Gewöhnlicher Teufelsabbiss

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Teufelsabbiss)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gewöhnlicher Teufelsabbiss
SuccisaPratensis2.jpg

Gewöhnlicher Teufelsabbiss (Succisa pratensis)

Systematik
Euasteriden II
Ordnung: Kardenartige (Dipsacales)
Familie: Geißblattgewächse (Caprifoliaceae)
Unterfamilie: Kardengewächse (Dipsacoideae)
Gattung: Succisa
Art: Gewöhnlicher Teufelsabbiss
Wissenschaftlicher Name
Succisa pratensis
Moench

Der Gewöhnliche Teufelsabbiss (Succisa pratensis, Syn.: Scabiosa succisa L.), auch einfach Abbiss oder Teufelwurz und Teufelsbiss genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Succisa in der Unterfamilie der Kardengewächse (Dipsacoideae) innerhalb der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae). Der Trivialnamen (Östlicher) Teufelsabbiss wird außerdem für die verwandte Art Succisella inflexa verwendet.

Die Stiftung Naturschutz Hamburg kürte den Gewöhnlichen Teufelsabbiss zur Blume des Jahres 2015.

Namensherkunft[Bearbeiten]

Illustration aus Flora Batava, Volume 3

Der Name Teufelsabbiss bezeichnet die besondere Gestalt seines „Wurzelstocks“ (Rhizoms); dieser stirbt allmählich unten ab und sieht dann wie „abgebissen“ aus. Der Gattungsname Succisa ist vom Lateinischen succisus, das „unten abgeschnitten“ bedeutet, abgeleitet. Weitere Bezeichnungen: mhd. abbiz, lat. morsus diaboli und herba sancti Petri.

Beschreibung und Ökologie[Bearbeiten]

Der Schnitt durch ein abgeblühtes Köpfchen zeigt die am Köpfchenboden sitzenden Blüten. Unterhalb jeder Blüte befindet sich jeweils ein Spreublatt. Am Grund ist das Köpfchen von Hochblättern umgeben.
A: eine einzelne (bereits abgeblühte) Blüte samt Spreublatt. B: Spreublatt (= Deckblatt). C: vierkantiger, rauhhaariger, vierzipfeliger Außenkelch. D: unterständiger Fruchtknoten und fünfborstiger Innenkelch.

Vegetative Merkmale[Bearbeiten]

Der Teufelsabbiss wächst als ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 30 bis 50 Zentimetern. Er besitzt in einer Rosette angeordnete, gegenständige längliche bis länglich-lanzettliche Laubblätter, deren Ränder meist ganzrandig ausgestaltet sind.

Generative Merkmale[Bearbeiten]

Die Blütezeit reicht von Juli und September. 50 bis 80 Blüten stehen in einem halbkugeligen köpfchenförmigen Blütenstand zusammen. Es sind zwei Reihen lanzettlicher Hüllblätter, deren Rand fein bewimpert ist. Die Hüllblätter sind kürzer als das Blütenköpfchen und deswegen auf Anhieb nicht leicht erkennbar. Die Blüten sind violett bis blau. Am Köpfchenboden befinden sich kleine Spreublätter. Das Blütenköpfchen besitzt keine strahlenden Randblüten. Der vierkantige und rauhaarige Außenkelch unterhalb der Einzelblüten läuft an jeder Kante in einen stacheligen spitzen Zipfel aus. Der Kelch ist in fünf schwarze Borsten aufgeteilt. Die Einzelblüte bildet eine vierspaltige 4 bis 7 mm lange, verwachsenblättrige Krone mit 3 bis 4 mm langer Kronröhre aus. Die freien Staubblätter überragen die Kronröhre deutlich. Der Fruchtknoten ist unterständig. Er setzt sich aus zwei miteinander verwachsenen Fruchtblättern zusammen und beinhaltet ein Fruchtfach mit jeweils einer Samenanlage. Der verlängerte Griffel übergipfelt die Staubblätter. Der Teufelsabbiss bietet Nektar an, der freie Zugang hierzu wird jedoch durch eine Saftdecke verwehrt. Die 5 bis 7 mm langen Früchte – vierkantige, zottig behaarte Achänen – werden zur Fruchtreife, etwa ab August, durch den Druck der Spreublätter emporgehoben. Der Kelch verbleibt an der Frucht. Vorbeistreifende Tiere und Windbewegungen streuen die Früchte aus. Pflanzen mit dieser Ausbreitungsstrategie bezeichnet man als Wind- und Tierstreuer. Die Früchte werden zum einen von Ameisen, zum anderen von Tieren, an deren Fell sie sich heften oder über den Wind weiter ausgebreitet.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 20, seltener 16 oder 18.[1]

Blütenköpfchen

Ökologie[Bearbeiten]

Der Gewöhnliche Teufelsabbiss ist ein Hemikryptophyt. Als Speicher- und Überdauerungsorgan dient ein senkrecht stehendes Rhizom, das bis 50 cm in die Tiefe reicht. Es ist am unteren Ende meist abgefault und wirkt daher wie abgebissen.

Der Gewöhnliche Teufelsabbiss ist eine gynodiözische Pflanze, das heißt, dass zum einen Pflanzen mit rein weiblichen Blüten und zum anderen solche mit zwittrigen Blüten gebildet werden. Bei den zwittrigen Blüten reifen die Staubblätter vor den Narben, es besteht also Proterandrie. Hierdurch soll die Fremdbestäubung gefördert werden. Bestäubt wird der Gewöhnliche Teufelsabbiss von Bienen, Faltern und diversen Zweiflüglern.

Der Gewöhnliche Teufelsabbiss dient verschiedenen Schmetterlingen als Nektar-, bzw. deren Raupen als Futterpflanze. Je nach Ökotyp ernähren sich oligophag oder monophag die Raupen des Goldenen Scheckenfalters oder vor ihrer Überwinterung die des Abbiss-Scheckenfalters von den Blättern der Pflanze. Die Raupe der Gammaeule nutzt den Gewöhnlichen Teufelsabbiss polyphag. Den Nektar schätzen insbesondere gefährdete Arten wie der Lungenenzian-Ameisenbläuling, der Braunfleckiger Perlmutterfalter, das Sumpfhornklee-Widderchen, das Blutströpfchen, der Riedteufel oder das noch relativ häufig vorkommende Große Ochsenauge.[2]

Vorkommen und Gefährdung[Bearbeiten]

Succisa pratensis ist in Nordafrika und von Südwest- über Mittel- sowie Ost- bis Südosteuropa, Nordeuropa und in Westasien, im Kaukasusraum sowie in Sibirien weitverbreitet. Es gibt Fundorte in Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, in den Niederlanden, im Vereinigten Königreich, in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, in Italien, Algerien, Tunesien, in Russland, Georgien, Ciscaucasien, Island, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, in der ehemaligen Tschechoslowakei, im ehemaligen Jugoslawien, in Ungarn, Polen, in der Ukraine, in Albanien, Bulgarien, in Rumänien, Moldavien, Griechenland und in der Türkei.[3] Er ist in Kanada und in den USA ein Neophyt.

Man trifft den Gewöhnlichen Teufelsabbiss besonders in montanen Regionen auf Moor-Magerwiesen an. Dabei bevorzugt er wechselfeuchte, basenreiche, mäßig saure und humose Böden. Er ist in Mitteleuropa eine Molinietalia-Ordnungscharakterart.[1] Der Gewöhnliche Teufelsabbiss gilt als Magerkeitszeiger und besiedelt geeignete Standorte von der Ebene bis in Gebirgslagen. Im Schwarzwald und in den Alpen wurden Vorkommen bis in Höhenlagen von 1400 Metern festgestellt. Auch in den Allgäuer Alpen steigt er an den Kackenköpfen bei Rohrmoos in Bayern ebenfalls soweit auf.[4]

Wuchsorte planarer Regionen sind aufgrund von Entwässerungsmaßnahmen tendenziell im Rückgang begriffen. Der Teufelsabbiss steht in einigen Bundesländern von ? auf der Roten Liste gefährdeter Arten in der Gefährdungskategorie 3 („gefährdet“).

Taxonomie[Bearbeiten]

Die Erstveröffentlichung von Succisa pratensis erfolgte 1794 durch Conrad Moench in Methodus, S. 489.[3]

Verwendung[Bearbeiten]

Der Gewöhnliche Teufelsabbiss wird gelegentlich als Zierpflanze in wechselfeuchten, moornahen Wiesen und Moorgärten angepflanzt. Er benötigt einen feuchten Standort in sonniger Lage. Bekannt sind die Sorten "Alba", die sich durch eine weiße Krone auszeichnet sowie die Sorte "Nana" mit bläulich-violetter Krone und einer Wuchshöhe bis etwa 25 Zentimeter.[5]

Pharmazie-Geschichte[Bearbeiten]

Als „abis“ und „dufelbis“ wurde der Gewöhnliche Teufelsabbiss in südwestdeutschen Handschriften des 15. Jahrhunderts erwähnt. Folgende Heilanwendungen wurden dort für das aus der Wurzel gebrannte Wasser genannt: „geswer“ und „stechen“ im Leib und besonders um das Herz, „verserte“ Därme und „gerunnen blut“ im Leib. Die äußersten Spitzen des Krautes, an einem Mai-Abend gegessen, sollten ein Jahr lang vor dem „frorer“ (Schüttelfrost) schützen.[6][7][8][9][10]

Der Mainzer Gart der Gesundheit vom Jahre 1485 gab folgende Erklärung zur Benennung der Pflanze (Kapitel 261): Der Teufel habe mit dieser Wurzel so große „gewalt getrieben“ dass die Mutter Gottes „ein erbarmen darin hatte“ und dem Teufel die „gewalt“ genommen habe, dass er danach nicht mehr damit schaffen konnte. Von dem großen „grimm“, den er dann hatte, dass ihm die „gewalt“ entgangen war, biss er die Wurzel unten ab. Also wächst sie noch heute. Wer das Kraut oder die Wurzel bei sich trage, dem könne der Teufel keinen Schaden zufügen. Als Gewährsmann gab der Gart irreführend den spätantiken, nichtchristlichen Arzt Oreibasios an.[11][12]

In sein Kleines Destillierbuch vom Jahre 1500 übernahm Hieronymus Brunschwig die in den Handschriften des 15. Jahrhunderts angegebenen Heilanwendungen und ergänzte sie durch eine Indikation aus seinem Pestbuch: „Abis wasser ist gůt den menschen zů behüeten vnd zů beschirmen für die pestilentz.“[13] Die Indikationen aus dem Kleinen Destillierbuch wurden von den Vätern der Botanik übernommen.[14][15][16]

Aberglaube[Bearbeiten]

In der Volksmedizin wirksam gegen Steinleiden (vor allem angeblich, wenn der Teufelsabbiss in der Nacht vor dem 24. Juni gepflückt wird). Der wie abgebissen aussehenden „Wurzelstock“ des Teufelsabbiss wurde eine antidämonische Wirkung zugeschrieben. Als Amulett um den Hals getragen sollte sie den Träger vor böser Zauberei beschützen. Im Stall aufgehängt, galt sie als sicheres Mittel, das Vieh vor Behexung zu bewahren[17].

Literatur[Bearbeiten]

  • Kremer: Wildblumen, München 2001, ISBN 3-576-11456-4
  •  Manfred A. Fischer, Wolfgang Adler, Karl Oswald: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 2., verbesserte und erweiterte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2005, ISBN 3-85474-140-5.
  •  Oskar Sebald: Wegweiser durch die Natur. Wildpflanzen Mitteleuropas. ADAC Verlag, München 1989, ISBN 3-87003-352-5.
  •  Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands. Ein botanisch-ökologischer Exkursionsbegleiter zu den wichtigsten Arten. 6. völlig neu bearbeitete Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2005, ISBN 3-494-01397-7.
  •  Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder. Die häufigsten mitteleuropäischen Arten im Porträt. 7., korrigierte und erweiterte Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3-494-01424-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. Unter Mitarbeit von Angelika Schwabe, Theo Müller. 8., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2001, ISBN 3-8001-3131-5.
  2. Gewöhnlicher Teufelsabbiss. In: FloraWeb.de.
  3. a b Succisa pratensis im Germplasm Resources Information Network (GRIN), USDA, ARS, National Genetic Resources Program. National Germplasm Resources Laboratory, Beltsville, Maryland. Abgerufen am 6. August 2015.
  4. Erhard Dörr, Wolfgang Lippert: Flora des Allgäus und seiner Umgebung. Band 2. IHW-Verlag, Eching bei München, 2004. ISBN 3-930167-61-1
  5. Eckehart J. Jäger, Friedrich Ebel, Peter Hanelt, Gerd K. Müller (Hrsg.): Rothmaler Exkursionsflora von Deutschland. Band 5: Krautige Zier- und Nutzpflanzen. Spektrum Akademischer Verlag, Berlin Heidelberg 2008, S. 423, ISBN 978-3-8274-0918-8
  6. Universitätsbibliothek Frankfurt, ms. germ. qu. 17, Elsass, 1. Viertel 15. Jh., Bl. 340va Digitalisat
  7. Universitätsbibliothek Frankfurt, ms. germ. qu. 17, Elsass, 1. Viertel 15. Jh., Bl. 342vb Digitalisat
  8. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cpg 638, Elsass / Basel, 2. Viertel 15. Jh, Bl. 25v. Digitalisat
  9. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cpg 575, Bodensee (Konstanz?) 1459, Bl. 47v. Digitalisat
  10. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cpg 226, Elsass 1459-1469, Bl. 102r. Digitalisat
  11. Gundolf Keil: Gart, Herbarius, Hortus. Anmerkungen zu den ältesten Kräuterbuch-Inkunabeln. In: Festschrift Willem Frans Daems. Würzburger medizinhistorische Forschungen, Band 24, Pattensen 1982, S. 602.
  12. Gart der Gesundheit. (Mainz 1485). Ausgabe Augsburg (Schönsperger) 1485, Cap. 261 Bayerische Staatsbibliothek Digitalisat
  13. Hieronymus Brunschwig: Kleines Destillierbuch. Straßburg 1500, Blatt 20v Bayerische Staatsbibliothek Digitalisat.
  14. Otto Brunfels: Contrafeyt Kreüterbuch. Straßburg 1532, S. 91 Bayerische Staatsbibliothek Digitalisat.
  15. Hieronymus Bock. New Kreütter Buch. Straßburg 1539, Buch I, Cap. 81 Bayerische Staatsbibliothek Digitalisat.
  16. Leonhart Fuchs: New Kreütterbuch. Straßburg 1543, Cap. 272 Bayerische Staatsbibliothek Digitalisat.
  17. Manfred Boksch: Das praktische Buch der Heilpflanzen. BLV-Verlag, 2003, S. 155, ISBN 3-405-14937-1

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gewöhnlicher Teufelsabbiss (Succisa pratensis) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Georeferenzierung Karte mit allen verlinkten Seiten: OSM, Google oder Bing