Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

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Der Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (frz. Originaltitel: À la recherche du temps perdu, geschrieben 1908/09 bis 1922 und erschienen zwischen 1913 und 1927) ist das Hauptwerk von Marcel Proust.

gedruckter Vorabzug mit handschriftlichen Notizen von La Recherche Du Temps Perdu: Du côté de chez Swann

Das Werk besteht aus sieben Bänden:

  1. In Swanns Welt
  2. Im Schatten junger Mädchenblüte
  3. Die Welt der Guermantes
  4. Sodom und Gomorra
  5. Die Gefangene
  6. Die Entflohene
  7. Die wiedergefundene Zeit

Handlung[Bearbeiten]

Ein Ich-Erzähler berichtet von seinem Leben und vom Vorgang des Erinnerns.

Der Roman spielt im Frankreich des Fin de siècle in der gehobenen Gesellschaft. Der Ich-Erzähler stammt aus einer Familie des Pariser Bürgertums, die den Sommer üblicherweise bei Verwandten auf dem Land verbringt. Hier erlebt er eine glückliche Kindheit und lernt Personen kennen, die in seinem weiteren Leben eine Rolle spielen werden, etwa den Kunstliebhaber Swann, dessen Tochter Gilberte, oder die lokale Adelsfamilie, die Guermantes.

Als er alt genug ist, einen Beruf zu wählen, weckt ein Theaterbesuch in ihm das Interesse für Kunst und er will Schriftsteller werden. Allerdings hindern ihn seine schwache Gesundheit und seine Trägheit daran, ein literarisches Werk zu schaffen. Er erlebt bei der genauen Beobachtung der Natur aber immer wieder Augenblicke höchster Konzentration, die er gerne verarbeiten würde, nur kommt er niemals dazu.

Der Erzähler verbringt die Sommerfrische in dem fiktiven Badeort Balbec, ein Großteil der Handlung spielt im dortigen Grandhotel. Vorbild für Balbec ist der Badeort Cabourg an der Küste der Normandie, in dessen Grandhotel Proust den Roman schrieb. Hier verliebt sich der Ich-Erzähler erstmals in die junge Albertine. Er freundet sich auch mit dem Marquis de Saint-Loup an, der mit der Familie Guermantes verwandt ist.

In der Folge steigt der Ich-Erzähler in der Welt des Adels auf und besucht die Salons. Hier macht er sich über das leere Geplauder der Menschen lustig, aber er ist auch fasziniert und kann sich nicht von ihnen trennen, um sein Werk zu schaffen. Die politischen Affären seiner Zeit interessieren ihn kaum. Er bekommt nur mit, dass die Dreyfus-Affäre es manchen Personen erlaubt, gesellschaftlich aufzusteigen, während sie andere zum Abstieg zwingt.

Nach einer ersten Liebe zu Gilberte wird er schließlich der Geliebte Albertines, wobei er aber kein Glück findet, sondern wegen seiner Eifersucht sehr leidet und auch ihr das Leben zur Hölle macht. Die Entwicklung seiner Gefühle schildert er minutiös. Albertine verlässt ihn am Ende und stirbt - einem Gerücht zufolge - bei einem Unfall, weswegen er sich Vorwürfe macht.

Während des Ersten Weltkrieges bleibt er wegen Wehruntauglichkeit in Paris. Sein Freund Saint-Loup fällt im Krieg. Lange nach dem Krieg besucht er ein letztes Mal eine Gesellschaft. Er ist jetzt alt und krank und merkt, dass er die Personen, die er einst kannte, kaum wiedererkennt, so sehr haben sie sich verändert. Außerdem scheinen sie völlig vergessen zu haben, wer früher angesehen war und wer nicht. Die Guermantes wurden vergessen, und früher verachtete Neureiche werden gefeiert.

Der Ich-Erzähler bemerkt, dass die Vergangenheit einzig in seiner Erinnerung existiert. Er erkennt am Ende seines Lebens, dass er über seinen Liebesaffären und Kontakten zu belanglosen Menschen nie die Zeit und die Mühe aufbrachte, das Kunstwerk zu schaffen, das er sich vorgenommen hatte. Die letzte Möglichkeit ist, den Roman seiner Erinnerungen zu schreiben, die mit seinem Tod sonst unwiederbringlich verloren gingen. Und so endet der Roman, indem der Autor beginnt, ihn zu schreiben.

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„Verlorene Zeit“ ist damit mehrdeutig:

  • Zeit, die der Erzähler vergeudet hat;
  • Zeit, die unwiederbringlich verloren ist, wenn sie nicht in der Erinnerung oder in einem Kunstwerk konserviert wurde;
  • die Erinnerung oder Imaginationen, die Namen oder Gegenstände hervorrufen.

Eine Liebe Swanns[Bearbeiten]

Un amour de Swann ist der Mittelteil des ersten Bandes und fällt formal aus dem Rahmen der Recherche, denn diese in sich abgeschlossene Erzählung ist aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers in der Er-Form geschrieben, während der sonstige Roman ausschließlich eine Ich-Erzählung ist.

Eine Liebe von Swann schildert minutiös die Entwicklung der Liebe des Lebemanns Swann zu der Kurtisane Odette de Crécy. Swann interessiert sich anfangs kaum für sie, allmählich kommen sich die beiden dennoch näher. Seine Zuneigung findet neue Nahrung, als er in ihr das Ebenbild Sephoras, einer der Töchter Jethros, erkennt, wie sie auf Botticellis Fresko in der Sixtinischen Kapelle dargestellt ist. Als sich ihre Beziehung einspielt, beginnt Odette, Swann gegenüber anderen Kontakten – vor allem dem Zirkel der Verdurin – zurückzustellen, und entfacht damit seine Eifersucht. Swanns Eifersucht steigert in einer Art von Rückkopplung wiederum seine Liebe zu Odette. Dieser Kreislauf endet erst, als sie ihm wieder gleichgültig wird. Ungeachtet dessen begegnet Odette dem Leser später als Swanns Frau und Mutter von Gilberte.

In der Erzählung werden viele Motive vorweggenommen, die in der „Suche“ dann ausführlicher ausgebreitet werden. Kunst spielt bereits hier eine wichtige Rolle; die eifersüchtige Liebe Swanns entspricht der Liebe des Ich-Erzählers zu Gilberte und Albertine. Swann wird durch die Liebe und das mondäne Salonleben daran gehindert, ein bleibendes Werk zu schaffen – ähnlich wie der Ich-Erzähler, dem das im letzten Moment allerdings doch noch gelingt. Nicht zuletzt wird in der „kleinen Phrase“, einer Melodie, die Swann gemeinsam mit Odette hört und die beim erneuten Hören seine Erinnerungen weckt, bereits die unfreiwillige Erinnerung angedeutet.

Strukturen[Bearbeiten]

Inhaltlich ist der Roman wie ein großes Labyrinth, in dem Personen und Themen immer wieder auftauchen, um dann wieder vergessen zu werden. Es gibt aber einige Prinzipien, die den Roman strukturieren.

Erinnerung[Bearbeiten]

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist ein Roman der Erinnerung. Dabei unterscheidet der Autor zwischen freiwilliger Erinnerung, die immer unvollständig und oft beängstigend ist, und unfreiwilliger Erinnerung. Berühmtestes Beispiel ist dabei die Madeleine (ein kleiner Kuchen), die dem Erwachsenen der Hauptperson von seiner Mutter serviert wird und deren Geschmack ihm die Fülle seiner Kindheitserlebnisse mit allen Bildern, Klängen, Geschmäckern und Gerüchen wieder vergegenwärtigt. Die unfreiwillige Erinnerung ist dabei kein psychisches Erlebnis (so plausibel dies auch erscheint), sondern ein literarischer Kniff, der es dem Erzähler erlaubt, Assoziationsketten zu beginnen.

Leitmotive[Bearbeiten]

Das auffälligste Strukturprinzip ist die ständige Wiederholung von Themen und Motiven. Liebesbeziehungen des Erzählers, die immer nach dem gleichen Schema ablaufen, werden sehr häufig beschrieben. Ein anderes Beispiel ist eine bestimmte Eisenbahnstrecke. Als Kind liest die Hauptperson im Fahrplan die Namen der Städte an dieser Strecke und macht sich Vorstellungen anhand dieser Ortsnamen. Später fährt er selbst mit diesem Zug, und ein Bekannter macht etymologische Bemerkungen über die Namen der Orte, wobei die scheinbar wissenschaftliche Exaktheit kaum kaschiert, dass es sich auch hier um reine Phantasie handelt.

Das Menschenbild[Bearbeiten]

Jean Firges fasst das Werk 2010 in anthropologischer Sicht zusammen. Die diesbezüglichen Voraussetzungen des Weltbilds sind bei Proust:

  • Das Subjekt ist in einer Monadenstruktur, ohne ein Fenster nach draußen, eingeschlossen;
  • das Ich ist zergliedert in vielfache Bewusstseinszustände, die sich ständig verändern;
  • die Zeit verläuft nicht linear, sondern diskontinuierlich.

Der Roman schildert die obere Gesellschaft der Dritten Republik, die deren menschlichen Bedingungen unterworfen ist, als eine Welt der Lüge, der Verstellung und der Dekadenz.

Prosagedichte[Bearbeiten]

Besonders die Naturschilderungen sind oft so ausgearbeitet, dass sie sich fast zu Prosagedichten entwickelt haben.

Pastiches[Bearbeiten]

In sogenannten Pastiches imitiert Proust passagenweise den Stil anderer Autoren.

Beschreibungen[Bearbeiten]

Proust widmet besondere Aufmerksamkeit seinen präzisen Beschreibungen. Er kann sich seitenlang über die Kleider einer Frau oder über eine Blüte auslassen. Sein Ziel ist es dabei, Vergangenheit im Kunstwerk zu bewahren. Die Beschreibungen können auch als Schule für den Leser verstanden werden, selbst durch genauestes Beobachten Schönheit in ihrem scheinbar grauen Alltag zu entdecken.

Stil[Bearbeiten]

Proust ist bekannt für seine langen Sätze (genannt „Proustsche Perioden“) und die exzessive Verwendung des Konjunktivs. Außerdem erfordert das Netz von Anspielungen und Motivwiederholungen, das Proust ausbreitet, sehr viel Aufmerksamkeit von seinen Lesern.

Rezeption[Bearbeiten]

Das Buch wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.

Ausgaben[Bearbeiten]

Originalausgaben[Bearbeiten]

  • Du côté de chez Swann. 1913
  • À l’ombre des jeunes filles en fleurs. 1918
  • Le côté de Guermantes. 1920/21
  • Sodome et Gomorrhe. 1921/22
  • La prisonnière. 1923
  • La fugitive. 1925
  • Le temps retrouvé. 1927

Übersetzung/Gesamtausgaben[Bearbeiten]

Die bisher einzige deutsche Gesamtübersetzung stammt von Eva Rechel-Mertens aus den 1950er Jahren. Diese wurde im Rahmen der Frankfurter Ausgabe von Luzius Keller überarbeitet. Beide erschienen in Frankfurt/M.: Suhrkamp, hatten mehrere Auflagen, auch als Lizenzausgaben in anderen Verlagen.

  • 1953-1961: Ausgabe in sieben Bänden:
    • In Swanns Welt
    • Im Schatten junger Mädchenblüte
    • Die Welt der Guermantes
    • Sodom und Gomorra
    • Die Gefangene
    • Die Entflohene
    • Die wiedergefundene Zeit
  • 1964: Werkausgabe in 13 Bänden (1.-5. und 7. Band als je zwei Teilbde.).
  • 1979: Ausgabe in zehn Bänden, suhrkamp taschenbuch sowie gebunden (2.-4. Band als je zwei Teilbde.).
  • 1980: Ausgabe in drei Bänden, erneut 2000 Jubiläumsausgabe.
  • 1994-2002.: Frankfurter Ausgabe mit überarbeiteten Titeln, hg. v. Luzius Keller, ISBN 3-518-41385-6:
  • 2013 hat der Reclam-Verlag die Herausgabe einer Neuübersetzung durch Bernd-Jürgen Fischer, der auch die Kommentare verfasst hat, begonnen. Die Ausgabe erscheint innerhalb der Reclam-Bibliothek, erschienen ist bisher ein Band.

Teilausgaben[Bearbeiten]

Hörbuch[Bearbeiten]

  • Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Teil 1–7 Ungekürzte Gesamtausgabe auf 135 CDs (Lengfeld’schen Buchhandlung, Köln). Sprecher: Bernt Hahn und Peter Lieck, basierend auf der von Eva Rechel-Mertens übersetzten und von Luzius Keller revidierten Frankfurter Ausgabe des Suhrkamp Verlags.[1]
  • Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Teil 1–7 Gesamtausgabe. CD und MP3-CD bei der Hörverlag als ungekürzte Lesung von Peter Matic, ISBN 978-3-86717-682-8. Das Werk wurde zum „Hörbuch des Jahres 2010“ der Hörbuchbestenliste gekürt und basiert auf der von Eva Rechel-Mertens übersetzten unrevidierten Ausgabe.

Verfilmungen[Bearbeiten]

Trotz der Komplexität des Romans gab es inzwischen Versuche, zumindest Teile des Zyklus’ zu verfilmen: Volker Schlöndorffs Eine Liebe von Swann (1983) mit Jeremy Irons und Ornella Muti sowie Die wiedergefundene Zeit von Raúl Ruiz mit Catherine Deneuve, Emmanuelle Béart und John Malkovich.

Der Versuch einer Verfilmung des gesamten Werks: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (A la recherche du temps perdu) entstand 2011 in Frankreich unter der Regie von Nina Companéez in 2 Teilen mit 113 und 119 Min. Der Fernsehfilm wurde 2012 im deutschen Fernsehen gezeigt.

Comic[Bearbeiten]

Seit 1998 arbeitet der französische Comic-Zeichner Stéphane Heuet an einer Comic-Adaption des Zyklus.

Beispiele für Rezeption durch andere Künstler[Bearbeiten]

Der Autor Jochen Schmidt veröffentlichte 2008 eine 600-Seiten-Zusammenfassung, „Schmidt liest Proust“, nachdem er ein halbes Jahr jeden Tag 20 Seiten von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen hatte. Dabei fasst er Handlungsläufe zusammen und kombiniert diese Zusammenfassung mit einer eigenen Lese- und Lebenschronik.

Hannah Arendt beschreibt in ihrem Essay Faubourg Saint-Germain [2] Prousts Figuren in Sodom und Gomorra als ein Beispiel für die Wurzellosigkeit des assimilierten Judentums in Frankreich. Seine Verbindung mit dem Adel vermochte den Antisemitismus im Lande nicht zu mäßigen, im Gegenteil.[3]

Literatur[Bearbeiten]

Bibliographien
  • Victor E. Graham: Bibliographie des études sur Marcel Proust et son œuvre. Genf: Droz 1976.
  • Reiner Speck, Marie und George Pistorius: Marcel Proust und Deutschland: Eine internationale Bibliographie. 2., neu bearb. u. erw. Aufl. 2002.
Nachschlagewerke
Einzeldarstellungen
  • Angelika Corbineau-Hoffmann: Marcel Proust: „A la recherche du temps perdu“. Einführung und Kommentar. Francke, Tübingen 1993. ISBN 3-8252-1755-8.
  • Meindert Evers: Proust und die ästhetische Perspektive. Eine Studie über „A la recherche du temps perdu“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2004. ISBN 3-8260-2853-8.
  • Jean Firges: Marcel Proust. Die verlorene Zeit. Die wiedergefundene Zeit. Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie, 28. Sonnenberg, Annweiler 2009. ISBN 978-3-933264-57-2 (mit wissenschaftl. Bibliographie).
  • Hanno Helbling: Erinnertes Leben. Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“. Suhrkamp, Frankfurt 1988, ISBN 3-518-38047-8.
  • Hans Robert Jauß: Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts „A la recherche du temps perdu“. Ein Beitrag zur Theorie des Romans. Suhrkamp, Frankfurt 1986, ISBN 3-518-28187-9.
  • Georges Poulet: Marcel Proust: „A la Recherche du Temps perdu“. in Walter Pabst (Hg.): Der moderne französische Roman. Interpretationen. Ernst Schmidt, Berlin 1968, S. 120–133.
  • Philipp Reuter: Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Piper, München 1999, ISBN 3-492-22890-9.
  • Henning Teschke: Marcel Proust, „A la recherche du temps perdu“ 1913–1927. in Wolfgang Asholt (Hg.): Interpretationen. Französische Literatur, 20. Jahrhundert: Roman. Stauffenburg, Tübingen 2007, ISBN 978-3-86057-909-1.
  • Eric Karpeles: Marcel Proust und die Gemälde aus der verlorenen Zeit. Dt. Erstausgabe: DuMont Buchverlag 2010, ISBN 978-3-8321-9276-1. Der Maler Eric Karpeles stellt Prousts Roman den Bildern der europäischen Kunstgeschichte gegenüber, die seine Figuren inspiriert und beeinflusst haben.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Webseite der Edition der Lengfeld’schen Buchhandlung
  2. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 149 - 155. Wieder in: Essays berühmter Frauen. Hg. Marlis Gerhardt. Insel, Frankfurt 1997 ISBN 3-458-33641-9 S. 54 - 71
  3. Eine Interpretation von Arendts Essay: Online