Kampfkraft (Militär)

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Truppenstärke als Teil der Kampfkraft (1959)

Unter Kampfkraft (englisch fighting power, combat effectiveness) werden im Militärwesen die quantitativen und qualitativen Fähigkeiten einer Armee verstanden, die in einem Krieg zum Einsatz kommen können.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Kampfkraft wird die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit von Soldaten ohne Bezug zu ihren Gegnern und vorliegenden Umfeldbedingungen (in Gelände, Gewässer und Luft sowie unabhängig vom Wetter), also die Leistungsfähigkeit nach „absoluten Faktoren“ bezeichnet.[1] Die sich im Rahmen eines Gefechts gegenüberstehenden Streitkräfte lassen sich einerseits nach physischen Größen wie Anzahl und Ausrüstung und andererseits nach ihrer Kampfmoral unterscheiden.[2] Die Kampfkraft wird im Krieg geschwächt oder vernichtet, wenn dem Gegner physische und/oder psychische Schäden (psychologische Kriegsführung) zugefügt werden.[3] Kampfhandlungen dienen dazu, die gegnerische Kampfkraft zu beeinträchtigen, zu neutralisieren oder zu vernichten.[4] Die Kampfkraft kann deshalb darüber entscheiden, ob eine Armee einen Krieg gewinnt oder verliert. Anhand der Kampfkraft können deshalb (theoretische) Vorhersagen über den Ausgang einer militärischen Auseinandersetzung gemacht werden

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Militärgeschichtlich entwickelte sich der Begriffsinhalt unter anderem durch Carl von Clausewitz, der 1834 drei moralische Hauptpotenzen einer Armee erkannte, nämlich die „Talente des Feldherrn“, die „kriegerische Tugend des Heeres“ und den „Volksgeist“.[5] Die Leidenschaft des Soldaten kann Erich Ludendorff zufolge die Kampfkraft steigern, so dass eine Regierung den Hass des Volkes und der Soldaten auf den Gegner schüren müsse, um die maximale Kampfkraft zu entfalten.[6] Die Vernichtung einer Armee galt als „Neutralisierung der Kampfkraft“.[7] Vernichtung bedeutet nicht Tod der Gegner, sondern Herbeiführung eines Zustandes, in dem der Gegner dem Sieger keinen entscheidenden Schaden mehr zufügen kann.[8] Für Gerd Schmückle ist vereinfacht Kampfkraft die Fähigkeit einer Streitmacht, ihren militärischen Auftrag zu erfüllen.[9] Der Militärhistoriker Martin van Creveld definierte Kampfkraft als „die Summe der geistigen Qualitäten wie Disziplin, Kampfmoral, Mut u.a., welche Armeen schließlich zum Kämpfen bringen“.[10] Er stellt damit qualitative Aspekte in den Vordergrund.

Kriterien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kampfkraft wird beeinflusst durch Anzahl, Art und Qualität der Kriegswaffen und Waffensysteme, Verfügbarkeit von Munition, Qualität der Führung, Anzahl, Ausbildung und Erfahrung der Soldaten, deren physischer Leistungsfähigkeit (Fitness, Ernährungszustand, Ermüdung) und der Kampfmoral.[11]

Systematisch kann deshalb unterschieden werden:

Werden zwei Armeen von zwei Staaten gegenübergestellt, wird die Kampfkraft oft auf quantitative Kriterien reduziert. Der Verlust an quantitativer Kampfkraft kann durch moderne Ausrüstung kompensiert werden.[13] Klima, ungünstige Wetterlage oder Unwetter können die Kampfkraft beeinträchtigen (siehe dazu Schlacht von Stalingrad, allgemein auch der Ostfeldzug).

Entsprechend liegt in der asymmetrischen Kriegführung eine quantitative Asymmetrie vor, wenn die eine Kriegspartei mehr von derselben gleichartigen Waffe zur Verfügung hat und einsetzen kann als die andere; eine qualitative Asymmetrie besteht in der unterschiedlichen Art der Kräfte oder der Militärstrategie.[14]

Strategie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bekannte gegnerische Kampfkraft wird häufig als Anlass für eigene Aufrüstungen herangezogen. Nur bei ungefähr ausgeglichener Kampfkraft liegt eine militärische Parität vor. Dabei wird zwischen konventionellen und Kernwaffen unterschieden. So wurden die Kampfkraft der NATO und des Warschauer Paktes insbesondere während des kalten Krieges gegenübergestellt. Bis 1957 zeichnete sich ab, dass die USA und damit die NATO dem Warschauer Pakt zwar in der atomaren Bewaffnung überlegen, gleichzeitig aber in der konventionellen Kampfkraft deutlich unterlegen war.[15] Deshalb änderte im Mai 1957 die NATO ihre seit Dezember 1952 bestehende Militärdoktrin der „Vorneverteidigung“ (englisch forward strategy) in die „massive Vergeltung“ (englisch massive retaliation). Schließlich löste der NATO-Doppelbeschluss diese Doktrin durch die Nuklearstrategie „flexible Erwiderung“ (englisch Flexible Response) ab.

Im Rahmen der Beurteilung der Lage werden Kampfkrafttabellen erstellt, in denen für das Gefecht und die Schlacht als räumliche oder zeitliche Abschnitte davon die eigene Kampfkraft der gegnerischen gegenübergestellt wird. Gerade der räumlich unterteilte und zeitlich gestaffelte Kampfkraftvergleich erleichtert die Beurteilung über die Erfolgsaussichten von verschiedenen Alternativen für die eigene Gefechtsführung („Kräfte-Raum-Zeit-Berechnung“). Der Gefechtswert hingegen kann nur sehr unzureichend durch die Führer beurteilt werden, weil sich in manchen Lagen dieser als höherwertiger erweist als angenommen, oder als geringer als erwartet.

Es wird davon ausgegangen, dass die weniger messbaren qualitativen Kriterien für die Kampfkraft letztlich ausschlaggebend sein können.[16] Eine Armee gilt als unterlegen, wenn sie eine geringere (quantitative) Kampfkraft aufweist als die überlegene Armee. Dies kann einen Entscheidungsgrund für die überlegene Armee darstellen, einen asymmetrischen Krieg gegen die unterlegene Armee zu führen. Viele Kriege haben jedoch gezeigt, dass nicht immer die (quantitativ) überlegene Armee den Krieg gewinnen kann (unter anderem im Indochinakrieg, Vietnamkrieg, sowjetische Intervention in Afghanistan), wenn die gegnerische qualitative Kampfkraft überlegen ist.

Die quantitative Kampfkraft ändert sich während eines Krieges, wenn Kriegswaffen zerstört oder vom Gegner in Besitz genommen und nicht ersetzt werden. Das gilt auch für die Truppenstärke, wenn Soldaten getötet werden, desertieren oder in Kriegsgefangenschaft geraten.

Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die quantitative Kampfkraft von NATO und Russland des Jahres 2022 lässt sich wie folgt vergleichen:[17]

Streitkraft/Waffengattung Flag of NATO.svg NATO Russland Russland
Truppenstärke 5.405.700 1.350.000
darunter: aktive Soldaten 3.366.000 850.000
darunter: Reserve 1.301.000 250.000
Luftstreitkräfte
Jagdflugzeuge, Abfangjäger

3.527

772
Transportflugzeuge 1.543 445
Tankflugzeuge 678 20
Kampfhubschrauber 1.359 544
Landstreitkräfte
Kampfpanzer

14.682

12.420
selbst fahrende Artillerie 5.040 6.574
selbst fahrende Raketenwerfer 2.803 3.391
Seestreitkräfte
Militärschiffe gesamt

2.049

605
darunter Zerstörer 112 15
darunter Fregatten 135 11
darunter Korvetten 56 86
darunter Flugzeugträger 29 1

Eine militärische Überlegenheit Russlands gibt es lediglich bei selbst fahrender Artillerie, selbst fahrenden Raketenwerfern und Korvetten.

Abgrenzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kampfwert ist die Eignung einer Truppe zur Erfüllung eines bestimmten Auftrags unter Berücksichtigung des Gegners und der Umfeldbedingungen.[18] Der Gefechtswert stellt Bezüge zu Motivation, Auftrag, Feindlage und Umweltbedingungen sowie Wetter her.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Eppacher, Private Sicherheits- und Militärfirmen: Wesen, Wirken und Fähigkeiten, 2012, S. 368, 635
  2. Kai Lütsch, Der Geist des Krieges, 2017, S. 453
  3. Thomas Eppacher, Private Sicherheits- und Militärfirmen: Wesen, Wirken und Fähigkeiten, 2012, S. 379
  4. Thomas Eppacher, Private Sicherheits- und Militärfirmen: Wesen, Wirken und Fähigkeiten, 2012, S. 52
  5. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Band 3, 1834, S. 359
  6. Erich Ludendorff, Der totale Krieg, 1935, S. 87 f.
  7. Paul Kecskemeti, Strategic Surrender: The Politics of Victory and Defeat, 1958, S. 5
  8. Holger Afflerbach, Die Kunst der Niederlage: Eine Geschichte der Kapitulation, 2013, o. S.
  9. Gerd Schmückle, Kommiss a. D. [i.e. außer Dienst]: Kritische Gänge durch die Kasernen, 1971, S. 223; ISBN 9783512002328
  10. Martin van Creveld, Kampfkraft. Militärische Organisation und militärische Leistung 1939–1945, 1989, ISBN 3-7930-0189-X, S. 44.
  11. Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport der Republik Österreich (Hrsg.), Militärlexikon, 2009, Stichwort: Kampfkraft
  12. Heribert Schaller, Möglichkeiten und Grenzen maritimer Rüstungskontrolle, 1993, S. 56
  13. Zwei Schreiben von Bundesverteidigungsminister Gerhard Schröder an Bundeskanzler Kiesinger vom 14. Juli 1967
  14. Felix Wassermann, Asymmetrische Kriege, 2015, S. 107
  15. Marco Gerhard Schinze-Gerber, Franz Josef Strauß: Wegbereiter der deutschen Einheit und Europäer aus Überzeugung, 2020, S. 192
  16. Aleksandr Semenovic Orlov, War die Rote Armee 1941 zum Krieg gegen die deutsche Wehrmacht bereit?, in: Moshe Zuckermann (Hrsg.), Ethnizität, Moderne und Enttraditionalisierung, 2002, S. 455
  17. Statista, Vergleich der Militärstärke von NATO und Russland im Jahr 2022, 2022
  18. Thomas Eppacher, Private Sicherheits- und Militärfirmen: Wesen, Wirken und Fähigkeiten, 2012, S. 635