Politischer Islam

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Politischer Islam ist ein im Westen zunehmend gebräuchliches Schlagwort, das aber sehr unterschiedlich verwendet wird.[1][2] Es dient zur Beschreibung politisch-religiöser Strömungen und Bestrebungen, die durch islamische Migration vor allem nach Europa entstehen.

Vorwiegend negativ und eher islamkritisch konnotiert, wird er mit verschiedenen Richtungen des Islamismus identifiziert, aber auch in Zusammenhang mit mangelnder Integrationsbereitschaft von Migranten[3] und daraus entstehenden Diskussionen über Sozialpolitik und Rechtsnormen verwendet. Islamische Glaubensgemeinschaften sehen allein schon das Wort als Ausdruck von Muslimfeindlichkeit und Islamophobie, während es von vielen Politikern und Wissenschaftern als Sammelbegriff von Positionen verstanden wird, mit denen der Islam auf die westliche Wertegemeinschaft Einfluss nehmen kann.

Besonders häufig taucht der Begriff seit Jahresmitte 2020 infolge einiger terroristischer Angriffe auf, die zu öffentlichem Diskurs über sogenannte Anti-Terror-Pakete bzw. die Aufgaben von Staatspolizei und Geheimdiensten geführt haben. Eine Rolle spielt beispielsweise die Frage, wie mit aus Syrien heimkehrenden Dschihadisten (Stichwort Präventivhaft) oder mit teilweise unerwünschten Geldflüssen aus dem türkischen bzw. arabischen Raum an Moscheevereine in Europa umzugehen ist[4][5].

Um einen Überblick der verschiedensten Strömungen und Problembereiche zu gewinnen, wird derzeit in einigen Staaten Europas überlegt, Dokumentationsstellen zum Politischen Islam einzurichten. In Österreich wurde eine solche Dokumentationsstelle Politischer Islam im Juli 2020 im Integrationsministerium eingerichtet.[6][7]

Definitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

John L. Esposito (Georgetown University) und Emad El-Din Shahin (Amerikanische Universität in Kairo) geben in The Oxford Handbook of Islam and Politics folgende Definition:[8]

„In den letzten Jahren hat sich der politische Islam in zwei diametral entgegengesetzten Ausrichtungen manifestiert: einer zunehmenden Beteiligung an den Demokratisierungsprozess durch Mainstream-Bewegungen nach dem Erfolg der Volksaufstände für Demokratie beim Sturz autokratischer Regime und einer wachsenden Gewaltbereitschaft von Randgruppen. Politischer Islam bezeichnet hier die Versuche muslimischer Individuen, Gruppierungen und Bewegungen, die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Grundlagen ihrer Gesellschaft nach islamischem Vorbild umzugestalten. (...) Während sich die Mehrheit der islamischen Bewegungen am Demokratisierungsprozess in ihren jeweiligen Ländern beteiligt hat, haben sich manche ideologisch und strategisch für Gewalt und Terrorismus entschieden.“

John O. Voll und Tamara Sonn bieten in den Oxford Bibliographies diese Definition:

„Der Begriff »politischer Islam« bezieht sich im Allgemeinen auf jede Interpretation des Islam, die als Grundlage für politische Identität und politisches Handeln dient. Insbesondere bezieht er sich auf Bewegungen, die moderne politische Mobilisierungen im Namen des Islam vertreten, eine Strömung, die sich Ende des 20. Jahrhunderts herausbildete.“

In dem Buch Politischer Islam – Stresstest für Deutschland gibt Susanne Schröter (Universität Frankfurt) folgende Definition:[9]

„Der politische Islam ist eine Herrschaftsordnung, die einen fundamentalen Gegenentwurf zu Demokratie, Pluralismus und individuellen Freiheitsrechten darstellt. Seine Vertreter streben die Umgestaltung von Staat und Gesellschaft anhand islamischer Normen an.“

Nach Schröter gehen seine Wurzeln weit in die islamische Geistesgeschichte zurück und stehen häufig in Zusammenhang mit Enttäuschungen muslimischer Akteure über misslungene politische Expansionen oder den Verlust von Herrschaftsgebieten. Seine gegenwärtige Spielart stelle eine Reaktion auf den Zusammenbruch des osmanischen Kalifats und die weltweite Dominanz des Westens dar.[10]

Manche Islamwissenschafter lehnen den Begriff „politischer Islam“ strikt ab, weil es an Klarheit mangelt und oft als Synonym für den „bösen Islam“ gilt. So fragt etwa Rüdiger Lohlker (Universität Wien): „Wann ist etwas islamisch und wann politisch? Das lässt sich kaum abgrenzen.“

Mouhanad Khorchide (Universität Münster) als Leiter des wissenschaftlichen Beirates der Dokumentationsstelle Politischer Islam in Österreich[11] definiert den „Politischen Islam“ folgendermaßen:[12]

„Herrschaftsideologie, welche die Umgestaltung bzw. Beeinflussung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von solchen Werten und Normen anstrebt, die von deren Verfechtern als islamisch angesehen werden, die aber im Widerspruch zu den Grundsätzen des demokratischen Rechtsstaates und den Menschenrechten stehen.“

Den Diskurs um den politischen Islam zu verdrängen, sei eine Strategie, um 1) einen Opferstatus der Muslime zu etablieren, und 2) sich selbst vor jeglicher Form der Kritik zu immunisieren. Wörter wie Islamophobie seien zu Kampfbegriffen des Politischen Islam geworden. Andere halten die obige Definition für einseitig, weil sie den Begriff auf eine Gegnerschaft zu Demokratie und Menschenrechten festlegt.[13]

Im Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ für 2017–2022 findet sich folgende Definition:[14]

„Unter politischem Islam versteht man Gruppierungen und Organisationen, deren ideologisches Fundament der Islam ist und die eine Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Grundordnung bis hin zur Ablehnung unseres Rechtsstaates im Sinne einer Islamisierung der Gesellschaft anstreben. Der politische Islam, der zu Radikalisierung, Antisemitismus, Gewalt und Terrorismus führen kann, hat keinen Platz in unserer Gesellschaft.“

Nach dem Orientalisten Michael Kreutz handelt es sich um eine ideologische Debatte, in der die Begriffe zu unscharf verwendet werden: Manchmal dient der politische Islam nur als Synonym für Islamismus – also „die Idee, dass Islam und Scharia eine zentrale Rolle in der Gesellschaft spielen solle.“ In der Geschichte des Islam habe es weder eine völlige Trennung von Staat und Religion noch eine völlige Einheit von Religion und Alltagspraxis gegeben: „Es war eine Art Schwebezustand, der sich bis heute fortsetzt.“ Lohlker ergänzt, im Mittelalter habe niemand Sultan X als säkular oder religiös eingeordnet. Das sei erst in der Neuzeit gekommen.

Dominanz des Kollektivs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wichtiger Aspekt im aktuellen Diskurs ist die größere Bedeutung des Kollektivs im Orient gegenüber jener im Westen. In muslimischen Gesellschaften dominiert der Gemeinschaftssinn vor dem Individualismus. Wichtig ist die Gemeinschaft, die Religion und die Familie, während der Spielraum für persönliche Freiheit geringer ist. Andererseits ist der Individualismus wichtig für Kritik und die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung und Geschichte.

Literatur und Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bundeszentrale für Politische Bildung: Islam und Politik, Berlin 2003
  • Susanne Schröter: Politischer Islam – Stresstest für Deutschland. Gütersloher Verlagshaus 2019 [1]
  • H.Heinisch, N.Scholz: Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert. Molden-Verlag, Wien 2019
  • John O. Voll, Tamara Sonn: Political Islam Oxford Bibliographies (Definition und ausführliche Literaturhinweise)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Politischer Islam“ in Deutschland – Gefahr oder Panikmache? SWR 14. Juli 2020
  2. Sind wir nicht schon längst auf den Politischen Islam hereingefallen? Presse 17. November 2020
  3. Integration und Politischer Islam, Th.Schmidinger 2012
  4. IS-Rückkehrer: Wie gut funktioniert ihre Resozialisierung? Bayerischer Rundfunk 28. März 2020
  5. Muslimbruderschaft: Gelder fliessen in und durch die Schweiz, T.Tscherrig 2019
  6. Dokumentationsstelle Politischer Islam, Zeit@online 2. November 2010
  7. Dokumentationsstelle Politischer Islam nimmt Arbeit auf. Bundeskanzleramt 15. Juli 2020
  8. John L. Esposito, Emad El-Din Shahin (Hg.): The Oxford Handbook of Islam and Politics. Oxford University Press, 2013; S. 
  9. Susanne Schröter: Politischer Islam. Stresstest für Deutschland, auf randomhouse.de, abgerufen am 10. Dezember 2020
  10. Susanne Schröter: Politischer Islam. Stresstest für Deutschland, auf randomhouse.de, abgerufen am 10. Dezember 2020; vgl.Politischer Islam in Deutschland. Deutschlandfunk 13. Dezember 2019.
  11. Neue Dokumentationsstelle in Wien Gegen die Netzwerke des politischen Islam, auf deutschlandfunkkultur.de, abgerufen am 10. Dezember 2020
  12. Wieviel Politik im Islam steckt Wiener Zeitung 25.11.20
  13. Islamophobie und politischer Islam: Worum es im Konflikt geht. Die Presse 3. November 2020
  14. Regierungsprogramm 2017–2022 Wiener Zeitung, S. 39.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]