Gagelstrauch

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Gagelstrauch
Gagelstrauch (Myrica gale)

Gagelstrauch (Myrica gale)

Systematik
Rosiden
Eurosiden I
Ordnung: Buchenartige (Fagales)
Familie: Gagelstrauchgewächse (Myricaceae)
Gattung: Myrica
Art: Gagelstrauch
Wissenschaftlicher Name
Myrica gale
L.

Der Gagelstrauch (Myrica gale), auch Gagel oder Moor-Gagel[1] genannt, ist eine Pflanzenart in der Familie der Gagelstrauchgewächse (Myricaceae). Er ist in Nordamerika und im nordwestlichen Europa weitverbreitet und ist in Europa die einzige Art der Familie Myricaceae.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration: männliche und weibliche Pflanzen und Blüten

Erscheinungsbild und Blatt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gagelstrauch wächst als stark verzweigter, sommergrüner Strauch und erreicht Wuchshöhen von meist 0,5 bis 1,5 (0,3 bis 2) Meter. Die Rinde der Äste ist dunkelbraun und mit Drüsen besetzt.[1]

Die an den Enden der Zweige gehäuft stehenden Laubblätter sind bei einer Länge von 2,5 bis 5, selten bis zu 6 Zentimeter länglich mit keilförmig verschmälerter Basis. Die Blattoberseite ist dunkelgrün und die Blattunterseite heller. Im Laufe des Sommers werden Laubblätter ledrig.[1]

Blütenstand, Blüte und Frucht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blütezeit reicht von April bis Mai. Der Gagelstrauch ist zweihäusig getrenntgeschlechtig (diözisch). Die Blüten erscheinen vor den Laubblättern. Weibliche Blüten stehen in kurzen bräunlichen und männliche in länglichen ährigen Blütenständen, die man in diesem Fall auch Kätzchen nennt.[1] Der kurze Griffel weist zwei relativ lange Narbenäste auf.

Die trockenen Steinfrüchte sind dreispitzig.[1]

Chromosomensatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 48.[2]

Ökologie und Inhaltsstoffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Moor-Gagel handelt es sich um einen mesomorphen, helomorphen Nanophanerophyten oder verholzenden Chamaephyten.[1] Vegetative Vermehrung erfolgt durch unterirdische Ausläufer.[3]

Der Gagelstrauch ist dicht mit sitzenden, goldglänzenden Drüsen besetzt, die stark aromatisch duften und ätherische Öle absondern. Die Drüsen sondern ätherische Öle mit α-Pinen, D- und Y-Cadinen und Limonen ab. Die Laubblätter haben einen aromatisch bitteren Geschmack.

Seine Seitenwurzeln haben Verdickungen, denn der Gagelstrauch bildet mit dem Strahlenpilz Frankia alni eine Stickstoff-fixierende Wurzelsymbiose aus. Frühere Angaben über das Vorkommen einer Mykorrhiza mit einem Pilzpartner wurden nicht bestätigt.[3]

Die Bestäubung erfolgt durch den Wind (Anemophilie). Blütenökologisch handelt es sich um den „unbeweglichen Typ“.[3]

Die Früchte sind winzige einsamige Steinfrüchte mit einem Wachsüberzug und Speicherkeimblättern. Es sind Wind- und Tierstreuer; auch Flug- und Schwimmausbreitung kommen vor. Sie sind Kälte- und Lichtkeimer. Fruchtreife ist im September.[3]

Die Raupen einiger polyphager Schmetterlingsarten nutzen den Gagelstrauch als Nahrungsquelle, darunter Heidespanner (Ematurga atomaria), Wolfsmilch-Rindeneule (Acronicta euphorbiae), Gagelstrauch-Moor-Holzeule (Lithophane lamda), Rotrandbär (Diacrisia sannio), die Wickler-Arten Acleris maccana, Acleris rufana, Archips betulana, Acleris lipsiana, Ditula angustiorana, Pammene luedersiana und Choristoneura lafauryana, die Knospenmotten-Art Argyresthia atlanticella, die Zwergwickler-Art Bucculatrix cidarella, die Blatttütenmotten-Art Caloptilia stigmatella, die Palpenmotten-Art Gnorimoschema bodillum und die Zwergminiermotten-Art Stigmella salicis. Recht viele dieser Arten fressen ansonsten nur an Weiden oder Heidekrautgewächsen, könnte man also auch als relativ oligophag ansehen.[4]

Eine Käferart die sich als Minierer in den Blättern entwickelt ist die Springrüssler-Art Rhynchaenus jota, die aber auch an Pappeln, Weiden, Erlen und Birken vorkommt.

Hauptwirkstoffe in den Blättern sind: 0,4–0,7 % ätherisches Öl, das bei 15 °C vollständig erstarrt, mit 17 % α-Pinen, 13 % δ- und γ-Cadinen, Limonen, β-Myrcen, α- und β-Phellandren, Cineol, Nerodiol, p-Cymen, α-Copaen, β-Caryophyllen, α-Terpineol, Guaja-3,7-dien.[5]

In den Zweigen sind 0,08 % und in den Blütenkätzchen 0,4–0,6 % ätherische Öle enthalten.[5]

Alle Pflanzenteile gelten als giftig, vor allem aber die Blätter,[5] die Kopfweh und Schwindel bewirken könnten, wenn man sie isst.

Der in großen Mengen produzierte Pollen des Gagelstrauchs kann inhalativ eine allergische Rhinitis oder Konjunktivitis verursachen. Auffällig dabei ist die Antigengemeinschaft zu den Pollen von Erle und Haselnuss.[5] Seit der Wiederzulassung des Gagelstrauches in der Floristik als Bindegrün für Ostersträuße sind auch dort wieder vermehrt allergische Reaktionen gemeldet worden.[5]

Volkstümliche Bezeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Gagelstrauch existieren zahlreiche regionalspezifische und volkstümliche Bezeichnungen wie Bäckerbusch, Birtgenbertz, Borse, Flohkrut, Gerber-Myrthe, Grut, Mirtelbaum, Mirtelbon, Mirtelepoumahi, Mitrus, Myrtenheide, Noppenkraut, Portz, Rausch, Talgbusch, Torf-Öl-Myrte oder Waschbaum. In norddeutschen Gegenden wird der Gagelstrauch auch Beerpost, Kienpost, Porst, oder Post genannt. Dies kann an einer Ableitung aus den skandinavischen Namen liegen (z. B. dänisch „porse“, estnisch „porss“, norwegisch und schwedisch „pors“). Zahlreiche dieser Bezeichnungen sind jedoch irreführend, da der Name Porst oder Sumpfporst im botanischen Gebrauch der deutschen Sprache die Pflanze Rhododendron tomentosum (alte Bezeichnung Ledum palustre) bezeichnet.
Die Autoren alter Kräuter- und Arzneibücher verwendeten häufig die Bezeichnungen Mirtus pors, Myrten, Rhus sylvestris oder Tamariscen.[6]
Im Englischen bog myrtle übersetzt „Sumpfmyrte,“ oder der spanische Namen mirto holandés übersetzt „holländische Myrte“ und mirto de Brabante unter Bezug auf die belgische Provinz Brabant.

Vorkommen und Gefährdung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gagelstrauch ist weitverbreitet in Nordamerika und Nordwesteuropa. In Europa vor allem in den küstennahen (niederschlagsreichen) Gebieten Großbritanniens, Belgiens, der Niederlande, Dänemarks, Polens, Südwestnorwegens sowie Süd- und Mittelschwedens. In Deutschland ist er auf Bereiche mit atlantischem Klima beschränkt. Seine Vorkommen reichen bis ins Niederrheinische Tiefland, die Westfälische Bucht (Münsterland, Senne), das nördliche Niedersachsen, das westliche Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und die Niederlausitz. Auf den Ostfriesischen Inseln kommt der Gagelstrauch heute nur noch auf Spiekeroog vor. Auf Juist wurde er einst gepflanzt.

Der Gagelstrauch wächst vorwiegend an den Rändern von Mooren und feuchten Heiden des atlantischen Klimabereichs.

Größere Gagelstrauchbestände finden sich in Mitteleuropa heute fast nur noch in geschützten Feuchtgebieten. Der Gagelstrauch ist vor allem durch die Eutrophierung, Trockenlegung und durch Beschattung seiner Standorte stark gefährdet. Der Gagelstrauch steht auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten.

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das mit Gagel gebraute Biobier Gageleer

Verwendung als Lebensmittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gagelstrauch wurde in Nordwesteuropa schon früh zum Bierbrauen verwendet. Aufgrund von archäologischen Funden im Gebiet der Rheinmündung kann angenommen werden, dass Gagel dort bereits zur Zeit Christi Geburt zum Bierbrauen verwendet wurde.[7] Nach der am Niederrhein üblichen Bezeichnung für den Gagelstrauch „Grut“ werden solche Biere auch Grutbiere genannt. Diese waren bis in das 15. Jahrhundert weit verbreitet. Die Bierbrauer, die damit arbeiteten, nannte man früher „Gruter“, woher sich viele ähnliche Familiennamen wie Greuter, Gruyter, Grüter usw. herleiten. Auch heute gibt es noch bzw. wieder Gagelbiere.

Das aromatische ätherische Öl war und ist Bestandteil von Kräuterlikören. In Dänemark, vor allem in Jütland, wo der Strauch noch recht häufig vorkommt, bilden die Zweige des Gagelstrauchs den entscheidenden Bestandteil des wegen seiner Mildheit beliebten Gagel-Schnapses (Porsesnaps). Außerdem braut die Brauerei Thisted Bryghus ein Gagelbier mit dem Namen Porse Guld.

Die getrockneten Blätter können als Gewürz genutzt oder alternativ können auch frische Blätter in Suppen und Eintöpfen mitgekocht werden.[8]

Sonstige Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er fand auch als Gerberpflanze und als insektenvertreibendes Mittel Anwendung. Die Blütenknospen wurden zum Gelbfärben (Färberpflanze) verwendet.

Sein würziges, teils rauchig-erdiges und leicht mit dem Aroma von Lorbeerblättern vergleichbares duftendes Öl wird auch gerne in der Parfumherstellung verwendet.

Literarische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dichter Hermann Löns widmete dem Strauch und seiner Zurückdrängung in Kulturlandschaften eine ausführliche Schilderung. Sie erschien im Sammelband Mein buntes Buch und trägt den Titel Der Porst.

Abbildungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Lietz: Die Roh- und Zusatzstoffe in der Geschichte der Bierbereitung. In: GGB-Jahrbuch 2004. Gesellschaft für Geschichte des Brauwesens e.V. (GGB), Berlin 2004, ISSN 0072-422X, S. 154–156.
  • Frank Lorberg: Das Verschwinden des Gagels. In: Gagel, Speik und Wegerich. Beiträge zur Pflanzensoziologie, Landschafts- und Vegetationskunde. (Notizbuch der Kasseler Schule 52) Kassel 1999, S. 82–107.
  • Thomas Prolingheuer, Klaus Kaplan: Zur Vergesellschaftung und zum Standort des Gagels (Myrica gale L.) in Westfalen. In: Metelener Schriftenreihe für Naturschutz, Heft 1, Metelen 1990, S. 39–57.
  • Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder. Die häufigsten mitteleuropäischen Arten im Porträt. 7., korrigierte und erweiterte Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3-494-01424-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gagelstrauch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Myrica gale L., Moor-Gagel. In: FloraWeb.de.
  2. Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. 8. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2001, ISBN 3-8001-3131-5. Seite 299.
  3. a b c d Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Botanisch-ökologisches Exkursionstaschenbuch. Quelle & Meyer-Verlag, 1994, ISBN 3-494-01229-6.
  4. Heiko Bellmann: Der neue Kosmos Schmetterlingsführer. Franck Kosmos Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-440-11965-5.
  5. a b c d e Lutz Roth, Max Daunderer, Kurt Kormann: Giftpflanzen – Pflanzengifte. Vorkommen, Wirkung, Therapie, allergische und phototoxische Reaktionen. Mit Sonderteil über Gifttiere. 6., überarbeitete Auflage, Sonderausgabe. Nikol, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86820-009-6.
  6. Christian Rätsch: Urbock - Bier jenseits von Hopfen und Malz. AT Verlag, Arau 1996, ISBN 3-85502-553-3.
  7. Heinrich Beck, Karl-Ernst Behre: Porst. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 23, De Gruyter, Berlin/ New York 2003, ISBN 3-11-017535-5, S. 287ff.
  8. Gagel als Gewürz bei Gernot-Katzers