Wüstensachsen

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Wüstensachsen
Koordinaten: 50° 29′ 57″ N, 10° 0′ 15″ O
Höhe: 577 m ü. NHN
Fläche: 18,65 km²[1]
Einwohner: 1225 (30. Jun. 2019)[2]
Bevölkerungsdichte: 66 Einwohner/km²
Eingemeindung: 31. Dezember 1970
Postleitzahl: 36115
Vorwahl: 06683
Blick auf Wüstensachsen und die Wasserkuppe im Hintergrund rechts
Blick auf Wüstensachsen und die Wasserkuppe im Hintergrund rechts

Wüstensachsen ist ein Ortsteil der Gemeinde Ehrenberg (Rhön) im Landkreis Fulda in Hessen und Sitz der Gemeindeverwaltung. Der Ort ist ein staatlich anerkannter Luftkurort.[3]

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wüstensachsen befindet sich am oberen Ende des Ulstertals. Die hier an den Berghängen entspringende Ulster fließt durch den Ort in Richtung Norden. Wüstensachsen ist in allen anderen Richtungen von den bis zu 900 Meter hohen Bergen der Rhön umgeben, darunter die Wasserkuppe im Westen, der Heidelstein im Süden und der Stirnberg im Osten.

Wüstensachsen grenzt im Norden an Melperts, im Westen an Reulbach und Sandberg, im Süden an Gersfeld (Rhön) und das bayerische Ginolfs sowie im Osten an das ebenfalls bayerische Roth vor der Rhön.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wüstensachsen wurde im Jahr 1141 erstmals erwähnt. Am 31. Dezember 1970 schloss sich Wüstensachsen mit Melperts, Reulbach, Seiferts und Thaiden zur Gemeinde Ehrenberg (Rhön) zusammen.

Wüstensachsen soll schon im 8. oder 9. Jahrhundert bestanden haben und von Sachsen besiedelt worden sein. Diese haben später den Ort wieder verlassen. Damit wurde er zur Wüstung. Daher stammt der Name Wüstensachsen. 1141 wird Wüstensachsen urkundlich als Voestensasse erwähnt. Durch die Pest im Jahre 1350 sterben 60 % der Einwohner. Balthasar von Steinau genannt Steinrück erbaut um 1500 ein Schloss und 1517 eine Kirche. Im Jahre 1590 brannte die Kirche bis auf den Chorraum und die Grundmauern vollständig ab. Es wurde eine neue Kirche erbaut. Der Wiederaufbau war 1597 abgeschlossen. 1673 wird eine Posthalterei im Oberen Wirtshaus errichtet. In den Jahren 1718–1787 wanderten viele Bewohner von Wüstensachsen nach Ungarn und Russland aus. Eine Volksschule wird 1732 erbaut. Durch einen Großbrand 1780 werden 14 Wohnhäuser vernichtet. Um 1800 war der Haupterwerbszweig die Tuchmacherei und Landwirtschaft. Die Bundesstraße 278 von Bischofsheim in der Rhön nach Tann wurde in den Jahren 1835–1838 gebaut. 1851/52 wurde eine neue Kirche erbaut.

Katholische Pfarrkirche St. Michael

In den Jahren 1844 bis 1853 wanderten viele Wüstensachsener nach Amerika aus. Zur Jahrhundertwende wohnen in Wüstensachsen 30 jüdische Familien. 1910 erzeugt Fabian Diegelmann mit seiner Schlossmühle elektrische Energie und beliefert das Dorf mit Strom. Der Postomnibus löst 1913 die Postkutsche ab. Am 1. Februar 1916 wurde der Betrieb der Eisenbahnstrecke Hilders–Wüstensachsen aufgenommen. 1936/37 wurde ein Arbeitslager für weibliche Jugendliche durch die Nazis errichtet. Während der Novemberpogrome 1938 wurde die Synagoge von den Nazis zerstört.[4] Die letzten Juden flüchteten 1939 aus Wüstensachsen.[5] Im Jahr 2014 wurde ein Gedenkort für die von den Nazis vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger in der Ortsmitte eingerichtet.[6]

Durch mehrere Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg auf Wüstensachsen werden zahlreiche Häuser zerstört und Menschen getötet. Im Jahre 1965 erhält Wüstensachsen das Prädikat „Staatlich anerkannter Erholungsort“.

Im Zuge der Gebietsreform in Hessen fusionierten am 31. Dezember 1970 die bis dahin selbständigen Gemeinden Melperts, Seiferts und Wüstensachsen auf freiwilliger Basis zur neuen Gemeinde Ehrenberg.[7] Sitz der Gemeindeverwaltung wurde Wüstensachsen. Für Wüstensachsen wie für die anderen ehemals eigenständigen Gemeinden wurden Ortsbezirke mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.[8]

1983 erhielt Wüstensachsen das Prädikat „Luftkurort“.

Einwohnerentwicklung

Wüstensachsen: Einwohnerzahlen von 1834 bis 2019
Jahr  Einwohner
1834
  
1.115
1840
  
1.126
1846
  
1.154
1852
  
1.182
1858
  
1.112
1864
  
1.049
1871
  
1.086
1875
  
1.033
1885
  
985
1895
  
973
1905
  
1.002
1910
  
988
1925
  
1.014
1939
  
1.160
1946
  
1.536
1950
  
1.442
1956
  
1.259
1961
  
1.183
1967
  
1.171
1970
  
1.203
1980
  
?
1992
  
1.452
1995
  
1.384
2000
  
1.297
2005
  
1.266
2010
  
1.243
2015
  
1.220
2019
  
1.225
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: bis 1970:[1]; ab 1962[2]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lindenallee am Ritterhof in Wüstensachsen Der Ritterhof wurde als „Außenstelle“ des Wüstensachsener Schlosses von Karl von Thüngen im 16. Jahrhundert gegründet. Zu diesem Zeitpunkt war zwar schon das Mittelalter und damit die eigentliche Blütezeit der Ritter zu Ende, dennoch entsprachen die Adeligen, die den Weg benutzten, sicherlich unseren heutigen Vorstellungen von Rittersleuten.

Doch mit der Umlegung des Wegs im Zuge von Flurbereinigungen in den 1920er-Jahren verschwanden die Linden in Richtung der Ulsterbrücke; „durch menschlichen Unverstand und Kurzsichtigkeit“, wie der Autor der Wüstensachsener Ortschronik kommentierte. Die alten und knorrigen Bäume, die unterhalb des Ritterhofes wuchsen, wurden 1936 unter Naturschutz gestellt und 1968 unter dem Namen „Lindenallee zu den Ritterhöfen“ als Naturdenkmale eingetragen. Damals bestand die Allee noch aus 11 Linden und 1 Ulme. Mit den Jahren sind es immer weniger Bäume geworden. Heute stehen noch 4 Linden.

Lindenallee am Ritterhof
Linde Wüstensachsen, 3.jpg
Linde Wüstensachsen, 2.jpg

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Wüstensachsen verläuft die Bundesstraße 278. Nach Westen zweigt die Bundesstraße 284 nach Gersfeld über die Wasserkuppe ab. Untergeordnete Straßen führen von Wüstensachsen nach Oberelsbach in Unterfranken und zum Ehrenberger Ortsteil Reulbach.

Ab 1916 gab es mit der Bahnstrecke Götzenhof–Wüstensachsen eine Bahnanbindung, die 1966 für den Personenverkehr und einige Jahre später für den Güterverkehr wieder eingestellt wurde.

Des Weiteren führt der Rhönradweg von Bad Salzungen nach Hammelburg durch den Ort.

Öffentliche Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Wüstensachsen sind eine Grundschule, ein Kindergarten und eine Gemeindebücherei vorhanden.

Freizeitaktivitäten bietet das Freibad mit großer Liegewiese, der Paddelteich mit Bootsverleih sowie die Minigolfanlage auf dem Freizeitgelände.

Am Ortsrand befindet sich ein Abenteuerspielplatz mit Grillplatz.

Richtung Stirnberg lädt eine Kneippanlage, umgeben von grünen Wiesen und Obstbäumen, zum Entspannen und Erholen ein.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Wüstensachsen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wüstensachsen, Landkreis Fulda. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 16. Oktober 2018). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  2. a b Haulhaltssatzung 2020. (PDF; 4 MB) Wohnbevölkerung. In: Webauftritt. Gemeinde Ehrenberg (Rhön), S. 3, abgerufen im August 2020.
  3. Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung: 80. Sitzung des Fachausschusses für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen in Hessen vom 14. Oktober 2014. Staatsanzeiger für das Land Hessen 7/2015 Seite 148.
  4. Wüstensachsen – Jüdische Geschichte / Synagoge. In: www.alemannia-judaica.de. Abgerufen im August 2020.
  5. Inge Hohmann: Vor 150 Jahren Einweihung der Kirche und Bau der Synagoge in Wüstensachsen – Artikel in "Buchenblätter", 2/2016 (abgerufen am 13. Februar 2016)
  6. Gedenkort für jüdische Mitbürger in Wüstensachsen feierlich übergeben. In: www.fuldaerzeitung.de. (fuldaerzeitung.de [abgerufen am 23. Dezember 2016]).
  7. Zusammenschluss von Gemeinden zur Gemeinde „Ehrenberg“, Landkreis Fulda vom 7. Januar 1971. In: Der Hessische Minister des Inneren (Hrsg.): Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1971 Nr. 4, S. 140, Punkt 161 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 6,3 MB]).
  8. Hauptsatzung. (PDF; 120 kB) § 5. In: Webauftritt. Gemeinde Ehrenberg, abgerufen im August 2020.