Wirtschaftskrise

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Als Wirtschaftskrise bezeichnet man in der Volkswirtschaftslehre die Phase einer deutlich negativen Entwicklung des Wirtschaftswachstums. Daneben bezeichnet man auch negative Entwicklungen bei anderen makroökonomischen Variablen (z. B. Preisniveau, Beschäftigung, Kapitalströme etc.) als Wirtschaftskrise. Eine Wirtschaftskrise kann einzelne oder mehrere Volkswirtschaften oder sogar die gesamte Weltwirtschaft betreffen.

Bezogen auf die wirtschaftliche Konjunktur unterscheidet man die drei Ausprägungen Stagnation, Rezession und Depression. Als Stagnation bezeichnet man eine Phase, in der eine Volkswirtschaft nicht wächst und somit der volkswirtschaftliche Output zwischen zwei Zeitpunkten stagniert. Allerdings ist es strittig, ob eine Phase der Stagnation schon als Wirtschaftskrise bezeichnet werden kann. In einem dem Boom folgenden volkswirtschaftlichen Abschwung schrumpft nach amerikanischer Definition der volkswirtschaftliche Output hingegen über mindestens zwei aufeinander folgende Quartale. Als Depression bezeichnet man eine lang andauernde Rezession.

Erklärungsansätze für Wirtschaftskrisen[Bearbeiten]

Konjunktur- und Wachstumskrisen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Konjunktur

Theorien zur Entstehung von Wirtschaftskrisen können grundsätzlich in endogene und exogene Theorien unterteilt werden. Endogene Theorien sehen die Ursache von Krisen in der Wirtschaft selbst, exogene Theorien führen Krisen auf äußere Ursachen zurück.

Exogene Theorien[Bearbeiten]

Monetaristisch-neoklassisch orientierte Theorien gehen von der grundsätzlichen Stabilität eines marktwirtschaftlichen Systems aus. Wirtschaftskrisen sind demnach Folge von exogenen Schocks oder verfehlter Wirtschaftspolitik, beispielsweise geldpolitischer Expansionismus, der eine überbordende Liquidität verursacht oder politischer Dirigismus, der Ressourcenallokationen in sozialpolitisch gewünschte Bahnen lenkt.

Die Neue Politische Ökonomie untersucht Politische Konjunkturzyklen.

Die Real-Business-Cycle-Theorie erklärt Konjunkturschwankungen als notwendige Anpassungsreaktionen der Märkte auf Produktivitätsschocks, z.B. infolge einschneidender Veränderungen der verfügbaren Technologie.

Nur noch von historischem Interesse ist die Sonnenfleckentheorie.

Überinvestitionstheorien[Bearbeiten]

Den Überinvestitionstheorien zufolge kann es zu Situationen kommen, in denen Investitionen getätigt werden, die langfristig nicht rentabel sind. Wenn die Investitionen sich nicht als tragfähig erweisen, kommt es zu einer Marktbereinigung (manchmal auch Strukturbereinigung), die mit einer Wirtschaftskrise einhergeht. Insofern handelt es sich um eine endogene Erklärung, während die monetäre Überinvestitionstheorie in der Ausweitung der Kreditmenge eine exogene Ursache für Überinvestitionen sieht. Die nicht-monetäre Überinvestitionstheorie sieht im technischen Fortschritt den Auslöser von Überinvestitionen. Innovationen versprechen bessere Absatzchancen und führen zu einer Ausweitung der Produktion. Wenn der Innovationsschub nachlässt, komme es zum Abschwung.

Endogene Theorien[Bearbeiten]

Marxismus
Hauptartikel: Marxistische Krisentheorie

Die Arbeitswerttheorie von Karl Marx erklärt durch den Akkumulationsprozess des Kapitals die Verteilung des Reichtums einer Nation sowie die Entwicklung auf lange Sicht durch die Betrachtung der einfachen und der erweiterten Reproduktion. Da wie bei John Maynard Keynes das Saysche Theorem als unhaltbar zurückgewiesen wird, ist die Erklärung von Krisen möglich. Die Analyse der Reproduktionsschemata stellt allerdings noch keine Marxistische Krisentheorie dar. Marxens „Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten“ impliziert, dass die Gesellschaftsformation des Kapitalismus als eine Totalität, d.h. ein dialektisch gegliedertes Ganzes, betrachtet wird, das in abstrakte Momente analytisch zerlegt, hernach wieder in zunehmend konkreten Schritten der Realität angenähert wird. Die Marxsche Theorie liefert somit lediglich Modelle, die durch historische Analyse eines jeden Krisenzyklus empirisch konkretisiert werden müssen.[1]

Unterkonsumtionstheorie nach Hobson

Gemäß der Unterkonsumtionstheorie nach Hobson werden Wachstumskrisen ausgelöst durch eine volkswirtschaftliche Nachfrage, die im Verhältnis zum volkswirtschaftlichen Angebot zu gering ist. Dies wiederum kann auf eine einbrechende Binnennachfrage zurückzuführen sein, d. h. einen starken Rückgang der Kaufbereitschaft der Konsumenten (auch als Konsumstreik bezeichnet). Diese wiederum hängt ab vom Vertrauen der Konsumenten in die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung (d. h. Wachstumsaussichten, Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes etc.). Negativ wirken sich hier z. B. große Naturkatastrophen, Kriegsgefahr oder Terroranschläge aus. Auch Rohstoffverknappungen (z. B. in Form eines Ölpreisschocks) führen zu einer Zurückhaltung der Konsumenten.

Keynesianismus

Zur Beendung der Weltwirtschaftskrise 1929 hat John Maynard Keynes eine Theorie entwickelt, wie die fehlende Nachfrage durch staatliches Eingreifen ausgeglichen werden kann. Er geht dabei nicht wie die neoklassische Theorie und dem Sayschen Theorem von einer automatischen Tendenz der Wirtschaft zum Gleichgewicht aus. Die westlichen Regierungen hatten dabei so viel gelernt, dass eine Krise keine unabwendbare Naturkatastrophe ist. Die keynesianisch geprägte Wirtschaftspolitik (in der Bundesrepublik Deutschland ab den 1960er Jahren[2], konkret ab 1966/67 bis Ende der 70er Jahre[3]) sah sich durch die hohen Wachstumsraten, Vollbeschäftigung und niedrige Inflationsraten zunächst bestätigt und glaubte optimistisch an Möglichkeiten, gesamtwirtschaftliche Abläufe zu steuern (Globalsteuerung). Die Krise seit Beginn der 1970er Jahre mit dem bisher recht seltenen Phänomen der Stagflation führte in verschiedenen Ländern zu Rückschlägen, die auf unterschiedliche institutionelle Voraussetzungen zur erfolgreichen Durchführung einer Vollbeschäftigungspolitik zurückgeführt werden.[4]

Inflationskrisen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Inflation

Inflationen sind zurückzuführen auf eine schnelle Ausweitung der Geldmenge.[5] Als Form der Wirtschaftskrise wird insbesondere eine extrem hohe Inflation (Hyperinflation) angesehen. Hyperinflationen werden durch eine extrem expansive Geldpolitik verursacht, mittels der ein Staat Ausgaben zu finanzieren versucht, die die Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft weit übersteigen. Tritt eine Stagnation (oder Rezession) zusammen mit anhaltender und hoher Inflation auf, so spricht man von einer Stagflation. Auch durch exogene Schocks kann es zu einer preislichen Wirtschaftskrise kommen: Steigen die Preise für Vorprodukte (beispielsweise aufgrund von starken Rohstoffpreis-Erhöhungen) stark an, so kommt es gleichzeitig zu Inflationsdruck und Nachfragerückgang.

Deflationskrisen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Deflation

Der umgekehrte Fall der Inflation, also ein längerfristiger Rückgang der Preise, wird als Deflation bezeichnet und kann zu Wirtschaftskrisen führen. Der Monetarismus betrachtet die Reduzierung der Geldmenge in den USA um 30 % zwischen den Jahren 1929 und 1933 als Hauptursache der Weltwirtschaftskrise.[6]

Finanzmarkt-Krisen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Finanzkrise

Finanzkrisen sind größere Verwerfungen im Finanzsystem, die durch einen Rückgang der Vermögenswerte und die Zahlungsunfähigkeit zahlreicher Unternehmen der Finanzwirtschaft und anderer Branchen gekennzeichnet sind und die die ökonomische Aktivität in einem oder mehreren Ländern beeinträchtigen. Wird dies von einem Zusammenbruch des Bankensystems ausgelöst oder begleitet, spricht man auch von einer Bankenkrise.

Generell werden alle Finanzkrisen ausgelöst durch Unsicherheit seitens der Anleger über die Vorteilhaftigkeit der Anlage in einem Land. Dasselbe gilt bei Bankenkrisen bezogen auf die einzelne Bank bzw. den Bankensektor. Als Grund für die Krise kann somit derjenige Faktor bezeichnet werden, der für die zunehmende Unsicherheit verantwortlich ist. Im Falle von Bankenkrisen sind dies in der Regel ein schlecht funktionierendes Bankensystem, eine unzureichende Bankenaufsicht oder die schlechte gesamtwirtschaftliche Lage, die dazu führt, dass die Banken eine große Zahl an Forderungen abschreiben müssen und so in eine finanzielle Schieflage geraten.

Allgemeine Finanzkrisen lassen sich u. a. zurückführen auf Ineffizienzen an den Finanzmärkten, z. B. in Form von Blasenbildungen. Die Möglichkeit eines schnellen Abzugs von Finanzkapital ist zurückzuführen auf geringen Transaktionskosten. Je kürzer die durchschnittliche Frist des in einem Land angelegten Kapitals ist, umso größer ist die Gefahr einer Finanzkrise. Begünstigt werden Finanzkrisen durch unsichere konjunkturelle Aussichten und durch politische Unsicherheiten (Gefahr eines Putsches, Fehlen von Rechtssicherheit, Gefahr von Enteignungen etc.). Besonders häufig treten starke Desinvestitionen an Börsen auf, z. B. in Form eines Börsenkrachs.

Währungs- und Zahlungsbilanzkrisen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Währungskrise

Währungskrisen sind hohe Verluste an Währungsreserven, die eine starke Abwertung der betroffenen Währung zufolge haben. Finanziert ein Land seinen Lebensstandard über starke Kapitalzuflüsse aus dem Ausland, so spricht man von einer latenten Zahlungsbilanzkrise. Eine Währungskrise ist (v. a. in Entwicklungsländern) oft die direkte Folge einer Zahlungsbilanzkrise. Treten Banken- und Währungskrise gemeinsam auf, so spricht man von einer Zwillingskrise.[7] Hält der Staat oder die Zentralbank ein Regime fester Wechselkurse zu lange aufrecht, obwohl dies nicht mehr zu den gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen passt, so steigt die Gefahr von Kapitalflucht und damit einer Währungskrise.

Aus der Wirtschaftsgeschichte bekannte Krisen[Bearbeiten]

Deutsche Geldkrise / Schinderlingkrise[Bearbeiten]

Im Zuge von Erbstreitigkeiten zwischen den Habsburgern ließ Erzherzog Albrecht VI in den neu errichteten Münzstätten Enns, Linz und Freistadt minderwertige silberne Pfennige (später Schinderlinge genannt) prägen was ab 1459 zu einer Geldkrise von katastrophalen Ausmaßes im deutschen Sprachraum auslöste.[8]

Tulpenmanie[Bearbeiten]

Die so genannte Tulpenmanie war eine Wirtschaftskrise in den Niederlanden zwischen 1634 und 1637. Die Spekulation war verbunden mit den Haarlemer Tulpenzwiebeln, denen man einen überhöhten und vielfach rein fiktiven Wert beimaß.

Englische Geldkrise[Bearbeiten]

Hauptartikel: Englische Geldkrise

Die englische Geldkrise von 1696 beruhte auf der Änderung der Zusammensetzung der Münzen und einem allgemeinen Mangel an Zahlungsmitteln.

Weitere Krisen des 18. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Hamburger Handelskrise[Bearbeiten]

1799 wurde in Hamburg die so genannte Hamburger Handelskrise ausgelöst durch die Überfüllung des Hamburger Marktes mit Waren, die nicht absetzbar waren.

Krisen des frühen 19. Jahrhunderts[Bearbeiten]

  • 1815: britische Wirtschaftskrise (ausgelöst durch Überschätzung des Konsumverhaltens auf dem Kontinent)
  • 1825: britische Wirtschaftskrise nach einem groß angelegten Gründungs- und Aktienschwindel (von den projektierten 372 Millionen Pfund Sterling waren in Wirklichkeit nur 17,6 Millionen Pfund Sterling eingezahlt).

USA/Großbritannien 1837[Bearbeiten]

Wirtschaftskrise von 1837: Die von 1837 bis 1843 dauernde Wirtschaftskrise war geprägt durch eine scharfe Konjunkturabschwächung in der US-amerikanischen Wirtschaft, verursacht durch Fehlinvestitionen der Banken und mangelndes Vertrauen in die Papierwährung. Die Wirkungen übertrugen sich insbesondere auf die britische Wirtschaft.

Britische Eisenbahnkrise[Bearbeiten]

1847 wurde Großbritannien erneut von einer heftigen Wirtschaftskrise erschüttert, diesmal ausgelöst durch die Spekulation mit Eisenbahnen und Zulieferungsunternehmen. Die erst drei Jahre alte Peelsche Bankakte musste dabei zeitweise suspendiert werden.

Wirtschaftskrise von 1857[Bearbeiten]

Die Wirtschaftskrise von 1857 war die erste Weltwirtschaftskrise. Sie begann im August 1857 in New York City, als eine Bank ihre Zahlungen einstellen musste. Von dort breitete sich die Krise schnell über die gesamte Welt aus. Die Finanzzentren Europas und Amerikas waren besonders stark betroffen.

Gründerkrise[Bearbeiten]

Im Anschluss an die Boomjahre der Gründerzeit kam es 1873 zum sogenannten Gründerkrach, in dessen Folge allein in Deutschland und Österreich über 60 Banken insolvent wurden. Diese Krise wurde tendenziell durch Überhitzung der Volkswirtschaft verursacht und war somit lediglich eine Korrektur der vorangegangenen hohen Wachstumsraten. Firmen und Fabriken waren zu überhöhten Preisen übernommen und gebildet worden.

Die Krise traf zeitlich mit einer US-amerikanischen Wirtschaftskrise zusammen und führte in allen hochentwickelten Ländern zu einer langen Stagnation. Der wirtschaftliche Niedergang erreichte seinen tiefsten Punkt 1878 und erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1879 trat eine von den USA und Großbritannien ausgehende Besserung der Wirtschaftslage ein. Nicholas Gregory Mankiw behauptet in seinem Standardwerk Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, die damalige Wirtschaftskrise sei erst durch die Goldfunde am Klondike beendet worden. Denn es gab damals den Goldstandard.[9] Die internationalen ökonomischen Wachstumsstörungen 1873–1896 sind unter dem Begriff Große bzw. Lange Depression bekannt.

Börsenkrach in Frankreich[Bearbeiten]

In Frankreich entwickelte sich bald nach der Gründerkrise ein unter dem Einfluss der Union générale stehender Börsenschwindel, der am 19. Januar 1882 mit einem großen Börsenkrach endete, der hauptsächlich die Börsen von Paris und Lyon erfasste.

Inflation im Deutschen Reich[Bearbeiten]

Banknote von 1923

Deutsche Inflation 1914 bis 1923: Die Hyperinflation des Jahres 1923 in der Weimarer Republik hat ihre Ursachen in der Art der Finanzierung des Ersten Weltkrieges (Schatzanweisungen, die durch die Zeichnung von Kriegsanleihen durch die Bevölkerung im Nachhinein finanziert werden mussten) und ihrer Folgen: Der Staat druckte in großem Umfang Papiergeld, um zunächst den Krieg und später die Reparationszahlungen finanzieren zu können. Die kriegsbedingte Rezession fiel somit zusammen mit einer hohen Inflation.

Weltwirtschaftskrise 1929[Bearbeiten]

Weltwirtschaftskrise (Great Depression) 1929 bis in die späten 1930er-Jahre: Als Weltwirtschaftskrise bezeichnet man einen 1929 einsetzenden schweren volkswirtschaftlichen Einbruch, der in allen wichtigen Industrienationen massive negative Folgen hatte (u. a. Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit und Deflation), da Goldstandard und Stabilitätspolitik Austerität[10] verlangten.

Erste Ölkrise (1973)[Bearbeiten]

Erste Ölkrise 1973: Das Ölembargo der OPEC verbunden mit der hohen Staatsverschuldung der USA wegen des Vietnamkriegs führten zur Stagflation in den USA. Von der ersten Ölkrise waren alle wichtigen Industrienationen betroffen. In Deutschland markierte sie das Ende des Wirtschaftswunders. In der Folge traten bis dato weitgehend unbekannte Erscheinungen auf, etwa Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und steigende Sozialausgaben.

Zweite Ölkrise (1979/1980)[Bearbeiten]

Zweite Ölkrise 1979 bis 1980: Eine weitere drastische Preissteigerung fand 1979/1980 statt. Ausgelöst wurde sie im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung während des ersten Golfkriegs zwischen Iran und Irak. Die Zweite Ölkrise war einer der Hauptgründe für die bis dato schwerste Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik in den Jahren 1981/82. Ebenso ist die zweite Ölkrise als der finale Auslöser der Schuldenkrise einer Reihe von Entwicklungsländern zu sehen. Diese mussten in mehreren Umschuldungsabkommen teilweise bis Mitte der 1990er auf politischer Ebene verhandeln, um ihre wirtschaftspolitische Souveränität wiederzuerlangen.

US-Sparkassenkrise (1981)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Savings-and-Loan-Krise

Lateinamerikanische Schuldenkrise (1982)[Bearbeiten]

Nordische Bankenkrise (1990er Jahre)[Bearbeiten]

Zentrale Maßnahmen zur Überwindung der Bankenkrisen der 90er Jahre in Schweden und Finnland waren in beiden Ländern der Aufkauf von „schlechten Papieren“ durch Vermögensverwaltungsgesellschaften (Bad Banks) und die Verstaatlichung von wichtigen Banken. Aus finnischer und schwedischer Sicht sollte dem Krisenmanagement und insbesondere der Sanierung der notleidenden Aktiva in den Bankbilanzen Priorität eingeräumt werden. Dank strikter Abnahmekonditionen und erfolgreicher Verwertungsstrategien gelang es den schwedischen „Bad Banks“ den Steuerzahler von den Kosten der Krise zu entlasten.[11]

Japankrise (ab 1991)[Bearbeiten]

Als Japankrise wird eine schwere Wirtschaftskrise, die infolge des Platzens einer Immobilienpreis-Blase Anfang der 1990er auftrat und die wirtschaftliche Situation des Landes fast 15 Jahre lang prägte, bezeichnet. Der starke Rückgang der Vermögenspreise führte zu einer gefühlten Verarmung der Bevölkerung, welche zu einer starken Konsum- wie Investitionszurückhaltung beitrug. Unternehmerische Fehler, Überkapazitäten und Ineffizienzen verstärkten den Effekt. Die Folge waren ein Anstieg der Arbeitslosigkeit, die weltweit höchste Staatsverschuldung für den japanischen Staat und eine immer noch andauernde Deflation.

Hauptartikel: Japankrise

Tequila-Krise (1994/1995)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Tequila-Krise

Asienkrise (1997/1998)[Bearbeiten]

Asienkrise 1997 bis 1998: Als Asienkrise wird die Finanz- und Wirtschaftskrise Ostasiens der Jahre 1997 und 1998 bezeichnet. Sie begann im Juli 1997 in Thailand und griff auf mehrere asiatische Staaten über, insbesondere auf viele der so genannten Tigerstaaten. Die am stärksten betroffenen Länder waren Indonesien, Südkorea und Thailand. Ursache der Krise waren die zu hohen Renditeversprechen an ausländische Investoren, die sich durch Investitionen in den Ländern nicht mehr refinanzieren ließen. Deswegen und aufgrund des fehlenden Wechselkursrisikos (feste Wechselkursbindung an den US-Dollar) strömte im Vorfeld der Krise viel kurzfristiges Kapital in die Länder. Durch Herdenverhalten kam es infolge erster Krisensymptome zu einem massiven Kapitalabzug aus den Ländern, der dort eine mehrjährige Wirtschafts- und Finanzkrise auslöste.

Russlandkrise (1998/99)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Russlandkrise

Argentinien-Krise (1998–2002)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Argentinien-Krise
Dotcom-Blase am NASDAQ

Dotcom-Blase (2000)[Bearbeiten]

Zusammenbruch der Dotcom-Blase ab 2000: Im März 2000 kam es in vielen Industrieländern zum Platzen einer Spekulationsblase, die insbesondere die so genannten Dotcom-Unternehmen betraf. Ähnlich wie bei der Japankrise kam es zu einem gefühlten Vermögensrückgang und dadurch bedingt zu einer Kaufzurückhaltung, die zu rezessiven Tendenzen in den Ländern führte.

Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007[Bearbeiten]

Leitzinsen im Euroraum und den USA

Die Finanzkrise ab 2007 ist eine Banken- und Finanzkrise, die im Frühsommer 2007 mit der US-Immobilienkrise (auch Subprimekrise) begann. Diese Krise äußerte sich weltweit in Verlusten und Insolvenzen bei Unternehmen der Finanzbranche, aber seit Ende 2008 auch in der Realwirtschaft. Die Krise wurde wesentlich durch fallende Immobilienpreise in den USA ausgelöst, die sich nach einer langen Preissteigerungsphase zu einer Immobilienblase entwickelt hatten. Gleichzeitig konnten immer mehr Kreditnehmer ihre Kreditraten nicht mehr bedienen, teils aufgrund des wieder (ab Mitte 2004) steigenden Leitzinses[12] und kontinuierlich steigender Kreditzinsen, teils infolge sinkender Einkommen. Da per Weiterverkauf der Kredite (Verbriefung) diese in aller Welt verstreut waren, weitete sich die Krise international aus.

Seit Ende 2008 sind weite Teile der Weltwirtschaft von der Krise betroffen. Die Wirtschaft schrumpfte unter anderem in Deutschland, Frankreich und den USA. In den Vereinigten Staaten wird der anhaltend stärkste Wirtschaftsrückgang seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gemeldet.[13] Gravierend sind auch die Auswirkungen in Japan, Südkorea und Italien. Viele Schwellenländer wie China, Russland, Indien und Brasilien verzeichneten eine Verringerung ihrer Wachstumsraten.[14]

Eurokrise[Bearbeiten]

Hauptartikel: Eurokrise

Islands Finanzkrise 2008–2011[Bearbeiten]

Auswirkungen von Wirtschaftskrisen[Bearbeiten]

In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Denn es kommt durch den Krisenablauf zu einer Umverteilung von Einkommen und Vermögen.

Durch außergewöhnlich hohe Bilanzverluste und die Zunahme von Konkursen verändert sich stark die Unternehmensdemografie, insbesondere im sog. "Mittelstand".[15] Doch aus Sicht einiger Kapitaleigner oder im Hinblick auf eine wettbewerbsfähigere Unternehmenslandschaft werden Wirtschaftskrisen nicht immer nur negativ bewertet. In der Politik kann eine wirtschaftliche Krise unter günstigen Umständen den notwendigen Reformdruck erzeugen, um die die Krise verursachenden bzw. verstärkenden strukturellen Probleme zu lösen.

Insbesondere ärmere Bevölkerungsschichten sind mehrheitlich die Verlierer und leiden am schwersten unter den wirtschaftlichen Folgen der Krise. Der dramatische und anhaltende Anstieg der Arbeitslosigkeit[16] bedeutet für viele Dauerarbeitslosigkeit und einen sozialen Abstieg. Er führt bei vielen zu gesundheitlichen Schäden wie Depression oder anderen aus Stress resultierenden Krankheiten und verringert die Lebenserwartung.[17] Gleichzeitig verringern sich die Chancen, medizinische Betreuung in Anspruch nehmen zu können.[18]

Die Krise erhöht auch die wirtschaftliche und soziale Unsicherheit. Ein OECD-Bericht von April 2009 sieht den Anteil der informellen Arbeit derzeit auf einem Rekordstand auf über der Hälfte der weltweit Erwerbstätigen und schätzt ein, dass er bis 2020 auf 2/3 ansteigen wird.[19]

Für welchen politischen Ausweg sich die Regierung eines jeweiligen Staates entscheidet, hängt ab vom Zusammenwirken dieser fünf Punkte:

  1. die wirtschaftliche Position der maßgeblichen gesellschaftlichen Kräfte und das politische Gewicht ihrer Vertretungsorgane (Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände);
  2. die Fähigkeit der politischen Akteure, Koalitionen zwischen Parteien, Gruppen und Vereinigungen zu bilden;
  3. die Bereitschaft und das Vermögen des Staats, in die Tätigkeit der Unternehmen einzugreifen;
  4. die (mehr oder weniger liberalen) Traditionen des Staats; und
  5. die Position des jeweiligen Staats innerhalb des geopolitischen Machtgefüges.[20]

Negative Folge einer Wirtschaftskrise ist häufig die Zunahme der sozialen Spannungen (z. B. der Cacerolazo infolge der Argentinien-Krise). Manche Wirtschaftskrisen haben zu Bürgerkriegen und anderen kriegerischen Konflikten geführt, indem Konfliktpotenziale erhöht oder schon bestehende Konflikte verschärft wurden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • Bill Bradley, Niall Ferguson, Paul Krugman, Nouriel Roubini, George Soros, Robin Wells et al.: The Crisis and How to Deal with It. The New York Review of Books. Volume 56, Number 10. 11. Juni 2009 (englisch)

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Roman Rosdolsky: 26. Kap.: Das Gesetz der fallenden Profitrate und die Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus, 30. Kap.: Der Streit um die Marxschen Reproduktionsschemata. In: Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen 'Kapital'. Der Rohentwurf des Kapital 1857–1858. Bd. II. Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main 4. Aufl. 1974. ISBN 3-434-45003-3. S. 442ff., S. 467 ff., 523 ff.
  2. Ludger Lindlar: Das mißverstandene Wirtschaftswunder, Mohr Siebeck, 1997, S. 76.
  3. http://www.juergen-paetzold.de/einfuerung_mawi/2_MAWI.html#Entwicklungsphasen
  4. Fritz W. Scharpf: Sozialdemokratische Krisenpolitik in Europa. Campus 2. Aufl. 1987. ISBN 3-593-33791-6. S. 19 ff.
  5. Rüdiger Dornbusch, Stanley Fischer, Richard Startz: Makroökonomik. ISBN 3486257137 Seite 558
  6. Milton Friedman: A Monetary History of the United States.
  7. Kaminsky, G. / Reinhart, C. (1999): The Twin Crises: The Causes of Banking and Balance of Payments' Problems, in: The American Economic Review, 89. Jahrgang, S. 473–500.
  8. Richard Gaettens, Inflationen – Das Drama der Geldentwertungen vom Altertum bis zur Gegenwart (Die Zeit der Schinderlinge). Pflaum Verlag München, 1955
  9. Nicholas Gregory Mankiw: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre 4. Auflage. Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart 2008, ISBN 3791018531
  10. Paul Krugman, January 9, 2012: About Austerity: Germans and Aliens Abgerufen am 15. November 2012
  11. Maßnahmen zur Überwindungung der nordischen Bankenkrise (1990er)
  12. Monetary Policy and the Housing Bubble (US-Geldpolitik und Immobilienblase) Chart: 2000–2009
  13. Josh Bivens: Worst economic crisis since the Great Depression? By a long shot. Economic Policy Institute. Abgelesen am 9. Februar 2010.
  14. Statistisches Bundesamt
  15. Pleitewelle durch die Wirtschaftskrise. (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung tagesschau, Stand: 3. Februar 2010 16:08 Uhr.
  16. ILO: Global Wage Report: 2009 Update. (Lohntrends 2. Quartal 2009 in einer Reihe von Ländern; englisch.)
  17. Michael Luo: At Closing Plant, Ordeal Included Heart Attacks. The New York Times, 24. Februar 2010.
  18. Michael Luo, Megan Thee-Brenan: Poll Reveals Depth and Trauma of Joblessness in U.S.. The New York Times 14. Dezember 2009.
  19. Rising informal employment will increase poverty OECD Entwicklungszentrum 8. April 2009
  20. Serge Halimi: Freihändler und Junker, 13. März 2009