Julia Probst

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Julia Probst (September 2012)
Veranschaulichung unterschiedlicher soziologischer Konzepte

Julia Probst (* 2. November 1981) ist eine deutsche Bloggerin und ehemalige Politikerin (Piratenpartei). Überregional bekannt wurde sie als Lippenleserin bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010, während der sie unter dem Hashtag #Ableseservice Fußballern und Trainern auf und am Spielfeld Worte von den Lippen las. Als Aktivistin engagiert sie sich zu Inklusion und Barrierefreiheit insbesondere für die rund 80.000 Gehörlosen und 1,6 Millionen Schwerhörigen in Deutschland.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Julia Probst, Tochter eines algerischen Vaters und einer deutschen Mutter, kommt aus der Nähe von Neu-Ulm.[1][2] Im Alter von etwa einem Jahr wurde bei ihr Gehörlosigkeit diagnostiziert.[3] Trotzdem besuchte sie als Kind eine Grundschule für Hörende und wuchs lautsprachig auf,[4] hatte zuvor allerdings als Kleinkind einen Gehörlosenkindergarten besucht.[1] Erst im Alter von siebzehn Jahren lernte sie Gebärdensprache, Deutsch in Wort und Schrift ist für sie nicht Fremd-, sondern Muttersprache.[4]

Überregional bekannt wurde sie mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2010, als sie unter dem Hashtag #Ableseservice begann, Fußballern und Trainern von den Lippen zu lesen.[5] Auf die Idee kam sie, als sie bei der WM 2006 bemerkte, dass sie dank des Lippenlesens oft mehr mitbekam als ihre hörenden Freunde.[6] Bei der EM 2012 bekannte Joachim Löw, sich zukünftig „ein bisschen hüten“ zu müssen.[7] Bei der EM 2016 mutmaßte das Hamburger Abendblatt, ihr #Ableseservice fände inzwischen so viel Beachtung, dass einige Spieler beim Sprechen gelegentlich die Hand vor den Mund hielten.[8] Aber auch bei der WM 2018 wurden ihre Tweets wieder aufmerksam von den Redaktionen beobachtet.[9]

Bereits bevor sich Probst im Juni 2010 bei Twitter anmeldete, hatte sie im August 2005 ihren Blog „MeinAugenschmaus“ bei blogspot mit dem Ziel begonnen, „Barrieren in den Köpfen der Menschen zu beseitigen“.[10] 2011 wurde Julia Probst als Deutschlands „Bloggerin des Jahres“ ausgezeichnet.[11] Bei dem Blog Mädchenmannschaft wurde Probst zum „Bloggermädchen des Jahres 2011“ gewählt.[12] 2013 wurde ihr Blog für The BOBs nominiert.[13] Twitter-Chef Jack Dorsey, der sie auch bereits in das Münchner Seehaus zum Abendessen eingeladen hatte,[2] setzte einen Tweet von Probst[14] auf eine von ABC News publizierte Liste der weltweiten Top-Ten-Tweets des Jahres 2011.[15]

Im Juli 2012 wurde Probst Mitglied der Piratenpartei und zwei Monate später auf Platz drei der baden-württembergischen Landesliste für die Bundestagswahl 2013 gewählt.[2][16] Hätten die Piraten 2013 die Fünf-Prozent-Hürde überschritten, was gemäß Umfragen im Frühjahr 2012 möglich erschien,[17] wäre Probst so die erste gehörlose Abgeordnete in der Geschichte des Bundestags geworden.[2][18] Als Vorbilder nannte Probst Barack Obama, der ebenfalls über grundlegende Kenntnisse in Gebärdensprache verfügt,[19] sowie Martin Zierold.[20] Nach einem Auftritt gemeinsam mit Ulf Poschardt und Bruno Kramm im November 2012 in der Sendung log in auf ZDFinfo folgten zahlreiche Beleidigungen auf Twitter wie beispielsweise, Probst solle sich auf Gebärdensprache beschränken oder ihre Aussagen vorlesen lassen.[21] Probst, deren Stimme die taz als für Hörende ungewohnt dumpf, kratzend und ohne Modulation beschrieb, kündigte zunächst eine Auszeit an.[22] 2014 verließ sie die Piratenpartei wieder.[1]

2015 schrieb Probst gemeinsam mit dem (mit ihr nicht verwandten) Peter Probst das Drehbuch für die im Januar 2016 ausgestrahlte Tatort-Folge „Totenstille“.[23]

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer berief Probst 2016 in den „Landesrat für digitale Entwicklung und Kultur“, der die Digitalisierung in Rheinland-Pfalz fortentwickeln helfen soll.[24]

Beruflich war Probst ab August 2012 als Social-Medial-Beraterin eines Münchner Anbieters mobiler Dolmetscherdienste für gehörlose und schwerhörige Menschen tätig. Daneben arbeitet sie freiberuflich als Lippenleserin für Fernsehsender wie z. B. Sky Deutschland.[2] Seit Juni 2016 ist sie beim Hamburger Gehörlosenverband Referentin des Vorstands.[8][25]

Im Januar 2018 wurde Probst Mutter eines Kindes.[26]

Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Probst setzt sich für Inklusion anstelle von Integration gehörloser Menschen ein und plädiert beispielsweise dafür, Rollen von Behinderten in Film und Fernsehen generell nur mit Behinderten zu besetzen. Die vielfach anzutreffende Praxis, solche Rollen mit nicht-behinderten Schauspielern zu besetzen, empfindet sie als modernes blackfacing.[23] In ihrem Engagement für Barrierefreiheit setzt sie sich für vermehrten Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern, Unterstützung von Durchsagen in Zügen durch Laufbänder,[27] Einführung eines SMS-Notrufs in Deutschland (wie z. B. in Österreich bereits erfolgt)[20] sowie ein erhöhtes qualitativ hochwertiges Angebot von Untertiteln in Film und Fernsehen ein.[28]

So zählte Probst 2013 zu den Initiatoren einer Petition, die für die Würdigung der Leistungen von Menschen mit Behinderung bei der Neujahrsansprache sorgen sollte.[29] Sie engagierte sich für die Beibehaltung von Gebärdensprachdolmetschern im Programm von Phoenix,[30] und bei Protesten gegen den Blutspendedienst am Universitätsklinikum Essen, als dieser sich weigerte, von Gehörlosen Blutspenden entgegen zu nehmen.[31] Probst plädiert dafür, Gehörlosen generellen Zugang zu Regelschulen zu ermöglichen und das Förderschulsystem abzuschaffen.[32] Aus der Trennung nichtbehinderter Menschen und Menschen mit Behinderung von klein auf, was Probst als „Behinderten-Apartheid“ bezeichnet, resultiere eine Haltung Nichtbehinderter nach dem Motto: „Wir wissen besser als ihr selbst, was ihr braucht.“[33]

Kritisch steht Probst Cochlea-Implantaten gegenüber: Während Spätertaubte hiervon profitieren, findet sie, dass viele Eltern anstelle der Versorgung ihrer Kinder mit Cochlea besser selbst die Gebärdensprache lernen sollten. Sie empfiehlt ihnen, verstehen zu lernen, dass ihr Kind eine eigene Kultur hat (siehe auch: Gehörlosenkultur). Probst steht auf dem Standpunkt: „Gehörlosigkeit ist nichts, das man beheben müsste.“ Probst trug selbst zeitweise ein Cochlea-Implantat, legte es aber ab, da sie empfand, mit ihren Lippenlesefähigkeiten und ihrer Kommunikation sehr gut zurechtzukommen. Sie plädiert stattdessen für die Ermöglichung einer generellen barrierefreien Teilhabe an der Gesellschaft. So, wie Rampen für Rollstuhlfahrer auch für Kinderwagen eine Erleichterung bedeuten, würden Untertitel nicht nur Schwerhörigen helfen, sondern auch Menschen, die eine Fremdsprache lernen möchten.[34]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Waltraud Schwab: Sehen, was geht. In: die tageszeitung. 27. Mai 2015.
  2. a b c d e Florian Güßgen: Löws Lippenleserin rüttelt am Bundestag. In: stern. 20. September 2012.
  3. Stefan Czernin: Alles andere als still: Die gehörlose Bloggerin Julia Probst. In: Südwestpresse. 18. Dezember 2017.
  4. a b Fabian Soethof: Wenn das Netz stumm bleibt. In: Die Zeit. 18. Juli 2011.
  5. Lippenbekenntnisse bei der WM: Julia Probst sieht, was die Spieler sagen. In: Rhein-Zeitung. 27. Juni 2010.
  6. Sonja Pohlmann: Löws Lippenleserin. In: Tagesspiegel. 22. Juni 2012.
  7. Britta Beeger: An Jogis Lippen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. Juni 2016.
  8. a b lem/dpa: Wie eine Lippenleserin den Fußball verändert. In: Hamburger Abendblatt. 21. Juni 2016.
  9. Lippenleserin verrät, was Jogi Löw beim WM-Auftakt-Debakel rief. In: focus. 18. Juni 2018.
  10. Profil von Julia „Jule“ Probst (Memento vom 7. Dezember 2011 im Internet Archive) In: blogger.com.
  11. Uli Busch: Goldene Blogger 2011: Julia Probst wird Bloggerin des Jahres. In: Werben und Verkaufen. 23. Dezember 2011.
  12. Das Bloggermädchen des Jahres 2011. In: Mädchenmannschaft. 1. Februar 2012.
  13. Die Welt mit den Augen sehen. In: The BOBs. 2013.
  14. Julia Probst: #Untertitel sind immer so mies. England, Amerika, Schweiz u.v setzen Nachsprecher + Scrollingverfahren ein=hohe Qualität! @Throki @oehmchen. In: Twitter. 6. November 2011.
  15. Olivia Katrandjian, Maggy Patrick: The Year According to Twitter: 2011's Top Tweets. In: ABC News. 1. Dezember 2011.
  16. Jörg Diehl, Annett Meiritz: Lawblogger will für Piraten in den Bundestag. In: Spiegel Online. 12. November 2012.
  17. Piratenpartei drittstärkste Kraft in Deutschland. In: Die Welt. 18. April 2012.
  18. Jana Gioia Baurmann: Piratin wirft nach TV-Auftritt hin. In: Tagesspiegel. 3. Dezember 2012.
  19. Mary Elizabeth Williams: Obama’s sign language goes viral. (Memento vom 12. Juli 2012 im Internet Archive) In: salon.com. 21. März 2012.
  20. a b Die Lippenleserin. In: Handelsblatt. 5. Januar 2013.
  21. Gehörlose Piratin wird auf Twitter beschimpft. In: Die Welt. 4. Dezember 2012.
  22. Sandra Tjong: Gehörlose Piratin nimmt nach Beleidigungen Auszeit. In: focus. 4. Dezember 2012.
  23. a b Sarah Stendel: Sie erklärte den "Tatort"-Machern Lippenlesen und Gebärdensprache. In: stern. 25. Januar 2016.
  24. Digital-Dialog gestartet. In: Rheinland-Pfalz. 4. Oktober 2016.
  25. Florian Eisele: Lippenleserin im Interview: Das sagen Löw, Schweini und Co. während eines Spiels. In: Augsburger Allgemeine. 21. März 2017.
  26. Lea Wagner: Lippenbekenntnisse der Nationalmannschaft. In: SWR. 19. Juni 2018.
  27. Judith Horchert: Diese Twitterin hängt Jogi Löw an den Lippen. In: Spiegel Online. 19. Juni 2012.
  28. Daniel Bouhs: Barrierefreiheit im Fernsehen hat Entwicklungspotential. In: Deutschlandfunk. 4. Januar 2018.
  29. Anastasia Umrik, Samuel Koch, Raul Krauthausen, Constantin Grosch, Julia Probst: Vorschlag für Neujahrsansprache 2013: Leistung von Menschen mit Behinderungen würdigen (@RegSprecher). In: change.org. Dezember 2013.
  30. Christin Bohmann: Öffentlich-Rechtliche wollen bei Gehörlosen sparen. In: Die Welt. 3. Juli 2013.
  31. Jörg Isringhaus: Gehörlose dürfen kein Blut spenden. In: Rheinische Post. 24. Juni 2013.
  32. Julius Zimmer: Eine Frau bekam bei 100 Bewerbungen keinen Job, bis sie ein Detail in ihrer Bewerbung änderte. In: The Huffington Post. 8. November 2017.
  33. Helena Schwar: Wie Hörbeeinträchtige in Deutschland benachteiligt werden. In: Berliner Zeitung. 13. April 2018.
  34. Susanne Hamann: Gehörlosigkeit ist nichts, das man beheben müsste. In: Rheinische Post. 15. September 2015.