Ägyptisch-Hethitischer Friedensvertrag

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Hieroglyphischer Text des Vertrages im Karnaktempel

Der Ägyptisch-Hethitische Friedensvertrag wurde nach der Schlacht bei Kadesch und jahrelangen, blutigen Grenzstreitigkeiten am 21. Tag des ersten Monats der Jahreszeit Peret im Jahr 21 der Regierungszeit Ramses II. (ca. 1259 v. Chr.)[1][2] zwischen dem ägyptischen Pharao Ramses II. und dem Hethiterkönig Ḫattušili III. geschlossen. Er gilt als ältester bekannter schriftlicher Friedensschluss.[A 1] Auszüge hängen im UNO-Gebäude in New York.

Historische Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. befand sich das Neue Reich in Ägypten in einer wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit. Sein Einflussbereich war bis nach Vorderasien in die Levante ausgedehnt. Gleichzeitig versuchten von Norden her die Hethiter, deren Reich sich rasch nach Süden ausdehnte, den Ägyptern die Vorherrschaft dort zu entreißen. Erste Kontakte hatten die beiden Völker schon zu Zeiten Thutmosis III. und Echnatons. Hier begann auch die Hochphase der diplomatischen Beziehungen Ägyptens mit anderen Völkern, wobei die sogenannten Amarna-Briefe, unter anderem gerichtet an den Hethiterkönig Schuppiluliuma I., eine besondere historische Bedeutung haben. Trotz dieser Korrespondenz kam es auch bei den nachfolgenden Pharaonen, besonders zu Beginn der 19. Dynastie, immer wieder zu schwerwiegenden Grenzstreitigkeiten.

Nachdem Ramses II. und der Hethiterkönig Muwatalli II. sich eine der bestdokumentierten Schlachten der Antike, die Schlacht bei Kadesch, 1274 v. Chr. lieferten, aus der keiner der Beteiligten als Sieger hervorging, gingen in den Folgejahren die Streitigkeiten in diesem Gebiet weiter.

Friedensschluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach etwa fünfzehn Jahren sahen sich die Hethiter jedoch von einem neuen Feind, den Assyrern, bedroht, so dass der König Ḫattušili III. Ramses einen Friedensschluss, ja sogar einen Bündnispakt anbot.

Keilschrift-Text des Friedensvertrags aus Hattuša, Archäologisches Museum Istanbul

Nach monatelangen Verhandlungen, bei denen sich die beiden Herrscher nie begegneten, da die Vertragsversionen jeweils von Boten, begleitet von hochrangigen Diplomaten, in die Hauptstädte der Reiche gebracht wurden, gelang es schließlich um 1259 v. Chr. den Friedensvertrag zwischen Ramses II. und Ḫattušili III. zu unterzeichnen. In diesem Vertrag grenzten sie ihre beiderseitigen Interessen in Syrien ab, welches geteilt wurde. Interessant ist, dass es zwei unterschiedliche Versionen dieses Friedensvertrags gab, eine hethitische in akkadischer Sprache und eine ägyptische in Hieroglyphenschrift. So konnten beide Seiten vor ihrem Volk als Sieger dastehen und ihre Ehre bewahren.

Ḫattušili III. ließ seine Version des Vertrags auf eine große silberne Plakette schreiben, die mit dem königlichen Siegel und den Namen von ihm und seiner Frau Puduḫepa versehen war. Dieser Nachweis des Friedensvertrags ist bis heute verschollen, allerdings existieren Inschriften im Tempel von Karnak und im Ramesseum, sowie eine hethitische Version in vielen Fragmenten.

Die Zeit nach dem Vertrag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1246 v. Chr. schlug Ḫattušili III. zusätzlich die Heirat Ramses’ mit einer seiner Töchter, Maathorneferure, vor, um das Bündnis zwischen den beiden Ländern noch zu vertiefen. Zwei weitere Hochzeiten sollten folgen.

Während der Friedensschluss selbst auf einem rein diplomatischen Weg abgewickelt worden war, kam es Jahre später doch zu einem persönlichen Treffen der beiden Herrscher. Der hethitische Prinz und Thronfolger Tudḫaliya besuchte das ägyptische Reich, woraufhin Ramses II. dessen Vater Ḫattušili III. einlud, seinen Sohn selbst in Ägypten abzuholen. Im Land Kanaan traf Ramses II. den hethitischen König persönlich und geleitete ihn in seine Hauptstadt Pi-Ramesse. Hier kam es dann wohl zu einem der ersten Gipfeltreffen zwischen zwei Staatsmännern in der antiken Geschichte.

Auch in den späteren Jahren nach dem Friedensschluss gab es eine rege Korrespondenz zwischen beiden Herrscherhäusern, welche auf Tontafeln erhalten sind. Sowohl die Briefe zwischen den beiden Königen, als auch die Briefe zwischen den Königinnen Nefertari und Puduḫepa bieten zusammen mit den älteren Amarna-Briefen einen einzigartigen Einblick in die damaligen – aktuell erscheinenden – Gepflogenheiten der Diplomatie. Des Weiteren hatten Ramses Mutter Tuja und dessen Wesir Paser brieflichen Kontakt zu den Hethitern.

Gerade die Hethiter konnten von dem Vertrag profitieren, da das Bündnis zur Abwehr Dritter die Assyrer abschreckte, das Hethiterreich in seiner Gänze anzugreifen. Nur kleinere, lokale Grenzstreitigkeiten traten auf. Auch die hethitischen Vasallen erhoben sich nicht gegen ihren obersten Herrn in Ḫattuša.

Als im Hethiterreich eine Hungersnot ausbrach, lieferte Ramses II. Sohn und Nachfolger auf dem Pharaonenthron Merenptah Getreide an den hethitischen König Šuppiluliuma II. Doch gegen hethitische Feinde zog Merenptah nicht zu Felde, wie es der Friedensvertrag eigentlich vorsah. Kurz darauf ging das hethitische Reich unter.

Die Ägypter profitierten ebenfalls. Nicht nur eine lange Friedensperiode war ihnen vergönnt. Auch die Bedrohung aus dem libyschen Raum verlor ihren Schrecken, da auch hier das Bündnis die Feinde vom Angriff abschreckte. Während der Regierungszeit Ramses II. war nur die ägyptische Südgrenze umkämpft, aber ohne dass die Hethiter Beistand leisten mussten.

Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt mehrere Textzeugen des Vertrages. Ramses II. ließ den Vertragstext in die Mauern des Tempels von Karnak und seines Totentempels, des Ramesseum meißeln. Während diese ägyptische hieroglyphische Version des Vertrages bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt war, wurde die hethitische Version zwischen 1906 und 1908 durch den Deutschen Hugo Winckler bei Ausgrabungen der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša entdeckt. Es handelt sich um Fragmente von Tontafeln in Keilschrift. Kopien hängen im UNO-Gebäude in New York. Im Archäologischen Museum (türk. Arkeoloji Müzesi) in Istanbul befinden sich hethitische Keilschrifttafeln aus Boğazkale (Hattuša), darunter eine der drei erhaltenen Ausfertigungen des Friedensvertrages nach der Schlacht bei Kadesch zwischen Hattušili III. (Hethitisches Reich) und Ramses II. (Ägypten).

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vertrag wurde 1997 von Elmar Edel neu ediert und im Anschluss an Viktor Korošec in fünf Teile eingeteilt:[3]

  • Präambel
  • Verbrüderung
  • Vorgeschichte
  • Vertragsbestimmungen
  • Götteranrufung

Hauptsächlich dient der Vertrag der Verbrüderung der beiden Herrscher, in deren Folge zwischen ihren Reichen ein freundschaftliches Verhältnis entstehen sollte. Deshalb wird in den einzelnen Vertragsbestimmungen immer wieder betont, dass die Herrscher verbrüdert seien.[4] Inhaltlich lassen sich folgende Teile unterscheiden:

  • einen Frieden zwischen Ramses II. und Ḫattušili III. und damit auch zwischen Ägypten und dem Hethiterreich,
  • einen Nichtangriffspakt,
  • ein Bündnis gegen innere und äußere Feinde mit einer Zusage der gegenseitigen Unterstützung,
  • die Garantie der Anerkennung des Sohnes Ḫattušilis III., Tudḫaliyas IV., als rechtmäßig nachfolgender König des Hethiterreichs und
  • Amnestie und Auslieferung für hethitische und ägyptische Gefangene und Flüchtlinge.

Die einzelnen Klauseln sind dabei nach dem Gewicht der jeweiligen Rechtsgüter geordnet.[5]

Der Vertrag ist völkerrechtlicher Natur, was sich sowohl aus seiner Abfassung in Akkadischer Sprache, als auch aus der strikt paritätischen Gestaltung der einzelnen Klauseln ergibt.[6]

Abschluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vertrag wurde durch zwei deckungsgleiche Selbstverpflichtungen geschlossen, die sich die Herrscher übergaben. Jeder verpflichtete sich in seiner Urkunde selbst, was ihn berechtigte, auch dem anderen eine Verpflichtung abzuverlangen. Der Vertrag besteht also aus keiner gemeinsamen Erklärung, sondern aus sich deckenden Selbstverpflichtungen, die erst in ihrer Übereinstimmung den Vertrag bilden.[7] Dieser erhielt seine rechtliche Verbindlichkeit dann durch seine Beeidigung.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schafik Allam: Der Vertrag Ramses' II. mit dem Hethiterkönig Ḫattušili III. (nach der hieroglyphischen Inschrift im Karnak-Tempel). In: Martin Lang (Hg.): Staatsverträge, Völkerrecht und Diplomatie im Alten Orient und in der griechisch-römischen Antike. Harrassowitz, Wiesbaden 2010, S. 81–115.
  • Lanny Bell: Conflict and Reconciliation in the Ancient Middle East: The Clash of Egyptian and Hittite Chariots in Syria, and the World's First Peace Treaty between "Superpowers". In: Kurt A. Raaflaub (Hg.): War and peace in the ancient world. Malden 2010, S. 98–120.
  • Trevor Bryce: The 'Eternal Treaty' from the Hittite perspective. In: BMSAES 6, 2006, S. 1–11.
  • Veysel Donbaz: Some observations on the Treaty Documents of Qadesh. In: Istanbuler Mitteilungen 43, 1993, S. 27–37.
  • Jana Mynářová: Lost in Translation. An egyptological Perspective on the Egyptian-Hittite Treaties. In: Annals of the Náprstek Museum 35, 2014, S. 3–8.
  • Horst Klengel: Hattuschili und Ramses, Hethiter und Ägypter – ihr langer Weg zum Frieden. von Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2917-2.
  • Katrin Schmidt: Friede durch Vertrag. Der Friedensvertrag von Kadesch von 1270 v. Chr. Der Friede des Antalkidas von 386 v. Chr. und der Friedensvertrag zwischen Byzanz und Persien von 562 n. Chr. Lang, Frankfurt [u. a.] 2002, ISBN 3-631-38848-9.
  • Dietrich Sürenhagen: Forerunners of the Hattusili-Ramesses treaty. In: BMSAES 6, 2006, S. 59–67.

Texteditionen

  • Elmar Edel: Der Vertrag zwischen Ramses II. von Ägypten und Hattusili III. von Hatti (WVDOG 95), Berlin 1997.
  • Stephen H. Langdon, Alan H. Gardiner: The Treaty of Alliance between Ḫattušili, King of the Hittites, and the Pharaoh Ramesses II of Egypt. In: JEA 6, 1920, S. 179–205.
  • Anthony Spalinger: Considerations on the Hittite treaty between Egypt and Hatti. In: SAK 9, 1981, S. 299–358.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Trevor Bryce: The Kingdom of the Hittites. Oxford University Press, Oxford 1999, ISBN 0-19-924010-8, S. 256.
  2. Horst Klengel: From War to Eternal Peace: Ramesses II and Khattushili III. (= Canadian Society for Mesopotamian Studies. Bd. 37) The Canadian Society for Mesopotamian Studies, Toronto 2002, S. 52.
  3. Korošec Hethitische Staatsverträge - Ein Beitrag zu ihrer juristischen Wertung, Leipzig 1931, S. 14 f.
  4. Korošec 1931, 15; Schmidt 2002, 34.
  5. Schmidt 2002, 34
  6. Korošec 1931, 19; Schmidt 2002, 33
  7. Korošec 1931, 24 f.; Schmidt 2002, 35 f.
  8. Korošec 1931, 25.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Altorientalistik diskutiert aber mehrere frühere Friedensschlüsse. Der älteste mögliche Friedensschluss könnte den historischen Hintergrund der Geierstele des Eannatum von Lagasch bilden, die im Zuge des Lagaš-Umma-Krieges um 2450 v. Chr. entstand.