Herr und Speer

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Vincent-Immanuel Herr (rechts) und Martin Speer beim ZEIT ONLINE Z2X Festival 2016 in Berlin.

Herr und Speer (auch: HERR & SPEER[1]) sind ein Autoren- und Aktivistenteam aus Berlin, das aus Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer besteht. Gegründet im Jahr 2012, widmen sich der Historiker/Soziologe Herr und der Wirtschaftswissenschaftler Speer einer Reihe von gesellschaftlichen und politischen Fragen, veröffentlichen Artikel und initiieren öffentliche Kampagnen. Besondere Bekanntheit erlangten Herr und Speer mit ihrer Free-Interrail-Initiative und ihrem von verschiedenen Prominenten mitgetragenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Öffnung der Ehe im Jahr 2015. Weitere Schwerpunkte von Herr und Speer sind Generationengerechtigkeit, Europäische Integration und Jugend, Demokratie sowie Geschlechtergerechtigkeit. Die beiden bezeichnen sich als Feministen.[2]

Aktivistische Initiativen & Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herr und Speer starteten eine Reihe von Kampagnen und Initiativen, die teilweise eine erhebliche mediale und öffentliche Resonanz erzeugten.

2013 plädierten Herr und Speer für die Einführung einer Wahlpflicht in Deutschland in Verbindung mit einem Enthaltungsfeld.[3] Über die Jahre sprachen sich beide wiederholt für die Forderung aus.[4][5]

Im Sommer 2014 gründeten sie das Young European Collective, eine Gruppe junger europäischer Aktivisten aus verschiedenen europäischen Ländern. Die Gruppe veröffentlichte im Herbst 2015 einen gemeinsam verfassten Generationen- und Europaessay unter dem Titel „Who, If Not Us?“, finanzierte den Druck per Crowdfunding und verteilte 6.000 Exemplare an junge Menschen in mehreren Ländern Europas.[6] Die Gruppe wurde u. a. von der Stiftung Mercator unterstützt und gefördert.[7] Im Juni 2017 erschien das Buch in der deutschen Übersetzung im Verlag Droemer Knaur.[8]

2015 forderten Herr und Speer zusammen mit der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, eine Jugendquote in deutschen Parteien und Parlamenten einzuführen.[9]

Im Juni 2015 veröffentlichten sie auf Spiegel Online unter dem Hashtag #EsIstZeit einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Forderung, im Bundestag eine Abstimmung zur Öffnung der Ehe ohne Fraktionszwang durchzuführen. Der Brief erregte vor allem dadurch Aufmerksamkeit, dass er von Spitzenpolitikern aus SPD, B90/Die Grünen, Die Linke und FDP mitgetragen und darüber hinaus von verschiedenen deutschen Prominenten unterstützt wurde. So setzten unter anderem Nena, Udo Lindenberg, Til Schweiger, Die Ärzte, Claudius Seidl, Maren Kroymann und Thomas Hitzlsperger ihre Unterschrift unter den Aufruf.[10] Zusätzlich wurde der Brief in einer Change.org Petition von über 57.000 Menschen unterzeichnet.[11]

Seit Sommer 2015 setzen sich Herr und Speer in verschiedenen Artikeln, Radiointerviews und auf Veranstaltungen für ihren Free-Interrail-Vorschlag ein: Jeder EU-Bürger soll zum 18. Geburtstag ein kostenloses Interrailticket bekommen. Das soll Europäische Integration stärken und Europa für alle Bürger erfahrbar machen, unabhängig vom sozialen, finanziellen oder nationalen Hintergrund.[12] Der Vorschlag wurde seitdem medial breit diskutiert und überwiegend positiv aufgenommen. So belegte eine Umfrage des ZDF-Politbarometers im September 2016, dass eine Mehrheit der Deutschen diesen Vorschlag für sinnvoll erachte.[13] Weiterhin wurde der Vorschlag im Europäischen Parlament aufgegriffen und wird dort von Abgeordneten der Fraktionen der EVP, ALDE, Grüne/EFA und S&D unterstützt.[14] Eine Onlinepetition zu dem Vorschlag hat über 40.000 Unterschriften gesammelt.[15] Nach einem Pilotprojekt 2018 mit 15.000 kostenlosen Interrail-Tickets,[16] plante die EU-Kommission, im Zeitraum 2021 bis 2027 bis zu 700 Millionen Euro für #DiscoverEU bereitzustellen, wie die auf FreeInterrail basierende Initiative der EU genannt wird.[17] Im Dezember 2020 kündigte die Kommission an, DiscoverEU ab 2021 als „flagship initiative“ des Erasmus-Programms einzuführen.[18] Im Februar 2021 erwähnte Marija Gabriel, Europäische Kommissarin für Bildung, Jugend und Kultur, in einer Rede Herr und Speer als Initiatoren der Idee.[19]

Beide sind Unterstützer der UN-Kampagne HeForShe[20] und seit 2018 Deutsche Botschafter für HeForShe.[21]

Kurz vor dem Referendum zum Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU im Juni 2016 starteten die beiden den Aufruf #EuropeLovesUK, der von über 57.000 Menschen unterstützt und unter anderem auch von der Erfolgsautorin Joanne K. Rowling auf Twitter geteilt wurde.[22][23]

Publizistisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2012 haben Herr und Speer eine Reihe von Gastbeiträgen in deutschen und internationalen Medien sowie bisher drei Bücher veröffentlicht.

Gastbeiträge (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2012 waren sie Teil des „Zukunftsmanifests“, eines in der Zeit veröffentlichten Aufrufs von 11 jungen Menschen unter 30 Jahren aus sechs verschiedenen Parteien mit konkreten Politikvorschlägen für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft. Mit dabei war unter anderem auch Wolfgang Gründinger und Diana Kinnert.[24]

2013 plädierten Herr und Speer wiederum in der Zeit für die Einführung einer Wahlpflicht in Deutschland in Verbindung mit einem Enthaltungsfeld.[3] Über die Jahre sprachen sich beide wiederholt für die Forderung aus, so u. a. im September 2017 in einem Gastbeitrag von Herr im Tagesspiegel.[4][5]

Im Februar 2016 veröffentlichen Herr und Speer auf Zeit Online eine viel diskutierte Anleitung zum Feminismus für Männer.[25]

Zur Bundestagswahl 2017 riefen Herr und Speer ihre Generation in der Zeit zum Wählen auf und starteten einen Wahlflashmob.[26]

Bücher (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Europe For Future. 95 Thesen, die Europa retten – was jetzt geschehen muss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das im August 2021 im Verlag Droemer Knaur erschienenen Buch stellt in 95 Thesen Vorschläge zur Weiterentwicklung der Europäischen Union vor. Gegenüber Zeit Online äußerte Speer die Intention des Buches: „Der Grundton unseres Buches ist: Europa hat seine besten Tage noch vor sich. Wir versuchen, Ideen zu liefern, wie das gelingen kann. Unsere Thesen verstehen wir eher als Denkanstöße, als Debattenangebot.“[27]

Viele der Vorschläge werden bereits von einzelnen europäischen Staaten, Regionen oder Städten angewandt und im Buch für eine mögliche europäische Implementierung aufgeführt, u. a. ein schwedisches Modell für Elternzeit, Jugendräte nach kroatischem Vorbild, ein Bürgerhaushalt nach Vorbild Portugals, ein Bürgerrat nach irischer Prägung, eine inklusive Stadtplanung nach dem Vorbild der Stadt Wien, ein Paritätsgesetz nach französischem Vorbild, ein Pensionsfonds nach Inspiration des norwegischen Staatlichen Pensionsfonds oder ein Mutterschaftspaket finnischer Prägung.

Andere Thesen greifen bereits bekannte Ideen auf und entwickeln diese weiter, u. a. die Umwandlung des Rats der Europäischen Union in einen Europäischen Senat, einen neuen Anlauf zur Erststellung einer EU-Verfassung, die Einführung eigener EU-Steuern, transnationale Listen zur Wahl des Europäischen Parlaments, eine EU-Armee, eine feministische Außenpolitik, Barrierefreiheit auch im Privatsektor, einen Bahntunnel zwischen Spanien und Marokko, ein europäisches Vereins- und Gemeinnützigkeitsrecht, ein EU-Reisepass, ein EU-weites Nachhaltigkeitslabel oder eine europäische Marsmission.

Wiederum andere Thesen machen weitestgehend neue Vorschläge, u. a. die Einführung eines EU-Distrikts in Brüssel, ein Ausschlussverfahren für Mitgliedsstaaten, die wiederholt Grundwerte der EU verletzen, neue EU-Naturparks, ein gemeinsames EU-Team bei den Olympischen Spielen, ein Forum für EU-weiten interreligiösen Dialog oder ein Startguthaben für Start-Ups.

In der Recherche führten Herr und Speer Interviews mit Personen aus Politik und Zivilgesellschaft, u. a. Martin Schulz, Manfred Weber, Hannah Neumann, Katja Leikert, Sergey Lagodinsky, Konstantin Kuhle, Alexander Graf Lambsdorff, Raul Krauthausen, Kristina Lunz, Martin Ehrenhauser, und bereisten nach eigenen Angaben 29 europäische Länder.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Privat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vincent-Immanuel Herr ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und einer gemeinsamen Tochter in Berlin. Martin Speer lebt mit seinem Partner in Frankfurt und Berlin.[36][37]

Buchpublikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wer, wenn nicht wir? Vier Dinge, die wir jetzt für Europa tun können. Droemer Knaur, München 2017. ISBN 978-3-426-78946-9.
  • #TunWirWas – Wie unsere Generation die Politik erobert. Droemer, München, 2018, ISBN 978-3-426-30178-4.
  • Europe For Future. 95 Thesen, die Europa retten – was jetzt geschehen muss. Droemer, München 2021, ISBN 978-3-426-30268-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Home. In: Herr & Speer. (herrundspeer.eu [abgerufen am 20. April 2017]).
  2. Gender Equality. In: Herr & Speer. (herrundspeer.eu [abgerufen am 20. April 2017]).
  3. a b Vincent-Immanuel Herr, Martin Speer: Demokratie: Wer nicht wählen will, soll zahlen. In: Die Zeit. 25. August 2013, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. April 2017]).
  4. a b Demokratie braucht Wahlpflicht. In: Deutschlandfunk Nova. (deutschlandfunknova.de [abgerufen am 8. Oktober 2017]).
  5. a b Wahlpflicht wäre die Vollendung der Demokratie. In: Der Tagesspiegel Online. 20. September 2017, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 8. Oktober 2017]).
  6. Home. In: Who, If Not Us? (whoifnotus.eu [abgerufen am 20. April 2017]).
  7. Support Us. In: Who, If Not Us? (whoifnotus.eu [abgerufen am 20. April 2017]).
  8. Wer, wenn nicht wir? – Buch von Droemer Knaur. Abgerufen am 28. Juni 2017.
  9. Vincent-Immanuel Herr, Martin Speer: Quote: Jugend wagen. In: Die Zeit. 12. April 2015, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. April 2017]).
  10. Offener Brief an Merkel: Prominente fordern Gleichstellung der Homo-Ehe. In: Spiegel Online – Politik. 1. Juni 2015, abgerufen am 20. April 2017.
  11. Frau Merkel: Freie Abstimmung zur Öffnung der Ehe ohne Fraktionszwang! #esistzeit @regsprecher. Abgerufen am 20. April 2017 (amerikanisches Englisch).
  12. Vincent-Immanuel Herr, Martin Speer: Interrail: Lasst uns reisen. In: Die Zeit. 4. September 2015, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. April 2017]).
  13. Forschungsgruppe Wahlen > Umfragen > Politbarometer > Archiv > Politbarometer 2016 > September 2016. Abgerufen am 20. April 2017.
  14. MEPs want to give free rail passes to young Europeans | News | European Parliament. Abgerufen am 20. April 2017 (englisch).
  15. Saving Europe? Send EU youth traveling! #FreeInterrail@EU_Commission @JunckerEU. Abgerufen am 20. April 2017 (amerikanisches Englisch).
  16. Möchtest du diesen Sommer Europa entdecken? In: Europäisches Jugendportal. 30. April 2018, abgerufen am 26. Februar 2019.
  17. Free Interrail: EU plant 700 Millionen Euro für kostenlose Interrail-Tickets. In: Die Zeit. 2. Mai 2018, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 26. Februar 2019]).
  18. Press corner. Abgerufen am 21. August 2021 (englisch).
  19. Speech by Commissioner Mariya Gabriel at the DiscoverEU webinar. European Commission, 15. Februar 2021, abgerufen am 20. August 2021 (englisch).
  20. Herr & Speer on Twitter. In: Twitter. (twitter.com [abgerufen am 23. April 2017]).
  21. Botschafter*innen HeForShe Deutschland. Abgerufen am 29. Mai 2018.
  22. #EuropeLovesUK – We love you, stay with us! Abgerufen am 20. April 2017 (amerikanisches Englisch).
  23. Liebesbriefe nach London: 50.000 Menschen wollen Briten zum Bleiben überreden. Abgerufen am 20. April 2017 (amerikanisches Englisch).
  24. Globalisierung: Unsere Zukunft klingt nach Katastrophe. In: Die Zeit. 15. November 2012, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. April 2017]).
  25. Vincent-Immanuel Herr, Martin Speer: Feminismus: Deutschland braucht mehr Feministen! In: Die Zeit. 11. Februar 2016, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. April 2017]).
  26. Vincent-Immanuel Herr, Martin Speer: Wahlbeteiligung: Wir Demokratieversager | ZEIT Campus. In: Die Zeit. 21. September 2017, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 8. Oktober 2017]).
  27. Johanna Roth: Herr und Speer: „Es sollte möglich sein, Staaten zeitweilig aus der EU auszuschließen“. In: Die Zeit. 31. Juli 2021, abgerufen am 21. August 2021.
  28. Universität Bayreuth: Die Bayreuther Dialoge – das Zukunftsforum für Ökonomie, Philosophie und Gesellschaft. Abgerufen am 29. Mai 2018.
  29. Bayreuther Vorbildpreis. In: bayreuther dialoge 2019. Abgerufen am 21. August 2019 (amerikanisches Englisch).
  30. Gewinner 2017 | Politikaward. Abgerufen am 29. Mai 2018 (deutsch).
  31. Berliner Europapreis Blauer Bär. 15. Mai 2018, abgerufen am 29. Mai 2018.
  32. The Innovation In Politics Awards. Abgerufen am 14. Dezember 2018 (englisch).
  33. Winner of the 2018 Jean Monnet Prize: #FreeInterrail campaign. In: EuropeanConstitution.eu. Abgerufen am 14. Dezember 2018 (britisches Englisch).
  34. The Good Lobby Awards 2018. Abgerufen am 21. August 2021 (italienisch).
  35. Video: FreeInterrail – Outstanding citizen’s initiative – European Railway Award. Abgerufen am 21. August 2021.
  36. Martin Speer: Öffnung der Ehe für Homosexuelle. In: TheEuropean. 2. Juni 2015 (theeuropean.de [abgerufen am 20. April 2017]).
  37. Über Uns. Abgerufen am 12. August 2021.