Gertrud Pätsch

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Gertrud Pätsch (* 22. Januar 1910 in Einbeck als Gertrud Kettler; † 14. Dezember 1994 in Jena) war eine deutsche Ethnologin und Philologin, die sich im Besonderen auf dem Gebiet der Kartwelologie verdient gemacht hat.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tochter des Verlagsdirektors Karl Kettler und seiner Ehefrau Mathilde, geb. Wulfestieg bekam ihr Reifezeugnis am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium zu Münster.

Ab 1929 belegte sie ein Studium der evangelischen Theologie, von 1933 an wegen orientalistischer Studien auch eingeschrieben in der Philosophischen und Naturwissenschaftlichen Fakultät mit den Hauptarbeitsgebieten christlicher Orient unter besonderer Berücksichtigung der biblischen Textgeschichte, sowie das Studium der semitischen, slawischen und kaukasischen Sprachen, u. a. bei Anton Baumstark junior, Ferdinand Hestermann. [1]

Im Jahre 1937 promovierte sie an der Universität Münster bei Ferdinand Hestermann mit der Dissertation über Das Verbum Finitum in der altgeorgischen Übersetzung des Markus-Evangeliums.

1946 trat sie in die KPD ein. Sie war Schriftleiterin im Bund religiöser Sozialisten NRW.[2] Sie wurde Mitglied der KP-Landesleitung in Nordrhein-Westfalen, war aktiv bei der Begründung des Kulturbundes Münster und in der Volkskongress-Bewegung.

1948 war sie als Mitglied der westdeutschen Volksratsdelegation bei den Oktoberfeierlickeiten in Moskau und Leningrad. Anschließend übersiedelte sie in die SBZ. Sie habilitierte sich an der Humboldt-Universität zu Berlin über Indonesistik, war dort Direktorin der Völkerkunde und lehrte allgemeine Sprachwissenschaft sowie Kaukasiologie am Vorderasiatischen Institut, das sie in Zusammenarbeit mit Heinrich Junker aufbaute.[3]

1960 folgte sie der Berufung nach Jena an die Friedrich-Schiller-Universität, ein Jahr darauf erwirkte sie die Umbenennung des Institutes für allgemeine Sprach- und Kulturwissenschaften zu Ehren ihres Mentors Hestermann. Sie hatte maßgeblichen Anteil an Gründung und Aufbau der seit 1961 bestehenden Jenaer Kaukasiologie, deren Direktorin sie bis zur Emeritierung war. Nach ihrer Emeritierung 1970[4] dozierte sie zwei Jahre lang als Gast an der Staatlichen Universität zu Tiflis. Gegen Ende ihres Lebens widmete sie sich der Übertragung des mittelalterlichen Versepos Der Recke im Tigerfell von Schota Rustaweli aus dem Altgeorgischen. Pätsch verfasste eine Vielzahl von Aufsätzen, u. a. regelmäßig in der wissenschaftlich-literarischen Zeitschrift Bedi Kartlisa. Revue de Kartvélologie (dt. Schicksal Georgiens). Sie war Mitglied der Redaktion der Mitteilungen des Instituts für Orientforschung, im Redaktionsbeirat der Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift, im Conseil cintifique. Bedi Kartlisa. Revue de Kartvélologie.[5]

Pätsch engagierte sich für den Kulturverkehr zwischen Georgien und der DDR. Sie begründete die Universitätspartnerschaft zwischen Jena und Tiflis. Auf einem Anwesen, welches sie bei Jena bewohnte, ließ sie eigens für den vielen Besuch aus Georgien, darunter Konstantine Gamsachurdia, dessen Werke sie übersetzte, ein Gästehaus errichten. Auf einer Stufe der Treppe zu ihrem Haus standen eingraviert die Buchstaben des georgischen Alphabets.

"Gertrud Pätsch war nach dem Besuch eines Kongresses, auf dem auch katholische Theologen anwesend waren irgendwie suspekt erschienen und in "Aufklärung" genommen worden." [6] Daraufhin erfolgte eine etwa vier Jahre dauernde Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit als GI "Gertrud", wobei sie insbesondere ihren Neffen, den damaligen Präsidenten der Hauptgeschäftsstelle des Werkes Innere Mission und Hilfswerk der EKD (heute Diakonie), in Stuttgart, Dr. Friedrich Münchmeyer auskundschaftete.

Sie war die Mutter des Historikers Martin Robbe.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zur marxistisch-leninistischen Lehre von der Sprache. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1952.
  • Fernunterricht der Parteihochschule „Karl Marx“ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. 1953.
  • Grundfragen der Sprachtheorie. VEB Niemeyer, Halle (Saale) 1955.
  • Die sozialen Ursprünge des Christentums. Progress, Darmstadt 1963, auch Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1963.
  • Die rechte Hand des grossen Meisters. Historischer Roman. Verlag Kultur und Fortschritt VEB, 1969.
  • Sprache und Gesellschaft. Friedrich-Schiller-Universität, Jena 1970.
  • Übersetzt und herausgegeben: Das Leben Kartlis: Eine Chronik aus Georgien 300–1200. Dietrich, Leipzig 1985.

Aufsätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beiträge in der Wissenschaftlichen Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena (gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe):

  • Der Lowalangi-Hymnus und die Hochgott-Idee; 12(1963)Sonderheft, 75-83.
  • Internationalismen in der modernen georgischen Sprache; 13(1964)1, 111–117.
  • Die Tradition der austrischen Sprachvergleichung und G. Kahlos indonesisch-polynesisches Silbenwörterbuch; 14(1965)3, 489–498.
  • Warum sprachwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft?; 16(1967)5, 551–554.
  • Der semantische Bereich „Arbeit-Produktion“ im Georgischen; 16(1967)5, 637–642.
  • Sprachwissenschaft und historischer Materialismus zum 150. Geburtstag von Friedrich Engels; 19(1970)3, 425–442.
  • mit Gottfried Meinhold: Einige Signaleigenschaften georgischer Medien an Hand oszillographischer Registrierungen; 22(1973)3, 419–426.
  • Washa Pschawela und der Realismus; 22(1973)3, 469–475.
  • mit Gottfried Meinhold: Einige Signaleigenschaften der abruptiven Laute im Georgischen; 24(1975)5/6, 649–656.
  • Zur Historizität der Vita Ninos; 24(1975)5/6, 559–571.
  • Konstantine Gamsachurdia 1893–1975; 26(1977)1, 117–126.

in Bedi Kartlisa (Le Destin de la Géorgie). Revue de Kartvélologie (Paris):

  • Zur Frage der doppelten Relation im Georgischen; 17–18(1964), 132–145.
  • Linguistische Bemerkungen zur Textgeschichte der georgischen Bibel; 50-51(1966), 103-111.
  • Eri, Nacia, Xalxi in georgischer fremdsprachlicher Korrespondenz; 50-51(1966), 196-201.
  • Das georgische Präsens-indoeuropäscher Einfluss oder eigengesetzliche Entwicklung?; XXIII-XXIV(1967)
  • Zur Analyse der georgischen Wortstruktur; Vol.XXV(1986), 195-207.
  • Synkretismus und Orthodoxie im frühgeorgischen Christentum; 32(1974), 188-212.
  • Die Bekehrung Georgiens. Mokcevay Kartlisay (Verfasser unbekannt); 33(1975), 288-337.
  • Zu semantischen Problemen in der altgeorgischen (sic) Übersetzung der Paulusbriefe; 34(1976), 199-213
  • Das Martyrium des Bishofs Abibos von Nekresi; 41(1983), 313-318

in Sinn und Form

  • Der Mann im Pantherfell - als Zeitdokument; 6(1970), S. 1377

in den Mitteillungen des Institutes für Orientforschung. Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Institut für Orientforschung:

  • Schota Rustaweli und seine Zeit. Zur 800. Wiederkehr seines Geburtstages Bd.XII(1966/67), 1-16
  • Oktoberrevolution und nationale Frage in Georgien; Bd.XIII(1967), 143-152
  • Gottesvorstellung und Menschenbild bei Rustaveli; Bd.XVI(1986), 68-84
  • Reste einer personal gegliederten Konjunktion im Indonesischen; Bd.X(1964), 171-181

in der Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin (Gesellschafts-und sprachwissenschaftlichen Reihe):

  • Humboldts Beiträge zur modernen Sprachwissenschaft; Jg.XVII Nr.3(1986), 153-156
  • Der Bedeutungswandel im Motiv des sterbenden und auferstehenden Gottes; Jg.10, Heft1(1961), 47-57
  • Stand und Aufgaben der Ethnographie; Jg.5, Nr.2 (1955/56), 51-60
  • Die georgische Aoriskonstruktion; Jg.2, H.1 (1952/32), 5-13

Außerdem:

  • Übersetzung: Maurice Leroy, Über den heutigen Stand der Sprachwissenschaft; Das Altertum, Bd.6, Heft(1960), 195-204
  • Zur Kaukasiologie in Deutschland (georgisch); Kommunisti, Tibilisi, 19.8.1960
  • Zum Strukturwandel orientalischer Kulturen; Wissehschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Gesellschafts-und sprachwissenschaftliche Reihe, Jg.X, H.1(1961), 47-57
  • Der mißbrauchte Mythos; Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Jg. 11(1963), 1407-1414
  • Um eine Definition des Religionsbegriffes; Atheistische Forschungen, Mitteilungsblatt des zentralen Arbeitskreisesder DDR "Wissenschaftlicher Atheismus"; Nr.6, Dez. 1964, 26-32
  • Grusinien oder Georgien?; Sächsische Zeitung, 10.12.1969, S.6
  • Zum Mythos der Setzung; In memoriam Ferdinand Hestermann, Wiss. Beiträge d. Friedrich-Schiller-Universität, 1980, S. 254

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gottfried Meinhold: Gertrud Pätsch. Nachruf. In: Asien, Afrika, Lateinamerika. Bd. 23 (1995), S. 297–299.
  • Michael Eckardt: Kaukasiologische Beiträge in der "Wissenschaftlichen Zeitschrift" der Friedrich-Schiller-Universität Jena 1965-1990. In: Amirani-Journal of the International Caucasological Research Institute 7(2006)14/15, 141-146.
  • Michael Eckardt: Gesamtbibliographie der „Wissenschaftlichen Zeitschrift“ der Friedrich-Schiller Universität Jena (GS-Reihe) 1951–1990. Jena 2006, ISBN 3-935850-39-5.
  • Harry Spitzbardt: "Sprache und Gesellschaft (Gertrud Pätsch in honorem)" Friedrich-Schiller-Univ, Jena 1970.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sprache und Gesellschaft (Gertrud Pätsch in honorem). 1970. Friedrich-Schiller-Univ, Jena 1970. S. 293.
  2. Staatsbibliothek zu Berlin, Zeitungsabteilung: Neues Deutschland, 29. April 1947. In: zefys.staatsbibliothek-berlin.de. Abgerufen am 16. Januar 2017 (deutsch).
  3. Hans Dieter Kubitschek: Das Südostasien-Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zur Geschichte der Südostasienwissenschaften. Berlin 1996, S. 23 (Digitalisat).
  4. Steffi Macher: Die Geschichte der Kaukasiologie an der FSU Jena, Website der Universität Heidelberg, abgerufen am 16. Mai 2013.
  5. Sprache und Gesellschaft (Gertrud Pätsch in honorem). 1970. Friedrich-Schiller-Univ, Jena 1970. S. 293.
  6. Gottfried Meinhold: Der besondere Fall Jena. Die Universität im Umbruch 1989-1991. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2014, S. 310 ([1]).