Kirill Gerstein

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Kirill Gerstein (2009)

Kirill Gerstein (russisch Кирилл Герштейн, * 23. Oktober 1979 in Woronesch) ist ein US-amerikanischer Pianist russischer Herkunft.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gerstein stammt aus einer russisch-jüdischen Familie,[1] der Vater ist Mathematiker, die Mutter Musiklehrerin.[2] Von Kindheit an war Gerstein ein musikalischer „Wandler zwischen den Welten“ der Klassik und des Jazz: er besuchte in seiner Heimatstadt Woronesch eine Musikschule mit dem Schwerpunkt klassisches Klavier und beschäftigte sich gleichzeitig intensiv mit den Jazzplatten seiner Eltern.[3][4] In Polen − während eines Bach-Klavierwettbewerbs, den er 10-jährig gewann − kam Gerstein zum ersten Mal mit live gespieltem Jazz in Kontakt. Im Alter von 12 Jahren lernte er beim Jazz-Festival in Sankt Petersburg Gary Burton kennen. Burton unterstützte den jungen Musiker und verhalf ihm, als jüngstem Schüler aller Zeiten, zu einem Studium am Berklee College of Music in den Vereinigten Staaten.[5] Gerstein studierte dort drei Jahre Jazz, verlor aber die klassische Musik nicht aus dem Auge. Als ihm klar wurde, dass er dauerhaft nicht beide Musikstile mit der gleichen Intensität studieren konnte, wechselte er kurz vor dem Abschluss an die Manhattan School of Music, um sich ganz der Klassik zuzuwenden. Mit 20 Jahren schloss er sein Studium mit dem akademischen Grad Master ab. Anschließend absolvierte er Meisterkurse bei Dmitri Baschkirow in Madrid, bei Ferenc Rados in Budapest und besuchte 2003 und 2004 die International Piano Academy Lake Como in Italien.[6]

Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits als Student debütierte Gerstein im September 2000 auf einer der großen europäischen Konzertbühnen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter David Zinman und dem 1. Klavierkonzert op. 15 in d-Moll von Johannes Brahms.[7] Internationale Bekanntheit erlangte er 2001 durch den Gewinn der Goldmedaille beim Arthur Rubinstein International Piano Master Competition und im darauffolgenden Jahr durch die Auszeichnung Gilmore Young Artist Award des Irving S. Gilmore International Keyboard Festivals in Kalamazoo.

Gersteins Debütalbum mit Werken von Bach, Beethoven, Skrjabin und Gershwin/Wild wurde 2004 von OehmsClassics veröffentlicht. Nach seinem Wechsel zum Kölner Musiklabel Myrios Classics erschien 2010 eine zweite Aufnahme mit Werken von Schumann, Knussen und Liszt. Die Musikkritiker der New York Times zeichneten den Tonträger als eines der Alben des Jahres 2010 aus.[8] Der US-amerikanische Radiosender NPR Classical wählte die Aufnahme in die The Top 5 Chopin and Schumann Albums of 2010.[9] In einer weiteren Aufnahme aus dem Jahr 2010, Sonaten für Viola & Klavier Vol. 1 mit Tabea Zimmermann, wurden die Einspielungen der „Sonaten von […] Brahms“ als „maßstabsetzend“ gewertet.[10]

2010 erhielt Gerstein den hochdotierten Gilmore Artist Award. In der Laudatio wurde Gersteins „schneller Aufstieg in die Königsklasse der klassischen Musik“ auf seine „meisterhafte Technik, klangliche Differenziertheit und einer musikalischen Neugier“ zurückgeführt, die es ihm ermögliche, ein „Repertoire mehrerer Jahrhunderte und Stile“ zu erschließen. Gerstein habe sich als einer der „spannendsten und vielseitigsten Musiker der Gegenwart“ erwiesen.[11] Gerstein ist der sechste Gewinner des Preises, der nach einer längeren Zeit der Beobachtung der Konzertauftritte vergeben wird.[12] Er setzte das Preisgeld von 300.000 Dollar unter anderem dafür ein, Kompositionsaufträge an Oliver Knussen, Alexander Goehr und genreübergreifend an die Jazz-Musiker Brad Mehldau, Chick Corea und Timothy Andres zu vergeben.

Gerstein tritt gelegentlich mit Jazzstücken auf und ist neben seinem „großen aktiven“ Klassikrepertoire an Solowerken und Klavierkonzerten auch in der Kammermusik zu Hause.[13] Er spielt regelmäßig mit Steven Isserlis, Emmanuel Pahud und als Trio mit Clemens Hagen und Kolja Blacher und musiziert mit dem Hagen und dem Kuss Quartett. Seine vierte Aufnahme mit Werken von Brahms, Schubert und Franck aus 2011 und Tabea Zimmermann an der Bratsche wurde vom Rondo als „Elegant, differenziert“ und „technisch makellos“ bezeichnet.[14]

2016 konzertierte Gerstein erstmals mit den Berliner Philharmonikern,[15] nachdem er in den Jahren zuvor bereits mit den renommierten Orchestern, dem Concertgebouw, den Wiener, den Los Angeles, den New Yorker, den St. Petersburger, den Tschechischen, den Münchner und den Rotterdamer Philharmonikern, dem London und dem Chicago, Boston und dem San Francisco Symphony Orchestra, dem Leipziger Gewandhausorchester sowie den Staatskapellen Dresden und Berlin aufgetreten war. Gerstein gastiert regelmäßig beim Festival d’Aix-en-Provence, dem Lucerne und dem Verbier Festival, dem Jerusalem Chamber Music Festival und bei den Proms in London. Sein Debüt bei den Salzburger Festspielen hatte er 2008.

Für die Aufnahme Tchaikovsky, Prokofiev: Klavierkonzerte mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter James Gaffigan erhielt Gerstein 2015 den ECHO Klassik in der Kategorie Konzerteinspielung des Jahres. Auf dem Tonträger ist erstmals die 1879er Fassung von Tschaikowskis 1. Klavierkonzert zu hören.[16][17] Gersteins Liszt-Aufnahme der Études d’exécution transcendante wurde von Anthony Tommasini, Musikkritiker der New York Times, unter die fünf The Best Classical Music Recordings of 2016 gewählt.[18] Der US-amerikanische Radiosender WFMT schloss sich dieser Wertung an.[19] Alex Ross vom The New Yorker zählte die Einspielung zu den Notable Performances and Recordings of 2016.[20]

Seit 2003 besitzt Gerstein neben der russischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.[21] 2007 übernahm er eine Professur an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.[22] Zusätzlich unterrichtet er seit 2014 am Berklee College of Music und am Boston Conservatory.[23]

Gerstein lebt in Boston und in Berlin.[24][25]

Diskografie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jim Farber: Kirill Gerstein: Classical Ally to Jazz. San Francisco Classical Voice, 8. Februar 2012, abgerufen am 30. Oktober 2016 (englisch).
  2. Daniel J. Wakin: Young Pianist Thrust Into Elite Group. The New York Times, 6. Januar 2010, abgerufen am 30. Oktober 2016 (englisch).
  3. Michael Blümke: Porträt Kirill Gerstein. From Russia with Jazz. Concerti, 21. November 2012, abgerufen am 29. Oktober 2016.
  4. Jürgen Hartmann: Die unlogische Logik. In: Spektrum. Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, , abgerufen am 30. Oktober 2016.
  5. Michael Church: He got rhythm: Piano virtuoso Kirill Gerstein embraces classical, jazz... all that is unexpected. The Independent, abgerufen am 18. Juli 2014 (englisch).
  6. Mark Small: Celebrated concert pianist Kirill Gerstein '96 still maintains a passion for jazz. Berklee College of Music, abgerufen am 30. Oktober 2016 (englisch).
  7. Barbara Honegger: Kirill Gerstein: Junger Visionär. In: SaisonKlänge. Das Magazin von Jecklin, Meisterzyklus und Zürcher Kammerorchester. Musikhaus Jecklin, Zürich. Nr. 24, November 2006, abgerufen am 30. Oktober 2016.
  8. James R. Oestreich, Allan Kozinn, Vivien Schweitzer, Anthony Tommasini, Daniel J. Walkinnov.: Holiday Gift Guide. Classical Music. The New York Times, 23. November 2010, abgerufen am 31. Oktober 2016 (englisch).
  9. Robin Gehl: The Top 5 Chopin And Schumann Albums of 2010. In: deceptive cadence. NPR Classical, 22. Dezember 2010, abgerufen am 31. Oktober 2016 (englisch).
  10. Robert Fraunholzer: Kirill Gerstein. Attacke! Rondo, , abgerufen am 31. Oktober 2016.
  11. Kirill Gerstein (2010). Irving S. Gilmore International Keyboard Festival, abgerufen am 31. Oktober 2016 (englisch): „ […] Kirill Gerstein has rapidly ascended into classical music’s highest ranks. With a masterful technique, discerning intelligence, and a musical curiosity that has led him to explore repertoire spanning centuries and styles, he has proven to be one of today’s most intriguing and versatile musicians.“
  12. Anthony Tommasini: A Fresh Take Adds a Jolt to a Standard. The New York Times, 29. Juni 2011, abgerufen am 31. Oktober 2016 (englisch).
  13. Jessica Duchen: Kirill Gerstein tunes up for Wigmore Hall concert with jazz. Berklee College of Music, 31. Mai 2012, abgerufen am 30. Oktober 2016 (englisch).
  14. Michael Wersin: Sonaten für Viola und Klavier. Tabea Zimmermann, Kirill Gerstein. Rondo, 20. Dezember 2012, abgerufen am 4. November 2016.
  15. Raphael Haeger: Kirill Gerstein in conversation with Raphael Haeger. Digital Concert Hall, 16. April 2016, abgerufen am 4. November 2016.
  16. Kirill Gerstein: The Real Tchaikovsky. The New York Review of Books, 9. März 2015, abgerufen am 5. November 2016 (englisch).
  17. Jörg Lengersdorf: Kirill Gerstein spielt Klavierkonzerte von Tschaikowsky und Prokofjew. Anders, neu. SWR2, 8. April 2015, abgerufen am 5. November 2016.
  18. Zachary Woolfe, Anthony Tommasini, David Allen, James R. Oestreich: The Best Classical Music Recordings of 2016. The New York Times, 15. Dezember 2016, abgerufen am 16. Dezember 2016 (englisch).
  19. Lisa Flynn: The 10 Best Classical Recordings of 2016. WFMT, 19. Dezember 2016, abgerufen am 20. Dezember 2016 (englisch).
  20. Alex Ross: Notable Performances and Recordings of 2016. The New Yorker, 14. Dezember 2016, abgerufen am 16. Dezember 2016 (englisch).
  21. Allan Kozinn: A Nomadic Life Has Roots in Jazz. The New York Times, 13. April 2012, abgerufen am 30. Oktober 2016 (englisch).
  22. Prof. Kirill Gerstein. Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, abgerufen am 29. Oktober 2016.
  23. Margot Edwards: Kirill Gerstein to Teach at Berklee and Boston Conservatory. Berklee College of Music, 15. September 2014, abgerufen am 30. Oktober 2016 (englisch).
  24. Marc Shulgold: Jazz? Classical? What’s the Difference? Kirill Gerstein. The Scen3 - Art. Science. Culture., 15. November 2013, abgerufen am 30. Oktober 2016 (englisch).
  25. Jessica Duchen: Crossing borders in music and life. In: TheJC.com. The Jewish Chronicle, 13. Oktober 2016, abgerufen am 29. Oktober 2016 (englisch).
  26. Stephan Schwarz: Kirill Gerstein im Interview: Aussage gegen Aussage? Fono Forum, Mai 2015, abgerufen am 29. Oktober 2016.
  27. MYR019 Kirill Gerstein records Liszt Transcendental Etudes. In: You Tube. Myrios Classics, 9. September 2016, abgerufen am 29. Oktober 2016 (englisch).
  28. Tenth Competition, April 2001. The Arthur Rubinstein International Music Society, abgerufen am 31. Oktober 2016 (englisch).
  29. a b Kirill Gerstein (2010). Irving S. Gilmore International Keyboard Festival, abgerufen am 29. Oktober 2016 (englisch).
  30. Avery Fisher Career Grant. Lincoln Center, abgerufen am 29. Oktober 2016 (englisch).
  31. ECHO Klassik 2015: Kirill Gerstein. Crescendo, 20. Oktober 2015, abgerufen am 29. Oktober 2016.