Markus Gabriel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Markus Gabriel bei einer TEDx-Konferenz, München 2013

Markus Gabriel (* 6. April 1980 in Remagen) ist ein deutscher Philosoph und Autor populärwissenschaftlicher und fachspezifischer Bücher. Er lehrt seit 2009 als Professor an der Universität Bonn.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gabriel studierte Philosophie, Klassische Philologie, Neuere Deutsche Literatur und Germanistik in Hagen, Bonn und Heidelberg. Dort promovierte er 2005 bei Jens Halfwassen und Rüdiger Bubner über die Spätphilosophie Schellings. 2005 war er Gastforscher an der Universität Lissabon, 2006–2008 Akademischer Rat auf Zeit in Heidelberg. 2008 folgte in Heidelberg seine Habilitation über Skeptizismus und Idealismus in der Antike. 2008–2009 war er Assistenzprofessor am Department of Philosophy der New School for Social Research in New York City. Seit Juli 2009 hat Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart an der Universität Bonn inne. Damit wurde er mit nur 29 Jahren zum jüngsten Lehrstuhlinhaber im Fach Philosophie berufen.

Er erhielt seither Rufe an die Universität Helsinki und auf den Lehrstuhl für theoretische Philosophie an der Universität Heidelberg. Er ist regelmäßiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris (Paris 1-Panthéon Sorbonne), wo er gemeinsam mit Jocelyn Benoist ein Forschungszentrum über die Ansätze des Neuen Realismus in der Gegenwartsphilosophie leitet.[1] Seit 2020 ist er außerdem „Distinguished Lecturer in Philosophy and the New Humanities“ an der New School for Social Research in New York City.[2] An der Universität Bonn leitet er das Internationale Zentrum für Philosophie NRW[3] sowie das multidisziplinäre Center for Science and Thought[4], das sich mit philosophischen Grenzfragen der gegenwärtigen Naturwissenschaften beschäftigt.

Gabriel hatte unter anderem Gastprofessuren an der UC Berkeley, der New York University sowie an vielen Universitäten in Lateinamerika und Asien inne.[4] Er gilt weltweit als einer der bekanntesten deutschen Gegenwartsphilosophen. Er ist Träger des Ruprecht-Karls-Preises und des Paolo Bozzi Preises für Ontologie, der von der Universität Turin vergeben wird. Außerdem erhielt er für seine Forschung Stipendien der Studienstiftung des Deutschen Volkes, des DAAD und der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Gabriel hat den Begriff der Sinnfelder entwickelt,[5] von denen es unbegrenzt viele gebe, und entwickelte dabei die These, die Welt gebe es nicht. Während Immanuel Kant auf eine prinzipielle Unerkennbarkeit der Welt für den Menschen schließt, meint Gabriel, die Welt existiere gar nicht, weil sie nicht in der Welt oder Wirklichkeit vorkomme und es keine Regeln (beispielsweise eine Weltformel) gebe, mit der alle Zusammenhänge beschreibbar seien. Damit kombiniert er auf einen ontologischen Realismus und Pluralismus, also die Idee, dass die Wirklichkeit grundsätzlich erkennbar und teilweise von uns unabhängig ist, mit der Idee, dass sie keinen umfassenden Zusammenhang bildet.

Eine einführende Gesamtdarstellung seiner Position zur Ontologie veröffentlichte er 2013 in Warum es die Welt nicht gibt, dem ersten Band einer Trilogie. Im zweiten Teil Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert von 2015 wies er die Ansprüche einiger Hirnforscher zurück, eine biologisch-organische Erklärung des Denkens zu finden. Der Sinn des Denkens (2018) greift die Erwartung an, dass künstliche Intelligenz jemals denken können würde. Mit diesen Positionen steht Gabriels Neuer Realismus dem Spekulativen Realismus nahe. Seine Ontologie hat er in zwei Hauptwerken, die bei Suhrkamp erschienen sind, ausführlich entwickelt und in der Fachdiskussion verteidigt: Sinn und Existenz. Eine realistische Ontologie (2016) und Fiktionen (2020). Gabriels Schriften sind in über fünfzehn Sprachen übersetzt worden. Einige seiner Bücher für ein größeres Publikum wurden zu internationalen Bestsellern. In der Ethik vertritt er ebenfalls eine neuartige Spielart des moralischen Realismus, die meint, dass es objektive, aber auf unseren Geist zugeschnittene Tatsachen gibt, die vorschreiben, was wir tun bzw. unterlassen sollen. Aufgrund komplexer Einbettung in nicht-moralische Zusammenhänge seien aber nicht alle moralische Tatsachen leicht erkennbar. Es gebe zwar moralische Selbstverständlichkeiten (etwa: „Du sollst keine Kinder quälen“), aber in komplexen Zusammenhängen müssten alle wissenschaftlichen Disziplinen kooperieren, um das moralisch Richtige zu finden.

Öffentliche Wahrnehmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gabriel wurde einer breiteren Öffentlichkeit erstmals besonders durch seine Zusammenarbeit mit dem Philosophen Slavoj Žižek bekannt, mit dem er 2009 ein Buch über Subjektivität im Deutschen Idealismus veröffentlichte. Die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung attestierten Gabriels internationalem Bestseller Warum es die Welt nicht gibt, fundamentale philosophische Fragestellungen anschaulich und massentauglich „auf hohem Niveau“ aufzubereiten.[6] Bert Rebhandl kommentiert im österreichischen Der Standard, das Werk sei eine „Mogelpackung[7], in der „Gabriel als Intellektueller eine dürftige Figur“ abgebe.

Die Philosophen Catharine Diehl und Tobias Rosefeldt behaupteten in einer Gabriels Werk gewidmeten Fachdiskussion, die als Sonderheft der Zeitschrift Philosophisches Jahrbuch erschienen ist, „dass die meisten von Gabriels Thesen verschiedene Lesarten zulassen, von denen die einen akzeptabel, aber philosophisch wenig originell, die anderen dagegen unplausibel und schlecht begründet sind“.[8] Gabriel antwortete im selben Band ausführlich auf diesen Vorwurf, wobei er Zitierfehler und wissenschaftliche Schwächen in Diehls und Rosefeldts Artikel kritisierte.[9]

Der amerikanische Philosoph John Searle von der Universität Berkeley meinte 2016, Markus Gabriel sei „momentan der beste Philosoph in Deutschland“.[10] Searle vertritt eine Gabriels Neuem Realismus nahestehende Position.

Der Philosoph Michael Pauen von der Humboldt-Universität zu Berlin bezeichnete Gabriel 2016 in einer kritischen Rezension zu dessen Buch Ich ist nicht Gehirn als „Hochgeschwindigkeitsphilosoph“, der sich nicht eingehend mit der relevanten Literatur, sondern lediglich „mit den Ladenhütern von vorgestern oder gar mit irgendwelchen Vogelscheuchen, die an die Stelle ernst zu nehmender Theorien treten“, beschäftigt habe.[11] Anders als Gabriel verficht Pauen einen Reduktionismus und Materialismus, gegen den Gabriel sich mit seinen Werken wendet. Charles Taylor von der McGill University attestierte Gabriels Buch, die „flaws and contradictions in reductive theories of mind, based on natural science“[12] nachgewiesen zu haben. Huw Price von der Universität Cambridge bezeichnete Gabriel anlässlich der englischen Publikation seines Buchs Der Sinn des Denkens als „that rare beast, a serious academic philosopher with the wit and talent to write for non-academic audiences – the German equivalent of Simon Blackburn.“[12]

Die NZZ nannte Gabriel 2020, mit Blick auf seine beiden Bücher "Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten" und "Fiktionen", einen "genuin originellen Denker, der mit den Klassikern auf Augenhöhe verkehrt".[13]

Christian Weidemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der katholischen Theologie an der Ruhr-Universität Bochum behauptete hingegen im selben Jahr, Gabriels Buch Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten enthalte viele sachliche Fehler.[14] Dabei bezeichnete er dieses Buch als „Ethik-Bestseller zur Corona-Krise“, obwohl das Buch die Krise nicht zum Hauptthema hat. Dagegen rezensierte der Philosoph Peter Neumann dieses Werk in der ZEIT lobend als gelungene Kritik am „postmodernen Unsinn“.[15]

Gabriel trat im Zuge seiner Buchveröffentlichungen seit 2013 weltweit vermehrt in Radio- und TV-Sendungen auf.[16]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Markus Gabriel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Laboratoire international associé. In: pantheonsorbonne.fr. Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne, abgerufen am 4. Dezember 2020 (französisch).
  2. Institute for Philosophy and the New Humanities. In: newschool.edu. Abgerufen am 4. Dezember 2020 (englisch).
  3. Prof. Dr. Markus Gabriel. In: izph.de. Abgerufen am 4. Dezember 2020.
  4. a b Prof. Dr. Markus Gabriel. In: philosophie.uni-bonn.de. Abgerufen am 4. Dezember 2020.
  5. Matthias Eckoldt: Denken als sechster Sinn. In: Deutschlandfunk, 24. Januar 2019.
  6. Hannah Lühmann: Das Heidegger-Vehikel läuft noch recht gut. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Juli 2013, abgerufen am 15. Februar 2019.
  7. Bert Rebhandl: Mogelpackung eines Erkenntnisoptimisten. In: Der Standard, 2. September 2013, abgerufen am 15. Februar 2019.
  8. Catharine Diehl, Tobias Rosefeldt: Gibt es den neuen Realismus?, Philosophisches Jahrbuch 122/1, 2015, S. 126–145 (Preprint)
  9. Markus Gabriel: Repliken auf Diehl/Rosefeldt, Hübner, Rödl und Stekeler-Weithofer. In: Thomas Buchheim (Hrsg.): Jahrbuch-Kontroversen 2. Markus Gabriel: Neutraler Realismus. Karl Alber, Freiburg/München 2016, S. 165–222.
  10. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 34, 28. August 2016, S. 44 (Interview mit Christine Brinck).
  11. Michael Pauen: Schwindelerregend. In: Die Zeit. 28. Januar 2016, abgerufen am 11. Oktober 2020.
  12. a b Markus Gabriel: I am not a brain: philosophy of mind for the twenty-first century. 2017, ISBN 978-1-5095-1475-5 (englisch).
  13. René Scheu: Der deutsche Philosoph Markus Gabriel: «Die Devise heisst: durchhalten und sich vom Irrsinn nicht anstecken lassen» In: Neue Zürcher Zeitung, 27. Oktober 2020 (Interview).
  14. Christian Weidemann: Markus Gabriels Ethik-Bestseller zu Corona-Krise. Abgerufen am 26. August 2020.
  15. Peter Neumann: Jetzt mal realistisch bleiben. In: Die Zeit. 3. August 2020, abgerufen am 30. November 2020.
  16. Markus Gabriel in der Internet Movie Database (englisch)