Folgen der globalen Erwärmung in Europa

Die Folgen der globalen Erwärmung in Europa zählen zu den regionalen Auswirkungen der Erderwärmung auf die Gesellschaften, die Gesundheit, die Natur und die technischen Belange, die sich durch den Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen auch auf dem „Kontinent“ Europa bemerkbar machen: Dadurch werden künftig wohl z. B. vermehrt Katastrophen wie Überflutungen und Stürme ausgelöst.[1][2][3]
Beobachtete Klimaveränderung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Durchschnittstemperaturen der ersten Hälfte der 2020er-Jahre lagen in Europa 2,4 °C über denen der vorindustriellen Zeit. Seit den 1980er-Jahren erwärmt sich Europa in etwa doppelt so schnell wie die Erde insgesamt, kein Kontinent erwärmt sich schneller: Der Temperaturanstieg pro Jahrzehnt in Europa lag Mitte der 2020er-Jahre bei 0,56 °C pro Jahrzehnt, der globale Durchschnitt dagegen betrug 0,27 °C. Die zehn bis einschließlich 2025 wärmsten Jahre in Europa lagen alle im Zeitraum 2014–2025.[4.1]
Innerhalb Europas ist die Erwärmung uneinheitlich: Die Wintertemperaturen nehmen am schnellsten in Zentral- und Osteuropa zu, die Sommertemperaturen in Westeuropa. Generell nehmen die Frühlingstemperaturen am wenigsten schnell zu. Ost- und Südosteuropa sowie Teile Zentraleuropas, einschließlich der Alpen, erwärmen sich besonders schnell mit bis zu 1 °C pro Jahrzehnt (Stand 2025). Spitzbergen ist einer der Orte, der den höchsten Temperaturanstieg weltweit aufweist (bis zu 2 °C pro Jahrzehnt, Stand 2025).[4.1]
Die Niederschlagstrends sind räumlich variabler: In Nordeuropa wurde eine Zunahme der durchschnittlichen Niederschlagsmengen beobachtet, in Südeuropa eine Abnahme, die sich besonders im Winter zeigt. Diese Trends passen zu den Änderungen der atmosphärischen Zirkulation und Feuchte, die in einem wärmeren Klima erwartet werden. Starkregen tritt generell häufiger auf, auch in Gegenden, in denen die gesamt Niederschlagsmenge abnimmt. Extreme Niederschlagsereignisse sind häufiger und intensiver geworden und haben zu einem zunehmenden Risiko von Überflutungen beigetragen.[4.2] Die mit Schnee bedeckte Fläche und die Schneemasse nehmen seit 2005 ab. Winter mit mehr Schnee als gewöhnlich werden seltener, solche mit ungewöhnlich wenige Schnee häufiger.[4.3]
Verändertes Auftreten extremer Hitze- und Kälteereignisse
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Veränderungen der Temperaturextrema lassen sich europaweit in Messreihen nachweisen: Zwischen 1950 und 2018 hat sich z. B. europaweit die Zahl der extrem heißen Tage verdreifacht. Unter Berücksichtigung der Luftfeuchtigkeit, die für den Einfluss von Hitze auf die menschliche Gesundheit mit entscheidend ist (siehe Kühlgrenztemperatur), stieg auch die Zahl der Tage, die Hitzestress verursachen, auf das Dreifache. Die Höchsttemperaturen stiegen um 2,3 °C, die Tiefsttemperaturen um etwa 3 °C. Die Extremwerte änderten sich dabei stärker als die Mitteltemperaturen. In Zentraleuropa stiegen die sommerlichen Höchstwerte stärker als die mittleren Sommertemperaturen, und zwar um ca. 50 %.[5]
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei der UN-Klimakonferenz in Montréal im Jahre 2005 führt die Erwärmung des globalen Klimas nicht nur in Entwicklungsländern zu Todesfällen, sondern zunehmend auch in Europa. Die europäische Hitzewelle 2003 forderte 35.000 Menschenleben und verursachte wirtschaftliche Schäden in Höhe von 14 Milliarden Euro.[6]
Eine einzelnes Ereignis wie dieses kann nie direkt auf die globale Erwärmung zurückgeführt werden; die globale Erwärmung erhöht aber die Wahrscheinlichkeit für derartige Extremereignisse (siehe das Stichwort Attributionsforschung): So wird es nach den Projektionen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) im 21. Jahrhundert sehr wahrscheinlich (90–99 %) höhere Maximumtemperaturen und mehr heiße Tage in nahezu allen Landgebieten geben. Eine nach der Hitzewelle 2003 durchgeführte Abschätzung kam zu dem Ergebnis, dass der menschliche Einfluss auf das Klima das Risiko eines derartigen Ereignisses mindestens verdoppelt habe;[7] gleichzeitig werden extreme Kälteereignisse wahrscheinlich seltener werden.
Die Europäische Umweltagentur nennt in einer Zusammenfassung der Folgen von Umweltänderungen für die menschliche Gesundheit eine Zahl von 90.000 vorzeitigen Todesfällen in Europa zwischen 1980 und 2017, die auf Klima- und Wetterereignisse zurückzuführen seien. Das tödlichste Extremereignis seien dabei Hitzewellen; ihnen werden mehr als zwei Drittel der Todesfälle zugeschrieben. In Osteuropa waren auch Kältewellen und Stürme ein wichtiger Faktor. Es wird prognostiziert, dass die Zahl der Menschen, die an Folgen des Klimawandels sterben, in den nächsten Jahrzehnten signifikant steigen werde.[8] Eine vom WWF 2007 in Auftrag gegebene und vom Kieler Institut für Weltwirtschaft erstellte Studie deutet darauf hin, dass sich bis 2100 die Zahl der Hitzetoten in Deutschland um zusätzliche 5000 ohne Berücksichtigung der demographischen Entwicklung beziehungsweise um 12.000 mit Einbeziehung der veränderten Altersstrukturen erhöhen könne. Gleichzeitig käme es zu einem Rückgang an Kältetoten um 3000 beziehungsweise 5000.[9]
Auch bei späteren Hitzewellen kam es zu zehntausenden damit verbundenen Todesfällen, beispielsweise im Jahr 2022 rund 61.700, 2023 ca. 47.700 und 2024 ca. 62.800.[4.4]
Siehe auch:
- Hitzewelle in Europa 2003, Hitzewellen in Europa 2015, Hitze und Unwetter in Europa 2017, Dürre und Hitze in Europa 2018, Hitzewellen in Europa 2019, Dürre und Hitze in Europa 2022, Dürre und Hitze in Europa 2025, Dürre und Hitze in Europa 2026
- Kältewelle in Europa 2012, Kältewelle in Europa Januar 2017, Kälteanomalie in Europa 2018
Hochwasser an Flüssen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Klimawandel beschleunigt den Wasserkreislauf und nimmt damit Einfluss auf Intensität, Häufigkeit und Zeitpunkt von Hochwasserereignissen.
Bei der Analyse beobachteter Änderungen der Intensität von Hochwasserereignissen muss der Einfluss des Klimawandels von anderen Einflüssen, wie Landnutzungsänderungen im Einzugsgebiet oder Änderungen von Flussbetten, abgegrenzt werden.[10] Für den Zeitraum 1960–2010 wurden deutliche Veränderungen der Abflussmengen in vielen europäischen Flüssen bei Hochwasser beobachtet. In Nordwesteuropa, vor allem in Norden Britanniens, haben sie infolge zunehmender Herbst- und Winterniederschläge zugenommen. In Flüssen mit größerem Einzugsgebiet in Südeuropa war eine Abnahme zu beobachten, die wahrscheinlich aus abnehmenden Niederschlagsmengen sowie zunehmender Verdunstung herrührt. Für kleinere Flüsse im Mittelmeerraum besteht hingegen das Risiko, dass das Ausmaß von Hochwasserereignissen steigt. Die in Osteuropa beobachtete Abnahme ist wahrscheinlich Folge der durch höhere Temperaturen geringeren Schneebedeckung. Die Änderungen in Europa decken sich in etwa mit Modellprojektionen und sind wahrscheinlich zum großen Teil Resultat des gegenwärtigen Klimawandels.[11]
Den Zeitpunkt, wann Hochwasserereignisse eintreten, hat der Klimawandel von 960 bis 2010 deutlich verändert: In Nordosteuropa, einschließlich großen Teilen Skandinaviens, setzt wegen höherer Temperaturen die Schneeschmelze und damit auch Hochwasser etwa einen Monat früher ein. In Westeuropa, d. h. dem westlichen Teil der iberischen Halbinsel, Westfrankreich und dem Südwesten Britanniens, erreicht die Bodenfeuchte ihre Höchstwerte früher im Jahr, auch dort tritt Hochwasser früher auf. Um die Nordsee herum – in Nord- und Südost-Britannien, Westnorwegen, Dänemark und Norddeutschland – und auch in Regionen am Mittelmeer hingegen hat sich der Eintritt von Hochwasserereignissen verzögert, weil Winterstürme dort später auftreten.[12]
Im Jahr 2020 wurde eine auf historischen Dokumenten basierende Rekonstruktion der Hochwasserereignisse der letzten 500 Jahre veröffentlicht. Der Zeitraum ab 1990 gehört zu den neun Perioden, die die größten Hochwasser-Anomalien aufweisen. Die gegenwärtige Periode ist jedoch im Vergleich zu den vorausgegangenen ungewöhnlich: Während in der Vergangenheit Zeiten mit ausgeprägten Hochwassereignissen eher in außergewöhnlich kühlen Episoden auftraten, fällt die gegenwärtige in eine außergewöhnlich warme Zeit; zudem weist sie eine Verschiebung der Saisonalität der Hochwasserereignisse auf.[13]
„Jahrhunderthochwasser“, Ereignisse mit Abflussmengen, wie sie bei unverändertem Klima einmal in hundert Jahren erwartet werden, werden in Kontinentaleuropa künftig häufiger erwartet, könnten in Teilen Nord- und Südeuropas aber auch seltener werden.[14] Eine Million Menschen in Europa waren betroffen von den 15 größten Fluten im Jahr 2002, welche 250 Menschenleben forderten (siehe auch Hochwasser in Mitteleuropa 2002). Beispielsweise sorgen so genannte Vb-Wetterlagen, hervorgerufen durch ein außergewöhnlich warmes Mittelmeer, dafür, dass nördlich der Alpen im Winter besonders heftige Schneefälle und nachfolgende Frühjahrsfluten gehäuft auftreten.
Kryosphäre in europäischen Bergregionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Schneebedeckung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Höhere Temperaturen in den Bergregionen Europas tragen dazu bei, dass mehr Niederschlag in Form von Regen statt Schnee fällt und die Schneedecke schneller schmilzt. Die Mehrzahl der Untersuchungen zur Änderung der Schneebedeckung zeigt einen in niedrigeren Höhen abnehmenden Trend in den Alpen, im Skandinavischen Gebirge und den Pyrenäen. In höheren Lagen und in den Karpaten ist das Bild uneinheitlicher, aber auch mehrheitlich negativ.[15]
Schnee schützt durch sein Isolationsvermögen und die Rückstrahlung von Sonnenlicht (Albedo) die Gletscher und den Permafrost vor dem Tauen und sorgt für Massenzufluss im Nährgebiet der Gletscher. Die Abnahme der Schneebedeckung verstärkt daher den Rückgang von Gletschern und Permafrost. Der maximale Abfluss des Schmelzwassers im Einzugsgebiet der Alpen wird sich verfrühen, es drohen mehr hydrologische Extreme mit Folgen für Land- und Forstwirtschaft, Wasserkraftnutzung und Tourismus.[15]
Gletscher
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Seit dem Ende der Kleinen Eiszeit um 1850 gab es in den Alpen einen drastischen Verlust an Gletschereis: Die vergletscherte Fläche ging bis 2015 um 57 % zurück, nämlich von 4244 km² auf 1806 km², das Gletschervolumen um 64 %, von ca. 280 km³ auf ca. 100 km³. Der Eisverlust hat sich in den letzten Jahrzehnten beschleunigt. Mehr als 1900 Gletscher waren bis 2015 vollständig verschwunden.[16] Auch die anderen Gletscherregionen Europas hatten in fast jedem Jahr seit Beginn des 21. Jh. einen Netto-Masseverlust zu verzeichnen.[4.5]
Modellrechnungen auf Basis von Szenarien für das 21. Jahrhundert kommen zu dem Ergebnis, dass bei einer durchschnittlichen Erwärmung um 3 °C bis ins Jahr 2100 die Gletscher der Alpen etwa 80 % der noch im Zeitraum zwischen 1971 und 1990 vorhandenen Fläche verloren haben werden. Das entspräche nur noch einem Zehntel der Ausdehnung von 1850. Eine Erwärmung um 5 °C würde praktisch zum vollständigen Verlust an Gletschereis führen.[17]
Holz- und Torffunde aus den Moränen von Gletschern in den Schweizer Alpen lassen darauf schließen, dass die Gletscher im Holozän mitunter wesentlich weiter zurückgegangen waren als dies kurz nach 2000 der Fall war.[18] Diese Funde sind Hinweise dafür, dass es in den letzten 10.000 Jahren in der Zentralschweiz zumindest zwölf Perioden mit stellenweise wesentlich geringeren Gletscherständen gegeben haben muss, und dass die Ausdehnung der Gletscher während mehr als der Hälfte dieser Zeit geringer war als um das Jahr 2000.[19][20] Holz und Torf können nur dort entstanden sein, wo sich keine Gletscher befunden haben. Vor 1900 bis 2300 Jahren lagen einige Gletscherzungen höher als um das Jahr 2000. Daher muss angenommen werden, dass die Gletscher der Alpen wesentlich dynamischeren Änderungen unterliegen, als bisher angenommen wurde.
Die Folgen des Gletscherrückgangs in den Alpen wurden im Juli 2006 besonders durch die Felsabstürze am schweizerischen Eiger sichtbar. Mehr als 500.000 Kubikmeter Felsen stürzten am 13. Juli 2006 auf den Unteren Grindelwaldgletscher. Insgesamt gelten bis zu 2 Millionen m3 Gestein mit einem Gewicht von fünf Millionen Tonnen als absturzgefährdet. Ursache für die Abbrüche ist u. a. der Rückgang von Gletschern, die überhängende, bereits gelockerte Bergflanken stützten, und das Auftauen von ständig gefrorenen Gebieten (Permafrost), in denen zerklüftetes Gestein und Felsschutt wie Kleber vom Eis zusammengehalten wurde.
Permafrost
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Permafrostböden europäischer Bergregionen – auf Spitzbergen, Island, in Skandinavien, den zentral- und westeuropäischen Alpen oder der spanischen Sierra Nevada – erwärmen sich und schmelzen. Die Messung der Bodentemperaturen in Bohrlöchern in diesen Regionen zeigt einen Anstieg, der dem Anstieg der Lufttemperaturen dort entspricht. (Ausnahme sind Bodentemperaturen nahe 0 °C, solange die Aufnahme latenter Wärme den Temperaturanstieg puffert.) Mit zunehmender Tiefe erwärmt sich der Boden zeitverzögert. An manchen Orten betrug die Erwärmung in 10 m Tiefe mehr als 1 °C pro Jahrzehnt.[21]
In der Schweiz, deren Fläche zu ca. 6,6 % aus Permafrostböden gebildet wird, ist die Untergrenze des Permafrosts im Verlauf des 20. Jahrhunderts um schätzungsweise 150 bis 250 m angestiegen. Eine Temperaturerhöhung von 1 bis 2 °C bis Mitte des 21. Jahrhunderts hätte ein Ansteigen der Untergrenze von 200 bis 750 m zur Folge.[22] Dies hat vielfältige Folgen. So werden gleichzeitig mit dem Gletscherschwund große Gebiete aus stark frakturiertem Material wie Moränen, Gerölle und Felsen freigelegt, die vorher permanent gefroren waren. Die gelockerte Gesteinsmasse kann am Berghang in eine langsam kriechende Bewegung übergehen, und bei starken Niederschlägen kann dieses Material in Form von Murgängen wieder mobilisiert werden. Dadurch steigt die Gefahr von Verwüstungen entlang der Bachrinnen bis in die Täler hinunter. Außerdem nimmt die Bodeninstabilität zu, wodurch Installationen in großen Höhen (wie Seilbahnen, Masten etc.) destabilisiert werden. Solche Installationen müssen in Zukunft zusätzlich gesichert werden. Die Konstruktionskosten werden deshalb steigen.
Land- und Süßwasserökosysteme
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wald- und Flächenbrände
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wald- und Flächenbrände setzen brennbare Vegetation voraus und werden durch eine Zündquelle ausgelöst, etwa einen Blitz oder menschliche Aktivität. Die Wetterbedingungen spielen eine entscheidende Rolle für die Gefahr, dass Vegetation durch einen Auslöser in Brand gerät, wie intensiv ein Brand wird und wie schnell er sich ausdehnen kann.[4.6] Die Brandgefahr – gemessen mit dem Feuerwetterindex – nahm zwischen 1980 und 2012 in weiten Teilen Europas mit der globalen Erwärmung zu, insbesondere in Süd- und Osteuropa. Dass dennoch im Mittelmeerraum die von Bränden betroffene Fläche etwas abnahm, deutet auf effektivere Prävention und Brandbekämpfung hin. Die potentiell von Waldbränden betroffene Fläche dehnt sich aus und die Länge der Waldbrandsaison nimmt in den meisten Regionen Europas zu, insbesondere in Szenarien mit hohen Treibhausgasemissionen.[23]
Begrenzte Wald- und Flächenbrände treten zwar in vielen Ökosystemen natürlich auf und sind wichtig für deren Funktion und Aufrechterhaltung. Ungewöhnlich häufige und große Brände jedoch können Habitate zerstören und die Biodiversität beeinträchtigen. Brände führen nicht nur ihrerseits zu Emissionen von CO2, sondern auch von anderen Gasen, Feinstaub und Ruß, die die Luftqualität beeinträchtigen und der Gesundheit schaden.[4.6][23]
Verbreitung und Förderung von Krankheiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Robert Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass sich infolge der globalen Erwärmung in Europa Krankheiten verbreiten und verschlimmern könnten. Das RKI nennt eine Zunahme von Allergien, Herz-Kreislauf- und Atemwegs-Erkrankungen sowie Infektionskrankheiten. Neben einer weiteren Verbreitung von schon in Deutschland endemischen Erregern befürchtet das RKI, dass Erreger heimisch werden könnten, die bislang ausschließlich importiert wurden (etwa durch den Tourismus).[24]
Einer Veröffentlichung des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin zufolge seien besonders vektorgebundene Infektionskrankheiten von Umwelt- und Klimaveränderungen betroffen. In der Vergangenheit und wahrscheinlich auch in der Zukunft dürften dennoch ökologische (nichtklimatische) und sozioökonomische Faktoren größere Bedeutung für die zukünftige Verbreitung solcher Krankheiten aufweisen als klimatische.[25]
Unter anderem folgende Gründe können zu einem vermehrten Auftreten verschiedener Krankheiten in Europa führen:
- Höhere Temperaturen begünstigen die Vermehrung von Krankheitserregern in Lebensmitteln.
- Seit 1975 haben sich die Pollenflugzeiten um zehn Tage verlängert, was zu einer Verlängerung der jährlichen Heuschnupfen-Phase von Allergikern geführt hat.
- Milde Winter begünstigen das Überleben von Schädlingen in der Landwirtschaft und von Krankheitsüberträgern.
- Zecken breiteten sich von den frühen 1980er Jahren bis 2008 in Schweden weiter nach Norden und in Tschechien bis in höhere Lagen aus.[26][27] Sie können die Erreger der Hirnhautentzündung FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) und der Lyme-Borreliose übertragen.
- Die Gefahr einer erneuten Ausbreitung von Malaria in Westeuropa ist aktuell gering, steigt aber mit der Temperatur.[28] Sie hängt allerdings nicht nur von der Temperatur oder dem Wetter, sondern überwiegend von hygienischen Bedingungen ab.[29] Die Gefahr ist darüber hinaus aufgrund der Trockenlegung der meisten europäischen Sumpfgebiete als gering zu betrachten.
Auswirkungen auf europäische Meere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Meeresspiegelanstieg und Sturmfluten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der vierte Sachstandsbericht des IPCC geht davon aus, dass der Meeresspiegel weltweit bis 2100 um 18 bis 59 cm steigen wird. Bei gleichzeitig zunehmenden Stürmen steigt damit die Gefahr von Sturmfluten erheblich an. Seit 1906 ist die Nordsee um 24,6 cm angestiegen. Bei aktuellen Deichbauten an der niedersächsischen Küste wird ein nochmals um 25 cm höherer Wasserstand zu Grunde gelegt, eine spätere Erhöhung um 1 m wird planerisch berücksichtigt.[30] Kritiker sehen das als zu gering an.[31]
Der aktuelle (2007) IPCC-Bericht geht davon aus, dass durch das Schmelzen des Grönlandeises ein Anstieg des Meeresspiegels von 40 bis 80 cm bis Ende des 21. Jahrhunderts verursacht werden wird. Langfristig (mehrere Jahrhunderte oder auch Jahrtausende) ist mit dem völligen Abschmelzen des Grönlandeises ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter möglich.
Folgen für die Nordsee
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Laut dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven ist die Nordsee seit 1962 um 1,2 °C wärmer geworden. In der Folge weichen kälteliebende Fische seit 25 Jahren immer weiter nach Norden aus. Die Bestände an Kabeljau, Schellfisch und weiterer 16 Arten zogen 100 km in Richtung Pol. Britische Forscher befürchten, dass bis 2050 kommerziell wichtige Fischarten wie Wittling und Rotbarsch als Folge der Klimaerwärmung aus der Nordsee verschwinden.
Immer öfter werden bereits auch Seehunde aufgefunden, die zurückgebildete Felle haben; im Norden werden auch immer mehr Tier- und Pflanzenarten gefunden, die früher nur in südlicheren Regionen anzutreffen waren.
Auch gefährdet die Erwärmung der Nordsee die Basis der Nahrungskette: Dort stehen als Primärproduzenten bestimmte Algenarten. Von den Algen ernähren sich Ruderfußkrebse, diese wiederum sind Hauptnahrung der Jungfische wirtschaftlich bedeutender Arten wie Kabeljau, Hering oder Makrele.
Folgen für die Ostsee
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ostsee ist besonders stark vom Klimawandel betroffen. Erwärmten sich andere Weltmeere zwischen 1861 und 2000 um 0,05 °C pro Jahrzehnt, stiegen die Wassertemperaturen in der Ostsee durchschnittlich um 0,08 °C. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Ostsee entsprechend um etwa 0,85 °C wärmer. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wird eine Erwärmung der Luft um 4 bis 6 °C im nördlichen und um 3 bis 5 °C im südlichen Teil der Ostsee prognostiziert. Damit einher ginge ein deutlicher Rückgang an winterlichem Meereis um bis zu 80 % im Laufe des 21. Jahrhunderts sowie vermehrt auftretende Algenblüten.[32]
Änderungen der Meeresströmungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Zusammenhang mit dem aktuellen Phänomen der Klimaerwärmung haben einige Wissenschaftler die Befürchtung geäußert, dass es zu einem Abschwächen bzw. zum vollständigen Erliegen der Nordatlantikdrift in den nächsten 20–100 Jahren kommen könnte.[33] Durch vermehrtes Abschmelzen der Grönländischen Eiskappe sowie einen bereits festzustellenden erhöhten Süßwassereintrag durch sibirische Flüsse aufgrund veränderter Niederschlagsverteilung könnte der unter Thermohaliner Zirkulation beschriebenen Absinkmechanismus von schwererem sehr salzhaltigem Oberflächenwasser südwestlich von Grönland aus dem Gleichgewicht geraten. Dieser zentrale Antrieb für das gesamte Golfstromsystem könnte durch Süßwasser, das die Dichte des Meerwassers verringert, signifikant abschwächen und möglicherweise eine Verlagerung des Golfstromes (oder zumindest der Nordatlantikdrift) nach sich ziehen oder sogar ganz zum Erliegen kommen.
Dies hätte einen Klimawechsel in Nordeuropa mit signifikanten Konsequenzen zur Folge, da Europa z. Zt. wegen des Golfstroms ein im Vergleich zu Breitengraden in Nordamerika viel milderes Klima besitzt. Möglich wäre eine Reduktion der durchschnittlichen nordeuropäischen Temperatur um bis zu 5 Grad Celsius. Ob es trotz globaler Erwärmung dann in Europa kühler wird oder sich die beiden Effekte gegenseitig aufheben, ist nur schwer vorhersagbar. Manche Szenarien lassen vermuten, dass die Temperaturen in Europa zunächst leicht ansteigen, um dann dauerhaft um bis zu 5 Grad Celsius unter die heutigen Werte abzufallen.[34]
Erkenntnisse aus Sediment- und Eisbohrkernen deuten darauf hin, dass sich vergleichbare Ereignisse in der Vergangenheit schon mehrmals abgespielt haben.
Die in den letzten Jahren veröffentlichten Berichte, nach denen bereits ein sehr starker Rückgang gemessen werden konnte, haben sich im Nachhinein nicht bestätigt. Vielmehr wurde durch die genauere Untersuchung des Nordatlantikstroms in den letzten Jahren deutlich, dass dieser starken natürlichen Schwankungen unterliegt aber bisher keine Abschwächungstendenzen aufweist.[35]
2024: European Climate Risk Assessment
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mitte März 2024 hat die Europäische Umweltagentur (EUA) in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen zum ersten Mal das European Climate Risk Assessment (EUCRA, „Europäische Klimarisikobewertung“) veröffentlicht:[36] Der zufolge ist Europa „nicht auf die sich rasant verschärfenden Klimarisiken vorbereitet“; es ist nach Einschätzung der EUA der Kontinent, der sich aufgrund der anthropogenen globalen Erderhitzung am schnellsten erwärme,[37] wobei manche EU-Regionen Brennpunkte mehrerer Klimarisiken zugleich seien: Südeuropa sei besonders gefährdet durch Waldbrände und die Auswirkungen von Hitze und Wasserknappheit auf landwirtschaftliche Produktion sowie Arbeiten im Freien und die menschliche Gesundheit, tiefer gelegene Küstenregionen mit vielen dicht besiedelten Städten durch Überschwemmungen, Erosion und Salzwasserintrusion – selbst in den optimistischen Szenarien der globalen Erwärmung würden sich entsprechende Extremereignisse weiter verschlimmern und die Lebensbedingungen auf dem gesamten Kontinent beeinträchtigen: Seit den 1980er Jahren sei hier außerdem die Erwärmung bereits etwa doppelt so rasch vorangeschritten wie im globalen Durchschnitt.[38]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die Europäischen Umweltagentur veröffentlicht alle vier Jahre einen Bericht, hier die der Jahre 2016 und 2008:
- European Environment Agency (Hrsg.): Climate change, impacts and vulnerability in Europe 2016 (= EEA Report. Nr. 1/2017). 2017, ISBN 978-92-9213-835-6 (europa.eu).
- European Environment Agency (2008): Impacts of Europe's changing climate – 2008 indicator-based assessment. EEA Report No 4/2008, siehe online
- European Academies Science Advisory Council (Hrsg.): The imperative of climate action to protect human health in Europe. 2019, ISBN 978-3-8047-4011-2 (easac.eu [PDF]).
- Intergovernmental Panel on Climate Change (2007): Report of Working Group II, Impacts, Adaptation and Vulnerability, Chapter 12: Europe (PDF, 1,2 MB) (englisch)
- Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2005): Klimawandel in Deutschland – Vulnerabilität und Anpassungsstrategien klimasensitiver Systeme im Auftrag des Umweltbundesamtes, Langfassung (PDF, 11,2 MB) und Kurzfassung (PDF, 0,2 MB)
- Umweltbundesamt und Max-Planck-Institut für Meteorologie (2006): Künftige Klimaänderungen in Deutschland – Regionale Projektionen für das 21. Jahrhundert, Hintergrundpapier, April (PDF, 0,08 MB) ( vom 30. September 2007 im Internet Archive)
- Zweiter Österreichischer Sachstandsbericht zum Klimawandel - D. Huppmann, M. Keiler, K. Riahi, H. Rieder (eds.): Second Austrian Assessment Report on Climate Change (AAR2) of the Austrian Panel on Climate Change (APCC). Hrsg.: Austrian Panel on Climate Change. Austrian Academy of Sciences Press, Wien Juni 2025, doi:10.1553/aar2 (austriaca.at).
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ European Climate Risk Assessment — European Environment Agency. Abgerufen am 11. März 2024 (englisch).
- ↑ Europa ist nicht auf die sich rasant verschärfenden Klimarisiken vorbereitet — Europäische Umweltagentur. Abgerufen am 11. März 2024.
- ↑ deutschlandfunk.de: Klimawandel - Europäischer Kontinent erwärmt sich laut EU-Umweltagentur am schnellsten. Abgerufen am 11. März 2024.
- European Centre for Medium-Range Weather Forecasts, World Meteorological Organization (Hrsg.): European State of the Climate – Report 2025. 29. April 2026, doi:10.24381/zy93-sb27.
- ↑ Ruth Lorenz, Zélie Stalhandske, Erich M. Fischer: Detection of a Climate Change Signal in Extreme Heat, Heat Stress, and Cold in Europe From Observations. In: Geophysical Research Letters. Juli 2019, doi:10.1029/2019GL082062.
- ↑ A.H. Fink, T. Brücher, A. Krüger, G.C. Leckebusch, J.G. Pinto, U. Ulbrich (2004): The 2003 European summer heatwaves and drought - Synoptic diagnosis and impact., in: Weather, Vol. 59, S. 209–216, siehe online (PDF)
- ↑ Stott, Peter A., D. A. Stone und M. R. Allen (2004): Human contribution to the European heatwave of 2003, in: Nature, 432, S. 610–614, siehe Abstract online
- ↑ Europäische Umweltagentur (Hrsg.): Healthy environment, healthy lives: how the environment influences health and well-being in Europe. Nr. 21/2019, 2020 (europa.eu).
- ↑ WWF & IfW (2007): Kosten des Klimawandels – Die Wirkung steigender Temperaturen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit. (PDF, 5 MB) ( vom 2. September 2009 im Internet Archive)
- ↑ J. Hall u. a.: Understanding flood regime changes in Europe: a state-of-the-art assessment. In: Hydrology and Earth System Sciences. Band 18, Nr. 7, Juli 2014, doi:10.5194/hess-18-2735-2014.
- ↑ Günter Blöschl, Julia Hall, Alberto Viglione, Rui A. P. Perdigão, Juraj Parajka, Bruno Merz, David Lun, Berit Arheimer, Giuseppe T. Aronica, Ardian Bilibashi, Miloň Boháč, Ognjen Bonacci, Marco Borga, Ivan Čanjevac, Attilio Castellarin1, Giovanni B. Chirico, Pierluigi Claps, Natalia Frolova, Daniele Ganora, Liudmyla Gorbachova, Ali Gül, Jamie Hannaford, Shaun Harrigan, Maria Kireeva, Andrea Kiss, Thomas R. Kjeldsen, Silvia Kohnová, Jarkko J. Koskela, Ondrej Ledvinka, Neil Macdonald, Maria Mavrova-Guirguinova, Luis Mediero, Ralf Merz, Peter Molnar, Alberto Montanari, Conor Murphy, Marzena Osuch, Valeryia Ovcharuk, Ivan Radevski, José L. Salinas, Eric Sauquet, Mojca Šraj, Jan Szolgay, Elena Volpi, Donna Wilson, Klodian Zaimi, Nenad Živković: Changing climate both increases and decreases European river floods. In: Nature. August 2019, doi:10.1038/s41586-019-1495-6.
- ↑ Günter Blöschl u. a.: Changing climate shifts timing of European floods. In: Science. Band 357, 2017, doi:10.1126/science.aan2506.
- ↑ Günter Blöschl, Andrea Kiss, Alberto Viglione, Mariano Barriendos, Oliver Böhm, Rudolf Brázdil, Denis Coeur, Gaston Demarée, Maria Carmen Llasat, Neil Macdonald, Dag Retsö, Lars Roald, Petra Schmocker-Fackel, Inês Amorim, Monika Bělínová, Gerardo Benito, Chiara Bertolin, Dario Camuffo, Daniel Cornel, Radosław Doktor, Líbor Elleder, Silvia Enzi, João Carlos Garcia, Rüdiger Glaser, Julia Hall, Klaus Haslinger, Michael Hofstätter, Jürgen Komma, Danuta Limanówka, David Lun, Andrei Panin, Juraj Parajka, Hrvoje Petrić, Fernando S. Rodrigo, Christian Rohr, Johannes Schönbein, Lothar Schulte, Luís Pedro Silva, Willem H. J. Toonen, Peter Valent, Jürgen Waser, Oliver Wetter: Current European flood-rich period exceptional compared with past 500 years. In: Nature. Juli 2020, doi:10.1038/s41586-020-2478-3. Siehe auch: Nadja Podbregar: Europa: Hochwasser sind heute anders – Daten aus 500 Jahren zeigen fundamentalen Wandel von Timing und Bedingungen. In: scinexx.de. Abgerufen am 1. August 2020.
- ↑ R. S. Kovats, R. Valentini, L M. Bouwer, E. Georgopoulou, D. Jacob, E. Martin, M. Rounsevell, J.-F. Soussana u. a.: Europa. In: Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Part B: Regional Aspects. Contribution of Working Group II to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. S. 1279.
- 1 2 Martin Beniston u. a.: The European mountain cryosphere: a review of its current state, trends, and future challenges. In: The Cryosphere. Band 12, 2018, doi:10.5194/tc-12-759-2018.
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