Sternstunden der Menschheit

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Sternstunden der Menschheit ist eine Sammlung von zuletzt 14 historischen Miniaturen, verfasst von Stefan Zweig, die von historischen Begebenheiten erzählen, deren Auswirkungen die Geschichte der Menschheit verändert haben. Die Texte sind keine historischen Analysen, sondern novellistisch zugespitzte Erzählungen, in deren Mittelpunkt jeweils eine biografisch überhöhte Person steht. Zweig schreibt erläuternd im Vorwort:

„Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte. […] Ich habe sie so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen.“

Die Sammlung erschien zunächst mit fünf Miniaturen als Nummer 165/2 der Insel-Bücherei im Leipziger Insel Verlag Ende 1927[1], wo sie in dieser Form noch heute im Verlagsprogramm präsent ist.

Gliederung[Bearbeiten]

Die in der Insel-Bücherei als Nr. 165/2 mit dem Titelzusatz Fünf historische Miniaturen erschienene Erstausgabe aus dem Jahr 1927 enthielt nur fünf Texte:

Nr. Titel Inhalt Jahr
1 Die Weltminute von Waterloo General Grouchys vergeblicher Versuch, Napoléon zu Hilfe zu kommen 1815
2 Die Marienbader Elegie Goethes unerfüllte Liebe zu Ulrike von Levetzow 1821
3 Die Entdeckung Eldorados Erschließung großer Teile Kaliforniens durch Johann August Sutter (eigentlich Suter) und Zerstörung seines Besitzes durch den Goldrausch 1848
4 Heroischer Augenblick Fjodor Dostojewskis Begnadigung vor seiner geplanten Hinrichtung 1849
5 Der Kampf um den Südpol Robert Scotts gescheiterte Südpol-Expedition 1912

Postum kamen 1943 die folgenden sieben Texte hinzu:

Nr. Titel Inhalt Jahr
1 Flucht in die Unsterblichkeit Entdeckung des Pazifiks durch Balboa 1513
2 Die Eroberung von Byzanz Belagerung von Konstantinopel und Eroberung durch die Osmanen 1453
3 Georg Friedrich Händels Auferstehung Entstehung des Oratoriums Messias 1741
4 Das Genie einer Nacht Rouget de Lisle komponiert die Marseillaise 1792
5 Das erste Wort über den Ozean Verlegung des ersten Transatlantischen Kabels auf Initiative des New Yorker Kaufmanns Cyrus W. Field 1858
6 Die Flucht zu Gott Leo Tolstois Tod 1910
7 Der versiegelte Zug Lenins Rückkehr nach Russland 1917

In heutigen Ausgaben kann man zudem zwei weitere Texte finden, die auch bereits in einer englischen Ausgabe von 1940 enthalten waren

Nr. Titel Inhalt Jahr
1 Cicero
(The Head on the Rostrum)
Marcus Tullius Ciceros Einsatz für die Wiederherstellung der Republik nach der Ermordung Cäsars 43 v. Chr.
2 Wilson versagt
(Wilson's Failure)
Scheitern des US-Präsidenten Woodrow Wilson bei den Verhandlungen um den Friedensvertrag von Versailles 1919

Die Miniaturen sind in der Regel novellenartig aufgebaut und verstehen sich nicht als historische Analysen, sondern als die zugespitzte Darstellung von Ereignissen, in denen sich eine historische Persönlichkeit zu bewähren hat. Nicht immer bleibt Zweig dabei der historischen Faktenlage treu, sondern ordnet diese im Zweifelsfall seinem heroischen Geschichtsbild unter.

Von der Novellenform weichen zwei Texte ab: Heroischer Augenblick ist als dramatisches Gedicht geschrieben, Die Flucht zu Gott als ein Epilog zu Und das Licht scheinet in der Finsternis, einem Dramafragment Tolstois.

Inhalt[Bearbeiten]

Die Weltminute von Waterloo[Bearbeiten]

  • Untertitel: Napoleon
  • Datum: 18. Juni 1815
Gliederung
  1. Grouchy
  2. Die Nacht in Caillou
  3. Der Morgen von Waterloo
  4. Der Fehlgang Grouchys
  5. Weltgeschichte in einem Augenblick
  6. Der Nachmittag von Waterloo
  7. Die Entscheidung
  8. Rücksturz ins Tägliche

Marschall Emmanuel de Grouchys vergeblicher Versuch, Napoléon Bonaparte zu Hilfe zu kommen, ist der Moment am 18. Juni 1815, als sich Grouchy stur an seine Befehle hielt statt kühn loszureiten und Napoléon zu retten.

Er befolgte stur seinen Auftrag, den preußischen Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher zu verfolgen und eilte nicht nach Waterloo, wo Kanonendonner zu hören war. So kam er dem bedrängten Napoléon nicht zur Hilfe und suchte vergebens Blücher, der schon längst in Waterloo eingetroffen war.

Der Schriftsteller Arnold Bauer schreibt in seiner Zweig-Biografie zu dieser Miniatur:

„Eine vergleichsweise unbedeutende Episode, wie das Versagen Grouchys als Kommandeur der französischen Nachhut, wird vom Dichter als auslösende Schicksalslawine von Napoleons Untergang gedeutet (als ob nicht das Ende Napoleons bereits durch die europäischen Machtverhältnisse besiegelt gewesen wäre).“[2]


Die Marienbader Elegie[Bearbeiten]

  • Untertitel: Goethe zwischen Karlsbad und Weimar
  • Datum: 3. September 1823

Die Marienbader Elegie ist ein Liebesgedicht, welches Goethes unerfüllte Liebe zu Ulrike von Levetzow behandelt.

Die Geschichte beginnt mit Goethe in der Kutsche zwischen Karlsbad und Weimar am 5. September 1823. Folge dieser späten Liebe Goethes mit Mitte 70 gegeben kann als Scheitelpunkt seines Schaffens bezeichnet werden, die ihn zu seinem Alterswerk animierte.

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zugrunde.
(Auszug aus der Marienbader Elegie)


Die Entdeckung Eldorados[Bearbeiten]

  • Untertitel: J. A. Suter, Kalifornien
  • Datum: Januar 1848
Gliederung
  1. Der Europamüde
  2. Der Marsch nach Kalifornien
  3. Neu-Helvetien
  4. Der verhängnisvolle Spatenstich
  5. Der Rush
  6. Der Prozess
  7. Das Ende

Dieses Kapitel handelt von der Erschließung großer Teile Kaliforniens durch Johann August Sutter und die Zerstörung seines Besitzes durch den Kalifornischen Goldrausch.

Beim Bau der Sägemühle Sutter’s Mill im Januar 1848 finden Arbeiter um James W. Marshall Gold im Sand der Baugrube. Eigentlich gehört Sutter alles Land rund um den Fundort, doch werden seine Rechte von den aus den ganzen USA hinzuströmenden Goldsuchern ignoriert.

Sutter verliert alles und verarmt völlig. Ihm gelingt zwar vor Gericht die Durchsetzung eines Rechtsanspruches auf Schadenersatz, aber zu dessen tatsächlicher Erfüllung kommt es nie.

Heroischer Augenblick[Bearbeiten]

  • Untertitel: Dostojewski, Petersburg, Semenowskplatz
  • Datum: 22. Dezember 1849

Heroischer Augenblick handelt von Fjodor Dostojewskis Begnadigung vor seiner geplanten Hinrichtung.

Zweig beschreibt Dostojewskis Verhaftung:

Nachts haben sie ihn aus dem Schlaf gerissen,
Säbel durchklirren die Kasematten.
Stimmen befehlen; im Ungewissen
Zucken gespenstisch drohende Schatten.

Dostojewski steht auf dem Semenowskplatz in Sankt Petersburg bereits vor dem Erschießungskommando, als das Todesurteil in letzter Sekunde durch Zar Nikolaus I. zu vier Jahren Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien, mit anschließender Militärdienstpflicht abgewandelt wird.

Durch die Begnadigung konnte Dostojewski seine Werke schreiben und seinen Einfluss auf die Literatur ausüben. Zweig vergleicht diese Grenzerfahrung mit der Situation Jesu am Kreuz:

Und ihm wird klar,
Dass er in dieser einen Sekunde
Jener andere war,
Der vor tausend Jahren am Kreuze stand,
Und dass er, wie Er,
Seit jenem brennenden Todeskuss
Um des Leidens das Leben liebhaben muss.


Der Kampf um den Südpol[Bearbeiten]

Robert Scott mit seinen Leuten am Südpol
  • Untertitel: Kapitän Scott, 90. Breitengrad
  • Datum: 16. Januar 1912
Gliederung
  1. Der Kampf um die Erde
  2. Scott
  3. Universitas antarctica
  4. Aufbruch zum Pol
  5. Der Südpol
  6. Der sechzehnte Januar
  7. Der Zusammenbruch
  8. Die Briefe des Sterbenden
  9. Die Antwort

Der Kampf um den Südpol erzählt von Robert Scotts tragisch gescheiterter Südpol-Expedition. Als Scott am 16. Januar 1912 den Pol erreicht, muss er feststellen, dass er nur Zweiter ist. Vor ihm war schon der Norweger Roald Amundsen am Südpol. Zweig beschreibt den Mann als Sinnbild des zu spät Gekommenen und dessen tragischen Tod „in einer Menschheit, für die der erste alles ist und der zweite nichts“.

Flucht in die Unsterblichkeit[Bearbeiten]

Statue Balboas in Madrid
  • Untertitel: Die Entdeckung des Pazifischen Ozeans
  • Datum: 25. September 1513
Gliederung
  1. Ein Schiff wird ausgerüstet
  2. Der Mann in der Kiste
  3. Gefährlicher Aufstieg
  4. Flucht in die Unsterblichkeit
  5. Unvergänglicher Augenblick
  6. Gold und Perlen
  7. Selten gewähren die Götter…
  8. Der Untergang

Flucht in die Unsterblichkeit erzählt von der Entdeckung des Pazifiks durch den Abenteurer Vasco Núñez de Balboa, der über die Einheimischen von einem im Westen liegenden Ozean erfuhr. 190 Soldaten erklärten sich bereit, ihm zu folgen. Unter ihnen befand sich auch Francisco Pizarro. Nach drei Wochen waren von den 190 Soldaten nur noch 69 übrig.

Tatsächlich gelang es ihm am 25. September 1513 von einem Bergrücken in Panama eine große Wasserfläche zu erblicken. Keiner sollte ihm folgen, denn diesen ersten Blick auf den unbekannten Ozean wollte er mit keinem teilen. Er war damit der erste Europäer, der Atlantik und Pazifik gleichzeitig sah.

Die Eroberung von Byzanz[Bearbeiten]

Fausto Zonaro: Mehmed II. befiehlt, die Schiffe über das Land in die Meerengen zu bringen
  • Datum: 29. Mai 1453
Gliederung
  1. Erkenntnis der Gefahr
  2. Die Messe der Versöhnung
  3. Der Krieg beginnt
  4. Die Mauern und die Kanonen
  5. Noch einmal Hoffnung
  6. Die Flotte wandert über den Berg
  7. Europa, hilf!
  8. Die Nacht vor dem Sturm
  9. Die letzte Messe in Hagia Sophia
  10. Kerkaporta, die vergessene Tür
  11. Das Kreuz stürzt nieder

Die Eroberung von Byzanz erzählt von der Belagerung von Konstantinopel und Eroberung durch die Osmanen unter Sultan Mehmed II. am 29. Mai 1453, die durch eine vergessene Pforte in die Stadt eindringen konnten, die allen offenen Angriffen widerstanden hatte. Zweig gibt Resteuropa die Schuld, Byzanz im Stich gelassen zu haben.

Ob Zweigs Schilderung richtig ist, lässt sich nicht klären, denn über den Durchbruch der Janitscharen existieren verschiedene Berichte. In der christlichen Geschichtsschreibung gelangten sie über eine kleine, unverschlossene Ausfallpforte, der sogenannten Kerkoporta, in die Stadt. Osmanische Chronisten heben jedoch als Hauptgrund für den Sieg der Janitscharen deren Disziplin hervor.

Georg Friedrich Händels Auferstehung[Bearbeiten]

  • Datum: 21. August 1741

Die Miniatur Georg Friedrich Händels Auferstehung beschreibt als phantasmagorische Erzählung die Entstehung des Oratoriums Messias im August des Jahres 1741 vollkommen unhistorisch und fiktiv.

Händel war nach einem Schlaganfall so schwer erkrankt, dass ihn die Ärzte fast aufgegeben hatten. Doch er gesundete nach einer Kur in Aachen wieder und schuf -- nach der Erzählung Zweigs -- sein bekanntestes Werk wie in einem Rausch.

Die Idee für den Messiah ging von Charles Jennens aus, der vorher schon das Libretto für das Oratorium Saul geschrieben hatte. Händel wollte eigentlich in der Saison 1741/42 nichts unternehmen. In der Saison davor war sein letzter Versuch gescheitert, mit Imeneo und Deidamia seine italienischen Opern fortzuführen. Der berühmteste Satz des Oratoriums ist das Halleluja, das den zweiten der drei Teile beschließt.

Das Genie einer Nacht[Bearbeiten]

Isidore Pils: Rouget de Lisle chantant la Marseillaise
  • Untertitel: Die Marseillaise
  • Datum: 25. April 1792

Das Genie einer Nacht ist der junge Franzose Rouget de Lisle, der am 25. April 1792 die Marseillaise, die spätere französische Nationalhymne, schrieb, die dann verspätet ihren Siegeszug antrat.

Rouget de Lisle dichtete und komponierte sie in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 während der Kriegserklärung an Österreich im elsässischen Straßburg als Kriegslied der französischen Rheinarmee unter dem Titel „Chant de guerre pour l'armée du Rhin“ (Kriegslied für die Rheinarmee).

Das Lied wurde später zum Revolutionslied, und zwar unter dem Namen Marseillaise, weil es von Soldaten aus Marseille beim Einzug in Paris gesungen wurde.

Französischer Originaltext Deutsche Übersetzung
Allons enfants de la Patrie,
Le jour de gloire est arrivé!
Contre nous de la tyrannie,
L’étendard sanglant est levé.(2x)
Entendez-vous dans les campagnes
Mugir ces féroces soldats?
Ils viennent jusque dans vos bras
Egorger vos fils, vos compagnes.
Auf, Kinder des Vaterlands!
Der Tag des Ruhms ist da.
Gegen uns wurde der Tyrannei
Blutiges Banner erhoben. (2 x)
Hört ihr im Land
Das Brüllen der grausamen Krieger?
Sie rücken uns auf den Leib,
Eure Söhne, Eure Ehefrauen zu köpfen!
Refrain:
Aux armes, citoyens,
Formez vos bataillons,
Marchons, marchons!
Qu’un sang impur
Abreuve nos sillons!
(bis)
Refrain:
Zu den Waffen, Bürger!
Schließt die Reihen,
Vorwärts, marschieren wir!
Das unreine Blut
tränke unserer Äcker Furchen!
(wiederholen)

Rouget de Lisle selbst war kein Anhänger der Revolution und verbrachte sogar aufgrund seiner royalistischen Gesinnung einige Zeit im Gefängnis.

Das erste Wort über den Ozean[Bearbeiten]

Darstellung des Kabelrisses
  • Untertitel: Cyrus W. Field
  • Datum: 28. Juli 1858
Gliederung
  1. Der neue Rhythmus
  2. Die Vorbereitung
  3. Der erste Start
  4. Missgeschick
  5. Noch einmal Missgeschick
  6. Die dritte Fahrt
  7. Das große Hosianna
  8. Das große Crucifige
  9. Sechs Jahre Schweigen

Das erste Wort über den Ozean wurde nach der Verlegung des ersten Transatlantischen Kabels gesprochen und ist dem New Yorker Kaufmann Cyrus W. Field zu verdanken, der der Sache sein ganzes Leben widmete und am 28. Juli 1858 mit der Verlegung des ersten funktionsfähigen Telegraphenkabels zwischen Neufundland und Irland begann.

Zweig beschreibt die zahlreichen technischen Probleme. Das Laden des Kabels allein nahm fünf Monate in Anspruch. Der Segeldampfer Great Eastern legte von 1865 an 4.200 km des Transatlantikkabels, wobei es einige Zwischenfälle gab. So riss das Kabel und ging verloren. Auch wurde das erste fertige Kabel nach wenigen Betriebswochen unbrauchbar, wahrscheinlich auf Grund von Isolationsproblemen.

Die Flucht zu Gott[Bearbeiten]

Bahnhof von Astapowo, heute Bahnhof Leo Tolstoi
  • Untertitel: Ein Epilog zu Leo Tolstois unvollendetem Drama Und das Licht scheinet in der Finsternis
  • Datum: Ende Oktober 1910
Gliederung
  1. Einleitung
  2. Gestalten des Epilogs
  3. Erste Szene
  4. Zweite Szene
  5. Dritte Szene

Die Flucht zu Gott nennt Zweig seinen Epilog zu Leo Tolstois unvollendetem Drama Und das Licht scheinet in der Finsternis, in dem er Tolstois letzte Tage im Herbst des Jahres 1910 beschreibt. Der Titel ist ein Zitat aus dem ersten Kapitel des Evangeliums nach Johannes. Dort heißt es im 5. Vers: „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.“

Tolstoi war sich unschlüssig, wie er den Konflikt zwischen seinem Wunsch nach Besitzlosigkeit und seinem Leben als Gutsbesitzer lösen sollte. Am 10. November 1910 brach er mit 82 Jahren auf und verließ seine Familie, um ein Leben in Askese zu führen. Doch unterwegs wurde er krank und starb in der Wohnung eines Bahnwärters.

Der versiegelte Zug[Bearbeiten]

Lokomotive von Lenins Zug
  • Untertitel: Lenin
  • Datum: 3. Apriljul./ 16. April 1917greg.
Gliederung
  1. Der Mann, der bei dem Flickschuster wohnt
  2. Erfüllung …
  3. … und Enttäuschung
  4. Durch Deutschland: Ja oder nein?
  5. Der Pakt
  6. Der plombierte Zug
  7. Das Projektil schlägt ein

Der versiegelte Zug ist der Zug, in dem Lenin am 27. Märzjul./ 9. April 1917greg. die Schweiz verlässt und nach Russland reist, um in die Russische Revolution einzugreifen.

Nach der Februarrevolution 1917 kehrten Lenin und andere prominente Kommunisten mit Unterstützung der deutschen Obersten Heeresleitung aus der Schweiz über Deutschland, Schweden und Finnland nach Russland zurück. Sie fuhren in einem versiegelten Zug, der zu exterritorialem Gebiet erklärt worden war.

Die umjubelte Rückkehr Lenins nach Russland am 3. Apriljul./ 16. April 1917greg. änderte die Situation grundlegend. Sein Programm umfasste auch die sofortige Beendigung des Krieges. Zweig schreibt im letzten Abschnitt dieser Miniatur:

„Und wie Wladimir Ilitsch Ulianow jetzt heraustritt, ist der Mann, der vorgestern noch bei dem Flickschuster gewohnt, schon von Hunderten Händen gefaßt und auf ein Panzerautomombil gehoben. Scheinwerfer von den Häusern und der Festung sind auf ihn gerichtet und von dem Panzerautomombil herab hält er seine erste Rede an das Volk. Die Straßen beben, und bald haben die ‚zehn Tage, die die Welt erschüttern‘, begonnen. Das Geschoß hat eingeschlagen und zertrümmert ein Reich, eine Welt.“[3]


Cicero[Bearbeiten]

Cicero, Stich nach einem römischen Original
  • Englischer Originaltitel: The Head on the Rostrum
  • Datum: 43 v. Chr.

Dieses Kapitel beschreibt Marcus Tullius Ciceros Reaktion auf Cäsars Ermordung und seinen Versuch die Republik wieder zu etablieren.

Dieser Text über das Verhältnis der Menschen zur Diktatur hatte einen aktuellen Bezug zum Nationalsozialismus. Zweig selbst schrieb in einem Brief an den österreichischen Schriftsteller Felix Braun aus seinem Londoner Exil:

„Geschrieben habe ich nichts außer mein Tagebuch (wie im andern Kriege) und eine Sternstunde über den Tod des Cicero bereite ich ein bißchen vor: auch einer, der der Diktatur erlag, der von Ordnung träumte und auf dem Recht beharrte.“[4]


Wilson versagt[Bearbeiten]

Woodrow Wilson, von 1913 bis 1921 der 28. Präsident der Vereinigten Staaten
  • Originaltitel: Wilson's Failure
  • Datum: 1919–1921

Zweig beschreibt hier, wie der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson versagt, als er nach dem Ersten Weltkrieg eine friedliche Weltordnung schaffen will. Wilson fuhr begleitet von den Hoffnungen vieler Völker nach Europa, doch bei den Verhandlungen um den Friedensvertrag von Versailles wird so heftig um nationale Vorteile geschachert, dass das Versagen des Völkerbundes programmiert ist.

Rezeption[Bearbeiten]

Bereits die Erstausgabe im Jahr 1927 wurde ein überraschend großer Erfolg. Bis zum Ende des Jahres 1928 waren 130.000 Exemplare des Insel-Buchs in sieben Auflagen verkauft. Ab 1936 durfte der Titel im Dritten Reich wegen Zweigs jüdischer Herkunft nicht mehr verkauft werden.[5] Stattdessen wurde die IB-Nummer 165 anders belegt: mit Hanns Bechsteins Michelangelo. Sibyllen und Propheten. 24 farbige Bilder nach den Fresken in der Sixtinischen Kapelle.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte der Insel Verlag wieder zum ursprünglichen Titel zurück – im Jahr 2006 erschien die 50. Auflage. Das Leipziger Verlagshaus in der DDR ließ zunächst das Vorwort Zweigs weg und ersetzte dann 1975 die Sternstunden in der Insel-Bücherei durch den ursprünglichen Reihentitel mit der Nummer 165: Schillers Merkwürdige Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585.

2013 erschienen verstärkt Ausgaben der 14 historischen Miniaturen von verschiedenen Verlagen, da die urheberrechtliche Schutzfrist von Stefan Zweig, der 1942 verstarb, mit Ablauf des Jahres 2012 ausgelaufen war.

Heute gilt das Buch als klassische Schullektüre und ist neben der Schachnovelle das am meisten im Unterricht besprochene Buch Zweigs: „Seinen Ruhm aber hat dieses Buch vor allem begründet, weil diese Darstellung nun schon Generationen zu einem wirklichen, fast unmittelbaren Verständnis für Geschichte, der politischen ebenso wie der der Entdeckungen und der künstlerischen Leistungen, verholfen hat.“[6]

Der Titel wurde zum Vorbild für viele andere Bücher, darunter:

  • Bernhard Maier: Sternstunden der Religion: Von Augustinus bis Zarathustra
  • Otto A. Böhmer: Sternstunden der Philosophie: Von Platon bis Heidegger
  • Thomas Bührke: Sternstunden der Physik: Von Galilei bis Heisenberg
  • Susanna Partsch: Sternstunden der Kunst: Von Nofretete bis Andy Warhol
  • Alexander Demandt: Sternstunden der Geschichte: Von Babylon bis Berlin

Kritik[Bearbeiten]

Kritisiert wird, dass das Scheitern eines Menschen in einem entscheidenden Moment zur Sternstunde hochstilisiert wird (z. B. Grouchy, Suter und Scott). Der Schriftsteller Arnold Bauer schreibt dazu in seiner Zweig-Biografie:

„Aber Stefan Zweig sucht die sensationelle ‚Enthüllung‘. Bislang kaum beachtete Einzelheiten rangieren vordergründig.“[2]

Einige Quellen begründen Zweifel an Zweigs Wiedergabe der historischen Gegebenheiten, weil er zum Beispiel bei der Eroberung von Konstantinopel eine nicht eindeutig gesicherte Version vom vergessenen Tor Kerkaporta erzählt.

Gelobt wird aber Zweigs eindringliche Sprache, die Geschichte lebendig und nacherlebbar macht, wenn auch Zweig manchmal zu enthusiastisch schreibt. Arnold Bauer schreibt dazu:

„Stefan Zweig war mitunter von seiner eigenen Begeisterung ergriffen. Das offenbart sich sprachlich besonders in den Sternstunden in der Wahl von Superlativen und superlativischen Begriffen. Mitunter scheint die höchste Steigerungsform zum bewußten Stilmittel erhoben.“[2]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Neue Bücher aus dem Insel-Verlag zu Weihnachten 1927, Insel Verlag o.J., S. 8 (Werbeschrift)
  2. a b c Arnold Bauer: Stefan Zweig. Morgenbuch Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-371-00401-5
  3. Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit: Vierzehn historische Miniaturen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1964, ISBN 3-10-097051-9
  4. Stefan Zweig in einem undatierten Brief an Felix Braun, vermutlich Herbst 1939
  5. Heinz Sarkowski: Die Insel-Bücherei unter dem Hakenkreuz, in: Insel-Bücherei. Mitteilungen für Freunde. Nummer 22, S. 5 ff.
  6. Susanne Limmroth Kranz in http://buch.germanblogs.de/archive/2006/10/19/8sl75s7wmfba.htm

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]