Tess von den d’Urbervilles

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Tess von den d’Urbervilles: Eine reine Frau, in einer neuen Übersetzung auch kurz: Tess (im englischen Original: Tess of the d’Urbervilles: A Pure Woman Faithfully Presented), ist ein Roman des englischen Schriftstellers Thomas Hardy, der 1891 erschien. Hardys vorletzter Roman, gefolgt von Herzen im Aufruhr (engl.: Jude the Obscure), zählt heute zu den großen Klassikern der englischen Literatur,[1] zu seiner Zeit war die Aufnahme bei Kritik und Publikum gemischt, zum Teil, weil Hardys Position die rigide Sexualmoral seiner Zeit in Frage stellte.[2]

Inhalt[Bearbeiten]

Teil 1: The Maiden (Kapitel 1 bis 17)[Bearbeiten]

Tess ist das älteste Kind von John „Jack“ und Joan Durbeyfield, einfachen und ungebildeten Landarbeitern. Eines Tages erfährt John vom Pfarrer Tringham beiläufig, er sei eigentlich adliger Herkunft. Tringham, dessen Steckenpferd die Ahnenforschung ist, hat herausgefunden, dass „Durbeyfield“ eine Abwandlung von „D'Urberville“ sei, der Name einer vornehmen, inzwischen ausgestorbenen normannischen Familie. Die achtlose Bemerkung des Pfarrers steigt John sofort zu Kopfe.

Am selben Tag nimmt Tess am Maitanz des Dorfes teil, wo sie kurz Angel Clare trifft, den jüngsten Sohn des Reverends James Clare, der sich auf einer Wanderung mit seinen beiden Brüdern befindet. Er hält an, um mitzutanzen und findet in einigen anderen Mädchen bereitwillige Tanzpartnerinnen. Obwohl Angel Tess’ Schönheit bemerkt, fordert er sie nicht zum Tanz auf.

Tess’ Vater, ausgelassen über die Neuigkeit seiner edlen Abkunft, betrinkt sich an diesem Abend zu stark, um in der Nacht zum entfernten Markt zu fahren, so dass Tess diese Aufgabe übernimmt, obwohl auch sie angesichts des Maitanzes nicht in der angemessenen Verfassung ist. Sie schläft während der Fahrt an den Zügeln ein, ihr Kutschpferd gerät in den Weg eines entgegenkommenden Fahrzeugs und wird getötet. Der Verlust des einzigen Zugtieres ist für die Durbeyfields ein wirtschaftliches Desaster, und Tess fühlt sich schuldig am Tod des Pferdes. Daher gibt sie dem Drängen der Mutter nach und willigt ein, Mrs. d'Urberville zu besuchen - eine reiche Witwe, die in dem nahen Ort Trantridge lebt. Tess soll dort die Verwandtschaft der Familien anmahnen und möglichst Unterstützung für die Durbeyfields erreichen. Sie weiß nicht, dass Mrs. d'Urberville keinerlei Verwandtschaft mit den alten d’Urbervilles hat; ihr verstorbener Mann, Simon Stoke, ein Glücksritter aus dem Norden Englands, hatte den Titel und Namen einst unter zweifelhaften Umständen übernommen.

Tess trifft in Trantridge nicht die alte Mrs. d’Urberville an, sondern ihren Sohn Alec, einen zynischen Freigeist. Alec findet Geschmack an der schönen Tess und verschafft ihr eine Stelle als Geflügelhüterin auf dem Gut der d’Urbervilles. Er macht wiederholt Annäherungsversuche, aber Tess, wenngleich geschmeichelt, widersteht ihm. Eines Abends spät, als Tess mit anderen Dörflern aus Trantridge von einem abendlichen Ausflug in die Stadt heimkehrt, kommt es zum handgreiflichen Zusammenstoß zwischen Tess und Car Darch, der jüngst verstoßenen Geliebten von Alec. Alec erscheint zu Pferd und „rettet“ sie aus der misslichen Lage. Er bringt sie allerdings nicht heim, sondern reitet mit ihr ziellos durch den Nebel, bis sie zu einer alten Höhle kommen. Hier eröffnet Alec ihr, dass sie sich verirrt hätten. Alec macht sich zu Fuß auf die Suche nach Hilfe, während Tess allein zurückbleibt und erschöpft einschläft, zugedeckt mit dem Mantel, den er ihr überlassen hat. Alec kehrt nach einiger Zeit allein zurück, und es bleibt dem Leser überlassen, zu entscheiden, ob er sie anschließend vergewaltigt oder verführt.

Teil 2: Maiden No More (Kapitel 17 bis 20)[Bearbeiten]

Nach einigen Wochen verwirrter Tändelei mit Alec beginnt Tess, ihn zurückzuweisen. Gegen seinen Wunsch kehrt sie zurück ins Haus ihres Vaters, wo sie sich in ihrem Zimmer verbirgt. Im nächsten Sommer gebiert sie einen kränklichen Sohn, der nur einige Wochen zu leben hat. An seinem letzten Abend tauft ihn Tess selbst, nachdem der Ortspfarrer seine Unterstützung verweigert. Sie gibt ihm den Namen „Sorrow“ (Sorge). Ihr stolzer Vater versperrt die Tür, um zu verhindern, dass sie nach dem Pfarrer ruft. Tess begräbt Sorrow in ungeweihter Erde und legt Blumen in einem Marmeladentopf auf sein Grab.

Teil 3: The Rally (Kapitel 20 bis 24)[Bearbeiten]

Mehr als zwei Jahre nach den Ereignissen in Trantridge ist Tess, jetzt zwanzig Jahre alt, bereit für einen Neuanfang. Sie sucht sich Arbeit fern von ihrem Dorf, wo man ihre Vergangenheit nicht kennt. Sie findet eine Anstellung als Milchmädchen auf einem Hof in Talbothays, wo sie für Mr. und Mrs. Crick arbeitet. Sie freundet sich dort mit drei anderen Milchmädchen an und begegnet erneut Angel Clare, der als eine Art Praktikant in Talbothays die Führung eines großen Milchhofes studiert. Zwar sind die anderen Milchmädchen sehnsuchtsvoll-schwärmend verliebt in Angel, doch dieser interessiert sich mehr und mehr für Tess, und die beiden verlieben sich ineinander.

Teil 4: The Consequence (Kapitel 25 bis 34)[Bearbeiten]

Angel verbringt einige freie Tage zu Besuch bei seiner Familie in Emminster. Seine Brüder Felix und Cuthbert, die beide eine kirchliche Laufbahn eingeschlagen haben, bemerken Angels gröberes Benehmen, während er seine Brüder als farblos und engstirnig empfindet. Nach der Abendandacht diskutiert Angel mit seinem Vater seine Heiratsaussichten. Die Clares haben für Angel eine Heirat mit Mercy Chant im Sinn, einer frömmelnden Lehrerin; aber Angel vertritt die Auffassung, eine Frau, die das Bauernleben versteht, wäre eine sinnvollere Wahl. Er erzählt seinen Eltern von Tess, und sie wollen sie treffen. Sein Vater berichtet von seinen Bemühungen, die örtliche Bevölkerung zu bekehren und erwähnt sein Scheitern bei einem jungen Tunichtgut namens Alec d'Urberville.

Angel kehrt zum Milchhof Talbothays zurück und macht Tess einen Heiratsantrag. Das versetzt Tess in ein schmerzhaftes Dilemma. Angel hält sie offenkundig für eine Jungfrau und, auch wenn sie ihn nicht betrügen will, schreckt sie davor zurück, ihm ihre Vergangenheit zu offenbaren, aus Angst, seine Liebe und Bewunderung zu verlieren. Ihre Leidenschaft für ihn ist so stark, dass sie nach langem Hin und Her in die Heirat einwilligt und ihm „beichtet", sie sei so zögerlich gewesen, weil sie gehört habe, er hasse alte Familien und würde ihre Herkunft als d'Urberville missbilligen. Er aber nimmt diese Nachricht hocherfreut auf, weil er glaubt, ihre edle Herkunft würde Tess für seine Familie akzeptabler machen.

Je näher die Hochzeit naht, desto aufgewühlter wird Tess. Sie schreibt ihrer Mutter um Rat; Joan empfiehlt ihr, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ihre Sorge steigt, als ein Mann aus Trantridge namens Groby sie erkennt, als sie mit Angel beim Einkaufen ist, und sie mit Andeutungen über ihre Vergangenheit belästigt. Angel bekommt das mit und verfällt gegenüber Groby in einen groben Jähzorn, der für ihn sonst völlig untypisch ist. Tess beschließt, Angel nicht mehr zu belügen und schreibt ihm einen Brief, in dem sie ihre Vergangenheit mit d'Urberville erklärt; sie schiebt den Brief unter seiner Schlafzimmertür durch. Als Angel sie am nächsten Morgen mit unveränderter Zuneigung begrüßt, erkennt sie, dass der Brief in seinem Zimmer unter dem Teppich gelandet ist. Angel hat ihn nicht gelesen. Sie zerstört ihn.

Die Heirat verläuft störungsfrei, obwohl Tess viele böse Zeichen bemerkt (ein Hahn kräht am Nachmittag, und die alte Kutsche der d’Urbervilles, Gegenstand einer gruseligen Sage, taucht auf). Tess und Angel verbringen ihre Hochzeitsnacht in einem ehemaligen Herrschaftshaus der d’Urbervilles, das jetzt als Gasthaus fungiert. Angel gibt Tess Diamantschmuck, der seiner Patentante gehört hat und gesteht ihr, dass er einst in London eine kurze Affaire mit einer älteren Frau gehabt hat. Als sie dieses Geständnis hört, fühlt Tess sich sicher, dass Angel ihre eigene Verfehlung auch vergeben wird, und erzählt ihm die ganze Geschichte ihrer Beziehung mit Alec.

Teil 5: The Woman Pays (Kapitel 35 bis 44)[Bearbeiten]

Entgegen ihrer Vermutung ist Angel von Tess’ Geständnis entsetzt. Er verbringt den Rest der Hochzeitsnacht auf dem Sofa. Auch wenn Tess von seiner Reaktion tief getroffen ist, akzeptiert sie seine plötzliche Entfremdung als verdient. Nach einigen schrecklichen, unbehaglichen Tagen miteinander, schlägt sie die Trennung vor, und erzählt ihrem Mann, dass sie zu ihren Eltern zurückkehren werde. Angel gibt ihr etwas Geld und verspricht ihr, er werde versuchen, sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen, bittet sie aber, ihrerseits keinen Kontakt mit ihm zu suchen, bis er sie aufsuche. Nach einem kurzen Besuch bei seinen Eltern nimmt Angel ein Schiff nach Brasilien, um dort eine neue Existenz zu gründen. Die offizielle Sprachregelung gegenüber der Öffentlichkeit ist, dass Angel vorab allein nach gemeinsamen Existenzmöglichkeiten sucht und Tess dann nach seiner Rückkehr mit nach Brasilien nehmen will.

Vor seiner Abfahrt trifft er noch Izz Huett, eins der Milchmädchen, auf der Straße und bittet sie, einem Impuls folgend, mit ihm als seine Geliebte nach Brasilien zu kommen. Sie willigt ein, doch als er sie fragt, wie sehr sie ihn liebe, gesteht sie: „Niemand könnt Euch mehr lieben als Tess. Sie hätt ihr Leben für Euch hingegeben. Mehr könnt ich auch nicht.“ Als er das hört, gibt er den Gedanken auf, und Izz geht bitterlich weinend heim, während Angel allein nach Brasilien fährt.

So beginnt eine trostlose Zeit für Tess. Sie kehrt nach Hause zurück, aber findet dort keinen rechten Platz. So entscheidet sie, sich zu Marian und Izz zu gesellen, die auf einem öden, ärmlichen Bauernhof namens Flintcombe-Ash ein karges Auskommen als Mägde gefunden haben. Auf dem Weg dorthin wird sie von einem Bauern namens Groby erkannt und beleidigt - dem Mann, der sie in Gesellschaft Angels schon einmal zur Rede gestellt hatte. Dieser Mann stellt sich als ihr Arbeitgeber heraus. Auf dem Hof arbeiten die drei ehemaligen Milchmädchen sehr hart unter schlimmen Arbeitsbedingungen. Die Lage von Tess wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der Bauer Groby ihr das Leben nach Kräften schwer macht.

Im Winter nutzt Tess einen arbeitsfreien Sonntag und läuft den weiten Weg bis zu Angels Familie nach Emminster. Als sie dort ankommt, trifft sie Angels eingebildete Brüder mit Mercy Chant, der Frau, die Angel nach dem Willen seiner Familie hätte heiraten sollen. Sie erkennen Tess nicht, aber sie hört das Gespräch mit, das die Brüder über Angels unkluge Heirat führen. Beschämt kehrt sie um. Auf dem Weg zurück hört sie einen Wanderprediger und erkennt zu ihrem Entsetzen, dass es sich um Alec d'Urberville handelt, der unter dem Einfluss von Reverend James Clare zum Christentum bekehrt wurde.

Teil 6: The Convert (Kapitel 45 bis 52)[Bearbeiten]

Alec und Tess sind beide von dem unverhofften Aufeinandertreffen sehr berührt, Tess aus Entsetzen, Alec aus wieder erwachter Leidenschaft. Alec fleht Tess an, ihn nie wieder zu versuchen. Jedoch ist es Alec, der bald schon nach Flintcombe-Ash kommt und Tess bittet, ihn zu heiraten. Sie erwidert ihm, dass sie schon verheiratet ist. An Lichtmess kommt er ebenso zu ihr wie im frühen Frühjahr nach einem besonders harten Arbeitstag, an dem Tess die Dreschmaschine befüllen musste. Er erzählt, er habe das Predigen aufgegeben und will, dass sie ihn begleitet. Als er ihre Scheinehe verspottet und Angel beleidigt, schlägt sie ihn, bis Blut fließt. Bald darauf erfährt sie von ihrer kleinen Schwester, Liza-Lu, dass ihr Vater John krank ist und ihre Mutter im Sterben liegt. Sie eilt nach Hause, um sich um sie zu kümmern. Ihre Mutter wird wieder gesund, doch der Vater stirbt unerwartet plötzlich.

Die Familie muss nun das Haus verlassen, weil nur Durbeyfield ein lebenslanges Wohnrecht hatte. Alec beschwört Tess, ihr Ehemann werde nie zurückkehren und bietet den Durbeyfields an, auf seinem Gut zu wohnen. Tess lehnt diese Unterstützung ab. Sie hatte Angel einen liebevollen Brief mit der Bitte um Gnade geschrieben; jetzt jedoch erkennt sie für sich, dass Angel sie falsch behandelt hat. Sie kritzelt eine hastige Notiz, dass sie alles tun werde, um ihn zu vergessen, nachdem er sie so ungerecht behandelt habe.

Die Durbeyfields planen, ein paar Zimmer in der Stadt Kingsbere, dem alten Stammsitz der d’Urbervilles, zu mieten. Als sie dort ankommen, finden sie das Haus bereits vermietet. Verzweifelt suchen sie Schutz im Kirchhof an einer Stelle, die im Volksmund „der Gang der d’Urbervilles“ genannt wird. Alec erscheint und bedrängt Tess aufs Neue. In ihrer Verzweiflung blickt sie auf den Eingang zur Gruft der d’Urbervilles und seufzt laut: „Warum bin ich auf der falschen Seite dieser Tür!"

Indes erkrankt Angel in Brasilien schwer, seine Versuche, eine Plantage aufzubauen sind gescheitert. Er kehrt zurück nach England. Auf dem Weg vertraut er sich in seiner Not einem Fremden an, der ihm sagt, es sei ein Fehler gewesen, seine Frau zu verlassen. Was sie in der Vergangenheit gewesen sei, bedeute weniger als das, was aus ihr werden würde. Angel beginnt zu bereuen, was er Tess angetan hat.

Teil 7: Fulfilment (Kapitel 53 bis 59)[Bearbeiten]

Bei seiner Rückkehr ins Haus seiner Familie warten zwei Briefe auf Angel: Tess’ zornige Notiz und einige rätselhafte Zeilen von „zwei Wohlwollenden“ (Izz und Marian), die ihn warnen, er solle seine Frau vor „einem Feind in Gestalt eines Freundes“ schützen. Er macht sich auf, Tess zu finden, und entdeckt endlich Joan, wohlgekleidet und in einem hübschen Häuschen lebend. Nachdem sie seinen Nachforschungen ausgewichen ist, gesteht sie ihm endlich, ihre Tochter lebe in Sandbourne, einem eleganten Seebad. Dort findet er Tess in einer teuren Pension unter dem Namen Mrs. d'Urberville. Als er nach ihr fragt, erscheint sie in feinstem Gewand und bleibt abweisend zu ihm. Er bittet sie zärtlich um Vergebung, doch Tess gerät in Zorn. Sie erklärt ihm, er komme zu spät. Sie habe gedacht, er werde nie mehr zurückkehren, habe schließlich Alec nachgeben und sei seine Geliebte geworden. Sie bittet ihn zu gehen und nie wieder zu kommen. Angel geht, und Tess begibt sich in ihr Schlafzimmer, wo sie auf die Knie fällt und bitter klagt. Sie gibt Alec in einer Auseinandersetzung die Schuld, dass sie Angels Liebe ein zweites Mal verloren habe. Die Vermieterin, Mrs. Brooks, lauscht am Schlüsselloch,zieht sich eilig zurück, als der Streit eskaliert. Später sieht sie, wie Tess das Haus verlässt und bemerkt Blut, das aus der Zimmerdecke tropft. Sie ruft Hilfe, und Alec wird im Bett erstochen vorgefunden.

Angel hat Sandbourne entmutigt verlassen. Tess eilt ihm nach, erzählt, sie habe Alec getötet und hoffe aber auf seine Vergebung: Sie habe den Mann ermordet, der ihrer beider Leben ruiniert habe. Angel glaubt ihr erst nicht, verzeiht ihr aber schließlich, da sie so fieberhaft wirkt, und sagt ihr, dass er sie liebt. Statt zur Küste gehen sie ins Landesinnere, mit schemenhaften Plänen, sich zu verbergen, bis die Suche nach Tess vorbei ist und sie ins Ausland fliehen können. Sie finden ein leeres Anwesen und bleiben dort für ein paar Tage in abgeschirmter Glückseligkeit, bis ihre Anwesenheit von einer Zugehfrau entdeckt wird.

Sie setzen ihren Weg fort und geraten mitten in der Nacht nach Stonehenge, wo sich Tess auf einem vorzeitlichen Steinaltar schlafen legt. Bevor sie einschläft, bittet sie Angel, sich um ihre junge Schwester Liza-Lu zu kümmern. Sie erklärt, sie hoffe, Angel werde Liza-Lu, nach ihrem, Tess’, Tod heiraten, auch wenn dies damals noch illegal war und als Form des Inzests gesehen wurde.[3] Bei Anbruch der Dämmerung erkennt Angel, dass sie von Polizisten umringt sind. Er erkennt, dass Tess wirklich die Bluttat begangen hat und bittet die Beamten, Tess erst zu verhaften, nachdem sie von alleine aufgewacht ist. Als sie die Augen öffnet und die Polizisten sieht, sagt sie Angel, sie sei „beinahe froh", weil sie jetzt nicht mehr mit seiner Verachtung leben müsse.

Tess wird ins Gefängnis nach Wintoncester gebracht. Der Roman schließt mit Angel und Liza-Lu, die von einem nahen Hügel sehen, wie die schwarze Fahne, die Tess’ Exekution anzeigt, über dem Gefängnis gehisst wird. Angel und Liza-Lu nehmen einander bei der Hand und gehen ihres Wegs.

Figuren des Romans[Bearbeiten]

Hauptfiguren[Bearbeiten]

  • Tess Durbeyfield — Die Heldin, älteste Tochter einer armen Familie von Landarbeitern; ein frisches hübsches Mädchen vom Lande.
  • Angel Clare — Sohn eines anglikanischen Pfarrers; Tess’ Ehemann und wahre Liebe. Er betrachtet sich selbst als Freigeist, aber seine Moralvorstellungen erweisen sich als konventionell: Er verstößt Tess nach der Hochzeitsnacht, als sie gesteht, dass sie keine Jungfrau mehr ist, obwohl auch er schon Sex vor der Ehe hatte. Er arbeitet im Milchhof von Talbothay, um praktische Erfahrung zu gewinnen, weil er selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb kaufen will.
  • Alec Stoke-d'Urberville — Zynischer und freigeistiger Sohn von Simon Stoke und Mrs. d'Urberville. Er vergewaltigt oder verführt Tess, als sie nicht mehr als siebzehn ist, und redet ihr später so lange zu, bis sie zustimmt wieder seine Geliebte zu werden. Zwischenzeitlich ist er als Bußprediger berühmt, ändert seine Einstellung also substanziell zweimal.
  • Jack Durbeyfield (Sir John d'Urberville) — Tess’ Vater, Fuhrmann in Marlott (dem Dorf Marnhull in Dorset nachempfunden), faul und dem Trunke zugeneigt. Als er erfährt, dass seine Familie adligen Ursprungs ist, arbeitet er immer weniger und gehabt sich, als sei er ein Aristokrat.
  • Joan Durbeyfield — Tess’ hart arbeitende Mutter mit einer praktischen Lebenseinstellung. Dies schließt ein, ihre Tochter zu ihren eigenen Zwecken zu gebrauchen.

Nebenfiguren[Bearbeiten]

  • Mrs. Brooks — Besitzerin von The Herons, der Pension, wo Tess Alec umbringt.
  • James Clare — Ein wohltätiger und moralischer Pfarrer; Angel Clares Vater.
  • Mrs. Clare — Angel Clares Mutter, eine gütige Frau. Sie will, dass Angel eine reine, tugendhafte und wahrhaft christliche Frau heiratet.
  • Felix Clare — Angels Bruder, Anwärter auf das Pfarramt.
  • Cuthbert Clare — Angels anderer Bruder, klassischer Philologe.
  • Mercy Chant — Die junge Dame, die von Angels Eltern als perfekte Ehefrau ausersehen ist. Sie heiratet dann Cuthbert.
  • Richard Crick — Eigentümer des Milchhofs Talbothay, für den Angel und Tess arbeiten.
  • Car Darch (die dunkle Car) — Eine von Alecs ehemaligen Geliebten, zugunsten von Tess fallen gelassen.
  • Eliza Louisa (Liza-Lu) Durbeyfield — Tess’ jüngere Schwester, die ihr sehr ähnelt. Kurz vor ihrer Verhaftung bittet Tess Angel, sie zu heiraten. Tess sagt, sie hat „all das Gute von mir, und Nichts von dem Bösen".
  • Bauer Groby — Tess’ Dienstherr in Flintcombe-Ashe, ein ungehobelter Mann, der von ihrer Beziehung mit Alec weiß. Groby wird von Angel niedergeschlagen, als Angel denkt, Groby habe Tess in ihrer Ehre verletzt. Später wird er zu Tess’ Quälgeist in Flintcombe.
  • Jonathan Kail — Ein Milchmann von Talbothays, der Angel und Tess im Haus der d’Urbervilles nach der Hochzeit berichtet, dass Retty Priddle versucht habe, sich das Leben zu nehmen, Marian sich völlig betrunken habe, und dass Izz Huett deprimiert herumlaufe.
  • Abraham, Hope & Modesty — Sohn und Töchter der Durbeyfields.
  • Mrs. Stoke-D'Urberville — Alecs wohlhabende Mutter, eine blinde Witwe.
  • Izz Huett, Retty Priddle, and Marian — Milchmädchen auf dem Hof von Talbothay. Izz ist vernünftig, Retty gefühlvoll und Marian plump, doch alle sind verliebt in Angel Clare, und nach seiner Heirat mit Tess ergeht es ihnen nicht gut.
  • Parson Tringham — Älterer Pfarrer, der John von seinen adligen Vorfahren berichtet.
  • Sorrow — Das illegitime Kind von Tess und Alec, das nur einige Wochen lang lebt.

Symbole und Themen[Bearbeiten]

Hardys Werke setzen sich häufig mit dem Leiden am Modernismus auseinander, und dieses Thema ist auch bei Tess erkennbar. Er beschreibt die moderne Maschinerie im Landbau mit infernalen Bildern; auch im Milchhof bemerkt er, dass die Milch, die zur Stadt geschickt wird, verwässert werden muss, weil die Mägen der Stadtleute keine Vollmilch vertragen. Angels bürgerliche Ansprüche führen dazu, dass er Tess verstößt, eine Frau, die von Hardy als eine Art Eva aus Wessex dargestellt wird, in Harmonie mit der Welt der Natur. Als Angel sie verlässt und nach Brasilien geht, wird der attraktive junge Mann so krank, dass er wie ein „gelbes Skelett“ aussehe. All diese Begebenheiten werden typischerweise interpretiert als Anzeichen der negativen Auswirkungen, wenn der Mensch sich von der Natur trennt, sowohl in der Schöpfung einer zerstörerischen Maschinerie als auch in der Unfähigkeit, sich mit der unverfälschten Natur noch zu verbinden.

Ein weiteres wichtiges Thema des Romans ist die sexuelle Doppelmoral, der Tess zum Opfer fällt. Obwohl sie, nach Hardys Sicht, eigentlich eine gute Frau ist, wird sie von der Gesellschaft verachtet, weil sie ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe verliert. Hardy übernimmt den Part von Tess’ einzig wahrem Freund und Anwalt, indem er seinem Buch den Untertitel gibt: „eine reine Frau, getreulich dargestellt“ (englisch: a pure woman faithfully presented) und ihm Shakespeares Worte „Poor wounded name! My bosom as a bed/ Shall lodge thee“ (deutsch etwa: „Armer verwundeter Name, meine Brust als Bett, soll Herberge dir sein", aus: Zwei Herren aus Verona) voranstellt.

Zahlreiche heidnische und biblische Verweise lassen Tess als Erdgöttin oder als Opferlamm erscheinen. Zu Beginn des Romans nimmt sie an einer Zeremonie für Ceres teil, der römischen Göttin der Ernte, und als sie ihr Kind tauft, zitiert sie eine Stelle aus der Genesis. Zum Ende, als Angel und Tess nach Stonehenge kommen, das zu Hardys Zeit als heidnischer Tempel galt, legt sie sich auf dem prähistorischen Steinaltar hin und erfüllt so in einem gleichsam rituell überhöhten Tableau ihr Schicksal als menschliches Sühneopfer.

Mehrere symbolische Begebenheiten zeigen Tess als Personifizierung der Liebe zur Natur, der Fruchtbarkeit, aber auch der Ausbeutung: Tess’ Unglück beginnt, als sie am Zügel des väterlichen Wagens einschläft und so den Tod des Pferdes verschuldet; in Trantridge hütet sie das Geflügel; Tess und Angel verlieben sich inmitten fruchtbarer Milchkühe in Talbothay und dem ausgiebig geschilderten Froom-Tal; auf dem Weg nach Flintcombe-Ashe tötet sie aus Mitleid einige schwer verletzte Fasane, um deren Leid zu beenden.

Tess als Motiv in der Kultur der Moderne[Bearbeiten]

  • Art Garfunkel nannte sein erstes Post-„Simon & Garfunkel“-Solo-Album Angel Clare, nach der gleichnamigen Figur.
  • Der amerikanische Schriftsteller Christopher Bram schrieb einen Roman mit dem Titel In Memory of Angel Clare (1989).
  • Die englische Comedy-Gruppe Monty Python erwähnen Tess of the d’Urbervilles auf ihrer Platte Monty Python's Matching Tie and Handkerchief (1973) in dem Stück "Novel Writing".
  • Tess of the d’Urbervilles ist am Ende von M.R. James’ Kurzgeschichte The Mezzotint (1904) erwähnt.
  • Eine verborgene Anspielung auf Tess of the d’Urbervilles findet sich bei The Streets auf Original Pirate Material. Mike Skinner ist als Bewunderer von Thomas Hardy bekannt.[4]
  • In Red Dwarf besitzt die Figur Arnold Rimmer eine Hörbuchversion des Romans.
  • Margaret Atwood bezieht sich in ihrer Kurzgeschichte namens My last duchess, erschienen in Moral Disorder (2006), auf den Roman.
  • Eine der Figuren in Kate Mortons Roman The Forgotten Garden zieht das Buch zu Rate, in der Hoffnung, etwas über die Geheimnisse des Ehelebens zu erfahren.
  • In Martha Grimes’ Kriminalroman Help the poor Struggler (dt.: „Inspektor Jury lichtet den Nebel") verrät die Mörderin ungewollt ihren richtigen Vornamen dadurch, dass sie aus einer Textstelle des Romans zitiert.
  • In John Irvings Owen Meany benötigt Owen viel Überredungskraft, um seinen Freund John zur Lektüre des Buches zu bringen. Später, als John eigene Schülerinnen im Fach Englisch unterrichtet, ist Tess Unterrichtsthema.
  • In E. L. James50 Shades of Grey wird das Buch an die Protagonistin verschenkt und so auf die Überwindung der bürgerlichen Moral, auf welche der Schenkende hofft, verwiesen.

Adaptionen[Bearbeiten]

Theater[Bearbeiten]

Der Roman wurde zweimal erfolgreich auf die Bühne gebracht.

  • 1897: Eine Inszenierung von Lorimer Stoddard war ein großer Erfolg am Broadway für die Schauspielerin Minnie Maddern Fiske, sie wurde 1902 wiederaufgenommen und 1913 verfilmt. Vom Film existieren keine Kopien mehr.
  • 1946: Eine Bühnenfassung von Ronald Gow lief erfolgreich im West End mit Wendy Hiller als Tess.

Oper[Bearbeiten]

1906: Eine italienische Opernfassung von Frederic d'Erlanger wurde in Neapel uraufgeführt, aber ein Ausbruch des Vesuvs verhinderte weitere Aufführungen. Als die Oper drei Jahre später nach London kam, zählte Thomas Hardy, damals 69 Jahre alt, selbst zu den Premierengästen.

Film[Bearbeiten]

Der Roman wurde mindestens siebenmal verfilmt, darunter dreimal fürs Kino und viermal fürs Fernsehen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Erstveröffentlichung: Tess of the d’Urbervilles. In: Graphic, XLIV, Juli–Dezember 1891.
  • Deutsche Fassung: Tess, deutsch von Helga Schulz, dtv. ISBN 978-3-423-13702-7.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Franz K. Stanzel: Thomas Hardy: Tess of the d‘Urbervilles. In: Horst Oppel (Hrsg.): Der moderne englische Roman - Interpretationen. Erich Schmidt Verlag, Berlin, 2. Aufl. 1971, ISBN 3 503 00701 6, S. 34–48

Referenzen[Bearbeiten]

  1. Die Website des Deutschen Historischen Museums zählt Tess zu den wichtigsten literarischen Ereignissen des Jahres 1891, [1]
  2. Vgl. Hardys Bemerkungen im Vorwort zur 5. Auflage 1892: "... there have been objectors both to the matter and the rendering."
  3. Vgl. Deceased Wife's Sister's Marriage Act 1907 in der englischen Wikipedia.
  4. The Streets: Mike Skinner Is Helping to Redefine what the Streets Are All About.(Interview). Guardian. 1. Mai 2003. Abgerufen am 5. Dezember 2008.
  5. Tess of the d’Urbervilles (1913).IMDb.
  6. Tess of the d’Urbervilles (1924).IMDb.
  7. Tess.IMDb.
  8. http://www.imdb.com/title/tt1836987/
  9. Tess of the d’Urbervilles (1952) (TV).IMDb.
  10. ITV Play of the Week – "Tess" (1960).IMDb.
  11. Tess of the d’Urbervilles (1998).IMDb.
  12. Tess of the d’Urbervilles – Thomas Hardy's classic novel for BBC One.BBC, 21. Januar 2008.
  13. David Wiegand: Compelling Performances Rescue Tess. In: San Francisco Chronicle, 2. Januar 2009.
  14. Tess of the d’Urbervilles – Vibrant Young Cast Line-up for Dramatic Adaptation of Hardy Classic for BBC One.BBC, 17. März 2008.
  15. Tess of the d’Urbervilles (2008).IMDb.

Weblinks[Bearbeiten]