Bolesław Bierut

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Bolesław Bierut (* 18. April 1892 in Rury Brigidkowskie, Russisches Kaiserreich; † 12. März 1956 in Moskau, UdSSR), war ein polnischer kommunistischer Politiker, der als Staatspräsident und Parteichef die Umgestaltung der Volksrepublik Polen nach dem Vorbild der stalinistischen Sowjetunion anstrebte.

Bierut 1950

Leben[Bearbeiten]

Görlitzer Abkommen: Wilhelm Pieck und Bolesław Bierut reichen sich über der Oder-Neiße-Grenze die Hände, Briefmarke der DDR von 1951
Mausoleum von Bierut

Bierut wurde 1892 als Sohn eines Dorflehrers im heute zu Lublin gehörigen Dorf Rury Brigidkowskie geboren und trat mit zwanzig Jahren in die sozialistische Splitterpartei „PPS-Lewica“ ein, die später in der kommunistischen Partei aufging. 1927 wurde er Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Polens. In der Zwischenzeit übte er mehrere Funktionen im linksgerichteten Konsumverein aus und weilte 1925–1926 und 1928–1930 in Moskau, wo er die Parteihochschule für kommunistische Kader besuchte. In dieser Zeit wurde er als Agent des sowjetischen Geheimdienstes GPU angeworben. [1] In den Jahren 1930–1932 war er als Funktionär der Kommunistischen Internationale in Bulgarien, der Tschechoslowakei und Österreich tätig.

1933 wurde er in Polen zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt, die er im Gefängnis von Rawicz verbüßte. 1938 wurde er jedoch begnadigt und entlassen. Der Gefängnisaufenthalt rettete ihm das Leben, denn er entging dadurch den stalinistischen Säuberungen 1936/38, bei denen ein Großteil der Mitglieder der relativ kleinen polnischen KP (etwa 30.000 Mitglieder bei einer Bevölkerung von 35 Millionen), soweit sie in die Sowjetunion emigriert war, liquidiert wurde.[2] Bis Kriegsbeginn 1939 arbeitete er als Büroangestellter in einer Warschauer Konsumgenossenschaft.

Um sich dem Dienst in der polnischen Armee zu entziehen, floh Bierut aus Warschau nach Ostpolen, das nach dem 17. September 1939 von der Roten Armee okkupiert wurde. Von dort begab er sich nach Kiew, wo er 1940 in die sowjetische KP eintrat. Im Jahre 1941 zog er nach Minsk und arbeitete dort während der Zeit der deutschen Okkupation beinahe zwei Jahre in der Stadtverwaltung, um seine Agententätigkeit für den sowjetischen Geheimdienst NKWD zu tarnen. Auf Stalins Befehl begab er sich 1943 ins deutsch besetzte Warschau und übernahm im Untergrund bald wichtige Funktionen im Zentralkomitee und Generalsekretariat der neu entstehenden polnischen Arbeiterpartei. [3]

Ab Dezember 1944 war er Vorsitzender des Landesnationalrates (KRN), der, gelenkt von Moskau, die kommunistische Machtübernahme in Polen vorbereiten sollte. Offiziell war Bierut parteilos, doch war er geheimes Mitglied des Politbüros der kommunistischen Arbeiterpartei. [4]

Im Juli 1945 gehörte er als KRN-Vorsitzender der polnischen Delegation bei der Potsdamer Konferenz an, neben dem in Moskau geschulten Ministerpräsidenten Edward Osóbka-Morawski, Außenminister Wincenty Rzymowski und Landwirtschaftsminister Stanisław Mikołajczyk, der bis 1944 Ministerpräsident der polnischen Exilregierung in London gewesen war.

Er wurde 1947 vom Sejm zum Staatspräsidenten gewählt. Unterstützt von den Geheimdiensten Moskaus gewann er den Machtkampf gegen Parteichef Władysław Gomułka, der 1948 wegen "rechtsnationalistischer Abweichung" aus der Partei ausgeschlossen und inhaftiert wurde. Bierut nahm seinen Platz an der Parteispitze ein. Um ihn entstand ein Personenkult nach dem Vorbild der Sowjetunion unter Stalin. Gleichzeitig ließ er den allgemeinen Terror gegen tatsächliche oder vermeintliche politische Gegner verschärfen. Das ganze Land wurde von einem Netz von Spitzeln der Geheimpolizei UB überzogen, die Dossiers über rund 5,2 Millionen Polen anlegten. Mehrere Hunderttausend Menschen wurden Opfer politischer Repressionen, Hunderte von Todesurteilen wurden vollstreckt, die von der Partei kontrollierte Justiz veranstaltete nach sowjetischem Vorbild Schauprozesse, rund 85 000 wurden zu Zwangsarbeit verurteilt. Folterung und Mordanschläge gehörten zum Alltag des UB. Bierut ließ die Kollektivierung der Landwirtschaft einleiten und führte einen Kampf gegen die katholische Kirche. [5]

1952 wurde mit der offiziellen Umbenennung der Republik Polen in „Volksrepublik“ das Präsidentenamt abgeschafft, Bierut ersetzte Józef Cyrankiewicz als Vorsitzenden des Ministerrates. 1954 gab er das Amt des Regierungschefs wieder an Cyrankiewicz ab.

Im Februar 1956 fuhr Bierut nach Moskau, um an den Beratungen des XX. Parteitags der KPdSU teilzunehmen. Nachdem er Nikita Chruschtschows Geheimrede über den Personenkult und Stalins Verbrechen gehört hatte, erlitt er einen Herzanfall und verstarb zweieinhalb Wochen später in Moskau.[6] Er erhielt ein Staatsbegräbnis und ein Mausoleum auf dem Powązki-Militärfriedhof in Warschau. Schon bald nach seinem Tod verbreitete sich in Polen die Version, er sei ermordet worden, weil die neue Kremlführung unter Chruschtschow seinen stalinistischen Kurs abgelehnt habe. Wie sein Sohn Jahrzehnte später mitteilte, ist er indes an Nierenversagen gestorben.[7]

Bierut-Dekrete[Bearbeiten]

Die nach ihm von den deutschen Vertriebenenverbänden so genannten Bierut-Dekrete[8] stellten, ähnlich wie die Beneš-Dekrete in der ehemaligen Tschechoslowakei, die nach der Potsdamer (Berliner) Konferenz der drei großen Siegermächte 1945 vertraglich zum „Recht“ erhobenen Umsiedlungen, Vertreibungen und Enteignungen der deutschen Bevölkerung in Ostpreußen, Schlesien, Pommern und Ost-Brandenburg unter Straffreiheit.

Literatur[Bearbeiten]

  • Czesław Kozłowski: Namiestnik Stalina. Warschau 1993.
  • Izabella Main: President of Poland or „Stalin’s most faithful Pupil“? The Cult of Boleslaw Bierut in Stalinist Poland, in: Balazs Apor unter anderem (Hrsg.): The Leader Cult in Communist Dictatorships. Stalin and the Eastern Bloc. New York 2004, S. 179–193.
  • Anne Applebaum: Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944-1956. Siedler, München 2013.
  • Boleslaw Bierut, in: Internationales Biographisches Archiv 20/1956 vom 7. Mai 1956, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bolesław Bierut – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Piotr Gontarczyk: Polska Partia Robotnicza. Droga do władzy 1941-1944. Warschau 2006, S. 311.
  2. Andrzej Paczkowski, Polen, der „Erbfeind“, in: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Red. Ch. Ronsac. München/Zürich 1998, S. 400-401.
  3. Słownik biograficzny Europy Środkowo-Wschodniej XX wieku. Warschau 2004, S. 111.
  4. Słownik biograficzny, a.a.O. S. 111.
  5. Andrzej Paczkowski, a.a.O., S. 418-421.
  6. http://images.zeit.de/text/2006/08/A-Geheimrede
  7. http://wiadomosci.onet.pl/kraj/tajemnicza-smierc-b-prezydenta-polski-syn-przerwal,1,5212975,wiadomosc.html
  8. Brigitte Jäger-Dabek: Polen: eine Nachbarschaftskunde für Deutsche. Ch. Links Verlag, 2006, ISBN 386153407X, S. 118.