Im Jahr 1907 zog die Familie (Vater Georg Mierendorff; Mutter Charlotte, geb. Meißner) nach Darmstadt (Großherzogtum Hessen). Sein Vater arbeitete dort in der Textilbranche. Er war reisender Handelsvertreter; der Sohn erlebte „das heimatliche Milieu bescheiden, aber gut bürgerlich“.[1] Mierendorff, der der Wandervogelbewegung nahestand, besuchte das Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt und schrieb zusammen mit seinen Freunden Theodor Haubach und Joseph Würth kurze Aufsätze in ihrer Zeitschrift Die Dachstube.
Im Mai 1916 schrieb Mierendorff sich, noch als Soldat auf Genesungsurlaub, als Student ein. Er betrieb sein Studium, vermutlich kriegsbedingt, nicht ernsthaft. Das änderte sich ab dem Wintersemester 1918/1919. An der Universität Frankfurt am Main belegte er zunächst Jura und gab die Zeitschrift Das Tribunal. Hessische radikale Blätter heraus. Mierendorff schrieb Anfang 1919 an Carl Zuckmayer, um ihn für die Mitarbeit in der Redaktion dieser Zeitschrift zu gewinnen.[4] Dies war der Beginn ihrer Freundschaft. Seit dem Sommer 1919 studierte er in HeidelbergStaatswissenschaften und Nationalökonomie. Mitte 1920 wechselte er nach München. Seine Hoffnung, den dort lehrenden Max Weber zu hören, machte Webers plötzlicher Tod im Juni 1920 zunichte. Mierendorff wechselte nach Freiburg im Breisgau und im Mai 1921 zurück nach Heidelberg. Dort wurde er 1922 mit seiner DissertationsarbeitDie Wirtschaftspolitik der Kommunistischen Partei Deutschlands zum Dr. phil. promoviert. In seiner Universitätszeit war Mierendorff als streitbares Mitglied von Studentengruppen wie der „Sozialistischen Studentengruppe“ und der „Vereinigung republikanischer Studenten“ bekannt.
Noch in Schützengraben und Lazarett entstanden waren die beiden Erzählungen Der Gnom (1917) und Lothringer Herbst (1918), die Freunde in der Heimat in kleiner Auflage edierten. Lothringer Herbst wird dem Expressionismus zugerechnet und erfährt auch heute noch Beachtung. Anfang 1919 gründete er die politische Zeitschrift Das Tribunal. Hessische Radikale Blätter (mit Bezug auf Georg BüchnersHessischen Landboten).
Im Jahr 1920 wurde Mierendorff Mitglied der SPD. Im selben Jahr veröffentlichte er einen Essay zur Bedeutung des jungen Mediums Kinofilm.[5] Im Juni 1922 protestierte Mierendorff gegen den antisemitischen Chef des Heidelberger Physikalischen Instituts, den NobelpreisträgerPhilipp Lenard, der sich geweigert hatte, wegen der Ermordung Walther Rathenaus Trauerbeflaggung an seinem Institut zu zeigen und die Arbeit ruhen zu lassen, indem er mit anderen das Institut stürmte. Er wurde deswegen vom Landgericht Heidelberg wegen Landfriedensbruchs zu einer – freilich nicht verbüßten – Freiheitsstrafe verurteilt. In einem wegen desselben Vorfalls beim Disziplinargericht der Universität Heidelberg ebenfalls anhängig gemachten Verfahren wurde er jedoch freigesprochen.[6]
In den folgenden Jahren arbeitete Mierendorff als wirtschaftswissenschaftlicher Sekretär beim Deutschen Transportarbeiterverband in Berlin. Anschließend war er ab 1925 Feuilletonredakteur beim Hessischen Volksfreund in Darmstadt. In den Jahren 1926 bis 1928 war er in Berlin Sekretär der SPD-Reichstagsfraktion. Er ging 1929 in die Landeshauptstadt Darmstadt zurück und wurde Pressereferent von Wilhelm Leuschner, Innenminister des Volksstaates Hessen (Hessen-Darmstadt).[7]
Bei der Reichstagswahl vom September 1930 gewann Mierendorff einen Sitz und wurde jüngstes Mitglied seiner Partei im Parlament. Schwerpunkt seiner Politik war der Kampf gegen das Erstarken der NSDAP. 1930 veröffentlichte er hierzu die Studie Gesicht und Charakter der nationalsozialistischen Bewegung zu deren soziopolitischer Dynamik. Im Reichstag griff er mehrfach Joseph Goebbels an, so etwa, als er im Februar 1931 am Ende einer Reichstagsrede demonstrativ das ihm verliehene EK I den tobenden Abgeordneten der NSDAP mit den Worten entgegenhielt:
„Fragen Sie doch einmal Herrn Goebbels nach seinem Eisernen Kreuz Erster Klasse. Herr Goebbels sagt: Deutschland muss nationalsozialistisch regiert werden. Nein, dafür haben wir Kriegsteilnehmer nicht vier Jahre lang unseren Kopf hingehalten. Dafür nicht, dass die Nationalsozialisten aus Deutschland ein Tollhaus machen!“
– Carlo Mierendorff: Rede im Februar 1931 vor dem Deutschen Reichstag[8]
Der Mierendorff-Forscher Richard Albrecht betont als zentrales Element von Mierendorffs politiktheoretischem Ansatz: „Nur in der Demokratie kann sich die Massenkraft der organisierten Arbeiterschaft wirtschaftlich und politisch frei entfalten und dadurch den Kapitalismus […] überwinden. Die Arbeiterklasse hat daher ein Lebensinteresse […] am planmäßigen Ausbau des deutschen Staates zu einer sozialen, demokratischen Republik.“[9]
Trotzdem konnte er alte Verbindungen zum Widerstand wieder aufnehmen und wurde bald neben seinem Freund und früheren Chef Leuschner zu einem der wichtigsten Anführer eines antinazistischen Netzwerks mit reichsweiter Ausdehnung. Auch schrieb er wieder, und zwar unter dem Pseudonym „Willemer“. Durch die Vermittlung von Freunden (etwa Adolf Reichwein) wurde Mierendorff seit 1941 für die Mitarbeit im engeren Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg gewonnen. Er knüpfte u. a. Kontakte zu Wilhelm Canaris und Hans Oster und diente zudem als Bindeglied zwischen Sozialisten wie Julius Leber und dem militärischen Widerstand. Im Schattenkabinett Ludwig Becks und Carl Goerdelers wurde Mierendorff als leitendes Mitglied der Propagandaabteilung eingeplant. Im Kreisauer Kreis trug er den Tarnnamen „Dr. Friedrich“.
Seit Juni 2002 trägt die Universität der Künste[13] in Berlin-Charlottenburg den Namen Carlo Mierendorff. Damit gibt es in Berlin eine Mierendorff-Straße, einen Mierendorffplatz, eine Mierendorff-U-Bahnstation und eine Mierendorff-Grundschule.
In Darmstadt erinnert eine goldene Tafel mit Strahlenkrone am Standort seines ehemaligen Wohnhauses in der Hügelstraße 65 an ihn.
In Leipzig wurde 2001 eine Straße im Stadtteil Ost / Anger-Crottendorf eine Straße nach Carlo Mierendorff benannt.[14]
Universität der Künste Carlo Mierendorff in Berlin-Charlottenburg, Foto September 2020Widmungstafel an der Universität der Künste. Foto September 2020Carlo Mierendorff gehört zur Großenhainer Freiheitsgeschichte. Graffito im Fußgängertunnel. Foto November 2025Berlin U-Bahn Mierendorffplatz. Foto September 2020In Großenhain wurde im Sommer 2025 ein Fußgänger- und Fahrradtunnel an der Elmobrücke, Meißner Straße, mit Graffiti mit Bezug zur Großenhainer Freiheitsgeschichte versehen[15]. Ein Graffito stellt Carlo Mierendorff dar. Es ist in Mierendorffs Geburtsstadt der erste öffentlich sichtbare Hinweis auf diesen mutigen Menschen aus der NS-Zeit.
Dr. Mierendorff der militante Sozialdemokrat. In: O.B. Server: Matadore der Politik; Universitas Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft, Berlin, 1932; S. 157ff.
Jakob Reitz: Carlo Mierendorff 1897–1943. Stationen seines Lebens und Wirkens. Justus-von-Liebig-Verlag, Darmstadt 1983, ISBN 3-87390-073-4.
Axel Ulrich unter Mitarbeit von Angelika Arenz-Morch: Carlo Mierendorff kontra Hitler. Ein enger Mitstreiter Wilhelm Leuschners im Widerstand gegen das NS-Regime. Vorwort Peter Steinbach. Hrsg. von den Landeszentralen für politische Bildung in Hessen und Rheinland-Pfalz (nur über deren Publikationsangebote beziehbar). Thrun-Verlag, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-9815040-0-2.
Axel Ulrich: Carlo Mierendorff (1897–1943), In: Angelika Arenz-Morch, Stefan Heinz (Hrsg.): Gewerkschafter im Konzentrationslager Osthofen 1933/34. Biografisches Handbuch (= Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration, Bd. 8). Metropol, Berlin 2019, ISBN 978-3-86331-439-2, S. 392–414.
Peter Steinbach: „Widerstand gegen den Nationalsozialismus - eine ,sozialistische Aktion'? Zum 100. Geburtstag von Carlo Mierendorff (1897–1943)“, Vortrag vor dem Gesprächskreis Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn am 3. März 1997, abgerufen von Friedrich-Ebert-Stiftung am 3. August 2025.
↑O. B. Server [Pseud.], „Dr. Mierendorff : der militante Sozialdemokrat“, in: ders., Matadore der Politik : sechsundzwanzig Politikerporträts. Universitas Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft, Berin 1932, S. 157–163, hier S. 158.
↑Richard Albrecht: Der militante Sozialdemokrat, S. 20–22
↑Richard Albrecht: Carlo Mierendorff (1897–1943) – Zwei biographische Texte., S. 3–6
↑Siehe Wilhelm Güde: Das Verfahren vor dem Disziplinargericht der Universität Heidelberg gegen Carlo Mierendorff wegen seiner Beteiligung an der Erstürmung des Physikalischen Instituts der Universität. In: Rechtshistorische und andere Rundgänge. Festschrift für Detlev Fischer. Herausgegeben von Ulrich Falk, Markus Gehrlein, Gerhard Kreft und Markus Obert. Karlsruhe 2018, S. 207–218. Carl Zuckmayer, der mit Mierendorff eng befreundet war, behauptete allerdings, Mierendorff habe in beiden Verfahren „einen bedingungslosen Freispruch“ erhalten. (Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir, Lizenzausgabe für die Bertelsmann-Gruppe, Gütersloh, 1966, S. 302–303)
↑Peter Steinbach. „Widerstand gegen den Nationalsozialismus - eine ,sozialistische Aktion'? Zum 100. Geburtstag von Carlo Mierendorff (1897–1943)“, Vortrag vor dem Gesprächskreis Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn am 3. März 1997, abgerufen von Friedrich-Ebert-Stiftung am 3. August 2025.
↑Winfried Dolderer: Vor 125 Jahren geboren. Carlo Mierendorff – ein militanter Sozialdemokrat. In: Kalenderblatt (Rundfunksendung auf DLF). 24. März 2022, abgerufen am 24. März 2022.