Bivio

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Bivio
Wappen von Bivio
Staat: Schweiz
Kanton: Graubünden (GR)
Region: Albula
Politische Gemeinde: Sursesi2
Postleitzahl: 7457
Koordinaten: 769934 / 148915Koordinaten: 46° 28′ 12″ N, 9° 39′ 5″ O; CH1903: 769934 / 148915
Höhe: 1769 m ü. M.
Fläche: 76,73 km²
Einwohner: 189 (31. Dezember 2014)
Einwohnerdichte: 2 Einw. pro km²
Website: www.surses.ch
Bivio nach Süden

Bivio nach Süden

Karte
Karte von Bivio
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Bivio (deutsch und bis 1902 offiziell Stalla, rätoromanisch Beiva) war bis zum 31. Dezember 2015 eine politische Gemeinde im Kreis Surses, Bezirk Albula im Schweizer Kanton Graubünden. Am 1. Januar 2016 fusionierte Bivio mit den Gemeinden Cunter, Marmorera, Mulegns, Riom-Parsonz, Salouf, Savognin, Sur und Tinizong-Rona zur neuen Gemeinde Surses.

Bivio liegt am Fuss der Alpenpässe Julier und Septimer. Es ist die einzige italienischsprachige Ortschaft nördlich der Alpenwasserscheide und gilt überhaupt als diejenige mit der grössten Sprachenvielfalt.

Dorfzentrum mit reformierter Kirche
Bivio Dorf

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blasonierung: In Silber ein aufrechter schwarzer, rot bewehrter Steinbock, begleitet von zwei gestürzten schwarzen Hufeisen

Der Steinbock als das überlieferte Wappenbild der Gemeinde wird durch die beiden Hufeisen ergänzt, die für die historische Bedeutung von Julier- und Septimerpass stehen, sie differenzieren das Wappen zugleich von demjenigen des Gotteshausbundes.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bivio nach Norden

Bivio ist das oberste Dorf der Talschaft Surses (dt. Oberhalbstein). Das ehemalige Gemeindegebiet umfasst das gesamte Einzugsgebiet des Flusses Julia oberhalb des Marmorera-Stausees und greift am Septimerpass noch gut einen Kilometer nach Süden über die Wasserscheide aus. Dort verläuft die ehemalige Gemeinde- und gleichzeitig Bezirksgrenze am Säscel battü, einer Engstelle des mittelalterlichen Passwegs.

In das als Val d'Agnel nordwestlich des Julierpasses beginnende Haupttal münden von links die Seitentäler Val Grevasalvas, Val d’Emmat, das zum Septimer führende Val Tgavretga, Valletta da Beiva und Val Gronda. Der steilere rechte Talhang ist wenig gegliedert.

Die das Territorium nach Westen begrenzende Bergkette erreicht durchwegs – auch in den drei Einsattelungen Stallerberg, Fuorcla da la Valletta und Forcellina – Höhen von über 2500 m; sie kulminiert im Piz Surparé (3078 m) und ganz im Süden im Piz Turba (3018 m). An der südöstlichen Grenze dominiert der Piz Lagrev (3165 m). Der Piz d’Agnel markiert nicht nur den nördlichsten, sondern mit 3205 m auch den höchsten Punkt der Gemeinde.

Ausser dem Hauptort, der sich als Strassendorf auf einer Verebnung links der Julia erstreckt, gehören zu Bivio noch einige kleine Aussensiedlungen: Tgavretga, Stalveder mit Tges'Alva, Val Beiva und Mot. Extreme Waldarmut, durch verstärkte Rodungen seit dem Spätmittelalter verursacht, kennzeichnet das gesamte Gemeindegebiet. Der Ortskern selbst liegt aber vor Lawinen sicher am Fusse eines sanften Höhenrückens.

Im Jahr 1997 wurden 48.8 % der Gemeindefläche landwirtschaftlich genutzt, der Wald nahm 2.2 % ein, die Siedlungen 0.4 %. Als unproduktiv galten 48.6 %.

Die Nachbargemeinden waren Marmorera, Bever (Exklave), Silvaplana, Sils im Engadin/Segl, Bregaglia, Avers und Mulegns.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Entwicklung der im 9. Jahrhundert als stabulum bivio (Stall an der Wegscheide) erwähnten Siedlung war zu allen Zeiten aufs Engste mit dem Passverkehr über Septimer und Julier verknüpft. Diese beiden Pässe – die zeitweise europäische Bedeutung aufwiesen – verbinden Bivio mit dem Bergell und dem Engadin. Der als regionale Verbindung wichtige Stallerberg führt ins von Walsern besiedelte Avers. Der Ort liegt also im Schnittpunkt verschiedener Sprachen und Kulturen, wobei die wesentlichen Einflüsse von Süden, vom Bergell her, kamen.

Die engen Verhältnisse zwischen Bivio und dem Bergell entstanden aber nicht nur durch den Passverkehr. Dokumente ab dem 15. Jahrhundert betreffen die Bestossung der Maiensässe und Alpen auf dem Gebiet von Bivio durch Bergeller Familien im Dienste der Herren von Salis-Soglio. Ab dem 16. Jahrhundert haben sich diese Familien nachweislich in den äusseren Fraktionen von Bivio ganzjährig niedergelassen; das Dorfzentrum blieb jedoch noch länger rein romanischsprachig.[1]

Als Teil der Septimerroute war Bivio – Zentrum der Port Stalla, Umladeplatz und Pferdewechselstation – im Besitz des Bischofs von Chur und später Mitglied des Gotteshausbundes. Dort bildete es zusammen mit Marmorera und Avers ein eigenes Gericht. Mit den Bergeller Nachbarn trat ein Teil der Bevölkerung im 16. Jahrhundert zum protestantischen Glauben über. Seither sind in der Gemeinde beide Konfessionen etwa gleich stark vertreten, womit Bivio im sonst ganz katholischen Oberhalbstein eine Ausnahme bildet.

Wie das gesamte Oberhalbstein erlebte das Dorf nach dem Verlust des Transitverkehrs Ende des 19. Jahrhunderts eine Rezession. Nachdem 1959 der erste von mittlerweile drei Skiliften gebaut wurde, setzte eine touristische Entwicklung ein. In den 1980er Jahren wurde das Gebiet Plaz rechts der Julia überbaut.

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bevölkerungsentwicklung
Jahr 1850 1900 1950 1980 2003
Einwohnerzahl 211 141 224 238 272

Sprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dorf werden seit dem Mittelalter drei Sprachen gesprochen: neben der traditionellen Amtssprache Italienisch beherrschen die meisten Bivianer auch Deutsch und Rätoromanisch. Das Nachbartal Avers wurde von deutschsprachigen Walsern besiedelt, welche auch an Bivio vorbei in Richtung Alp Flix und Davos weiter zogen. Mit dem aufkommenden Tourismus entwickelte sich das Deutsche ab dem 19. Jahrhundert mehr und mehr zur Umgangssprache.

Die italienische Ortsmundart entspricht weitgehend dem Bergeller Dialekt («Bargajot»; seinerseits ein Unterdialekt des Lombardischen), weist aber lokale Besonderheiten auf. Das nur noch von wenigen Bewohnern gesprochene Bivio-Romanisch steht zwischen den Idiomen Surmiran und Putér. Da auch das Deutsche – ebenso wie das Italienische – in mehreren Varietäten vertreten ist (Schriftdeutsch, Bündnerdeutsch und andere schweizerdeutsche Mundarten), zählen Sprachwissenschafter bis zu sieben in Bivio gesprochene Sprachen und Dialekte.[2] Wegen der komplizierten Sprachsituation stellte dies auch die Volkszähler vor ein Dilemma. So wurden 1880 67 % Romanen und 1910 67 % Romanen (Italienisch 26 %) gezählt. Dieser Anteil sank dann bis 1941 auf 43 %. Da aber beinahe alle Bewohner zwei- bis dreisprachig waren, gaben sie einmal Romanisch, ein andermal Italienisch als Muttersprache an.

Wegen der sieben Sprachen, Dialekte und Mundarten, die in Bivio gesprochen werden (Schriftdeutsch und Bündnerdeutsch, Italienisch und Bargaiot, Surmiran, Putér und Bivio-Romanisch), gilt Bivio als die „mehrsprachigste“ ehemalige Gemeinde der Schweiz.

Offiziell ist Italienisch einzige Behördensprache, obschon mittlerweile eine Bevölkerungsmehrheit Deutsch als Hauptsprache angibt. In der ehemaligen Gemeindeversammlung etwa wurde Deutsch gesprochen, das Protokoll aber nach wie vor auf Italienisch verfasst. Die Primarschule ist zweisprachig deutsch und italienisch. Damit war Bivio, neben Livigno, die einzige offizielle italienischsprachige Gemeinde nördlich des Alpenhauptkamms.

Die sprachliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt folgende Tabelle:

Pfarrkirche Son Giagl
Inneres der Pfarrkirche mit spätgotischem Flügelaltar
Sprachen in Bivio
Sprachen Volkszählung 1980 Volkszählung 1990 Volkszählung 2000
Anzahl Anteil Anzahl Anteil Anzahl Anteil
Deutsch 88 36,97 % 120 53,81 % 113 55,39 %
Rätoromanisch 44 18,49 % 20 8,97 % 25 12,25 %
Italienisch 100 42,02 % 76 34,08 % 60 29,41 %
Einwohner 238 100 % 223 100 % 204 100 %

Herkunft und Nationalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den Ende 2005 220 Bewohnern waren 187 (= 85,00 %) Schweizer Staatsangehörige.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Landwirtschaft waren 31 Personen tätig, im produzierenden Gewerbe 20 und im Dienstleistungssektor 111.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erwin Poeschel: Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden. III. Die Talschaften Räzünser Boden, Domleschg, Heinzenberg, Oberhalbstein, Ober- und Unterengadin (= Kunstdenkmäler der Schweiz. Band 11). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Bern 1940. DNB 760079625.
  • Elda Simonett-Giovanoli: «Es war einmal ...» Ereignisse aus der turbulenten Vergangenheit von Bivio, Marmorera und dem Bergell. Komm. Bündner Monatsblatt, Chur 1994.
  • Andres Max Kristol: Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit in Bivio (Graubünden). Linguistische Bestandesaufnahme in einer siebensprachigen Dorfgemeinschaft (= Romanica Helvetica. 99). Francke, Bern 1984.
  • Jürg Simonett: Bivio. In: Historisches Lexikon der Schweiz..

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bivio – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andres Max Kristol: Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit in Bivio (Graubünden), Bern 1984, S. 26 ff.
  2. Zu den sprachlichen Verhältnissen in Bivio siehe Andres Max Kristol: Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit in Bivio (Graubünden), Bern 1984.
  3. Katholische Pfarrkirche St. Gallus