Schlossteich bis heute vollständig erhalten.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

In der Zeit des Nationalsozialismus stellten sich die Schlossherren ausdrücklich gegen das politische Regime, indem sie sich auf den in ihrer Ritterfamilie belegten Grundsatz der obersten Herrschaft Gottes über die weltlichen Mächte berief. Dieser Grundsatz wurde durch das Aufstellen einer Figurengruppe versinnbildlicht. Über dem Kamin des Speisezimmers im Erdgeschoss des Westflügels knien Jürgen Klencke und seine Frau Anna von Holle mit ihren 14 Kindern (heute 13, eines wurde gestohlen) unter dem Kruzifix. Erstaunlicherweise wurde diese Einstellung von der NSDAP respektiert, und auch der angrenzende Ort Hämelschenburg blieb ohne Ortsgruppenleiter. Als einzigen Affront der herrschenden Macht kann man den um 1939 verbreiterten Ausbau der Staatsstraße durch das Schlossensemble deuten, der dazu diente, die Anreise der NS-Anhänger zum Reichserntedankfest auf dem Bückeberg bei Hameln zu erleichtern.

Dementgegen öffnete man die Schlosskirche sonntags ausdrücklich für die in der umliegenden Landwirtschaft verdingten polnischen Fremdarbeiter zum Gottesdienst.

Die Finanzierung des Schlosses gelang in dieser Zeit unter anderem durch zahlende adlige „Feriengäste“, denen allerdings durch ein über der Speisetafel aufgehängtes vierseitiges Transparent unmissverständlich politische Äußerungen untersagt waren.

Modernisierung[Bearbeiten]

Hölzernes Wasserrad und regenerative Energien durch modernes Wasserkraftwerk
Alte Wassermühle an der Emmer

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Schloss Hämelschenburg den Erfordernissen moderner Wohnkultur angepasst. So wurden 1845–1850 der hohe Wall an der West- und Ostseite entfernt und der Graben an der Nordseite zugeschüttet. Die Rotsandstein-Eindeckung wurde bis 1974 durch die leichtere Schieferdeckung ersetzt, und zusätzliche Dachgauben wurden eingefügt. Der originäre Verputz wurde abgeschlagen und das Bruchsteinmauerwerk sichtbar gemacht. Die ehemals außen liegende Pilgerhalle wurde nach innen verlegt und schließlich das ganze Schloss mit einer modernen Zentralheizung versehen. Diese Umbauten beeinträchtigen aber nicht das historische Erscheinungsbild.

Mutmaßliche Architekten[Bearbeiten]

Die Architekten des Schlosses sind nicht namentlich beurkundet. Die Vielzahl der Bauhütten und Bauschulen der damaligen Zeit lassen nur eine verallgemeinernde Mutmaßung zu. Fast identische stilistische Einzelheiten des Cord Tönnies, dem nachgewiesenen Baumeister des Hauses Osterstraße 9 in Hameln, der auch an den Schlössern von Detmold und Schwöbber arbeitete sowie am Archivhäuschen von Rinteln, lassen sich an den Fassaden der Hämelschenburg wiedererkennen. Details der Gestaltung der Giebel von Nord- und Westflügel sind identisch mit Werken der Baumeister Eberhard Wilkening und Johann Hundertossen, letzterer aber neuerdings wieder umstritten. Hundertossen gilt als Baumeister der Münchhausen’schen Schlösser Schwedesdorf in Lauenau sowie Bevern; der Bauherr in Bevern, Statius von Münchhausen, war ein Vetter des Jürgen Klencke (die Mütter waren Schwestern), Münchhausens zweite Ehefrau war Jürgens Nichte; Statius stand mit Klenckes nachweislich in engem Austausch über ihre wechselseitigen Bauvorhaben.

Eingemeindung[Bearbeiten]

Am 1. Januar 1973 wurde die Gemeinde Hämelschenburg in die neue Gemeinde Emmerthal eingegliedert.[1]

Museum[Bearbeiten]

Aussenanlage des Schlosscafés mit Maibaum im Hof der umgebauten Stallungen
Pilgerweg Hämelschenburg

Seit 1973 ist das Schloss Hämelschenburg, im Besitz von Lippold von Klencke, im Rahmen einer Führung als privates Museum teilweise zugänglich und enthält in diesem Bereich eine vollständig erhaltene Ausstattung von Möbeln, Gemälden, Porzellan, Gläsern und Waffen aus der Renaissance-, Barock- und Gründerzeit. Etwa ein Drittel der Räume wird gezeigt. Die übrigen sind vermietet und werden von Privatpersonen bewohnt.

Bemerkenswert ist die nunmehr in die Eingangshalle (ehemaliges Wohnzimmer) eingefügte Front der „Pilgerhalle“. Zwei von in den Sandstein modellierten Jakobsmuscheln gekrönte Säulen umrahmen eine Durchreiche, die den Pilgern auf ihrem Weg von Norden nach Santiago de Compostela in Spanien Speisung und Unterkunft verhießen. Dieses Versprechen wird auch heute noch aufrechterhalten. So übernachtete eine dänische Pilgerin 2005 für zwei Tage kostenlos im Schloss.

Das Schloss bietet auch Brautpaaren die standesamtliche Trauung im historischen Rahmen. Im Trauzimmer befindet sich eines der wenigen erhaltenen, durch Pedaldruck selbstspielenden Pianolas von Steinway & Sons.

Die knapp einstündigen Führungen durch den Privatbesitz beginnen zwischen Ostern und 3. Oktober jeweils zur vollen Stunde von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr.

St. Marienkirche[Bearbeiten]

Baugeschichte[Bearbeiten]

Die Schlosskirche Sankt Marien
Taufbecken (vor 1600) mit hängendem Figurendeckel
„Männer-Empore“ und Loge derer von Klencke
Holzgeschnitztes „Paradiesgärtlein“

Eingebettet in das einzigartige Renaissanceensemble ist die 1563 erbaute Schlosskapelle, die 1652 zur Gemeindekirche von Hämelschenburg wurde. Sie wurde auf den Resten einer bereits 1409 geweihten Kapelle errichtet, die auch dem Feuer von 1544 zum Opfer fiel. Die unter der Kirche gelegene Familiengruft der Klenckes blieb dabei unversehrt. Bereits von Ludolf Klencke wurde die Kirche 1563 wieder auf den alten Grundmauern errichtet, was den heutigen etwas schrägen Standort zur Gesamtanlage erklärt. Die Kirche gehört dadurch zu den ersten Kirchen Norddeutschlands, die nach der Reformation gebaut wurden. Sie ist die älteste freistehende evangelische Kirche in Deutschland, ihre Weihe vor 450 Jahren jährte sich am 15. September 2013.[2]

Ausstattung[Bearbeiten]

Epitaph für Georg von Klencke und Anna von Holle mit Rundgemälde

Jürgen Klencke und seine Frau Anna von Holle statteten die Kirche bis 1609 mit reichem Renaissanceschmuck aus, der bis heute nahezu unverändert erhalten ist. Der Innenraum wird durch ein reformatorisches Gestaltungsprogramm bestimmt: Orgel, Altar und Taufbecken befinden sich an der Stirnseite des Gotteshauses.

Der Altar wurde 1913 bei der letzten großen Kirchenrenovierung behutsam unter Einbeziehung vorhandener Elemente neu gestaltet. Die Altarmensa zeigt noch die Weihekreuze aus dem Jahr 1409. Das romanisch geprägte ehemalige Altarbild von 1919 wurde an die hintere Empore versetzt und durch einen Öldruck des Abendmahls nach Leonardo da Vinci ersetzt. Über dem Altar befindet sich das 1480 durch die Hildesheimer Schule geschaffene „Paradiesgärtlein“, das auf das Motiv „Maria im Rosengarten“ zurückgeht.

Deutlich vor 1600 ist der Taufstein entstanden, der aus einer sandsteinernen Säule mit aufgesetzter Schale und einem hölzernen Taufsteindeckel besteht. Der Deckel ist kronenförmig reich mit Figuren geschmückt und so schwer, dass er mit einer durch die Kirchendecke verlaufenden Seilwinde gehoben werden muss. Er wird nie ganz auf das Taufbecken herabgesenkt, sodass für die Gemeinde stets ein „schwebender Zustand“ sichtbar ist.

Die ursprüngliche einmanualige Orgel aus dem Jahr 1672 befand sich bis 1913 über dem Altar und wurde dann unter Beibehaltung der barocken Grundstimmung und ihres Standortes erneuert und 1970 grundlegend restauriert.

Die Kanzel an der rechten Längsseite der Kirche und die sogenannte „Männerempore“ auf der linken Seite mit der darunter befindlichen Loge für den Gutsherrn geben dem Kirchenbau eine gewisse Weite, zumal die Emporenbrüstung seit 1880 mit den Wappen der Klenckes geschmückt ist. Neben der Kanzel befindet sich das Epitaph der Schlosserbauer Jürgen Klencke und Anna von Holle mit einem Rundgemälde, das Lucas Cranach zugeschrieben wird.

Heutige Nutzung[Bearbeiten]

An besonderen Feiertagen wird der 1604 von Anne und Georg Klencke gestiftete, reich mit Figuren aus der Glaubenslehre und Edelsteinen besetzte Abendmahlskelch und die dazugehörende schlichte Patene verwendet. Beide sind aus vergoldetem Silber.

Die St. Marienkirche kann samstags und sonntags von 15 bis 17 Uhr unter Aufsicht kostenfrei besichtigt werden. Mit der zeitlichen Einschränkung soll Diebstählen der Innenausstattung, wie sie in der Vergangenheit vorgekommen sind, vorgebeugt werden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Thorsten Albrecht: Die Hämelschenburg. Ein Beispiel adliger Schloßbaukunst des späten 16. und frühen 17. Jahrhundert im Weserraum. Jonas-Verlag, Marburg 1995, ISBN 3-89445-172-6
  • Joachim Bühring u.a.: Die Kunstdenkmäler des Landes Hameln-Pyrmont im Regierungsbezirk Hannover. Niedersächsisches Landesverwaltungsamt, Hannover 1975
  • Adolf Kleine: Die Kirche in Hämelschenburg (1563–1963). Pferdehirt, Barntrup 1963
  • Heinrich Thies: Artikel Gespensterfreies Märchenschloss in Hannoversche Allgemeine Zeitung, ohne Datum, zuletzt abgerufen am 21. März 2012
  • Ernst Andreas Friedrich: Die Hämelschenburg im Emmertal, S. 116–118, in: Wenn Steine reden könnten, Band II, Landbuch-Verlag, Hannover 1992, ISBN 3-7842-0479-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 194.
  2. Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 14. September 2013, Seite 7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schloss Hämelschenburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

52.0283333333339.3444444444444Koordinaten: 52° 1′ 42″ N, 9° 20′ 40″ O