Arundhati Roy

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Arundhati Roy (2013)

Suzanna Arundhati Roy (* 24. November 1961 in Shillong, Meghalaya) ist eine indische Schriftstellerin, politische Aktivistin und Globalisierungskritikerin. Ihr literarisches Werk umfasst den Roman „Der Gott der kleinen Dinge“, mehrere politische Sachbücher und zahlreiche Essays.[1]

Leben[Bearbeiten]

Kindheit[Bearbeiten]

Arundhati Roys Mutter stammt aus dem südindischen Kerala und ist Thomaschristin, ihr Vater ist Hindu aus Bengalen und Besitzer einer Teeplantage. Ihre Kindheit verbrachte sie in Aymanam im Bundesstaat Kerala, bis sie im Alter von 16 Jahren nach Delhi umzog, wo sie heute noch lebt. Anfangs wohnte sie dort in einer kleinen Hütte mit Blechdach im Stadtteil Feroz shah Kotla und verdiente ihren Unterhalt, indem sie leere Flaschen einsammelte und verkaufte. Schließlich begann sie an der Delhi School of Architecture zu studieren, wo sie auch ihren ersten Ehemann, Gerard da Cunha, traf.

Zweite Ehe und Film[Bearbeiten]

1984 lernte sie den Filmemacher Pradip Krishen kennen, der ihr zweiter Ehemann wurde. Durch ihn erwachte auch ihr Interesse am Film. Sie spielte selbst kleinere Rollen – unter anderem in Krishens preisgekröntem Film Massey Sahib – und begann damit Drehbücher zu schreiben (In Which Annie Gives it Those Ones, Electric Moon und die Fernsehserie Banyan Tree).

Schriftstellerisches Werk und Booker-Prize[Bearbeiten]

1992 begann sie mit der Arbeit an ihrem ersten Roman, den sie 1996 fertigstellte. 1997 erschien er unter dem Titel Der Gott der kleinen Dinge. Der halb-biografische Roman erzählt über weite Teile ihre eigene Kindheit in einer christlichen Familie der Oberschicht im südindischen Bundesstaat Kerala. Der Roman berührt wesentliche Themen Indiens wie das Kastensystem, die Rolle der Frau, das Leben syrischer Christen in Kerala und die Rolle der kommunistischen Partei speziell in Kerala. Das Manuskript wurde von Pankaj Mishra, einem Herausgeber von Harper&Collins, an drei Verlage in Großbritannien gesandt und erregte großes Interesse. Bevor sie sich endgültig entscheiden konnte, hatte David Godwin, der dritte Empfänger ihres Manuskripts, ein Flugzeug nach Indien bestiegen, um Arundhati Roys erster Agent zu werden: “obviously, the book had touched him enough to get on a plane and come to a strange country”.

Godwin machte sich an die Arbeit, und binnen Kurzem boten acht Verlagshäuser sehr viel für die Rechte zur Veröffentlichung im Vereinigten Königreich und in Kontinental-Europa.

Anlässlich eines Besuchs in Wien beorderte Godwin seine Autorin nach New York, wo die Vertragsunterzeichnung mit dem renommierten Verlagshaus „Random House“ erfolgte und sie 500.000 Pfund Sterling für die internationalen Publikationsrechte in 21 Ländern erhielt.

Noch im Jahr der Veröffentlichung erhielt sie für diesen Roman den britischen Booker-Literaturpreis und wurde rasch international bekannt. Rechte an dem Buch wurden in 21 Ländern verkauft.

Politische Aktivität[Bearbeiten]

Arundhati Roy (2010)

In der Folge nutzte sie ihre Bekanntheit, um auf ihre politischen Anliegen aufmerksam zu machen. In einer Reihe von Essays und Reden griff sie zu Beginn vor allem die atomare Aufrüstung in Indien und dem Nachbarland Pakistan sowie den Hindu-Nationalismus in ihrer Heimat an. Bald erweiterte sie ihre Aktivitäten auch um die Teilnahme an Protestveranstaltungen gegen ein Staudammprojekt an der Narmada, da derartige Bauten oft auf Kosten des Lebensraums der praktisch rechtlosen und ärmsten Bevölkerungsgruppen (insbesondere der Dalit und Adivasi) durchgeführt werden, wie sie in „Die Politik der Macht“ schreibt. Dank ihrer Popularität lenkte Roy mit ihrer Teilnahme die Aufmerksamkeit nationaler und internationaler Medien auf die Missstände.

Ihre schriftstellerische Tätigkeit konzentrierte sich nun ganz auf die Darstellung und Kritik politischer und sozialer Themen. In ihren Texten bezog sie Stellung gegen den von der US-Regierung geführten so genannten „Krieg gegen den Terrorismus“, den Irak-Krieg sowie die Politik der Weltbank und der Welthandelsorganisation. Damit wurde sie zunehmend auch weit über Indien hinaus zu einer der bekanntesten Sprecherinnen für Umweltschutz-, Friedens- und globalisierungskritische Bewegungen.

2014 schrieb sie unter dem Titel The Doctor and the Saint eine Einführung zu kritischen Ausgabe von Bhimrao Ramji Ambedkars Annihilation of Caste. Darin arbeitet sie den Gegensatz zwischen Ambedkar und Mohandas Karamchand Gandhi heraus. Ambedkar stammt aus der Schicht der Unberührbaren und fordert in seiner bekanntesten und einflussreichsten Schrift die Abschaffung des Kastenwesens und des damit untrennbar verschränkten Hinduismus, während Gandhi selbst Vaishya war und entgegen seiner Aussagen über die unteren Kasten die Unterdrückungsstruktur des Kastenwesens nie in Frage stellte und in seinem persönlichen Leben von Verachtung gegenüber sozial Schwachen geprägt war.[2]

Im Jahr 2002 wurde sie wegen Missachtung des Gerichts vom indischen Supreme Court in Neu-Delhi zu einem Tag Haft verurteilt, weil sie den Richtern vorgeworfen hatte, sie hätten Proteste gegen das Narmada-Staudammprojekt unterdrücken wollen.

2004 wurde Arundhati Roy für ihr soziales Engagement und ihr Eintreten für Gewaltfreiheit mit dem Sydney Peace Prize ausgezeichnet.

Medienberichten zufolge soll Arundhati Roy Anfang 2006 den höchsten Literaturpreis Indiens aus politischen Gründen abgelehnt haben. In einem Schreiben habe Roy der vom Staat finanzierten Sahitya-Akademie mitgeteilt, sie fühle sich sehr geehrt, könne die Auszeichnung aber nicht annehmen, weil sie gegen verschiedene Aspekte der indischen Regierungspolitik Abscheu hege.[3] Als Kritikpunkte nannte sie beispielsweise den Besitz von Atomwaffen und den Bau großer Staudämme.

Werke[Bearbeiten]

  •  Der Gott der kleinen Dinge. Goldmann, 1999, ISBN 3-442-72468-6 (Originaltitel: The God of Small Things).
  •  Die Politik der Macht. Goldmann, 2002, ISBN 3-442-72987-4 (Originaltitel: The Cost of Living).
  •  Noam Chomsky, Eduardo Galeano, Arundhati Roy, u. a., Wolfgang Haug (Hrsg.): Angriff auf die Freiheit? Die Anschläge in den USA und die „Neue Weltordnung“. Hintergründe, Analysen, Positionen. 2. Auflage. Trotzdem Verlagsgenossenschaft, Grafenau 2002, ISBN 3-931786-25-0 (Sammlung von 17. Aufsätzen).
  •  Wahrheit und Macht. Goldmann, 2004, ISBN 3-442-73304-9 (Interviews von David Barsamian, Vorwort von Naomi Klein).
  •  War Talk. South End Press, 2003, ISBN 0-89608-724-7.
  •  An Ordinary Person's Guide to Empire. South End Press, 2004, ISBN 0-89608-727-1.
  •  Public Power in the Age of Empire. Seven Stories Press, 2004, ISBN 1-58322-682-6.
  •  The Algebra of Infinite Justice. Flamingo/ Harper Collins, London 2002, ISBN 0-00-714949-2.
  •  Aus der Werkstatt der Demokratie. S. Fischer, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-10-066066-4 (Originaltitel: Listening to Grasshoppers. Field Nots on Democracy).
  •  Wanderung mit den Genossen: Mit den Guerillas im Dschungel Zentralindiens. Zambon, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3889751805 (Originaltitel: Walking with the Comrades).
  • The Doctor and the Saint, Einführung und Essay zu B.R. Ambedkar: Annihilation of Caste: The Annotated Critical Edition. Navayana 2014, ISBN 978-8189059637. Englisch-amerikanische Ausgabe: Verso, London & Brooklyn 2014. ISBN 978-1-78168-831-1 (Print); ISBN 978-1-78168-832-8 (eBook USA); ISBN 978-1-78168-830-4 (eBook GB)
  • Capitalism: A Ghost Story. [Über die Auswüchse des globalisierten Kapitalismus in Indien]. Haymarket Books, Chicago 2014. ISBN 978-1-60846-385-5

Essays und Interviews[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Mann, Bernhard: Gebrochene Identitäten. Indische Sozialstruktur im “cultural lag”. Über: Arundhati Roy, Der Gott der kleinen Dinge. In: Studiengesellschaft für Sozialwissenschaften und Politische Bildung (Hrsg.) Sozialwissenschaftliche Umschau 2/2003. S. 53-59 ISSN 1610-3300

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Arundhati Roy – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Encyclopædia Britannica: Arundhati Roy (englisch)
  2. Arundhati Roy: The Doctor and the Saint. Volltext der Einführung in The Caravan, 1. März 2014 (englisch)
  3. Ana Lehmann: Geliebt, gehasst, gefürchtet - Arundhati Roy auf der Webseite der Deutschen Welle vom 8. März 2010
  4. Arundhati Roy: Arundhati Roy on Shekhar Kapur's Bandit Queen: The Great Indian Rape-Trick I. sawnet.org. 22. August 1994. Abgerufen am 11. April 2014.
  5. Arundhati Roy: Arundhati Roy on Shekhar Kapur's Bandit Queen: The Great Indian Rape-Trick II. sawnet.org. 23. September 1994. Abgerufen am 11. April 2014.