Spondylitis ankylosans

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Klassifikation nach ICD-10
M45 Spondylitis ankylosans
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
MRT einer Spondylitis des linken Kreuzbein-Darmbeingelenks

Die Spondylitis ankylosans (aus altgriechisch ἄγκυλος - gebogen, gebeugt; σπóνδυλος - Wirbel; latinisiert zu: Spondylitis ankylosans - „verbiegende/versteifende Wirbelentzündung“) oder Morbus Bechterew ist eine chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung mit Schmerzen und Versteifung von Gelenken. Synonyme sind Bechterewsche Krankheit (nach Wladimir Michailowitsch Bechterew, 1857–1927) oder Bechterew-Strümpell-Marie-Krankheit, ankylosierende Spondylitis, rheumatoide Spondylitis und Spondylarthritis ankylopoetica; das Wort Morbus ist die lateinische (medizinische) Bezeichnung für Krankheit. Morbus Bechterew gehört zur Gruppe der Erkrankungen der Wirbelsäulengelenke (Spondylarthropathien) und betrifft vorwiegend die Lenden- und Brustwirbelsäule und die Kreuz-Darmbeingelenke. Außerdem kann es auch zu Entzündungen der Regenbogenhaut des Auges und selten auch anderer Organe kommen.

Epidemiologie[Bearbeiten]

Die Spondylarthropathien, zu denen die ankylosierende Spondylitis als eine der häufigsten Vertreterinnen gehört, betreffen einer Studie an Berliner Blutspendern zufolge ca. 1,9 % der deutschen Bevölkerung (Prävalenz in Deutschland).[1] Viele der mit eher milden Symptomen einhergehenden Erkrankungen werden nie diagnostiziert, so dass nur eine Minderheit der geschätzten knapp 1,6 Millionen Menschen mit Spondylarthropathien in Deutschland davon wissen dürfte. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e. V.[2] spricht von 100.000–150.000 diagnostizierten Fällen in Deutschland. Früher dachte man, Männer seien dreimal so häufig betroffen wie Frauen. Heute weiß man, dass beide Geschlechter gleichermaßen betroffen sind. Infolge des meist viel milderen Verlaufs bei Frauen – zumindest was die Verknöcherung der Wirbelsäule betrifft – wird Morbus Bechterew bei Frauen jedoch seltener diagnostiziert. Die ersten Symptome treten bei Erkrankten in westlichen Industrienationen meist im jungen Erwachsenenalter (20–25 Jahre) auf, in fünf Prozent der Fälle liegt der Erkrankungsbeginn nach dem 40. Lebensjahr.

Ursachen[Bearbeiten]

Obwohl die Ursachen der Spondylitis ankylosans nicht vollständig bekannt sind, scheinen sie doch in einer Störung des Immunsystems zu liegen. Da nach der therapeutischen Hemmung des Tumornekrosefaktors-α (TNF-α) eine Linderung der Symptome eintritt,[3] liegt es nahe zu vermuten, dass dieser eine zentrale Rolle im Entstehungsprozess der Erkrankung spielt. Im entzündeten Kreuzbein-Darmbeingelenk treten T-Helferzellen (CD4+ T-Lymphozyten), cytotoxische T-Zellen (CD8+ T-Lymphozyten) und Fresszellen auf, außerdem erhöhte Konzentrationen von TNF-α, obwohl kein Auslöser hierfür feststellbar ist. Eine Ursache könnten jedoch autoimmunologische Phänomene gegen das im Knorpel vorhandene und für seine Elastizität mitverantwortliche Proteoglykan Aggrecan sein.[4] Gemeinsamkeiten in Antigenen von Proteoglykanen könnten die Verteilung der betroffenen Stellen im Körper erklären. Bei vielen Patienten treten außerdem im Blut erhöhte Antikörper-Titer gegen Enterobakterien auf, es gibt jedoch bisher keine Hinweise, dass diese eine Rolle im Krankheitsverlauf spielen.[5]

Eine Besonderheit ist die enge Assoziation der Erkrankung mit der Präsenz von HLA-B27, einem Histokompatibilitäts-Antigen-Subtyp von dem auf fast allen Körperzellen vorhandenen membrangebundenen Protein HLA-B (Human Leukocyte Antigen). Das HLA-B27-Gen liegt, wie die anderen Gene des MHC, auf dem kurzen Arm des sechsten Chromosoms. Das HLA-B27-Genprodukt gehört zur Klasse der MHC-Klasse-I-Proteine, welche Bruchstücke von intrazellulären Erregern (sog. Antigene) binden und an der Zelloberfläche präsentieren. Dessen je nach Ethnie verschieden häufiges Vorkommen steht in Beziehung zur Häufigkeit der Erkrankung. Es wird heute davon ausgegangen, dass die ankylosierende Spondylitis größtenteils genetisch bedingt ist, wobei das HLA-B27-Gen der mit Abstand am besten bekannte Marker, jedoch nicht die einzige auslösende genetische Ursache ist.[6] Das Risiko, am Morbus Bechterew zu erkranken, ist bei HLA-B27-Trägern gegenüber der Allgemeinbevölkerung um das Neunzigfache erhöht.[7]

Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass IgA-Antikörper, die gegen das Bakterium Klebsiella pneumoniae gerichtet sind, mit Komponenten des HLA-B27-Moleküls (genau: B*27-05 sowie davon abgeleitete Subtypen) kreuzreagieren, das heißt, dass Antikörper, die bei einer Abwehrreaktion gegen Klebsiella pneumoniae gebildet werden, sich nicht nur gegen dieses Bakterium, sondern aufgrund molekularer Mimikry auch gegen körpereigene Strukturen richten und damit eine Autoimmunreaktion, wie sie auch bei Spondylitis ankylosans auftritt, auslösen können.[8][9][10]

Pathologie[Bearbeiten]

Hauptvorgang bei Morbus Bechterew ist die Entzündung der Sehnenansätze, besonders an Becken und Wirbelsäule. Begleitet wird diese durch Ödeme und Schäden am Knochenmark, das dann verknöchert. Die Entzündung des Kreuzbein-Darmbeingelenks (Sakroiliitis) ist eine der ersten Erscheinungen. Betroffen sind dabei sowohl Sehnenansatz als auch Gelenkkapsel. Unterhalb des Gelenkknorpels bildet sich Granulationsgewebe, mit Infiltration durch Lymphozyten und Makrophagen. Die beschädigten Ränder der Gelenke werden zuerst durch Faserknorpel ersetzt, verknöchern dann aber, wodurch das Gelenk versteift wird. In der Wirbelsäule kommt es durch diesen Prozess zur Bildung von Knochenspangen (Syndesmophyten), die benachbarte Wirbel überbrücken. Dies führt zur Bildung der sogenannten Bambuswirbelsäule. Weitere Schäden an der Wirbelsäule sind Osteoporose, Abnutzung der Wirbelkörper an den Rändern und Entzündung mit anschließender Zerstörung der Übergänge zwischen Bandscheibe und Knochen.

Klinisches Bild[Bearbeiten]

Veränderungen der Halswirbelsäule bei Morbus Bechterew

Die ersten Symptome treten meistens in der späten Jugend oder im frühen Erwachsenenalter auf. Zuerst äußern sie sich in stumpfem Schmerz in der Lenden- und Gesäßregion. Dazu kommt oft morgendliche Steifheit, die sich mit Bewegung lindert bzw. nach Ruhephasen wiederkehrt. Innerhalb weniger Monate ist der Schmerz anhaltend und meist beidseitig.

Etwa 25 bis 35 % der Patienten klagen über Arthritis in Schulter-, Hüft- und Kreuzbein-Darmbeingelenk (Sakroiliitis). Dies tritt zumeist mit Bewegungseinschränkungen und Schmerzen auf. Arthritis in anderen Gelenken tritt bei 30 % der Patienten auf, häufig asymmetrisch. Es kommt zu schmerzhaften Entzündungen der Sehnenansätze (Enthesopathien). Besonders betroffen sind hier die Achillessehne, die Plantaraponeurose in der Fußsohle und Sehnenansätze an Oberschenkelknochen und Becken (Trochanteren, Sitzbein, Beckenkamm). Weiterhin verliert die Wirbelsäule durch knöcherne Überbauung der Zwischenwirbelbereiche durch Syndesmophyten an Mobilität.

Der Krankheitsverlauf ist sehr variabel: Er reicht von leichter Steifheit bis hin zur kompletten Verschmelzung der Wirbel mit damit einhergehender Bewegungseinschränkung des Oberkörpers, beidseitiger Arthritis des Hüftgelenks, Arthritis der Gelenke in den Gliedmaßen und Manifestationen außerhalb der Gelenke. In typisch verlaufenden unbehandelten Fällen treten charakteristische Veränderungen an der Haltung des Patienten auf. Die Lendenlordose (Vorwärtskrümmung) der Wirbelsäule verschwindet, die Gesäßmuskeln verkümmern (Atrophie) und die Kyphose (Rückwärtskrümmung) der Brustwirbelsäule wird ausgeprägter.

Eine schwerwiegende Komplikation der Erkrankung ist ein Knochenbruch innerhalb der Wirbelsäule. Die porösen Knochen können schon bei leichtem Trauma brechen, womit die Gefahr der Verletzung des Rückenmarks besteht.

Eine häufige Erscheinung der Spondylitis ankylosans außerhalb der Gelenke ist eine akute anteriore Uveitis (Entzündung der mittleren Augenhaut). Sie tritt zumeist nur auf einer Seite auf und ist begleitet von Lichtscheu und erhöhter Tränenproduktion. Begleiterscheinungen sind grauer und grüner Star. Bei einem Großteil der Patienten treten außerdem Entzündungen des Dickdarms und Krummdarms auf. Diese sind üblicherweise asymptomatisch. In fünf bis zehn Prozent der Fälle schreiten sie jedoch zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen fort. Seltenere Begleiterscheinungen sind Schädigungen der Lunge, eine Aorteninsuffizienz und andere Funktionsstörungen im Bereich des Herzens.

Diagnostik[Bearbeiten]

Der Zeitraum bis zur Diagnose beträgt nach Informationen der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB) im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre, in einigen Fällen jedoch bis zu 15 Jahre. Eine frühzeitige Diagnosestellung ist wichtig, um bleibende Verformungen des Bewegungsapparates zu vermeiden.

Die Diagnosestellung erfolgt auf Grund der Anamnese und der Erfüllung der Diagnosekriterien der ESSG (European Spondylarthropathy Study Group) aus dem Jahre 1991.[11][12] Diese sind entweder Wirbelsäulenschmerzen vom entzündlichen Typ oder Arthritis/Synovitis (Entzündung der Gelenkkapsel), entweder asymmetrisch oder an den unteren Extremitäten, sowie eines der folgenden Kriterien:

Am gebräuchlichsten sind weiterhin die modifizierten New-York-Kriterien 1984 der Spondylitis ankylosans:

  • Tiefsitzender Rückenschmerz und Steifigkeit >3 Monate, verbessert durch Bewegung
  • Eingeschränkte Beweglichkeit der LWS in sagittaler und frontaler Ebene
  • Limitierte Thoraxexkursion
  • Bilaterale Sakroiliitis Grad 2–4
  • Unilaterale Sakroiliitis Grad 3–4

Das Kreuzbein-Darmbeingelenk ist das „Schlüsselgelenk“ der Spondylitis ankylosans. Bei ca. 99 Prozent der Patienten gibt sich die Erkrankung radiologisch zuerst an den Kreuzbein-Darmbeingelenken zu erkennen. Charakteristisch ist eine bilaterale Kreuzbein-Darmbeingelenk-Arthritis mit dem Nebeneinander von Knochenabbau und -anbau, subchondralen Sklerosen und beginnender Ankylose (nativradiologische Graduierung 1–4). Eine gesicherte AS besteht, wenn eine unilaterale Sakroiliitis Grad 3–4 oder bilaterale Sakroiliitis Grad 2–4 und ein klinisches Kriterium bestehen. Laboruntersuchungen sind bei der AS weniger hilfreich. Nur in ca. 30–40 Prozent der Fälle finden sich Erhöhungen der Blutsenkungsreaktionen oder des C-reaktiven Proteins.

Mit der Erkrankung einhergehende Bewegungseinschränkungen können durch bestimmte einfache Untersuchungen genauer bestimmt werden (Schober-Maß, Ott-Maß, Menell-Zeichen, Kinn-Brustbein-Abstand, Hinterkopf-Wand-Abstand, Atemabhängige Änderung des Brustumfangs).

Differentialdiagnostisch muss Morbus Bechterew von anderen Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Osteoporose, Bandscheibenvorfall sowie bakteriellen Entzündungen und Tumorerkrankungen der Wirbelkörper unterschieden werden.

Laborbefunde[Bearbeiten]

Es gibt keinen eindeutigen Labortest für eine Spondylitis ankylosans. 90 % der Betroffenen haben das HLA-B27-Gen, allerdings kommt dieses Gen bei etwa 9 % der deutschen Bevölkerung vor. Das Vorkommen dieses Gens ist also lediglich ein Risikofaktor, der die Wahrscheinlichkeit zu erkranken erhöht, die große Mehrheit der Genträger bleibt jedoch gesund. In den Laboruntersuchungen zeigen sich Zeichen einer Entzündung, das heißt, die Erythrozytensedimentationsrate (Blutsenkungsgeschwindigkeit), die Konzentration des C-reaktiven Proteins und von Immunglobulin A sind erhöht, in schweren Fällen gelegentlich auch die Aktivität der alkalischen Phosphatase. Der Rheumafaktor ist negativ. Eine leichte Anämie kann vorhanden sein.

Bildgebende Verfahren[Bearbeiten]

In Röntgenbildern sind viele der Veränderungen des Bewegungsapparats sichtbar. Als Erstes kommt es normalerweise zu einer Sakroiliitis der Kreuzdarmbeingelenkfuge. Diese ist im Frühstadium des Morbus Bechterew auch der erste sichere Beleg, an dem die Diagnose Morbus Bechterew festgemacht wird.

In späteren Stadien kann es zu Knochenspangen zwischen benachbarten Wirbeln, Spondylarthritis und Verknöcherungen des Wirbelkörperbandapparates kommen. Die Verknöcherung der Wirbelsäule ist auf Röntgenbildern gut zu erkennen und wird wegen ihrer markanten Form auch als Bambuswirbelsäule bezeichnet. Im MRT (in der T2-Wichtung) ist eine Sakroiliitis schon Jahre eher erkennbar als im Röntgenbild.

Therapie[Bearbeiten]

Bewegung und Krankengymnastik[Bearbeiten]

Beim Morbus Bechterew ist es sehr wichtig, sich regelmäßig zu bewegen und systematisch Krankengymnastik und Dehnübungen wie Yoga und Pilates als Erweiterung zur Bechterew-Gymnastik durchzuführen, um die Gelenke beweglich zu halten und eine Hyperkyphose zu vermeiden. Dies kann für die Betroffenen oft sehr schmerzhaft sein. Damit kann jedoch die Beweglichkeit des Körpers oft ausreichend erhalten werden.

Medikamente[Bearbeiten]

Standardmäßig werden gegen die Schmerzen wie auch als kausale, antientzündliche Therapie nichtsteroidale Antirheumatika wie z. B. Indometacin oder Diclofenac eingesetzt, darüber hinaus bei bestimmten Formen Sulfasalazin. Außerdem sollen, Studien zufolge, Pamidronat, ein Bisphosphonat, Thalidomid (der Wirkstoff in Contergan, wirkt vermutlich auch durch Hemmung von TNF-α) und das radioaktive Isotop Radium 224 als Infusion wirksam sein.[13]

Seit 2003 ist das erste und einzige Rezeptorfusionsprotein Etanercept zugelassen, das nach dem körpereigenen Wirkprinzip funktioniert. Seit 2006 ist der erste vollständig humane monoklonale Antikörper Adalimumab zugelassen. Es handelt sich bei beiden um sogenannte TNF-α-Blocker, die die durch TNF-α vermittelten Entzündungsprozesse hemmen. Mit diesen teuren Präparaten werden in vielen Fällen gute Ergebnisse erzielt und es ist noch nicht abzusehen, wie sich die Prognose für betroffene Patienten durch die Anti-TNF-α-Therapie ändern wird, da noch keine Erkenntnisse über einen längeren Zeitraum als sechs Jahre vorliegen. Nachteile sind die hohen jährlichen Therapiekosten (bei Behandlung mit Etanercept und Adalimumab mehr als 20.000 €) und Nebenwirkungen, die aus der aggressiven Unterdrückung des Immunsystems resultieren. Hierzu gehört die Gefahr der (Re-)Aktivierung latenter Infektionen, z. B. einer Tuberkulose, demyelinisierende Erkrankungen, Störungen der Blutbildung und ein erhöhtes Risiko der Lymphombildung.[14]

Chirurgie[Bearbeiten]

Bei sehr weit fortgeschrittenen Erkrankungsstadien gibt es auch operative Therapieoptionen, wie die bereits versteifte Wirbelsäule in einer aufwändigen und komplikationsreichen Operation an mehreren Stellen zu „brechen“ und mit Metallplatten in einer aufrechteren Stellung zu fixieren (Spondylodese) oder aber eine Keilosteotomie.[15] Obwohl sich die Beweglichkeit der Wirbelsäule dadurch nicht verbessert, kann eine deutliche Steigerung der Lebensqualität die Folge sein, weil unter anderem das Blickfeld der Betroffenen deutlich größer wird. Bei Beteiligung der Hüftgelenke kann ebenfalls eine Operation mit Einsetzen einer Hüftprothese hilfreich sein.

Ergänzende Maßnahmen[Bearbeiten]

Alternative Therapien sind eine stärkefreie Diät, um das Bakterium Klebsiella pneumoniae im Dickdarm quasi 'auszuhungern', mit dem Ziel, dass sich der vom Immunsystem gebildete erhöhte Antikörper gegen Klebsiella nach und nach wieder reduziert.[16] Außerdem wird in verschiedenen Kurorten (z. B. Bad Kreuznach, Bad Gastein oder in den erzgebirgischen Heilbädern Bad Schlema und Sankt Joachimsthal) Radon zur Therapie verwendet. Dabei sollen die Radonbäder schmerzstillend und entzündungshemmend wirken und eine allgemeine Verbesserung der Lebensqualität zur Folge haben.[17][18]

Neue Erkenntnisse[Bearbeiten]

Ein neuer Ansatz wäre, das immunologische Gedächtnis des Knochenmarks auszuschalten. Entfernt man die Eosinophilen aus der Überlebensnische der Gedächtniszellen im Knochenmark, werden die Gedächtniszellen in die Apoptose (programmierter Zelltod) getrieben. Bei Autoimmunerkrankungen stellen Plasmazellen, die gegen körpereigene Strukturen gerichtete Antikörper bilden, die Ursache dar. Das Ausschalten durch gezieltes Entfernen der Eosinophilen wäre eine neue Therapiemöglichkeit.[19]

Prognose[Bearbeiten]

Der Krankheitsverlauf ist häufig schubweise und variiert zwischen verschiedenen Patienten. Einer Invalidisierung kann durch Bechterew-Gymnastik vorgebeugt werden. Bei Frauen verläuft Spondylitis ankylosans häufig milder, eine Versteifung der Wirbelsäule tritt hier seltener auf.

Der Einfluss der Spondylitis ankylosans auf die Lebenserwartung ist umstritten. Einige Studien – wenngleich nicht alle – legen nahe, dass eine Verkürzung der Lebenserwartung auftritt. Todesfälle im Zusammenhang mit Spondylitis ankylosans sind meist Folgen von Verletzungen des Rückenmarks, Ateminsuffizienz, Aorteninsuffizienz oder durch Nebenwirkungen der Behandlung wie Blutungen im oberen Verdauungstrakt bedingt.

Geschichtliche Aspekte[Bearbeiten]

Wirbelsäule mit Spondylitis ankylosans aus dem frühen 6. Jh., Gegend von Heilbronn; Landesmuseum Württemberg
Leonard Trasks The Wonderful Invalid.

Die Verknöcherung von Gelenken und Sehnenansätzen, insbesondere im axialen Skelett, als Hinweise auf eine Erkrankung an Spondylitis ankylosans wurde bereits an einer 5000 Jahre alten ägyptischen Mumie entdeckt.[20]

Der Anatom und Chirurg Realdo Colombo beschrieb 1559 eine Krankheit, deren Symptome ebenfalls auf Spondylitis ankylosans zutreffen[21], die erste Beschreibung der krankhaften Veränderungen an der Wirbelsäule erfolgte dann 1691 durch Bernard Connor.[22] Bei einem ähnlichen Patienten wurde 1818 durch Benjamin Brodie eine Entzündung der Regenbogenhaut dokumentiert.[22]

1858 veröffentlichte David Tucker eine Broschüre, in der er den Fall eines Patienten namens Leonard Trask beschreibt, der an einer schweren Missbildung der Wirbelsäule infolge von Spondylitis ankylosans litt.[23] Dies war der erste dokumentierte Fall von Spondylitis ankylosans in den USA.

Erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts (1893–1898) erfolgte die erste vollständige Beschreibung der Erkrankung durch Wladimir Bechterew in Russland im Jahre 1893[24], Adolf von Strümpell in Deutschland 1897[25] und Pierre Marie in Frankreich 1898.[26] Aus diesem Grund wird Spondylitis ankylosans auch als Morbus Bechterew oder Bechterew-Strümpell-Marie-Krankheit bezeichnet.

Die vergleichende Forschung zeigt eine hohe Korrelation der Spondylitis ankylosans mit dem chronischen Erysipeloid (Rotlauf) des Schweins. Diese Erkrankung wird durch Erysipelothrix rusiopathiae ausgelöst und führt bei chronischem Verlauf zu einem nahezu identischen Bild. Veterinärmedizinisch wird dies als Karpfen- oder „Fischwirbelsäule“ bezeichnet. Entsprechende Untersuchungen beim Menschen stehen noch aus. Untersuchungen an HLA-B27 positiven, transgenen Versuchstieren konnten zeigen, dass diese primär gnotobiotisch gehaltenen Tiere erst beim Kontakt mit der überall vorkommenden Mikroflora erkranken und das Vollbild des M. Bechterew entwickelten.

Literatur[Bearbeiten]

Fachliteratur[Bearbeiten]

  • Albrecht Falkenbach (Hrsg.): Morbus Bechterew. Beratung, Betreuung, Behandlung. Springer-Verlag, Wien u. a. 2005, ISBN 3-211-00808-X.
  • Wolfgang Miehle: Ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew). Rheumamed-Verlag, Samerberg 2006, ISBN 3-9810960-5-3.
  • Tinsley R. Harrison et al.: Harrison's Principles of Internal Medicine. 16th edition. Mcgraw-Hill Professional, New York NY 2005, ISBN 0-07-139140-1.

Patientenratgeber[Bearbeiten]

  • Paul Schmied, Heinz Baumberger: Morbus Bechterew. Der entzündliche Wirbelsäulen-Rheumatismus. Ein Leitfaden für Patienten und deren Angehörige, für Ärzte, Physiotherapeuten, Pflegepersonal und Sozialarbeiter. 3. Auflage. Urban & Fischer, München u. a. 2003, ISBN 3-437-45706-3.
  • Wolfgang Miehle: Spondylitis ankylosans – Morbus Bechterew. Informationen über Bewährtes und Neues für Diagnose und Therapie. Rheumamed-Verlag, Samerberg 2004, ISBN 3-9806607-2-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Spondylitis ankylosans – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. J. Braun, M. Bollow, G. Remlinger et al.: Prevalence of Spondylarthropathies in HLA-B27 positive and negative blood donors. Arthritis & Rheumatism 1998; 41: S. 58–67. PMID 9433870
  2. Morbus Bechterew e. V.
  3. J. Braun, J. Sieper: Therapy of ankylosing spondylitis and other spondyloarthritides: established medical treatment, anti-TNF-alpha therapy and other novel approaches. in: Arthritis Res. 2002;4 (5): S. 307–321. PMID 12223105
  4. J. Zou, Y. Zhang, A. Thiel, M. Rudwaleit, S. L. Shi, A. Radbruch, R. Poole, J. Braun, J. Sieper: Predominant cellular immune response to the cartilage autoantigenic G1 aggrecan in ankylosing spondylitis and rheumatoid arthritis. in: Rheumatology (Oxford). 2003 Jul;42(7): S. 846–855. PMID 12730543
  5. C. G. van Bohemen, A. J. Nabbe, H. S. Goei The, A. J. Dekker-Saeys, H. C. Zanen: Antibodies to Enterobacteriaceae in ankylosing spondylitis. In: Scand J Rheumatol. 1986;15(2): S. 143–147. PMID 3092349
  6. Mehr zu HLA-B27 (engl.): HLA B27 in health and disease: a double-edged sword?.
  7. Abul K. Abbas : Diseases of Immunity in Vinay Kumar, Abul K. Abbas, Nelson Fausto : Robbins and Cotran - Pathologic Basis of Disease, 7. Auflage, Philadelphia, 2005, S. 205
  8. Mehr zu Klebsiella pneumoniae vs. HLA-B27: M. Ogasawara, D. H. Kono, D. T. Yu: Mimicry of human histocompatibility HLA-B27 antigens by Klebsiella pneumoniae. In: Infection and immunity. Band 51, Nummer 3, März 1986, S. 901–908, ISSN 0019-9567. PMID 3512439. PMC 260984 (freier Volltext).
  9. T. Rashid, A. Ebringer: Anklyosing spondylitis is linked to Klebsiella-the evidence Springer, Clin Rheumatol (2007) 26: S. 858–864
  10. A. Ebringer, T. Rashid, C. Wilson, et al.: Ankylosing spondylitis, HLA B27 and Klebsiella-an overview: proposal for eraly diagnosis and treatment. Curr. Rheumatol. Rev. 2: S. 55–68, 2006
  11. M. Dougados, S. van der Linden, R. Juhlin, B. Huitfeldt, B. Amor, A. Calin, A. Cats, B. Dijkmans, I. Olivieri, G. Pasero et al.: The European Spondylarthropathy Study Group preliminary criteria for the classification of spondylarthropathy. Arthritis Rheum. 1991 Oct; 34( 10): S. 1218–1227. PMID 1930310
  12. Rheuma_online – ESSG-Kriterien der Spondarthriden
  13. Dennis L. Kasper et al.: Harrison's Principles of Internal Medicine, 16. Ausgabe 2005. Seite 1995 f.
  14. Wirkstoff aktuell 04/2006, eine Publikation der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (PDF; 82 kB)
  15. Studie zur Keilosteotomie bei Bechterew abgerufen am 10. Juni 2011
  16. A. Ebringer, C. Wilson: The use of a low starch diet in the treatment of patients suffering from ankylosing spondylitis. in Clin Rheumatol. 1996 Jan;15 Suppl 1: S. 62–66. PMID 8835506
  17. A. Falkenbach, J. Kovacs, A. Franke, K. Jorgens, K. Ammer: Radon therapy for the treatment of rheumatic diseases--review and meta-analysis of controlled clinical trials. in Rheumatol Int. 2005 Apr;25(3): S. 205–210. Epub 2003 Dec 12. PMID 14673618
  18. V. V. Barnatskii, V. D. Grigor'eva, E. N. Kaliushina: Current evaluation of efficacy of radon baths of various concentrations during rehabilitation of patients with seronegative spondylarthritis. in Vopr Kurortol Fizioter Lech Fiz Kult. 2005 Jul-Aug;(4): S. 13–17. PMID 16149410
  19. Erkenntnis zum immunologischen Gedächtnis entdeckt.
  20. A. Calin: Ankylosing spondilitis.. In: Clinics in Rheumatic Diseases. 11, 1985, S. 41–60.
  21. Pierre Marie: Benoist M. – Historical Perspective. In: Spine. 20, 1995, S. 849–852.
  22. a b Blumberg BS: ?. In: Arch Rheum. 1, 1958, S. 553.
  23. A Brief historical sketch of the life and sufferings of Leonard Trask, the wonderful invalid (1858). Abgerufen am 19. Februar 2013.
  24. W. Bechterew: Steifigkeit der Wirbelsaule und ihre Verkrümmung als besondere Erkrankungsform.. In: Neurol Centralbl. 12, 1893, S. 426–434.
  25. A. Strümpell: Bemerkung über die chronische ankylosierende Entzündung der Wirbelsäule und der Huftgelenke.. In: Dtsch Z Nervenheilkd. 11, 1897, S. 338–342.
  26. P. Marie: Sur la spondylose rhizomelique.. In: Rev Med. 18, 1898, S. 285–315.
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