Küchenlatein

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Dieser Artikel beschreibt Küchenlatein als (bewusst) „schlechtes“ Latein. In einer weiteren, davon unabhängigen Bedeutung bezeichnet dieser Begriff die Fachsprache der Köche, siehe auch die Liste der Küchenfachwörter.

Küchenlatein (latinitas culinaria), auch Pseudolatein, ist im engeren Sinne eine spöttische Bezeichnung für ein als „schlecht“ oder „barbarisch“ geltendes Latein.

An der Klassischen Antike geschulte Humanisten bezeichneten damit das aus ihrer Sicht „verderbte Mönchslatein“ (Kirchenlatein) des Mittelalters, im Gegensatz zum erneuerten humanistischen Latein. Ihnen war jene (aus heutiger Sicht durchaus natürliche) Weiterentwicklung der spätantiken lateinischen Sprache zuwider, und sie propagierten eine Rückkehr zum Stil Ciceros oder Caesars. Beispielsweise äußerte Johannes Aventinus:

„Es laut gar vbel, vnd man heisst es Küchen Latein, so man Latein redet nach aussweisen der Teutschen Zungen.“

„Es klingt ziemlich übel, und man nennt es Küchenlatein, wenn man Latein in deutscher Ausdrucksweise spricht.“

Aventinus: Zitiert nach  K. F. W. Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Bd. 2, Leipzig 1870, Sp. 1660.[1]

Später überträgt sich der Ausdruck auch auf das frühneuzeitliche Vulgärlatein-Umgangsdeutsch-Potpourri, wie es sich etwa auch in der Verwaltungssprache und der Studentensprache findet. Von dort aus entwickelte sich durch den damals obligatorischen Lateinunterricht aus ungewollt komischen Übersetzungen und Wortspielen die heutige Bedeutung im weiteren Sinne.

Verwendung[Bearbeiten]

Bewusst als komischer Effekt eingesetzt wurde das Küchenlatein in der sogenannten makkaronischen Dichtung. Zum Beispiel wird es in den anonymen satirischen Epistolae obscurorum virorum (Dunkelmännerbriefen) als „sprachliche Tarnkappe“ benutzt, um die verknöcherte Klostergelehrsamkeit zur Zielscheibe des Spottes zu machen.

Küchenlatein wurde eingesetzt, um zu imponieren (Fachwörter), zu beschwören (Zaubersprüche) oder um einer Rede einen exotischen Reiz zu verleihen, sowie als übertriebene Verwendung von Latinismen, wie sie in der geschraubten Sprache der Barockzeit beliebt war. Eine lange Tradition hat das bewusst falsche, mit moderner Sprache gemischte Latein im Theater, etwa bei den „Vecchi“-Figuren der Commedia dell’arte, dann in der Haupt- und Staatsaktion und sogar noch in der Posse des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Diese Tradition zeigt sich in Stücktiteln: Horribilicribrifax (1663), Lumpazivagabundus (1833). Auch modernere Wortbildungen bedienen sich mit satirischer Absicht des Küchenlateins wie die „Reductio ad Hitlerum“ von Leo Strauss (1953).

Heutzutage steht der Begriff im weiteren Sinn für eine absichtlich falsche oder groteske Verwendung lateinischer Wörter (bei der etwa nur die Wort-für-Wort-Übersetzung einen Sinn ergibt) oder gar für Zeichenfolgen, die zwar wie lateinische Wörter aussehen, aber nur beim Vorlesen in einer modernen Sprache einen Sinn ergeben. – Eine noch weiter gefasste Bedeutung hat der Begriff Kauderwelsch.

Beispiele[Bearbeiten]

Theater[Bearbeiten]

HANS WURST. Ich bin generis Masculini, und wolte mit diesem meinem genere feminine in die Stadt hinein.
[…]
STAHRENBERG. […] Hast du auch Kinder?
HANS WURST. Ja der Singularis hat schon Pluralem propagiret, ich hab ä stuck Eilff Kinder, und mit dem zwölfften gehe ich und mein Weib schwanger.“

Josef Anton Stranitzky: Türckisch-bestraffter Hochmuth, I/5[2]

Deutsches Pseudolatein[Bearbeiten]

Die erste Variante verwendet Sätze, die auch bei korrekter Übersetzung irgendeinen Sinn ergeben (es handelt sich also im eigentlichen Sinn nicht um Pseudo-Latein), wo man aber die übertragene, umgangssprachliche oder dialektale Bedeutung der lateinischen Begriffe im Deutschen kennen muss, um den Sprachwitz zu verstehen; zum Teil sind diese Sätze auch als ungewollt komische Übersetzungen im Lateinunterricht entstanden (siehe auch Stilblüten):

  • Agricola arat. – ‚Der Bauer fährt Fahrrad.‘ (Korrekt: „Der Bauer pflügt.“)
  • Caesar cum spectavit portum plenum esse, iuxta navigavit. oder gleichbedeutend: Caesar cum vidisset, ut portus plenus esset, iuxta navigavit. – „Als Cäsar sah, dass der Hafen [süddeutsch für Topf] voll war, schiffte er daneben.“
  • Navigare necesse est. – „Schiffen ist notwendig.“ (Umdeutung des Zitats: Navigare necesse est, vivere non necesse est. „Seefahrt ist notwendig, Leben nicht.“)
  • Caprum non iam habeo. – ‚Ich habe keinen Bock [= keine Lust] mehr.‘ (Korrekt: „Ich besitze den [Ziegen-]Bock nicht mehr.“)
  • Mors certa hora incerta. – ‚Todsicher geht die Uhr falsch.‘ (Korrekt: „Der Tod ist gewiss, seine Stunde ungewiss.“)
  • Nunc habemus endiviam. – „Jetzt haben wir den Salat.“ (Siehe Endivie.)
  • Sed sub vespere olet ex pedibus. – „Aber abends riecht er aus (den) Füßen.“ (Der Witz ergibt sich erst, wenn die Übersetzung bairisch ausgesprochen wird: ‚Oberamtsrichter aus Füssen‘.)
  • Vera fides rara est. – ‚Vera ist selten treu.‘ (Korrekt: „Wahre Treue ist selten.“)

Eine zweite Art Pseudolatein dient als Ratespiel für Lateinkundige, etwa mit wörtlich aus dem Deutschen übersetzten lateinischen Begriffen, die erst nach der Rückübersetzung – mit wenigen Ausnahmen separat Wort für Wort – einen Sinn ergeben:

  • Caesar equus consilium. ([Cäsar/] Kaiser, Pferd, Rat) – ‚Der Kaiser fährt Rad.‘
  • Caesar ora classis Romana. (Cäsar, Küste, Flotte, [Römische/] Römerin) – ‚Cäsar küsste eine flotte Römerin.‘
  • Cortex ovulus (Rinde, ovulus = Ei-chen [Verkleinerungsform von ovus]; Wortstellung, wie im Lateinischen üblich) – ‚Eichenrinde’
  • Deus pax ora lege lectis. (Gott, Fried[en], Küste, lies [Imperativ], Bett) – ‚Gottfried küsste Liesbeth.‘
  • Fac animalia ad trahit! (mache [Imperativ], Tiere, zu, [er/sie/] es zieht) – ‚Mach’ die Türe zu, es zieht!‘
  • Ignis quis vir multum in plus. (Feuer, wer, Mann, viel, in, mehr) – ‚Der Feuerwehrmann fiel in das Meer.‘
  • Ova alta fierent (Eier, hoch, [sie] würden [Konjunktiv]) – ‚Euer Hochwürden‘
  • Ovum, ovum, quid lacus ego! (Ei, Ei, was, See, ich) – ‚Ei, ei, was seh’ ich!‘
  • Quod lumen lumen, auch: Quod lumen lux (was, Licht, Licht) – „Was liegt, liegt!“ [dialektal „liecht“] (Beim Kartenspiel – soll aussagen, dass eine ausgespielte Karte nicht zurückgenommen werden darf.)
  • Rex pullex post Africam et multum in plus. (König, Floh, nach, Afrika, und, viel, in, mehr) – ‚Der König floh nach Afrika und fiel ins Meer.‘
  • Unus ignis quis caput vir multum in corpore se ab audere et clamabat: „Studium fuga, meum prohibere!“ (ein, Feuer, wer, [Kopf/] Haupt, Mann, viel, in Leib, sich, von, wagen [Verb!], und, rief, Eifer, Flucht, mein, hindern [Verb!]) – ‚Ein Feuerwehrhauptmann fiel in Leipzig vom Wagen und rief: „Ei verflucht, mein Hintern!“‘

Die dritte Variante ist gar kein Latein mehr, sondern nur dem typographischen Eindruck nach lateinisch (Analogie zum Wortspiel Blumentopferde[3]): Der Sinn des geschriebenen Textes wird erst beim (lauten) Lesen klar – es erklingt ein deutscher Satz. Zum Verständnis sind keinerlei Lateinkenntnisse nötig, zum Teil jedoch das Beherrschen eines der deutschen Dialekte. Die folgende Inschrift charakterisiert ebendiese Art von Pseudolatein:

  • SITA VSVI LATE IN ISTA PER CANES – „Sieht aus wie Latein, ist aber kaan[e]s (keines).“ (Davon gibt es mehrere Versionen; das Besondere an der hier verwendeten ist, dass sie echte lateinische Wörter verwendet, allerdings die meisten nicht in ihrer lexikalischen Grundform.)

Weitere Beispiele:

  • Ana dratantum prozenta. – „Anna, drah d’Ant um, brat’s End a!“ (Bairisch: „Anna, dreh die Ente um, brate das Ende auch!“)
  • C. J. Caesar as libera V sternunt IX augnal S. Spina tunt Q. Caes. – „Gaius Julius Caesar aß lieber Austern und Neunaugen als Spinat und Kuhkäs’.“ (Bemerkenswert und anfänglich verwirrend: Zu Beginn wird Cäsar mit den üblichen Abkürzungen seines Vor- und Gentilnamens geschrieben und soll auch so im Deutschen verwendet werden, am Ende jedoch dürfen die übliche Abkürzung Q. für ‚Quintus‘ und das in Inschriften bezeugte Caes. für ‚Caesar‘ nicht aufgelöst werden. Zudem steht zuerst das V nicht für die entsprechende römische Zahl, kurz danach das IX sehr wohl.)
  • Datis nepis potus colonia – „Dat is ne Pispott us Colonia (Köln).“
  • Die te cane is caput. – „Die Teekanne is’ kaputt.“
  • Diecu rentum denserum. – „Die Kuh rennt um den See rum.“
  • Dicur ante di pum pehum. – „Die Kuh rannte die Pumpe um.“
  • Ergo tamen amor genitus emnestus. – „Er goht ame’n am Morge nid us em Nescht us.“ (Baseldeutsch: „Er geht morgens nicht aus dem Bett raus.“)
  • Haskleas, rekleas, fux dilamentas! – „Has’ Klee aß, Reh Klee aß, Fuchs die lahm’ Ent’ aß!“
  • Hirundo maleficis evoltat. bzw. Hirundo maleficis avoltat. – „Hier und da mal ein Fick ist eine Wohltat!“ (Korrektes Latein wäre Hirundo maleficis evolat/avolat – „Die Schwalbe entfliegt den Bösartigen“. Der luxemburgische Künstler Wil Lofy hat dieses Wortspiel auf seinem Bronzebrunnen „Maus Ketti“ im Eingang des Kurparks im Luxemburger Bad Mondorf verewigt [auf dem Etikett einer Champagnerflasche][4]. So ist dieser Brunnen für Eingeweihte ein Ort des Schmunzelns.)
  • Oxdradium „Ochs, drah di um!“ – (Bairisch: „Ochs, dreh dich um!“ – ein Präparat, um das speziell am 1. April gerne Personen zur Apotheke geschickt werden.)
  • Vena laus amoris, pax, drux, piscoris. oder Vener laus amoris, pax, drux, bis goris. – „Wenn a Laus am Ohr is’, pack s’, druck s’, bis s gar (d. h. hinüber, tot) is’.“ (Bairisch und Fränkisch: „Wenn eine Laus am Ohr ist, pack sie, drücke sie, bis sie tot ist.“)

Analog auch folgender Merkspruch:

  • In die Semmel biss der Kater. – semel, bis, ter, quater (einmal, zweimal, dreimal, viermal – Zahladverbien des Latein)

Ähnlich gibt es auch deutsches Pseudogriechisch, für das keine eigene Bezeichnung existiert, und das daher üblicherweise unter Küchenlatein subsumiert wird:

Lateinnachahmung im Wirtschaftsbereich[Bearbeiten]

Eine neue Variante von Pseudolatein sind die Firmenbezeichnungen, die sich gewerbliche Pflegedienste, Klinikkonzerne u. ä. zulegen, um Seriosität und einen Bezug zum Gesundheitswesen auszudrücken, z. B. Vivantes, Curanum, Humanitus oder Pro Humanis Humansponsoring. Auch Eisenbahnunternehmen lateineln neuerdings bei ihren Bezeichnungen: cantus Verkehrsgesellschaft, vectus Verkehrsgesellschaft, Rhenus Veniro oder Vias. Schließlich sind Autotypen zu nennen wie Audi (Horch-Werke), Lexus oder Prius, Firmennamen wie der Reifenproduzent Semperit (=er geht immer), Mutamus Consulting, Produktnamen wie Eternit, aber auch Nivea („die Schneeweiße“) und sogar Datenbanken im Bereich Erwachsenen- und Weiterbildung (Seminus, Semigator). Und der bekannte Magenlikör Underberg wirbt mit dem Zusatz: "Semper idem" (Immer der Gleiche).

Die Bezeichnungen sind größtenteils grammatikalisch unsinnig, gelegentlich auch unfreiwillig komisch: wenn auf einer Toilettenschüssel Duravit steht, was wohl ein langlebiges Produkt charakterisieren soll (dūrus=hart/ausdauernd, vīta=Leben), liest der Latein-Kenner dūrāvit (=das hat lange gedauert). Ein Bezug zu enthaltenen Wortstämmen und -bedeutungen ist in manchen Fällen gewollt, dürfte aber nicht immer unterstellt werden.

Im Botanischen Garten in Berlin-Dahlem wählten die Berliner Stadtreinigungsbetriebe pseudolateinische Aufschriften für die im Park zur Mülltrennung aufgestellten Abfalleimer und imitierten damit die Beschriftung der Pflanzen im Park mit ihren botanischen Namen: papyrus antiquus (Papier & Pappe), plasticus berlinensis (Verpackungen), glasus vulgus (Glas & Flaschen) und restus wegwerfus (Restmüll).

Englisches Pseudolatein[Bearbeiten]

Parkbank in Oxford mit englischem Pseudolatein
  • Brutus et erat forti, Caesar et sum iam, Brutus sic in omnibus, Caesar sic intram. – “Brutus ate a rat for tea, Caesar ate some jam, Brutus’s sick in omnibus, Caesar’s sick in tram.”
  • Ore stabit fortis arare placet ore stat – “Oh, rest a bit, for ’tis a rare place to rest at.” (Inschrift an einer Sitzbank im Park der University of Oxford,[5] siehe nebenstehende Abbildung.)
  • Semper ubi sub ubi. (always, where, under, where) – “Always wear underwear.”

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Küchenlatein – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Onlineversion bei Zeno.org; das ebenfalls verfügbare Quellenverzeichnis nennt als Originalquelle: „Johannis Aventini des Hochgelehrten weit berümbten Bayerischen Geschichtsschreibers Chronica Bavaria. Frankfurt a.M.M.D.LXVII“ (1567).
  2. Onlineversion bei Zeno.org.
  3. Vgl. Eintrag im Wiktionary: Blumentopferde.
  4. Siehe Abbildung in der luxemburgischen Wikipedia: Teilansicht des Brunnens „Maus Ketti“ von Wil Lofy.
  5. Befindet sich im Bereich Mesopotamia, siehe hierzu Walter Sawyer: The University Parks, Oxford. Archiviert vom Original am 17. Dezember 2014, abgerufen am 29. März 2015 (englisch).