Genueser Kolonien

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Kolonien und Stützpunkte Genuas
Handelswege Venedigs und Genuas

Die Republik Genua (958–1797) war eine der Seerepubliken, die vor allem im Gefolge der Kreuzzüge schon im Hochmittelalter begannen, Überseebesitzungen zu erwerben. Die Genueser Kolonien befanden sich vor allem im Mittelmeerraum und im Schwarzen Meer sowie im Zusammenhang mit der iberischen Überseeexpansion auf den atlantischen Inseln vor der westafrikanischen Küste. Als Gegenleistung für ihre unentbehrlichen Flotten- und Militärdienste während der Kreuzzüge sicherte sich Genua (so wie auch Pisa und Venedig) Privilegien und Handelsquartiere in den größeren Hafenorten Palästinas (bisweilen auch ganze Dörfer und kleine stadtnahe Territorien), die vorrangig den spezifischen wirtschaftlichen Interessen des italienischen Kaufmannskapitals dienten.

Sardinien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sardinien stand im hohen Mittelalter unter der Herrschaft der Mauren, die ihre Machtbasis auf der Iberischen Halbinsel hatten. Genua schloss sich Anfang des 11. Jahrhunderts mit Pisa gegen diesen gemeinsamen Feind vor der eigenen Küste zusammen, um im Auftrag des Papstes 1016 n. Chr. die Mauren von der Insel zu vertreiben. Noch bis 1022/27 gab es maurische Rückeroberungsversuche und bis etwa 1050 Plünderungen durch maurische Piraten. Das erworbene Gebiet wurde geteilt, jedoch bald zum Streitpunkt zwischen den Verbündeten. Die Pisaner kamen zunächst durch Heirat in den Besitz der Gallura im genuesischen Teil der Insel. Genua besaß schließlich nur noch das Judikat Torres und einen Teil von Arborea, also den Nordwesten der Insel. Der Kampf zwischen den Adelsfamilien Genuas (insbesondere den Doria, Malaspina und Spinola) und Pisas (vor allem den Visconti und den Gherardesca) kam in der Seeschlacht bei Meloria 1284 zu einem für Pisa verheerenden Abschluss. Aber Genua konnte sich nur noch bis zum Jahre 1297 seines Sieges erfreuen, als der Papst dem König von Aragon (Jakob II.) die Herrschaft über Sardinien zusprach. Das Gebiet um Alghero, das zunächst eine Kolonie Genuas blieb, wurde erst 1353 von Admiral Bernat de Cabrera erobert und (ab 1372) von Einwanderern aus Katalonien, den Balearen und dem Reich Valencia besiedelt.

Korsika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Näher zu Genua hin gelegen war Korsika, das seit dem Jahre 1077 pisanische Kolonie war, aber von Papst Innozenz III. nach der Seeschlacht von 1284 zunächst zur Hälfte an Genua übertragen wurde. Wenig später wurde es allerdings Aragon zugesprochen. Die Genueser widersetzten sich und konnten 1447 endgültig siegen, so dass die Insel bis 1768 bei Genua blieb, ab 1453 allerdings von der St. Georgs-Bank verwaltet wurde, die die Insel befestigte (Torregiana). Seit dem Aufstand der Korsen unter Pascal Paoli 1755 war die Insel faktisch unabhängig, der Verkauf der dennoch aufrechterhaltenen Ansprüche auf Korsika an Frankreich im Jahre 1768 daher fragwürdig.

Zypern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine private Kompanie genuesischer Kaufleute und Patrizier besaß seit der Thronbesteigung von Heinrich I. im Jahre 1232 Handelsprivilegien auf Zypern. 1373 entsandten sie eine Flotte, die die venezianischen Konkurrenten aus einigen Positionen verdrängte und den Osten von Zypern zum genuesischen Protektorat machte. Mehrere Versuche des zypriotischen Königshauses, zusammen mit Venedig und den Visconti die genuesische Herrschaft abzuschütteln, misslangen. Nach Straßenkämpfen zwischen den Venezianern und Genuesen in Famagusta besetzte ein Geschwader unter Pietro di Campofregoso 1374 Famagusta und verlangte hohe Reparationen sowie einen jährlichen Tribut. Fast ein Jahrhundert lang blieb Zypern danach ein genuesisches Protektorat. Famagusta wurde von König Jakob I. offiziell an Genua abgetreten. Anders als die Venezianer verfügten die Genuesen nicht über eine große Kriegsmarine und konnten den Besitz Zyperns nicht dauerhaft absichern. So übertrugen sie die Verwaltung der Banco di San Giorgio. 1464 gelang es Jakob II. mit Hilfe ägyptischer Truppen sowie spanisch-sizilianischer Söldner Kyrenia und Famagusta einzunehmen, finanziert wurden diese Unternehmen von Venedig aus, um Genua endgültig von der Insel zu vertreiben. Durch die Heirat Jakobs mit der Venezianerin Katharina Cornaro stieg der Einfluss der Serenissima erneut, sodass schließlich nach dem Tod Jakobs Katharina abdankte und 1489 Zypern an diese abtrat.

Monaco[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1174 verkaufte Raimund VI., Graf von Toulouse, Monaco an die Republik Genua, 1191 wurde der Erwerb Monacos durch den römisch-deutschen Kaiser Heinrich VI. bestätigt. 1297 gelang es der aus Genua stammenden Familie Grimaldi, die Stadt zu erobern, jedoch fiel sie schon 1301 wieder an Genua zurück. 1331 konnten sich die Grimaldis erneut durch die Hilfe des französischen Königs gegen die Mutterstadt behaupten, verloren die Herrschaft über die Stadt aber 1357 wieder an die Genuesen. Diese konnten Monaco bis 1419 halten, ehe es endgültig an die Grimaldis zurückfiel, deren Nachkommen dort bis heute herrschen.

Schwarzes Meer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die genuesischen Festungswerke von Soldaia (Sudak)

Nach der Aufteilung des Byzantinischen Reiches im Vierten Kreuzzug 1204 waren wichtige Hafenstädte zunächst an den Rivalen Venedig gefallen, mittels eines Bündnisses mit dem um Restauration bemühten Kaiserreich Nikaia setzte sich dann jedoch wieder Genua durch. Nach dem Abkommen von Nymphaion 1261 setzten sich die Genuesen vor allem auf der Halbinsel Krim und am Asowschen Meer fest. Auf der Grundlage des Abkommens gründeten sie weitere Niederlassungen rund um das Schwarze Meer, so unter anderem in Trapezunt, Amastri, Simisso, Vicina im Donaudelta, Kilia, Caffa, Cetatea Albă, Tana an der Donmündung.[1]

Die bedeutendste und erste genuesische Kolonie im Schwarzmeerraum, Pera bei Konstantinopel, nahm eine Sonderstellung ein und blieb bis zum Fall Konstantinopels 1453 ein wichtiger und konstanter Stützpunkt des genuesischen Handels. Für den übrigen Schwarzmeerraum wurde Caffa auf der Krim zur Hauptkolonie. Von dort kam wohl im Zuge der Kämpfe mit den Mongolen der Goldenen Horde 1348 die Pest - der Schwarze Tod - nach Europa.

Um die weit verteilten Kolonien im Schwarzmeerraum zu verbinden, wurde 1313 das Officium Ghazariae (auch „Khazaria“ oder „Gazaria“ genannt) gegründet. Dem Amt unterstand nominell das Netzwerk von Handelsstützpunkten im Schwarzen Meer, die sich aber weitgehend selbst verwalteten; es wurde von einem Bevollmächtigten der Genuesen für die Romania (Podestà dei Genovesi di Romania) mit Sitz in Pera wahrgenommen. Er wurde für jeweils ein Jahr eingesetzt. Ihm unterstanden die Konsuln der Stützpunkte mit Ausnahme von Caffa. Das Officium Ghazariae, das auch als Schutzorganisation gegen Angriffe von Piraten fungieren und Qualitätsstandards beim Schiffbau festlegen sollte, wurde jedoch immer wieder durch Konkurrenzkämpfe der ligurischen Eliten behindert.[2] Die eigentliche Kontrolle der Schwarzmeerkolonien fiel daher spätestens seit der Mitte des 14. Jahrhunderts der Administration in Caffa zu.

Die Kolonien auf der Krim, ab 1365 kamen neben Caffa weitere hinzu, wurden zur Provinz „Gothia“, einem Küstenstreifen an der Südostküste der Krim von Caffa bis Cembalo. Von hier aus wurden verstärkt die Handelsbeziehungen in östlicher Richtung vorangetrieben, die über das sog. "Mongolische" Ende der Seidenstraße (bei Tana am Don) bis nach China reichten. So tauchte bereits 1257 die erste chinesische Seide auf genuesischen Märkten auf.[2]

Über ihre Stützpunkte im Schwarzmeerraum gelangten die genuesischen Kaufleute nach Kiew, Bolgar, Kasan, Abchasien, Tscherkessien im Kaukasus und nach 1315 Indien. Berichten nach erreichten Genuesen schon 1322 Zeitun in China und 1338 Kulam in Indien. Auch Waren aus den mongolisch kontrollierten Gebieten am Kaspischen Meer kamen im Spätmittelalter nach Genua.[2]

Neben dem Prestigeprodukt Seide, das aber immer auch über südlichere Routen ans Mittelmeer gelangte und über Häfen im Vorderen Orient und auf Rhodos und Zypern verschifft wurde, waren es vor allem Sklaven, Getreide und verschiedene Rohstoffe, die aus dem Schwarzmeerraum nach Genua geliefert wurden. Zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert wurde der Schwarzmeerraum zur wichtigsten Quelle für den Sklavenhandel im Mittelmeer. Weitere wichtige Handelsgüter waren Gewürze, Wachs, Pelze, Salz, Fisch, Kaviar und Nüsse, die ebenfalls über das Mittelmeer weiterverschifft, teils aber auch auf dem Landweg durch Südosteuropa bis ins Baltikum gebracht wurden.[3]

Die Genuesen hielten sich noch bis 1475 im Schwarzmeerraum; in diesem Jahr fielen die letzten Stützpunkte an die Osmanen.

Bosporus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Krim im 15. Jahrhundert

Krim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Asowsches Meer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Asow (Tana) - 1261/70–1343/92
  • Bosporo, Tmutarakan (Taman) und Matrida (Matrega) (alle drei an der Straße von Kertsch) - ab 1310
  • Tmutarakan - 1419–1482

Östliches Schwarzes Meer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lo Vati (heute: Batumi in Georgien)
  • Sevastopol (die ehemals griechische Kolonie Dioskurias; heute: Suchumi)

Bessarabien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kleinasien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ägäis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ägäischen Inseln Chios (1304–1329 und 1346–1566), Samos (1304–1329 und 1346–1475), Thasos (1354–1457) und Lesbos (1333–1336 und 1355–1462) wurden Genueser Kolonien. Die thrakische Hafenstadt Ainos unterstand 1376–1456 der Genueser Patrizierfamilie Gattilusio. Nach dem Fall von Byzanz wurden aber bis 1475 fast sämtliche genuesischen Kolonien und Niederlassungen in der Ägäis und im Schwarzen Meer aufgegeben. Chios wurde erst 1566 von den Osmanen erobert.

Stützpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1162 errichteten Genueser in Salé südwestlich der Meerenge von Gibraltar einen Stützpunkt an der afrikanischen Küste, zu dem 1253 das weiter südlich an der marokkanischen Atlantikküste gelegene Safi kam. 1277 eröffneten sie die ersten Seeverbindungen von Spanien mit Flandern und England. Ab 1251 genossen sie in Sevilla steuerliche Privilegien. Genueser Kaufleute hatten schon vor dem Ende der Reconquista in Spanien den Handel mit Olivenöl, Wein, Thunfisch, Leder, Seife und Quecksilber in Cádiz, Granada, Lissabon, Málaga und Sanlucar zu ihrer Domäne gemacht. Die Eroberungen Gran Canarias, Las Palmas’ und Teneriffas wurden finanziert durch genuesisches Handels- und Kreditkapital unter aktiver Teilnahme spanischer und portugiesischer Unternehmer, wie z. B. der Tuchfabrikanten. Auch in Valencia, Toledo und Cuenca hatten Genueser großen Anteil am kastilischen Handel. Zu den „alberghi ligures“, den Genueser Familien, die in Andalusien dauerhaft ansässig wurden, zählen die Boccanegra, Cataño, Centurión, Espinola, Grimaldo, Pinelo, Rey, Riberol, Sopranis, Zaccaría u. a. Genuesisch-pisanischer Technologietransfer verhilft allmählich den iberischen Monarchien Portugal, Kastilien-León und Aragón-Katalonien nach und nach zu eigenen, leistungsfähigen Flotten, die von den eroberten Häfen entlang der Straße von Gibraltar die maurische Seesperre durchbrechen.

Die Banco di San Giorgio mit ihren großen Besitzungen hauptsächlich auf Korsika bildete während dieser Phase das stabilste Element im Staat, bis 1528 der Nationalgeist seine Kraft wiedergewann, als Andrea Doria die französische Vorherrschaft abschütteln und die alte Form der Regierung wiederherstellen konnte, die mittelalterliche Kolonialzeit war jetzt aber beendet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michel Balard: La Romanie génoise (XIIe - début du XVe siècle). 2 Bände. Rom / Paris: École Française de Rome, 1978 (Bibliotheque des Écoles Françaises d’Athènes et de Rome 235, ISSN 0257-4101; Atti della Societa Ligure di Storia Patria N. S. 18 = 92).
  • Sergei Pawlowitsch Karpow: L' Impero di Trebisonda Venezia, Genova e Roma. 1204 - 1461 ; rapporti politici, diplomatici e commerciali. Roma: Veltro Ed., 1986.
  • Manfred Pittioni: Genua Die versteckte Weltmacht, Verlag Mandelbaum, 2011, ISBN 978-3854763499

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Manfred Pittioni: Genua Die versteckte Weltmacht, S. 48–49
  2. a b c Pittioni, S. 66–69
  3. Pittioni, S. 69–73

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]