Angela Steidele

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Angela Steidele bei der Verleihung des Bayerischen Buchpreises 2015

Angela Steidele (* 18. Dezember 1968 in Bruchsal) ist eine deutsche Autorin. Sie schreibt Sachbücher und Romane. Unter anderem geht es in ihren Büchern um Liebesgeschichten zwischen Gleichgeschlechtlichen auf der Basis von historischen Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur arbeitete Angela Steidele 1988-1990 als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen e. V. in Israel zunächst in einem Kibbuz, anschließend in einem Altenheim.[1] Sie studierte von 1990 bis 1996 Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft und Philosophie in Hildesheim und promovierte 2002 in Siegen in Allgemeiner Literaturwissenschaft. Danach lehrte sie an Hochschulen: Zwischen 2003 und 2004 war sie am Swedish Collegium for Advanced Studies in Uppsala wissenschaftlich tätig. In ihrer 2003 veröffentlichten Dissertation Als wenn Du mein Geliebter wärest. Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750–1850 ist Steideles Grundthema bereits im Untertitel enthalten. Von 2006 bis 2007 war sie Gastdozentin an der Universität Hildesheim. In den folgenden Jahren konzentrierte sie sich auf eigene Buchprojekte.

Angela Steidele lebt in Köln.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In ihren Sachbüchern und in ihrem ersten Roman bringt Angela Steidele auf der Basis wissenschaftlicher Quellen Licht in wenig bekannte Bereiche der Geschichte von Liebe und Begehren zwischen Gleichgeschlechtlichen im 18. und 19. Jahrhundert, hauptsächlich von lesbischen Frauen. Im Zentrum stehen dabei Lebens- und Liebesgeschichten historischer Figuren wie Catharina Linck, Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens sowie zeitgenössische Krankheits-, Sexualitäts- und Geschlechtervorstellungen in Epochen, in denen „das Selbstverständnis einer homosexuellen Identität historisch noch nicht existierte“.[2]

In Männerkleidern (2004)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2004 folgte die Monografie In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721, eine Biographie einer Frau, die in Europa aufgrund des Tatbestands der Sodomie (im Sinne von Unzucht mit einer anderen Frau) hingerichtet wurde. Catharina Margaretha Linck trat unter dem sprechenden Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel in Männerkleidern auf. Zwischen ihren Beinen brachte sie einen Lederdildo für den Geschlechtsverkehr mit Frauen an. Sie wurde erst Prophet in einer radikalpietistischen Wandersekte, kämpfte sieben Jahre lang als Soldat, wurde viermal getauft und ging zweimal die Ehe mit Catharina Margaretha Mühlhahn ein. Susanne Kord hob hervor, das Buch zeige, wie sehr im 18. Jahrhundert juristische, medizinische und philosophische Diskurse noch im Fluss waren.[3] So sei Lincks Fall einer der ersten, in dem Homosexualität als Krankheit behandelt werde.[3] Auf juristischer Ebene sei bemerkenswert, dass unter den Richtern in diesem Prozess Uneinigkeit darüber geherrscht habe, ob die Verhängung der Todesstrafe wegen Unzucht überhaupt möglich sei, wo doch Unzucht ohne Penis bis dahin als unmöglich gegolten hatte.[3] In philosophischer Hinsicht schließlich sei bemerkenswert, dass Catharina Linck in ihrer Zeit noch aus sozialen (nicht etwa aus hormonellen!) Gründen habe als Mann auftreten können, was ein Jahrhundert später schon nicht mehr möglich gewesen sei.[3] Zu Lincks Lebzeiten sei nämlich die Ansicht, Weiblichkeit sei im weiblichen Körper verankert, noch nicht allgemein anerkannt gewesen.[3]

Geschichte einer Liebe (2011)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens kombiniert authentische Quellen wie Briefe und Tagebuchauszüge aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit eigenen Textteilen durch eine „permanente fließende Bewegung zwischen Originalzitaten und eigenem Text.“[4] Gegenstand des Buches ist die Liebesbeziehung der beiden Frauen und die Situierung in deren gesellschaftlichem Umfeld.

Hanna Hacker bezeichnete den Text als „spannendes Experiment im Raum zwischen Geschichte und fiction.“[5] Jens Bisky lobte, Steidele ließe ihre Heldinnen ausführlich zu Wort kommen und verliere sich dennoch nicht in der Menge der Zitate.[6]

Rosenstengel (2015)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2015 veröffentlichte Steidele den Roman Rosenstengel: Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II.,[7] der mit dem bayrischen Buchpreis ausgezeichnet wurde.[8] Das Buch mischt geschichtliche Tatsachen und literarische Erfindung in schwer durchschaubarer Weise. Es gibt vor, eine historische Dokumentensammlung zu sein, als deren Herausgeberin Steidele im Vorwort auftritt.[9] Der Hauptteil besteht aus zwei fiktiven Briefwechseln in der Sprache des 18. bzw. 19. Jahrhunderts, die abwechselnd und in unterschiedlicher Schriftfarbe dargeboten werden.[10] Der eine enthält Briefe vom Anfang des 18. Jahrhunderts, in denen sich Zeitgenossen aus Halle und Halberstadt über den Fall der bereits oben beschriebenen Catharina Margaretha Linck austauschen. Im Zentrum des zweiten Briefwechsels vom Ende des 19. Jahrhunderts stehen König Ludwig II. von Bayern und sein Arzt Franz Carl Müller. (Der real existierende Müller war nicht nur Ludwigs Arzt, sondern auch der Wiederentdecker der historischen Catharina Linck.) Im Roman erfährt der König von Müller die Geschichte Catharina Lincks und reflektiert in seinen Briefen darüber. Zugleich wird der junge Arzt ohne Wissen und Willen Teil einer Verschwörung, deren Ziel es ist, den König aus medizinischen Gründen für unzurechnungsfähig zu erklären und deshalb absetzen zu können.[11] Zwischen Ludwig und Müller entwickelt sich im Lauf des Romans eine unterschwellige Liebesbeziehung; nach Ludwigs Tod gibt seine Kusine und Vertraute Sisi Müller eine Mitschuld am Tod des Königs, da er seine Homosexualität und Liebe zu Ludwig nicht offengelegt habe.[9] Somit bilden „zwei Menschen mit Doppelleben“ das Gerüst von Steideles Debütroman. Die beiden Protagonisten zeigen exemplarisch, „dass Leben nichts Gegebenes ist, sondern dass wir es alle mehr oder weniger erfinden.“[12] Während Linck eine ganze Reihe von Identitäten für sich erfand, definierte sich Ludwig II. als „König der Kunst, als Märchenritter und Bauherr fantastischer Schlösser.“[12]

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schreiben als Lust: die Formensprache von Glinka Steinwachs und ihr Verhältnis zur ecriture feminine, Hildesheim 1996, OCLC 258628594 (Diplomarbeit Universität Hildesheim, FB II, 1996, 102 Seiten, Betreuer: Hanns-Josef Ortheil).
  • Als wenn Du mein Geliebter wärest. Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750–1850 (= M-&-P-Schriftenreihe für Wissenschaft und Forschung. Literatur), Metzler Verlag, 2003, ISBN 3-476-45313-8 (Dissertation [Uni Siegen 2002]).
  • In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721. Biographie und Dokumentation, Böhlau, Köln 2004, ISBN 3-412-16703-7.
  • „Als Mann und Frau etliche jähr mit einander gelebt“. Catharina Margaretha Linck (1687–1721) und Catharina Margaretha Mühlhahn (1697–1776). In: Joey Horsley, Luise F. Pusch (Hrsg.): Frauengeschichten. Berühmte Frauen und ihre Freundinnen, Wallstein, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0634-9, S. 19–49.
  • Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens, Insel, Berlin 2011, ISBN 3-458-35731-9.
  • Rosenstengel: Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II., Matthes & Seitz, Berlin 2015, ISBN 978-3-95757-136-6
  • Anne Lister : eine erotische Biographie. Berlin : Matthes & Seitz Berlin, 2017 ISBN 978-3-95757-445-9

Mitarbeit:

  • Vorwort und Bearbeitung: Ingrid Bodsch (Hrsg.): Sibylle Mertens-Schaaffhausen 1797–1857: Zum 150. Todestag der „Rheingräfin“, Stadtmuseum Bonn, Bonn 2007, ISBN 3-931878-21-X.
  • Übersetzung: W. Daniel Wilson: Goethe Männer Knaben: Ansichten zur Homosexualität, Insel Verlag, Berlin 2012, ISBN 3-458-17542-3.

Rezensionen und Interviews[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Männerkleidern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte einer Liebe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jens Bisky: Unter der Eisrinde, in: Süddeutsche Zeitung, 18. Mai 2010, abgerufen am 6. November 2015.
  • Hanna Hacker: Angela Steidele, Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens. In: L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, Böhlau, Wien 2010, Band 21 (2), ISSN 1016-362X, S. 177–180.

Rosenstengel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Angela Steidele – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Literaturport über Angela Steidele, abgerufen am 2. November 2015.
  2. Hanna Hacker: Angela Steidele, Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens. In: L’Homme. Böhlau Verlag, 2010, Band 21(2), ISSN 1016-362X, S. 179.
  3. a b c d e Susanne Kord: In Männerkleidern: Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721. Biographie und Dokumentation (Book Review). In: Modern Humanities Research Association (Hrsg.): The Modern Language Review. Maney Publishing, April 2006, Band 101(2), ISSN 0026-7937, S. 570.
  4. Hanna Hacker: Angela Steidele, Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens. In: L’Homme. Böhlau Verlag, 2010, Band 21(2), ISSN 1016-362X, S. 178.
  5. Hanna Hacker: Angela Steidele, Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens. In: L’Homme. Böhlau Verlag, 2010, Band 21(2), ISSN 1016-362X, S. 180.
  6. Jens Bisky: Unter der Eisrinde, in: Süddeutsche Zeitung, 18. Mai 2010, abgerufen am 6. November 2015.
  7. Angela Steidele in lesenswert. Ilija Trojanow und Angela Steidele bei Denis Scheck. SWR, 22. Oktober 2015, abgerufen am 5. November 2015.
  8. Sabine Reithmaier (im Interview mit Angela Steidele): Ein Psychiater, zwei gespaltene Ichs. Ludwig II. im Wahn und eine Frau in Hosen trugen Angela Steidele den Bayerischen Buchpreis ein. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 279, 3. Dezember 2015, S. R22.
  9. a b Simone Trieder: Irres Spiel mit Fakten und Fiktion auf fixpoetry.com, 5. November 2015, abgerufen am 26. November 2015.
  10. Angela Steidele im Audiodokument: Frauenleben. Vom Soldatenleben in Kniebundhosen bis zum Atlantikflug der „Lady Africa“: Gutenbergs Welt folgt Frauen auf ihren abenteuerlichen Lebenswegen, Gutenbergs Welt, WDR 3, Moderation: Insa Wilke, Redaktion: Adrian Winkler, 13. September 2015, 08:00, abgerufen am 5. November 2015.
  11. Sabrina Wagner: Historischer Roman 'Rosenstengel': Anhaltspunkte für ein zerrüttetes Seelenleben. In: Der Tagesspiegel. 11. September 2015, abgerufen am 6. November 2015.
  12. a b Angela Steidele im Interview mit Sabine Reithmaier: Ein Psychiater, zwei gespaltene Ichs. Ludwig II. im Wahn und eine Frau in Hosen trugen Angela Steidele den Bayerischen Buchpreis ein. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 279, 3. Dezember 2015, S. R22.
  13. Sabine Vogel: Den Satz würd' ich streichen Berliner Zeitung, 30. Mai 2011.
  14. SWR-Bestenliste November 2015 (PDF) abgerufen am 28. November 2015.