SWR2 Archivradio

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Allgemeine Informationen
Empfang Webradio
Sendegebiet unbegrenzt
Sendeanstalt Südwestrundfunk
Intendant Peter Boudgoust
Sendestart 1. September 2007
Rechtsform öffentlich-rechtlich
Liste der Hörfunksender

Das SWR2 Archivradio ist ein mit Unterstützung des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) gegründetes multimediales Angebot des Südwestrundfunks, das seit dem 19. Juli 2007 historisch bedeutsame Tondokumente aus deutschen Rundfunkarchiven und anderen Audiobeständen öffentlich zugänglich macht.

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Archivradio begann zunächst als Internetradio und besteht seit 2018 im Wesentlichen aus vier Säulen:

  • einem Webradio-Kanal mit umfangreichen Originalaufnahmen zu jeweils einem Schwerpunkt-Thema,
  • einem Podcast, der auch über die ARD Audiothek ausgespielt wird,
  • der Website archivradio.de, auf der ein großer Teil der Aufnahmen „on demand“ abrufbar ist und ausführlicher dokumentiert wird,
  • einordnenden Sendungen in der Reihe SWR2 Wissen, in denen anhand der Originalaufnahmen Hintergründe erläutert werden.

Bildungsauftrag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Programm wird im Rahmen des Bildungsangebots vom Kulturradio SWR2 mitverantwortet. Zielgruppe des Programms sind insbesondere „Schüler höherer Schulstufen, Studenten, Lehrer, Hochschullehrer und Journalisten“[1] sowie generell „onlineaffine Radiohörer“ mit einem großen Interesse an zeitgeschichtlichen Themen.[2] Ende 2010 bestand das SWR2 Archivradio den Drei-Stufen-Test, in dem ihm der „Public Value“ laut Rundfunkgesetz bescheinigt wurde: Das Programm hat eine typisch öffentlich-rechtliche Ausrichtung und sorgt für ein Mehr an Bildung für die interessierte Öffentlichkeit.

Das Archivradio enthält keine Werbung.

Webradio und Podcast[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Handschriftliche Planungsskizze für das Archivradio anlässlich 10 Jahre 9/11

Weil das Archivradio nicht an Formate wie zum Beispiel stündliche Nachrichten gebunden ist, gilt das Webradio-Angebot als formatfreies Radio. Zu seinen Grundprämissen gehört, möglichst ungeschnittenes Rohmaterial zu senden – technisch genauer: es im Fall des Webradio-Angebots zu streamen. Dieses Tonmaterial kann aus historisch wichtigen Hörfunksendungen, Interviews, Veranstaltungsmitschnitten, Reportagen, parlamentarischen Debatten und Diskussionen bestehen, die sich alle mit einem bestimmten Themenschwerpunkt beschäftigen. Eine kurze Moderation leitet die einzelnen Originalaufnahmen ein. Darüber hinaus erfolgt keinerlei Kommentierung der Originaltöne; historisch einordnendes Hintergrundmaterial liefert allein die dazugehörige Webseite sowie die linearen Sendungen auf SWR2.[3]

SWR-Dokumentar Georg Polster im Archiv (2007)
Tonband mit Sendemitschnitten vom Herbst 1977, eingesetzt im Archivradio 2007

Der Podcast bringt in der Regel wöchentlich mehrere Episoden zu einem Thema, meist jeweils mit einem aktuellen Bezug. Das Webradio dagegen sendet Töne zu größeren Themenschwerpunkten, in Zusammenarbeit mit Archivaren des SWR und in Abstimmung mit dem Deutschen Rundfunkarchiv. Die Aufnahmen werden dann in der Regel mehrere Wochen lang rund um die Uhr als Endlosschleife gestreamt. Mit seinem Grundkonzept unterscheidet sich das Archivradio deutlich von anderen Radioprogrammen.[4]

Sendungen in SWR2[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Oktober 2010 sendet SWR2 zu einzelnen Schwerpunkten auch einordnende Sendungen. Im Gespräch mit einem Studiogast – meist dem Autor eines der Schwerpunkte oder auch externen Experten – werden Hintergründe zu den Tondokumenten erläutert. Diese Sendungen laufen in der Reihe (somit auch im Podcast von) SWR2 Wissen – entweder als halbstündige Sendung morgens um 8:30 Uhr oder als Stunden-Sendung, dann meist an Feiertagen. Auch diese Sendungen stehen im Internet als Audiodateien zum Abruf bereit.[5] Das Archivradio diente als Keimzelle für andere Projekte, etwa der WDR-Features über den Stammheim-Prozess (2009, Deutscher Hörbuchpreis) und den DDR-Spionageprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz („Fallbeil für Gänseblümchen“, Featurepreis der Stiftung Radio Basel 2012).

Originaltöne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tondokumente entstammen weitgehend den Archiven der ARD-Rundfunkanstalten und dem Deutschen Rundfunkarchiv, jedoch betrat das Archivradio auch Neuland, indem es erstmals Originalmitschnitte aus dem Stammheim-Prozess oder dem Tonarchiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) streamte – von der Existenz der Stammheim-Bänder wusste man bis zu dieser Veröffentlichung nichts, die Veröffentlichungen der Stasi-Bänder gehören zu Anstrengungen der BStU, historisches Tonmaterial aufzuarbeiten und in geordneten Bahnen zu publizieren.

Sprachrohr der Archivare[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Archivmitarbeiter im SWR Stuttgart 2007

Weil sich das Archivradio auch als Plattform zur Öffnung der Archive und als Brücke zwischen der Öffentlichkeit und den Abteilungen für Dokumentation in den ARD-Hörfunkanstalten und dem Deutschen Rundfunkarchiv versteht, kommen hier die Archivare und Dokumentare selbst zu Wort. Diese – ebenfalls ungekürzten – Interviews heißen „Archivgespräche“. Zum Beispiel unterhielt sich anlässlich der Archivradio-Bestückung mit Originaltönen aus den Stasi-Bändern Maximilian Schönherr mit Katri Jurichs und Elke Steinbach von der BStU über ihre Archivarbeit, unter anderem darüber, wie sie für exotische Aufnahmemedien (wie Tondrähte) heute noch Abspielgeräte finden, um die alten Aufnahmen zu retten und zu digitalisieren.[6] In einem anderen Archivgespräch erzählt Georg Polster, Historiker und Archivar in der Wortdokumentation im SWR Stuttgart, von der Entstehung und Archivierung eines speziellen Tonbands, das das Archivradio anlässlich des Schwerpunkts „30 Jahre Deutscher Herbst 1977“ in voller Länge sendete.[7] Anlässlich des Archivradio-Schwerpunkts „China in historischen Originaltönen“ berichtet die Leiterin der Dokumentation Wort bei der Deutschen Welle, Diana Redlich, vom Zustand ihres Archivs und konkret von der Herkunft von vier Tonbändern mit Petra Kelly, Franz Josef Strauß, Eugen Gerstenmaier und Carl Friedrich von Weizsäcker, die sich über die Öffnung der Volksrepublik China äußern.[8]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Tests mit Internet-Streams[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das SWR2 Archivradio geht auf eine Idee des Rundfunkjournalisten Maximilian Schönherr zurück. Am 1. März 2002 testete er einen Radiostream von seinem Rechner aus. Im Jahr 2003 lernte er im Rahmen eines Interviews für die WDR-Sendung „Wortlaut“ zwei Programmierer und Webdesigner, Hans und Hartmut Landwehr in Haan kennen, die gerade eine breitbandige Internetverbindung installiert hatten und nach Inhalten suchten, um sie testweise zu streamen. Zu den Teilnehmern des Experiments gehörte bereits die Edition Wandelweiser, eine Gruppe experimenteller E-Musiker, die vor allem Stille sendete. Schönherr speiste einige Stunden Originaltöne aus seiner privaten Interview- und Geräuschsammlung ein, ließ sich von einem englischen Programmierer ein Plug-in schreiben, um auf seiner Webseite den Titel der gerade abgespielten Audiodatei sichtbar zu machen.

Erstes Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstes Konzept für ein „Deutsches Archivradio“, mit Platzhaltern und einem strengen Sendeschema, 2005

Nach diesem problemlosen Test-Stream von sich monatelang wiederholendem, etwa 12 Stunden langem O-Ton-Material erarbeitete er mit Hilfe des Feature-Regisseurs Nikolai von Koslowski das Konzept eines Internetradios für die ARD, welches ungeschnittene Originaltöne aus den Rundfunkarchiven streamen würde.[9] Die Sender begannen damals mit den Streams ihrer Antennenprogramme, stiegen also gerade in die Welt des Internetradios ein. Mit seinem Konzept eines „Deutschen Archivradios“ trat Schönherr, der mit den Hörfunkarchiven aus seiner journalistischen Arbeit her vertraut war, an den Leiter des Deutschen Rundfunkarchivs, Hans-Gerhard Stülb heran. Stülb unterstützte das Projekt.

Sendersuche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Archivradio – Bestückung des ersten Prototyps mit Originaltönen zum „Deutschen Herbst“, 2007

Die Idee benötigte einen ARD-Sender, wo das Archivradio redaktionell und technisch unterkam. Beim WDR-Intendanten Fritz Pleitgen stieß die Idee im Jahr 2006 auf Interesse, jedoch hielt dessen Multimediabeauftragter, Rüdiger Malfeld, sie für nicht attraktiv und unrealisierbar. Beim SWR dagegen fiel die Idee sofort auf fruchtbaren Boden. Der Sender hatte gerade eine Kommission für einen „Wissens-Channel“ gegründet, in dem es um Zusatzangebote fürs Internet ging. Der Leiter der Wissenschaftsredaktion im Hörfunk (SWR2), Detlef Clas, brachte die Idee des Archivradios hier ein, stellte Verbindungen zum Leiter der Dokumentation im SWR, Michael Harms, zu Georg Polster, einem Historiker und Archivar im SWR Stuttgart, dem Hörfunkdirektor des SWR, Bernhard Herrmann, und der Online-Redaktion in Baden-Baden her. Innerhalb kürzester Zeit entstand im Frühjahr und Sommer 2007 unter Leitung von Schönherr der erste Prototyp, ein 24-stündiger Stream mit ungeschnittenen Originaltönen anlässlich 30 Jahre „Deutscher Herbst“ 1977. Die Probephase des – nun „SWR2 Archivradio“ genannten – Projekts endete Ende 2010 mit dem erfolgreichen Abschluss des Dreistufentests.

Podcast[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Podcast begann im Oktober 2017, kurz vor dem offiziellen Start der ARD Audiothek. Wie auch das Internetradio zehn Jahre zuvor begann auch der Podcast mit Aufnahmen zum Deutschen Herbst. Zu diesem Anlass sendete auch SWR2 in fast voller Länge die einstündige Sondersendung, mit der der Südwestfunk vierzig Jahre zuvor am 18. Oktober 1977 über die aktuellen Ereignisse in Mogadischu und Stammheim informierte.

Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bisher wurden folgende Themenschwerpunkte behandelt:

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hermann Rotermund, Jürgen Krob, Heiko Klatt: Gutachten zu den marktlichen Auswirkungen des Telemedienangebots SWR2 Archivradio. Seite 38. Abgerufen am 19. Mai 2011.
  2. SWR: Telemedienkonzepte des SWR. Seite 137f. Juni 2010. Abgerufen am 19. Mai 2011.
  3. Beispiel: Begleitung der O-Töne und Erschließung des Stasi-Themenschwerpunkts 2011: [1]
  4. Hermann Rotermund, Jürgen Krob, Heiko Klatt: Gutachten zu den marktlichen Auswirkungen des Telemedienangebots SWR2 Archivradio. Seite 44. Abgerufen am 19. Mai 2011.
  5. SWR: SWR2 Archivradiogespräche. Sendungen im Überblick. Abgerufen am 6. August 2011.
  6. SWR: 2011: Die Arbeit in der Stasi-Unterlagenbehörde. Archivgespräch. 22. Februar 2011, abgerufen am 6. August 2011. – Originalton (MP3; 18,8 MB).
  7. SWR: Archivgespräch mit Georg Polster (SWR). Archivgespräch über das Band zu einer Flugzeugentführung. 24. Juli 2007. Abgerufen am 6. August 2011. – Originalton.
  8. SWR: Archivgespräch mit Diana Redlich (DW). 24. November 2007. Abgerufen am 6. August 2011. – Originalton.
  9. In diesem ersten Konzept vom Juni 2005 hieß es: „Dies ist die Idee zu einem werbefreien, nicht-kommerziellen ‚Deutschen Archivradio‘, welches unaufbereitete Informationen in guter Qualität übers Internet sendet, nämlich die Quellen, die Originaltöne, das Rohmaterial, die Herzstücke. Unmoderiert, nonstop, rund um die Uhr. Es fungiert als Begleitmedium zu den Hörfunk- und Fernsehsendungen der ARD und ist mit diesen auf enge Weise verlinkt. Es fördert Schätze der Archive nach oben und macht damit die Fachkompetenz der Archive, insbesondere des Deutschen Rundfunkarchivs, einer interessierten breiten Öffentlichkeit zugänglich. Zudem unterstreicht es eine Kernkompetenz der ARD, nämlich Informationen zu bieten, die auf harten Quellen beruhen. Das Internetradio sendet diese Quellen in ungeschnittener Form und ergänzt damit das immer feiner segmentierte und aufbereitete Programm der Sendeanstalten.“
  10. Siehe dazu auch Deutscher Germanistenverband, Dezember 2012 [2]
  11. Dazu ein einstündiges Hintergrundgespräch, ausgestrahlt in SWR 2 am 1. Januar 2013