Wilhelm Harster

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Wilhelm Harster (* 21. Juli 1904 in Kelheim; † 25. Dezember 1991 in München) war ein deutscher Jurist und zur Zeit des Nationalsozialismus ein hochrangiger SS- und Polizeifunktionär, zuletzt im Rang eines SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Polizei. Harster war Gestapoleiter in Innsbruck und während des Zweiten Weltkrieges Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in den Niederlanden und in Italien. Harster war für die Deportation zehntausender Juden in die Vernichtungslager verantwortlich. Nach Kriegsende musste sich Harster in zwei NS-Prozessen für seine Verbrechen verantworten und wurde jeweils zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt, beide Male jedoch frühzeitig wieder begnadigt.

Leben[Bearbeiten]

Wilhelm Harster war Sohn des Juristen und Polizeibeamten Theodor Harster. Er wuchs somit von Kindesbeinen an – wie er später sagte – in „eine(r) gewisse(n) Umgebung kriminalistischer Arbeiten“ auf.[1] Sein Vater fiel als Kriegsfreiwilliger gleich in der Anfangsphase des Ersten Weltkriegs, am 1. November 1914 bei Wijtschate (Wytschaete) in Flandern.

Harster besuchte ab 1910 die Volksschule in München und wurde 1913 am humanistischen Ludwigsgymnasium München aufgenommen, wo er 1922 seine Schullaufbahn mit dem Abitur abschloss. Noch während seiner Schulzeit, gerade 16 Jahre alt, trat er 1920 dem rechtsextremen, paramilitärischen Freikorps Oberland bei. Er gehörte – nach der auf Druck der Alliierten im Juni 1921 verfügten Auflösung der so genannten Wehrverbände – auch der Nachfolgeorganisation des Freikorps, dem Bund Oberland noch bis 1926 an.[2][3][4] Von 1922 bis 1926 studierte Harster an der Universität München Rechtswissenschaften. Noch während seiner Referendariatszeit promovierte er 1927 an der Universität Erlangen zum Dr. jur..

Am 30. September 1930 heiratete er Maria Hirsch (* 28. Dezember 1907 / Mitglied der NS-Frauenschaft). Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: Klaus (geb. 5. August 1933) und Gerd (geb. 23. Juli 1937).

Polizeidienst zur Zeit der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Anfang 1929 bestand er sein Assessorexamen und begann am 16. Oktober 1929 als Regierungsassessor beim Polizeipräsidium in Stuttgart, war dort bei der Kriminalpolizei tätig.[5] Ab 1931 leitete er die Politische Polizei in Stuttgart und übernahm nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im April 1933 die stellvertretende Leitung der Württembergischen Politischen Polizei.[6] Nicht zuletzt aus Karrieregründen von Adolf Hitler überzeugt, trat er am 1. Mai 1933 der NSDAP (Mitgliedsnr. 3.226.954) und am 9. November 1933 der SS (Mitgliedsnr. 225.932) bei. Dem SD gehörte er ab 1935 an.[5] Ende 1937 wechselte er in das Geheime Staatspolizeiamt Berlin.[6]

Leiter der Gestapo in Innsbruck[Bearbeiten]

Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich baute Harster ab März 1938 die Staatspolizeileitstelle Innsbruck auf und war von März 1938 bis November 1939 deren erster Leiter.[7]

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Nach dem Überfall auf Polen wurde Harster am 23. Oktober 1939 Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) im Militärbezirk Krakau.[6] Ende 1939 wurde Harster Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD (IdS) in Kassel.[8]

BdS in den Niederlanden[Bearbeiten]

Am 15. Juli 1940 wurde Harster zum Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in den besetzten Niederlanden ernannt. Als Nachfolger von Hans Nockemann übte er dieses Amt bis Ende August 1943 aus und war in dieser Funktion mitverantwortlich für die Deportation von über 100.000 niederländischen Juden. Anfang Mai 1943 schrieb Dr. Wilhelm Harster ein Schreiben, unter anderem an die Kommandanten der in den Niederlanden eingerichteten Konzentrationslager: „Betrifft: Endlösung der Judenfrage in den Niederlanden“. Grund waren Besprechungen, die er mit Vertretern des RSHA (Reichssicherheitshauptamt) geführt hatte, sowie Weisungen, die er von seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) Hanns Albin Rauter, erhalten hatte. Harster verkündete in dem Schreiben die zukünftig zu verfolgende „Allgemeine Linie“: „Der Reichsführer SS [Himmler] wünscht, dass in diesem Jahre an Juden nach dem Osten transportiert wird, was menschenmöglich ist.“[9] Und bereits am 25. Juni 1943 meldete ein Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Reichskommissar Seyß-Inquart in einem Schreiben an seine Zentrale in Berlin Vollzug: „In einem Geheimbericht an den Reichskommissar [Seyss-Inquart] schreibt der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD [Wilhelm Harster] wie folgt: Von den ursprünglich in den Niederlanden gemeldeten 140 000 Volljuden ist nun der 100 000. Jude aus dem Volkskörper entfernt worden (genaue Zahl etwa 102 000).[10]

Harster war bis zum 28. August 1943 BdS in den Niederlanden.

BdS in Italien[Bearbeiten]

Von Anfang September 1943 bis zum Kriegsende im Mai 1945 war Harster BdS in Italien.[11] Harsters Dienststelle befand sich in Verona, wo Harster durch das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) seine Anweisungen erhielt und somit nicht dem Höchsten SS- und Polizeiführer Italien Karl Wolff unterstand.[12] In dieser Funktion unterstand Harster das Durchgangslager Fossoli, aus dem Juden und politisch Verfolgte weiter in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden.[13] Am 9. November 1944 wurde Harster zum SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei ernannt.[5]

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Am 10. Mai 1945 wurde Harster in Bozen von den vorrückenden britischen Truppen gefangengenommen. Bis zum Jahresende 1945 verblieb er zunächst in Lagern in Italien, wurde dann nach London gebracht und in einem Gefängnis für Kriegsverbrecher[5] bis zur Übergabe an die niederländischen Behörden am 21. August 1947 gefangen gehalten.[14]

Prozess in den Niederlanden[Bearbeiten]

Nach dem Krieg wurden die Kriegsverbrechen, die Harster während seiner Zeit als BdS in den besetzten Niederlanden verübt hatte, vor einem Sondergericht (Bijzonder Gerechtshof) in Den Haag verhandelt. Ihm wurde die Vorbereitung und Durchführung der Deportation der Juden aus den Niederlanden, sowie die Mitschuld an Misshandlungen und Tötungen von Häftlingen des Durchgangslagers Amersfoort („de Boskamp“) zur Last gelegt.[15] Am 23. März 1949 wurde Harster von diesem Gericht zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt.[16] Angesichts der Tatsache, dass Harsters unmittelbarer Vorgesetzter während seiner Zeit in den Niederlanden, der HSSPF Hanns Albin Rauter, bereits am 4. Mai 1948 zum Tode verurteilt worden war, und dass in Gerichtsentscheidungen, die kurze Zeit nach der Verurteilung Harsters fielen, zwei seiner Untergebenen (Ferdinand aus der Fünten[17] und Willy Lages)[18][19] wie schon Rauter, ebenfalls zum Tode verurteilt wurden, ein äußerst mildes Urteil.

Harster erfuhr weitere Milde. Von der zwölfjährigen Haftstrafe verbüßte er nur knapp die Hälfte. Am 14. Oktober 1955 wurde er aus den Niederlanden nach Deutschland abgeschoben.[16]

Bayerisches Innenministerium[Bearbeiten]

Nach seiner Haftentlassung wurde Harster erneut im Staatsdienst beschäftigt. In Bayern wurde er in einem Entnazifizierungsverfahren als Minderbelasteter eingestuft und am 27. Oktober 1956 startete er – bei der Regierung von Oberbayern als Regierungsrat eingestellt – eine Nachkriegskarriere im Bayerischen Innenministerium. Am 31. Juli 1963 wurde er zum Oberregierungsrat befördert, denn – so Der Spiegel: „Der einstige KZ-Lieferant hatte sich derweil zum Experten für Gemeindefinanzen emporgearbeitet. Kenntnisreich, liebenswürdig, betriebsam – wie ehedem erschien Wilhelm Harster als Idealbild eines Beamten.“[20]

Mittelpunkt eines "internen Nachrichtendienstes"[Bearbeiten]

Gemäß einem "streng geheimen" Vermerk, den die Bundesregierung 2013 freigab, wurden Beamte des Bundeskanzleramts 1963 von der Leitung des Bundesnachrichtendienstes informiert, dass sich bei Harster bis in die frühen 1960er Jahre ein Netzwerk aus ehemaligen Angehörigen des Sicherheitsdienstes SD traf. Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes mit SS-Vergangenheit sollen an diesem Netzwerk beteiligt gewesen sein; außerdem habe es Querverbindungen zum Bundesamt für Verfassungsschutz gegeben. Das Netzwerk soll auch Sprengstoff für separatistische Bombenanschläge in Südtirol geliefert haben.[21]

Prozess in Deutschland[Bearbeiten]

Durch die 1959 gegen Wilhelm Zoepf von der Zentralen Stelle eingeleitete Untersuchung über die Deportationen niederländischer Juden geriet auch Harster ins Blickfeld der bundesdeutschen Justiz. Nachdem die Öffentlichkeit von diesen Ermittlungen erfahren hatte, suspendierte man Harster 1963 von seinem Dienstposten in Bayern. Im Januar 1966 wurde über Harster und Zoepf die Untersuchungshaft verhängt. In dem ab dem 23. Januar 1967 folgenden Prozess am Landgericht München II waren Harster und Zoepf geständig, das Ziel der „Endlösung der Judenfrage“ gekannt und durch die Organisation der Deportationen an der Ermordung der niederländischen Juden beteiligt gewesen zu sein. Nur die Mitangeklagte Gertrud Slottke leugnete ihre Beteiligung. Der Prozess wurde einzig mit Dokumenten als Beweisen geführt, Zeugen waren keine geladen worden. Das Verfahren endete am 24. Februar 1967 mit Schuldsprüchen für Harster (15 Jahre Haftstrafe), Zoepf (9 Jahre Haftstrafe) und Slottke (5 Jahre Haftstrafe).[22] 1969 wurde Harster bereits wieder freigelassen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ahlrich Meyer: Das Wissen um Auschwitz. Täter und Opfer der ‚Endlösung’ in Westeuropa. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2010, ISBN 978-3-506-77023-3
  • Christian Ritz, Schreibtischtäter vor Gericht. Das Verfahren vor dem Münchner Landgericht wegen der Deportation der niederländischen Juden (1959-1967). Paderborn u.a.: Verlag Ferdinand Schöningh 2012.
  • Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hrsg.): Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern. Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-138-9.
  • Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, De SS en Nederland. Documenten uit SS-Archieven 1935–1945. Ausführliche Einleitung vom Dr. N.K.C.A. in 't Veld. 2 Bde, Den Haag: Martinus Nijhoff 1976.
  • Jörg Friedrich, Die kalte Amnestie. NS-Täter in der Bundesrepublik. Frankfurt a.M.: Fischer-Tb 1984.
  • Der unentbehrliche Harster. Oberregierungsrat als Massenmordgehilfe angeklagt. In: Die Zeit, Nr. 4/1966.
  •  Veroffiziert. In: Der Spiegel. Nr. 38, 1963 (über die Nachkriegskarriere Harsters, online).
  •  Diese Haltung. In: Der Spiegel. Nr. 5, 1967, S. 33 (über den Prozess vor dem Münchener Landgericht, online).
  • Das Verfahren vor dem Landgericht München II. ist in der bis 2011 50-bändigen Urteilssammlung Justiz und NS-Verbrechen: Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945 - 1999, Red. Fritz Bauer☨, Amsterdam Univ. Press und De Gruyter, teilweise Amsterdam Univ. Press, und Saur KG , Amsterdam, München, Berlin 1968 fortlaufend, einsehbar. Es trägt die Verfahrensnummer 645. Dieses Verfahren ist auch gegen eine Gebühr von der Internetseite von JuNSV abrufbar. Eine Kurzform des Urteils findet sich hier

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie De S.S. en Nederland. Documenten uit S.S. Archieven 1933–1945. 2 Bde, Den Haag 1976, S.460, F.2
  2. Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie De S.S. en Nederland. Documenten uit S.S. Archieven 1933–1945. 2 Bde, Den Haag 1976, S. 461
  3. Wehrverbände in Bayern, 1918/19–1933. In: Historisches Lexikon Bayerns
  4. Einwohnerwehren, 1919–1921. In: Historisches Lexikon Bayerns
  5. a b c d Island Farm – Prisoner of War Camp: 198 / Special Camp: XI, in Bridgend, South-Wales
  6. a b c Klaus-Michael Mallmann, Jochen Böhler und Jürgen Matthäus: Einsatzgruppen in Polen: Darstellung und Dokumentation. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Stuttgart 2008, S. 100
  7. Orte des Novemberpogroms 1938 in Innsbruck
  8. Claudia Steur/Gerhard Hirschfeld: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Klartext Verlag, Essen 1996, ISBN 978-3-88474-545-8, S. 115
  9. Dokumente zu Hanns Albin Rauter beim Simon Wiesenthal Center / hier: Dok. 137,138, 139
  10. Dokumente zu Hanns Albin Rauter beim Simon Wiesenthal Center / hier: Dok. 142, 143, 144
  11. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 229.
  12. Michael Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945. München, 2003, S. 318
  13. Wolfgang Benz (Hrsg.): Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9, Beck, München 2005 ISBN 978-3-406-57238-8, S. 38
  14. Harster im Island Farm Camp - Erfassung persönlicher Daten
  15. zu den Vorgängen im KL Amersfoort s. auch Karl Friedrich Titho und Erich Deppner
  16. a b Niederländische Strafverfahren gegen Deutsche und Österreicher wegen im Zweiten Weltkrieg begangener NS-Verbrechen. s. hier: Verfahren Lfd.Nr. NL097 – Urteil vom 23. März 1949
  17. Niederländische Strafverfahren gegen Deutsche und Österreicher wegen im Zweiten Weltkrieg begangener NS-Verbrechen. s. hier: Verfahren Lfd.Nr. NL199 – Urteil vom 27. Dezember 1949
  18. Niederländische Strafverfahren gegen Deutsche und Österreicher wegen im Zweiten Weltkrieg begangener NS-Verbrechen. s. hier: Verfahren Lfd.Nr. NL171 – Urteil vom 20. September 1949
  19. s. auch Vier von Breda
  20.  Diese Haltung. In: Der Spiegel. Nr. 5, 1967, S. 33 (online).
  21. Spiegel Online am 10.März 2013: Sechziger Jahre: Frühere SS-Mitglieder bildeten eigenen Nachrichtendienst (zuletzt geprüft am 10.März 2013)
  22. vgl. Harald Fühner: Nachspiel. Die niederländische Politik und die Verfolgung von Kollaborateuren und NS-Verbrechern, 1945–1989, Münster 2005, S. 220ff.