Internationale Transportarbeiter-Föderation

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) ist eine Globale Gewerkschaftsföderation, der zurzeit 4,5 Millionen Beschäftigte im Verkehrssektor repräsentiert.

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ITF sind über 600 Gewerkschaften in mehr als 140 Ländern angeschlossen, der Verband gehört dem Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) an. Der Hauptsitz der ITF befindet sich in London; Regionalbüros in Nairobi, Ouagadougou, Tokio, Neu-Delhi, Rio de Janeiro, Georgetown, Moskau und Brüssel.

Mitgliedsverbände in der BRD sind die DGB-Gewerkschaften Ver.di und EVG. In der Schweiz sind dies die SGB-Gewerkschaften SEV, VPOD, Kapers und Unia.

Ein derzeitiger Schwerpunkt der Aktivitäten der ITF ist die Unterstützung der Besatzungen von Schiffen, die unter sogenannten Billigflaggen fahren; die ITF ist in verschiedenen Ländern auch berechtigt, direkt Tarifverträge für die betroffenen Besatzungen abzuschließen. Im November 1999 unterzeichneten der internationale Arbeitgeberverband der Schifffahrt IMEC und der ITF den weltweit ersten internationalen Tarifvertrag für eine Branche, der seit 2000 in Kraft ist. Dessen Einhaltung wird von 131 Kontrolleuren der ITF in 43 Ländern (2004) im Rahmen von Hafengewerkschaftskontrollen überprüft.

Die Gewerkschaft ist eine der wenigen Arbeiterorganisationen, die auch schon länderübergreifende Streikaktionen entfaltete, darunter die erste große internationale koordinierte Streikbewegung der Geschichte im Jahr 1911, als zahlreiche europäische Häfen gleichzeitig lahmgelegt wurden, sowie die Streiks gegen die EU-Hafenrichtlinie "Port Package" im Jahr 2003.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte geht auf die International Federation of Ship, Dock and River Workers zurück, die im Jahr 1896 gegründet wurde und den derzeitigen Namen 1898 annahm.[1] Nach Ende des Ersten Weltkrieges verfolgte die ITF unter ihrem damaligen Generalsekretär Edo Fimmen eine vergleichsweise starke syndikalistische Ausrichtung. Sie beteiligte sich 1920 maßgeblich an einem Boykott des Internationalen Gewerkschaftsbundes gegen das autoritäre Horthy-Regime in Ungarn und führte eigenständig ein Embargo von Munitionstransporten nach Polen während des polnisch-sowjetischen Kriegs durch. Von der ITF gingen zudem 1924/25 mehrere - letztlich erfolglose - Initiativen aus, die Gewerkschaftsbewegung stärker international auszurichten und nicht länger auf nationale Landeszentralen zu stützen. Während des britischen Bergarbeiterstreiks 1926 organisierte die ITF einen erfolgreichen Boykott aller Kohletransporte auf die Inseln.

Die ITF spielte zwischen 1933 und 1945 eine wichtige Rolle im antifaschistischen Widerstand, da es ihr gelang, verschiedene illegal arbeitende Gruppen von Transportarbeitern in Deutschland sowie im Exil unter deutschen Seeleuten arbeitende Mitglieder logistisch und finanziell effektiv zu unterstützen und einen kontinuierlichen Informationsfluss in beide Richtungen zu gewährleisten.[2] Hervorzuheben ist das illegale Netzwerk um Hans Jahn, das vor allem von den finanziellen Zuwendungen der ITF profitierte. Bereits 1932 hatte die ITF eine Initiative gestartet, um die Aktivitäten der internationalen Arbeiterbewegung stärker auf den Kampf gegen den Nationalsozialismus auszurichten und legte dafür ein 13-Punkte-Programm vor. Anfang 1933 bot sie dann dem ADGB an, die ITF in den Dienst eines offensiven antifaschistischen Kampfes in Deutschland zu stellen, was jedoch von den deutschen Gewerkschaften, die sich im Frühjahr 1933 bis zu ihrer Zerschlagung am 2. Mai 1933 für einen "Anpassungskurs" gegenüber dem NS-Regime entschieden hatten, mit Schweigen quittiert wurde.

Während der NS-Zeit standen die ITF und Edo Fimmen der deutschen Sozialdemokratie und den deutschen Gewerkschaften kritisch gegenüber und machten sie zunächst für das Scheitern der Arbeiterbewegung gegenüber dem Faschismus mitverantwortlich, weswegen sie auch Angebote der exilierten Sozialdemokratie zur Zusammenarbeit skeptisch gegenüberstand. Auch im Zusammenhang mit dem Spanischen Bürgerkrieg engagierte sich die ITF, die den Kampf gegen den Faschismus als einen internationalen betrachtete.[3] Dabei verhinderte oder verzögerte Waffentransporte in das von Franco bereits eroberte Gebiet und half der Spanischen Republik, im Ausland Schiffe zu kaufen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

zur Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Nelles: Widerstand und internationale Solidarität. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Klartext Verlag, Essen 2001, ISBN 3-88474-956-0 (Dissertation Gesamthochschule Kassel, 2000).
  • Dieter Nelles: Widerstand und internationale Solidarität. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation, in: Hans Coppi, Stefan Heinz (Hrsg.): Der vergessene Widerstand der Arbeiter. Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten, Anarchisten und Zwangsarbeiter, Dietz, Berlin 2012, ISBN 978-3-320-02264-8, S. 73–90.
  • Siegfried Mielke, Stefan Heinz: Eisenbahngewerkschafter im NS-Staat. Verfolgung – Widerstand – Emigration (1933–1945). Metropol-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-86331-353-1
  • Bob Reinalda (Hrsg.): The International Transportworkers Federation 1914-1945: the Edo Fimmen era. Amsterdam 1997, ISBN 90-6861-124-0.
  • Hartmut Simon (Hrsg.): Die Internationale Transportarbeiter-Föderation. Möglichkeiten und Grenzen internationaler Gewerkschaftsarbeit vor dem Ersten Weltkrieg. (Institut für Soziale Bewegungen, Schriftenreihe A – Darstellungen, Band 5). Essen 1994, ISBN 3-88474-046-6.

zur ITF heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jörn Breiholz: Ein Unikum funkt SOS - Die ITF ist die einzige weltweit agierende Arbeitnehmervertretung überhaupt. In: Rheinischer Merkur 6/2009, S. 13.
  • Heinz Bendt, Weltweite Solidarität. Die Arbeit der globalen Gewerkschaftsorganisationen im Zeitalter der Globalisierung, Bonn (FES) 2006, PDF, 135 S., dort insbes. S. 97–103
  • Walter Sauer, Internationale Gewerkschaftsarbeit, Wien (Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes GmbH) 2014, PDF, 60 S.
  • Wolfgang Schroeder (Hrsg.), Handbuch Gewerkschaften in Deutschland, Wiesbaden (Springer VS) 2014, 790 S., Inhaltsverzeichnis, darin insbes.:
    Werner Reutter/Peter Rütters, „Pragmatischer Internationalismus“: Geschichte, Struktur und Einfluss internationaler und europäischer Gewerkschaftsorganisationen (S. 581–615)
  • Hans-Wolfgang Platzer, Torsten Müller, Die globalen und europäischen Gewerkschaftsverbände: Handbuch und Analysen zur transnationalen Gewerkschaftspolitik, Berlin (Ed. Sigma) 2009, Halbbd. 1, 403 S. Inhaltsverzeichnis, dort insbes. S. 199–226

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise, Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. https://warwick.ac.uk/services/library/mrc/explorefurther/images/itf/history/
  2. Vgl. zu Details Siegfried Mielke, Stefan Heinz: Eisenbahngewerkschafter im NS-Staat. Verfolgung – Widerstand – Emigration (1933–1945). Metropol-Verlag, Berlin 2017 und Dieter Nelles: Widerstand und internationale Solidarität. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Klartext Verlag, Essen 2001
  3. Vgl. zu Details Dieter Nelles: Widerstand und internationale Solidarität. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation, in: Hans Coppi, Stefan Heinz (Hrsg.): Der vergessene Widerstand der Arbeiter. Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten, Anarchisten und Zwangsarbeiter, Dietz, Berlin 2012