Rohr (Adelsgeschlecht)

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Stammwappen derer von Rohr

Rohr (auch Herren von Ror oder de Rore) ist der Name eines alten, ursprünglich aus Bayern stammenden, später märkischen Adelsgeschlechts. Es ist nicht verwandt mit dem ausgestorbenen schlesischen Geschlecht der von Rohr und Stein.

Geschichte[Bearbeiten]

Burg Rohr (Rottal) nach einem Kupferstich von Michael Wening von 1721

Das Geschlecht saß bei der Pfalz Ranshofen am Inn und wird mit Rafolt um das Jahr 1033 erstmals urkundlich erwähnt.[1] Der Leitname Rafolt wurde noch lange Zeit von der Familie vergeben. Ein weiterer Rafold wird 1051 und 1079 in Urkunden genannt. Die Stammreihe beginnt mit Rafold de Rore, der 1096 bis 1102 urkundlich erscheint.[2] Das Kloster Ranshofen war die Familiengrablege der Rohrer.

Die Herren von Rohr waren anfangs Ministeriale des Reiches (ministeriales regni et ducatus) mit dem Stammsitz Rohr im Rottal. Später bauten sie in ihrer freieigenen Herrschaft Rohr im Kremstal, damals noch zum Herzogtum Bayern gehörig, eine Burg, die sie nach ihrem ursprünglichen Stammsitz Rohr benannten. Diese Burg wurde, da Otto III. von Rohr den landesfürstlichen Schreiber Witigo des Königs Ottokar von Böhmen zusammen mit Ortolf II. von Volkensdorf im Speisesaal des Stiftes St. Florian ermordet hatte, im Jahr 1256 dem Erdboden gleichmacht.

Den Rohrern dürfte auch die im 12. Jahrhundert errichtete Ratzlburg in der Nähe von Braunau am Inn gehört haben. Im ausgehenden 13. Jahrhundert wurde diese Burganlage verlassen. Eine Zeitlang besaßen die Rohrer auch die Burg Leonstein die jedoch im Rahmen einer Fehde mit dem Landesfürsten Herzog Albrecht III. im Jahr 1390, nach dreimonatiger Belagerung, zerstört wurde.[3] Die Rohrer verfügten über eine eigene ritterliche Mannschaft, eigene Ministeriale, eigene Richter und Amtleute (Pröbste). Sie besaßen Aktivlehen, vergaben Passivlehen und waren wohl auch Eigenkirchenherren. Die Linie der Rohrer, die sich von Otto III. ableitet, befand sich im Gefolge der babenbergischen Herzöge von Österreich. Diejenigen, die von dessen Bruder Heinrich I. stammen, geraten in die Ministerialität der bayerischen Herzöge (Ende des 11. Jahrhunderts wurde Herzog Welf V. Lehensinhaber des Reichsgutes um Ranshofen; zu Beginn des 12. Jahrhunderts wird daraus herzogliches Kammergut; die Reichsministerialen werden zu Herzogsministerialen).

Heinrich I. von Rohr, dominus und Mitglied der curia des Herzogs Ludwig, hatte von Bischof Gebhard von Passau das Privileg (gratiam) erhalten, ein Schiff, beladen mit zwei Talenten Salz großen Gebindes (ein Talent entspricht 240 Kufen zu je 75 kg Salz, d. h. insgesamt 36 Tonnen Salz), mautfrei durch Obernberg und Passau hindurchzuführen; gleiches galt mit stromaufwärts geführten Schiffen, die mit dem Gegenwert des Salzes beladen waren. Nicht bekannt ist, woher die Rohrer ihr Salz bezogen (Deputate oder Anteile an Siedepfannen von Reichenhall oder Hallein). Die Nachfolger des Passauer Bischofs wollten dieses Privileg später nicht mehr anerkennen und die Rohrer mussten dieses gegen die Zahlung von 40 Pfund Pfenningen zurückgeben. Damit in Zusammenhang steht, dass die Rohrer eigene Schiffe und Anlandungsstätten in Aufhausen und in der Ettenau bei Tittmoning betrieben.

Die Rohrer besaßen auch ein Gericht (HRR) nördlich von Tittmoning, das der Salzburger Erzbischof Rudolf von dem Herzog Heinrich XIII. von Niederbayern 1285 erfolglos einforderte. Dieses Gericht wurde 1290 von den Herren von Rohr an den Herzog von Bayern verkauft. 1300 erwarb Herzog Otto III. von Jens dem Rohrer zudem die Gerichtsabgaben, die zu Ostermiething gehörten.

Zweige des Geschlechts gelangten in die Mark Brandenburg (ab 1304), nach Sachsen (Schloss Elsterwerda), Österreich, Mecklenburg und Braunschweig. Die brandenburgische Linie übernahm das Wappen der Familie von Havelberg und erwarb das Patronat des Klosters Heiligengrabe mit fünf Schlössern und drei Städten. Sie gehörten im 15. Jahrhundert zu den begütertsten Geschlechtern in der Prignitz. Der aus dieser Linie stammende Otto von Rohr war von 1401 bis 1427 Bischof von Havelberg.

Aus dem Geschlecht sind bedeutende Angehörige hervorgegangen, die sowohl in geistlichen als auch in weltlichen Ämtern großen Einfluss hatten. Vor allem in Brandenburg bzw. im späteren Königreich Preußen gelangten sie in hohe militärische Positionen. Bernhard von Rohr (1421–1487) war von 1466 bis 1482 Erzbischof von Salzburg. Julius Bernhard von Rohr (1688–1742), Domherr zu Merseburg, war ein bedeutender zeitgenössischer Schriftsteller und Kameralist. Ferdinand von Rohr (1783–1851), preußischer General, war 1848 kurzzeitig Kriegsminister.

Zweige der Familie bestehen bis heute. Ein 1871 zu Berlin gegründeter Familienverband hält alle drei Jahre Familientage ab.

Wappen[Bearbeiten]

Wappen derer von Rohr nach Siebmachers Wappenbuch von 1605

Das Stammwappen ist von Rot und Silber im Spitzenschnitt gespalten (das ursprüngliche Wappen des Geschlechts Havelberg nach einem Siegel von 1359). Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein springender, natürlicher Fuchs vor sieben abwechselnd silbernen und roten Rosen mit grünen Stengeln (v. Stavenow)

Bekannte Familienmitglieder[Bearbeiten]

Stammliste der Uiberacker[Bearbeiten]

NN[4]

  1. Friedrich (Fridericus de Rora), regni ministerialis, um 11101138/39, ∞ Pertha
    1. Richer, 1138 Mönche im Kloster Ranshofen
    2. Otto I., ministerialis regni, um 1130–1170
      1. Otto II., ministerialis imperialis, um 1170–1220, ∞ domina Chunegundis
        1. Otto III., 1196–1237, ∞ Adelheid von Volkensdorf
        2. Otto IV., 1243–1272, 1256 Verlust der Herrschaft ∞ 1. Mechthild von Trixen († 1259), ∞ 2. ???
          1. Jans (Johannes), 1277–1304, 1284–1303 Besitz der Herrschaft Rohr, ∞ 1. Agnes von Preysing, ∞ 2. Margarete Streun von Schwarzenau
            1. Heinrich, der Rohrer von Aufhausen, 1298–1304
            2. Herren von Rohr in der Mark Brandenburg
          2. Otto V., 1284–1294, ∞ Margarete von Schlehdorf
            1. Otto, Heinrich, Ludwig, die Rohrer von Leonstein, um 1320, oberösterreichische Landesherren
        3. Heinrich I., 1190–1235, ∞ (?) Margareta von Kraiburg, eine Gräfin
          1. Heinrich II., 1250, († 1277), ∞ Allhait
            1. Otto, 1272, († 1290), ∞ Adelheid
            2. Heinrich III., 1284–1310, ∞ (vor 1295) Margarete von Wald († nach 1348),
              1. Ortlieb, († vor 1348)
              2. Ulrich, († vor 1348)
                1. Agnes, ∞ Wulfing der Jüngere von Goldeck (1348)

Besitze[Bearbeiten]

Zu den brandenburgischen Besitzungen zählten Ragow und Oegeln, Gorna bei Guben, ferner Tramnitz bei Wusterhausen/Dosse, Brunn, Ganzer und Trieplatz (1752–1888), Maienburg, Penzlin, Tschernitz, Holzhausen, Rothenmoor. In der Altmark Hohenwulsch mit Friedrichshof und Poritz (Landkreis Stendal), Drialatz, Leddin, Steffin. In Vorpommern ab 1881 Haus Demmin.

Stammsitz der schlesischen Linie war Medzibor, später auch Galwitz, Stein, Kunzendorf, Seifersdorf, Dirschwitz, Neudorf, Deutsch-Breyle, Altwasser, Mahlendorf, Mienitz, Woitsdorf, Gohlau, Schönbankwitz u.a.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon Band XI, Band 122 der Gesamtreihe, C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 2000, ISSN 0435-2408
  • Genealogisches Handbuch des Adels, Bände A IX, S. 341ff. und A XVIII, C.A. Starke-Verlag, Limburg, 1969 und 1985.
  • Helga Reindel-Schedl: Die Herren von Rohr und ihr Gericht jenseits der Salzach, jenseits der „comitie in Tittmaning“. Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 1980, 43, S. 329-353.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Familie v. Rohr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Max Heuwieser, Die Traditionen des Hochstifts Passau, München, 1930 (S. 88)
  2. Urkundenbuch des Landkreises Enns, Wien 1852. S. 254.
  3. Walter Aspernig: Die machtpolitischen Veränderungen von Kremsmünster im 14. Jahrhundert. (PDF; 3,0 MB)
  4. Stammliste auf Basis von H. Reindl-Schedl, 1980, S. 352.