Überakademisierung

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Überakademisierung ist ein teils analytisch, teils polemisch (und nicht selten in Verbindung mit antiintellektuellen Einstellungen und Vorurteilen) verwendeter Begriff, der die Ausbildung eines zu hohen Anteils von Absolventen des tertiären Bildungsbereichs über den geschätzten oder postulierten Bedarf hinaus bezeichnet.

Das ungefähre Äquivalent für diesen Begriff in den angelsächsischen Ländern lautet Overeducation. Mit Overeducation sind jedoch auch überdurchschnittliche (Aus-)Bildungs- und Verweilzeiten im Sekundarschulwesen gemeint, die im deutschen Begriff der Überakademisierung nicht eingeschlossen sind. Während sich dieser auf ein Überangebot an akademisch Qualifizierten auf dem Arbeitsmarkt bezieht, stehen im Fokus des Begriffs Overeducation eher die individuellen Arbeitsmarktrisiken für Menschen, die beim Berufseinstieg freiwillig eine Tätigkeit unterhalb ihres Qualifikationsniveaus wählen oder dazu gezwungen sind. Überakademisierung und Overeducation hängen jedoch eng zusammen und werden hier gemeinsam betrachtet.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Ursache einer Überakademisierung bzw. der Overeducation wird meist die falsche Nutzenschätzung eines Hochschulstudiums bzw. einer verlängerten Sekundarschulausbildung gesehen, die dann zu Arbeitslosigkeit oder aber zum Schul- bzw. Studienabbruch führen kann. Diese Nutzenschätzung kann durch Statuserwägungen, unrealistische Einkommenserwartungen, falsche Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Neigungen, aber auch durch Beeinflussung seitens der Eltern, Peer Groups oder Berater veranlasst sein. Auch können falsche Anreize im Bildungssystem gesetzt werden.

Durch vorübergehend hohe Nachfrage nach einer einzelnen Berufsgruppe kann es zum Phänomen einer sektoralen Überakademisierung – evtl. mit Bildung eines Schweinezyklus – kommen.

Überakademisierung kann auch eine Folge von „Flucht-Akademisierung“ sein wie z. B. im Gesundheitssystem, wo von einer belastenden Berufspraxis frustrierte Kräfte in weiterbildende Studiengänge drängen, für deren Absolventen der Markt jedoch sehr eng ist (z. B. Pflegemanagement).[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik an zu vielen und zu lange Studierenden ist nicht neu. Insbesondere im tendenziell bildungsfeindlichen Nationalsozialismus wurde das Studium nicht unmittelbar nützlicher Fächer zugunsten eines Körper-, Wettkampf- und Heroenkults und der Idee einer homogenen Volksgemeinschaft ohne Statusunterschiede abgewertet. Insbesondere wurden Frauen – allerdings nur bis kurz vor Kriegsausbruch – Opfer einer bildungsfeindlichen Politik durch Begrenzung des Zugangs zur tertiären Ausbildung.[2]

Auch im Nachkriegsdeutschland wurden von konservativen Kreisen, häufig von Lehrerverbänden des Sekundarschulwesens, immer wieder Bedenken gegen eine Overeducation und Überakademisierung erhoben. Dieses Argument war oft verbunden mit Einwänden gegen die grenzenlose Durchsetzung des Elternwillens bei der Schulwahl und dem Hinweis auf die vermeintliche Ausschöpfung der Begabungsreserven. Neuerdings wird verstärkt der fehlende Praxisbezug der Gymnasial- bzw. akademischen Bildung kritisiert, so zuletzt wieder seitens des Deutschen Philologenverbands 2013.[3]

Von sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Seite wird die Steigerung der Studienanfängerrate eines Jahrgangs von 11 Prozent im Jahre 1970 auf 55 Prozent im Jahre 2013 hingegen immer noch als unzureichend angesehen: Kinder von Nicht-Akademikern und insbesondere Migranten seien weiterhin unterproportional an der Gesamtzahl der Studierenden beteiligt.[4]

Auch anti-elitäre Bewegungen und Einstellungen in Demokratien kritisieren eine angebliche oder tatsächliche Überakademisierungsfalle (overeducation trap), so z. B. in den seit 1776 notorisch elitefeindlichen USA oder in Südkorea. Die Falle bestehe darin, dass High-School-Absolventen sich gezwungen sehen, einen College-Abschluss anzustreben, da sie sehen, dass selbst Collegeabsolventen oft nur anspruchslose, schlecht bezahlte Jobs erhalten. So würden immer mehr staatliche Ressourcen ohne nachhaltiger Wirkung ausgegeben.[5] Ähnlich wird in Deutschland argumentiert, dass Abiturienten, die (vor allem aufgrund schlechter Noten) keinen attraktiven Arbeits- oder Ausbildungsplatz erhalten, sich gezwungen sehen, ein Studium anzuschließen oder dass Bachelors, die keinen attraktiven Arbeitsplatz erhalten, einen Masterstudiengang anschließen.

Oft versuchen Berufsverbände wie die American Medical Association den professionellen Nachwuchs durch Studienbeschränkungen quantitativ zu begrenzen und dadurch die Einkommen ihrer Mitglieder hoch zu halten.[6] Eine Überakademisierung beklagen aber auch Verbände, die ihre Ausbildungsprogramme in unmittelbarer Konkurrenz zum Hochschulbesuch sehen, v. a. die Handwerkskammern.[7]

Seit der PISA-Studie und den zunehmenden Klagen über Fachkräftemangel dürfte zwar Konsens darüber bestehen, dass auch in Deutschland noch Begabungsreserven zu erschließen sind; kein Konsens besteht freilich hinsichtlich der Frage, ob dies durch Stärkung der akademischen oder beruflichen (und hier wiederum: im Rahmen einer dualen, vollzeitschulischen oder kooperativen Ausbildung?) geschehen solle. An Stelle der pauschalen Frage nach Über- oder Unterausbildung treten die Frage nach der optimalen Ressourcenallokation auf die verschiedenen Zweigen des Ausbildungssystems und die Forderung nach Verkürzung der rein schulischen, praxisfernen Ausbildungsanteile. Selbst die OECD, die jahrelang Deutschland wegen zu geringer Akademikerquoten rügte, neigt in den letzten Jahren zu der Auffassung, dass das deutsche stark praxisbezogene duale Ausbildungssystem eine Reihe von Vorteilen gegenüber einer rein schulischen oder akademischen Berufsbildung aufweise und als Vorbild gelten könne.[8]

Insbesondere bezogen auf Südeuropa kam angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit nach der immer noch sichtbaren negativen Arbeitsmarktfolgen der Finanzkrise von 2008–2012 die Frage auf, ob dort nicht zu viele Jugendliche zu lange am Bedarf vorbei ausgebildet wurden bzw. Der Vergleich der Arbeitslosenquoten in Ländern, die ihre Studierendenquoten stark ausgebaut haben wie Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien, mit denen in Deutschland, Österreich und der Schweiz - so der Pädagoge Karl-Heinz Dammer - zeige, dass die humankapitaltheoretische These von der Korrelation wirtschaftlichen Erfolgs mit einem hohen formalen Bildungsniveau nicht zutreffe und die akademische Bildung vor allem eine sozialsymbolische Bedeutung besitze.[9]

Trends[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökonomen der Duke University und der University of North Carolina in Chapel Hill kommen für die USA zu dem Schluss, dass Overeducation im Einstiegsberuf bzw. –job. besonders schädlich sei, und zwar vor allem in Krisenzeiten. 62 % aller Berufsstarter seien gemessen an den Anforderungen overeducated, und 66 % der Einsteiger, die einen Job angenommen haben, der unter dem Niveau ihres akademischen Abschlusses liege, fänden später keinen angemessene Tätigkeit. Frauen seien eher von diesen Folgen von Overeducation betroffen als Männer.[10] Dabei ist allerdings zu beachten, dass ein Undergraduate-Studium in den USA eher mit der gymnasialen Oberstufe in einem deutschsprachigen Land vergleichbar ist als mit dem universitären Grundstudium. [11] Die Stigmatisierung durch einen unterwertigen Berufseinstieg und die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen individuellen Folgen der anschließend oft erfolglosen Suche nach einem der Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz werden mit overeducation scarring („Narbenbildung“) beschrieben.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während in Deutschland im Jahr 2014 knapp die Hälfte der Angehörigen eines Jahrgangs (2005: erst 36 Prozent) studierten, waren es im OECD-Schnitt gut 60 Prozent.[12] Nach wie vor ist jedoch die Arbeitslosenquote von Absolventen eines Hochschulstudiums in Deutschland erheblich geringer als die von Absolventen einer dualen beruflichen Ausbildung oder gar von Menschen ohne Ausbildungsabschluss. Bisher hat sich noch kein Ende des Trends zur Akademisierung abgezeichnet.[13] Kritiker halten dem jedoch entgegen, dass viele Studierende, die einen Bachelorabschluss besitzen, nur vom Arbeitsmarkt absorbiert werden – und dann auch nur nach zusätzlichen Praktika – , weil es nicht mehr genügend qualifizierte Interessenten an einer dualen Ausbildung gibt.

Julian Nida-Rümelin kritisierte in seinem Buch „Der Akademisierungswahn“ von 2014, dass in Berufsfeldern wie dem Erziehungs- oder Pflegebereich, die der angeleiteten Praxis bedürfen, infolge der zunehmenden Akademisierung die Praxis wegbreche, während im modularisierten und eng spezialisierten Bachelorstudium die theoretische Reflexion und der Blick für Zusammenhänge verloren gingen. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) gaben 2015 nur 47 Prozent der Unternehmen an, dass Berufseinsteiger mit einem Bachelor-Abschluss ihre Erwartungen erfüllten. Jedem 5. Bachelor wird während der Probezeit gekündigt, hingegen nur jedem 10. Master. Das habe mit der geringen Praxisorientierung des Bachelorstudiums und mit ungeeigneten Auswahlverfahren zu tun. Hingegen waren 2007 noch 67 % aller befragten Unternehmen mit den Absolventen zufrieden.[14] Gerade kleine Unternehmen - so die Kritiker - könnten keine Traineeprogramme organisieren, um die Praxisferne des Studiums systematisch zu kompensieren. Sie sind auf Praktika angewiesen, in denen die Eignung von Bewerbern ausgetestet werden kann, weil man sich auf die praktische Relevanz der Abschlüsse nicht verlassen könne. 6 % der offenen Stellen für Akademiker wurden von den in der Studie JobTrends Deutschland 2015 des Staufenbiel-Instituts befragten (meist größeren) Unternehmen für Trainees angeboten, nur 27 % für Absolventen, aber 44 % für Praktikanten - in den Wirtschaftswissenschaften sind es sogar weit mehr.[15]

Einer weiteren deutschen Studie zufolge gibt es tatsächlich Anzeichen dafür, dass Overeducation beim Jobeinstieg problematischer für die künftige berufliche Entwicklung sei als längere Sucharbeitslosigkeit, die zu einem qualifikationsadäquaten Berufseinstieg führt.[16] Overeducation von Bewerbern ist mehreren dieser Studien zufolge für Arbeitgeber ein negativeres Signal als Arbeitslosigkeit. Deutsche Politiker ziehen aus der befürchteten Bachelor-Schwemme jedoch öfter die Konsequenz, mehr Absolventen zu Master-Studiengängen zuzulassen, wobei unklar ist, ob es dadurch nicht nur zu einer Problemverschiebung auf die nächsthöhere Ebene kommt.[17]

Durch subjektiv ungünstig bewertete Erfolgs- und Beschäftigungsaussichten lassen sich Arbeiterkinder leichter von einem Universitätsstudium abhalten als Jugendliche aus höheren Schichten, die ihre Ausbildungsentscheidung weniger auf arbeitsmarktbezogene, sondern auf Statuserwägungen gründen und aufgrund der Familientradition ohnehin kaum Alternativen zum Studium sehen.[18] Während also Arbeiterkinder zu Rational Choice-Verhalten neigen, trifft das in bezug auf die Studierentscheidung von Frauen offenbar seltener zu. Das DIW kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass die geringeren Einkommen von Frauen in Deutschland jedenfalls nicht durch kürzere (schulische) Ausbildungszeiten verursacht werden. Im Gegenteil zahlten sich für Frauen eine längere als die für bestimmte Berufe unbedingt geforderte Ausbildungszeit kaum aus. Außerdem führe Overeducation zu geringerer Zufriedenheit im Beruf.[19] Aufgrund des Trends, dass Mädchen eher eine vollzeitschulische Ausbildung wählen, leiden sie besonders unter der geringen Verzinsung zusätzlicher Ausbildungsinvestitionen. Hinzu kommt der allgemein sinkende Bedarf für Büroberufe mit vollzeitschulischer Ausbildung.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der in Wien lehrende Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht in seinem 2014 erschienenen Buch[20] von der „Transformation höherer Schulen in sozialpädagogische Anstalten“, deren bewusste Abkehr von der anstrengenden Aufgabe, junge Menschen mit schwierigen aber „nutzlosen“ Inhalten zu konfrontieren, durch das Kompetenz-Konzept legitimiert werde, das sich nur an aktuellen Bedürfnissen der Schüler oder Arbeitgeber orientiere. Dessen Nutzen sei angesichts einer Zukunft, die niemand kenne, fraglich.

Belgien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein ähnliches Ergebnis wie in der US-Untersuchung zeigt sich in einer belgischen Studie im flämischen Landesteil.[21] Diese Autoren ziehen aber die Schlussfolgerung, dass man Überqualifizierte nicht schnell in irgendeinen Job vermitteln sollte, sondern dass sie ggf. lange Wartezeiten auf dem Arbeitsmarkt in Kauf nehmen müssten.

Südeuropa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tendenz zur Überakademisierung wird in Südeuropa verschärft durch eine geringe räumliche Mobilität insbesondere auf dem Lande. Gleichzeitig fehlen betriebliche Ausbildungsmöglichkeiten. In Makedonien, Spanien, Griechenland, Italien, aber etwa auch in Ungarn und Rumänien liegt der Anteil der 15-24-Jährigen, die sich in einer betrieblichen Ausbildung befinden, unter 5 %. Gleichzeitig gibt es z. B. in Griechenland, Spanien und Makedonien in dieser Altersgruppe ca. 40 bis 50 % Absolventen mit höherem Sekundarschulabschluss und postsekundärer Bildung (d. h. ISCED-Level 3 und 4). Der Anteil der jugendlichen Arbeitslosen ist umso höher, je geringer die Beteiligung an betrieblicher Ausbildung ist.[22] In diesem Zusammenhang argumentieren Ramos und Sanromá in einem Beitrag von 2011 im Gegensatz zu einigen der weiter oben erwähnten Studien, dass arbeitslose Hochqualifizierte in Spanien zu lange nach einer ihrer Qualifikation entsprechenden Tätigkeit suchen und dafür zu lange Zeiten der (freiwilligen) Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen.[23] Von Overeducation kann man im Falle Spaniens jedoch wohl nicht sprechen, da hier jahrelang falsche Anreize gesetzt wurden, infolge welcher viele junge Menschen ohne adäquate Schul- und Berufsausbildung als Ungelernte hohe Löhne in der Baubranche erzielen konnten. So verzeichnet Spanien eine Schulabbrecherquote von 28 %. Die schulischen Programme einer postsekundären Ausbildung sind zudem oft von kurzer Dauer und zweifelhafter Praxisrelevanz.

In Italien gilt vor allem der Mangel an praktischer Arbeitserfahrung als Hauptproblem der Überqualifizierten. Eine italienische Studie weist darauf hin, dass die Beschäftigung von Akademikern unterhalb ihres Qualifikationsniveaus Folge einer unfreiwilligen langen Arbeitslosigkeit ist. Insbesondere gilt dies für Geisteswissenschaftler.[24]

Hinzu kommen andere Faktoren wie das zu lange Verweilen junger Menschen in ihren Herkunftsfamilien. Diese Einflussgrößen verstärken sich wechselseitig negativ: Während junge Menschen in Italien im Schnitt mit 28 Jahren ihre Familie verlassen, liegt das entsprechende Alter in Deutschland bei 23, in Schweden bei 20 Jahren. Fast 65 % der 18- bis 34-Jährigen wohnen in Italien mit mindestens einem Elternteil zusammen. Die Familie ersetzt den Sozialstaat und behindert die Arbeitsaufnahme, den regionalen Arbeitsmarktausgleich und auch die Auswanderung, obwohl 4 von 10 jungen Italienern bei lang anhaltender Arbeitslosigkeit prinzipiell auswanderungsbereit wären.[25] Für Spanien gilt Ähnliches. Doch ist in Italien von 2003/04 auf 2009/10 die Zahl der Studienanfänger um 14 % gesunken. Die Finanzmittel für öffentliche Hochschulen wurden noch stärker reduziert. Als Reaktion auf die Beschäftigungskrise hat sich jedoch die Zahl der Studierenden an privaten Hochschulen mehr als verdoppelt.[26]

In Griechenland ist demgegenüber die Bereitschaft junger Hochqualifizierter, auszuwandern, recht hoch. Die meisten jungen Arbeitslosen in Griechenland bekommen gar keine staatliche Unterstützung, weil sie von der Schulbank oder der Uni sofort in die Arbeitslosigkeit gingen und nie Sozialversicherungsbeiträge gezahlt haben. Hier wird eher die Gefahr eines massiven Brain Drain beschworen.[27]

Dritte Welt und Schwellenländer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vielen Ländern der Dritten Welt, aber auch in Schwellenländern herrscht kein genereller Akademikerüberschuss, sondern eher ein Mismatch in bezug auf die im Lande nachgefragten Fachrichtungen, so dass Absolventen anderer Fächer sich zur Emigration genötigt sehen. Wegen des oft noch schwach entwickelten oder für die Bildungseliten als wenig attraktiv geltenden privaten Sektors suchen viele Akademiker zudem Stellen im öffentlichen Dienst, die jedoch nicht in entsprechender Anzahl vorhanden sind. So ist z. B. der Migrationsdruck auf Akademiker in Marokko hoch, da die Fachrichtungsstruktur der Absolventen kaum dem Arbeitsmarktbedarf und der Branchenstruktur entspricht.[28] Aber auch in Deutschland ausgebildete marokkanische Studierende haben wegen der von ihnen präferierten Fächer (meist Informatik oder Elektrotechnik) nur geringe Rückkehrchancen, da in Marokko eher Agraringenieure, Textil-, Bau- und Wasserbauingenieure nachgefragt werden.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökonometrische Studien über das Phänomen Overeducation wie z. B. die von Baert, Cockx und Verhaest berücksichtigen meist nur die Dauer der sekundaren bzw. tertiären vollzeitschulischen Ausbildung in Jahren. Hierbei wird zu wenig unterschieden, ob z. B. ein Facharbeiter in einem Anlernberuf tätig wird und dabei gute Aufstiegschancen etwa zum Gruppen- oder Bandleiter hat oder ob etwa eine Geisteswissenschaftlerin sich als Vermittlerin in einem Jobcenter bewirbt. Ebenso wie das Konzept des Return on Education vernachlässigen diese Studien schwer messbare Faktoren wie die Motivation, das Verhältnis von Grundlagenbildung zu fachlicher Spezialisierung oder die Lernkultur. Bei der empirischen wirtschaftswissenschaftlichen Analyse von Gender-Unterschieden im Hinblick auf Überakademisierung bzw. Overeducation werden die Einflüsse insbesondere des deutschen Steuersystems auf das Erwerbsverhalten von Frauen und ihre Bildungsrenditen vernachlässigt.

Es wird in diesen Studien auch selten hinreichend danach unterschieden, ob der überqualifizierte Eintritt in ein Beschäftigungsverhältnis Folge einer freiwilligen Suchstragie oder von langer erzwungener Arbeitslosigkeit ist.

Grundsätzlicher ist der Einwand, dass der subjektive und objektive Wert eines Studiums für das Individuum und seine Identitätsbildung nicht mit ökonomischen und ökonometrischen Kategorien allein zu fassen ist („Bildungswert“, „Bildung als Konsum“, „nicht-monetäre Bildungsrendite“ oder Kulturelles Kapital). So kann eine Person mit Hochschulabschluss evtl. ihre Einkommenssteuererklärung selbst ausfüllen oder eine Oper besser verstehen. Doch zeigen verschiedene Untersuchungen, dass heute ein „guter Verdienst“ und das Erreichen einer „angesehenen sozialen Position“ für die Studienfachwahl wichtiger geworden sind als vor der Bologna-Reform. Entsprechend spielen Sicherheit, Einkommen und Aufstiegsmöglichkeiten heute eine größere Rolle bei der Studienfachwahl.[29]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Flegewiki: Flucht-Akademisierung.
  2. Michael Grüttner: Das Dritte Reich. 1933–1939. Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Auflage. Band 19. Stuttgart 2014, S. 454 ff. Bereits 1938 klagten Berliner Hochschullehrer in einer Denkschrift über die allgemeine Senkung des Bildungsniveaus (S. 461 f.)
  3. DPhV warnt vor den Folgen einer Überakademisierung, Teachers' News, 12. November 2013, online: [1]
  4. Siehe bspw. Eduard Heußen: Fachkräftemangel oder Überakademisierung? Der zukünftige Bildungsbedarf aus Sicht der Unternehmen. Wirtschaft und Politik: impulse, Friedrich-Ebert-Stiftung, Mai 2014, online: [2] (PDF).
  5. Siehe die in den USA gegründete, weltweit aktive Initiative Overeducation, die Strafen für Arbeitgeber fordert, welche überqualifizierte Absolventen einstellen.
  6. http://www.overeducation.org/overeducation-trap/ Abruf am 27. August 2014.
  7. Handwerkspräsident Otto Kentzler hält Trend zur Akademisierung für fatal. Saarbrücker Zeitung, 2. Januar 2013, online: Interview mit Otto Kentzler
  8. OECD-Studie: Gute Bildung rettet die Deutschen vor dem Absturz. In: Die Welt, 25. Juni 2013, online: [3]
  9. Karl-Heinz Dammer: Julian Nida-Rümelin und der “Akademisierungswahn”. [Online http://bildung-wissen.eu/kommentare/julian-nida-ruemelin-und-der-akademisierungswahn.html] 11. September 2013.
  10. http://www.vox.com/2014/6/4/5771902/how-being-overeducated-in-your-first-job-hurts-you-later-in-your Being overeducated in your first job hurts you later in your career, vox,com, 4. Juni 2014.
  11. Mark Roche: Was die deutschen Universitäten von den amerikanischen lernen können und was sie vermeiden sollten. Felix Meiner, Hamburg 2014.
  12. Jan Grossbarth: Müssen bald alle Menschen studieren? In: FAZ, 26. Februar 2014, online: [4]
  13. Siehe Joachim Möller, 2013.
  14. Wirtschaft klagt über Bachelor-Absolventen. In: Spiegel Online, 23. April 2015, [5]
  15. JobTrends 2015
  16. Bettina Schuck: Better overeducated than unemployed? Online: [6]
  17. Z.B. Nils Schmid im Bildungsstreik 2011, siehe [7].
  18. Rolf Becker, Anna Etta Hecken: Warum werden Arbeiterkinder vom Studium an Universitäten abgelenkt? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 60(2008)1, S. 22 ff.
  19. Christina Boll, Julian Sebastian Leppin: Overeducation among graduates: An overlooked facet of the gender pay gap? Evidence from East and West Germany. DIW, SOEPpapers 2627, 2014, online: [8] (PDF).
  20. Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Zsolnay, Wien 2014
  21. Stijn Baert, Bart Cockx, Dieter Verhaest: Overeducation at the start of the career: Stepping stone or trap? In: Labour Economics, Volume 25, Dezember 2013, S. 123–140; als IZA Discussion Paper online: [9].
  22. Jörg Thomä: Ökonomischer Vorteile der beruflichen Ausbildung. Vortrag, Hildesheim 2013, online: [10], S. 12.
  23. Paul Ramos, Esteban Sanromá: Overeducation and Local Labour Markets in Spain. IZA Discussion Paper No. 6028, Bonn, Oktober 2011, online: [11].
  24. Patrizia Ordine, Giuseppe Rose: Educational Mismatch and the Upshots of Unemployment Scarring. University of Calabria, online: [12] (PDF).
  25. Paola Villa: I giovani e il mercato de lavoro in Italia. In: La Rivista delle Politiche Scoiali. Heft 3, 2011, S. 13–42, insbes, S. 35.
  26. Felice Roberto Pizzuti: Questione giovanile, crisi globale e politiche sociali nell'Unione Europea e in Italia. In: La Rivista delle Politiche Scoiali. Heft 3, 2011, S. 167–188, insbes, S. 175.
  27. Alexander Demling, Lucia Weiss, Dominik Peters: Wie Griechenland seine junge Elite verprellt. In: Die Zeit. 26. August 2011, online: [13]
  28. Auslandsbüro Marokko der Konrad-Adenauer-Stiftung, abgerufen am 27. Mai 2015.
  29. Siehe z.B. Axel Franzen, Sonja Pointner: Die Black Box der Studierenden: Studienmotivation und -verhalten vor und nach der Bologna-Reform. BZH Bayern, 2014 (pdf).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joachim Möller: In Deutschland wird zu viel studiert – stimmt‘s? In: Der Spiegel. 20. August 2013. (online)
  • Julian Nida-Rümelin: Der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung. Körber-Stiftung, 2014, ISBN 978-3-89684-161-2.

Rundfunkberichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]