Das Erdbeben in Chili

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Erdbeben in Chili ist eine Novelle von Heinrich von Kleist, die er vermutlich im Jahr 1806 verfasst hat. Sie wurde zunächst 1807 in CottasMorgenblatt für gebildete Stände“ unter dem Titel Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647 veröffentlicht. 1810 erschien sie erneut unter dem nun bekannten Titel im ersten Band der Erzählungen.[1]

Hintergrund[Bearbeiten]

Während das Erdbeben von 1647 in Santiago de Chile (bei Kleist „St. Jago, [die] Hauptstadt des Königreichs Chili“) die historische Vorlage für den Text bietet, ist ideengeschichtlich vor allem das Lissabonner Erdbeben von 1755 für Kleist Anlass gewesen.[2][3] Auch andere zeitgenössische Philosophen und Dichter, wie Poe, Voltaire, Rousseau und Kant, verwendeten dieses Thema, um unter anderem das Theodizeeproblem zu diskutieren. Die Theodizee, die Frage also nach einem allmächtigen und guten Gott angesichts von Leid und Ungerechtigkeit in der Welt, wurde in der Aufklärung prominent von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) behandelt, der zum Schluss kam, die existierende Welt sei die bestmögliche Welt. Das Erdbeben von Lissabon stellte diese Formulierung erneut stark in Zweifel. Neben der Theodizee-Debatte ist auch noch der Diskurs über den Naturzustand bedeutsam für Kleists Gedankengang. Rousseaus These, dass in einer ursprünglichen, eigentumslosen Urgesellschaft der Mensch edel und gut sei, forderte die traditionelle Auffassung des von Geburt an bösen Menschen (Erbsünde) heraus:

„Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben; […] Man bewundere die menschliche Gesellschaft, soviel man will, es wird deshalb nicht weniger wahr sein, dass sie die Menschen notwendigerweise dazu bringt, sich in dem Maße zu hassen, in dem ihre Interessen sich kreuzen, außerdem sich wechselseitig scheinbare Dienste zu erweisen und in Wirklichkeit sich alle vorstellbaren Übel zuzufügen.“[4]

Rousseaus These war, dass der Mensch, wenn er in den Naturzustand zurückkehre, wieder moralisch gesunden werde. Dies wurde kontrovers debattiert und heftig von kirchlicher und konservativer Seite abgelehnt. Kleists Erzählung ist sowohl eine Antwort auf die Frage nach der Theodizee als auch auf die Frage nach dem natürlichen Gut-Sein des Menschen.

Konkreter auf die Biographie Kleists bezogen war der Hintergrund die Niederlage Preußens im Krieg gegen Frankreich 1806 (Schlacht von Jena und Auerstedt), verbunden mit einer katastrophalen, kurzzeitigen Außerkraftsetzung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Kleist verfasste die Arbeit wahrscheinlich in seiner Königsberger Zeit (Mai 1805 bis August 1806). Er war von Januar bis Juli 1807 in französischer Kriegsgefangenschaft; während dieser Zeit vermittelte sein Freund Otto August Rühle von Lilienstern (1780–1847) das Werk an den Verleger Cotta. Das Erdbeben in Chili war die erste gedruckte Erzählung Kleists.[5]

Man hat auch versucht, die Novelle als „Geschichtsphilosophie des Poetischen“ zu lesen, „die auf die politische Verarbeitung der Revolution [von 1789] antwortet“.[6]

Literarische Vorlage[Bearbeiten]

Das Grundgerüst der Handlung geht auf den Roman Les Incas. Ou la Destruction de l'Empire du Pérou (1777) von Jean-François Marmontel zurück; dort ist es Alonzo Molina, ein spanischer Konquistador, der eine eingeborene, der Sonnengottheit geweihte Jungfrau, Cora, begehrt. Molina will in Peru die Indios zum Christentum bekehren und sie vor Plünderungen seitens der Konquistadoren schützen; aber erst durch ein Erdbeben, das den Tempel, in dem Cora festgehalten wird, zerstört, kommen beide zusammen. Cora wird schwanger; als dies erkannt wird, soll sie hingerichtet werden, denn sie hat gegen das Keuschheitsgelübde verstoßen. Molina stellt sich dem Gericht und hält ein Plädoyer für christliche Vergebung und die Gestattung von natürlichen Gefühlen, wie der Liebe zu Cora. Die Indios werden davon überzeugt, Alonzo und Cora heiraten; doch bei einem Überfall der Konquistadoren unter Pizarro fällt Alonzo, Cora stirbt mit ihrem Kind auf dem Grab ihres Mannes vor Gram.[7]

Die Erzählung[Bearbeiten]

Figuren[Bearbeiten]

  • Don Henrico Asteron, Vater von Donna Josephe
  • Donna Josephe Asteron, Tochter des adligen und reichen Don Asteron
  • Jeronimo Rugera, bürgerlicher Hauslehrer und Geliebter der Donna Josephe
  • sein Vater, der ihn während der Massenhysterie erschlägt
  • Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten von St. Jago, Freund von Josephe und Jeronimo
  • Donna Elvire, Frau des Don Fernando und Mutter des Sohnes Juan
  • Meister Pedrillo, Schuhmacher, welcher zum Mord an Josephe und Jeronimo hetzt
  • Juan, Sohn von Don Fernando Ormez und Donna Elvire
  • Philipp, Sohn von Josephe und Jeronimo
  • Donna Constanze, gehört zur Gemeinschaft um Don Fernando
  • der Chorherr, der in seiner Predigt zur Lynchjustiz auffordert
  • der Erzbischof, der Josephe vor den Scharfrichter stellen lässt
  • die Äbtissin, die Josephe aufnimmt und sich für sie verwendet
  • der Vizekönig, der Josephes Enthauptung anordnet

Die Konfiguration weist Jeronimo und Josephe sowie die Figuren um Don Fernando als Protagonisten und die Vertreter der Institutionen Kirche, Staat, Familie und des Volkszornes als Antagonisten aus. Bei den Protagonisten findet allerdings vom ersten zum dritten Hauptteil eine Verschiebung statt: „Jeronimo und Josephe, die beherrschenden Hauptfiguren“ des ersten Teils, „treten hinter der Gestalt Don Fernandos zurück“, der zum „göttlichen Helden“ aufgebaut wird.[8]

Handlung[Bearbeiten]

[9]Der Hauslehrer Jeronimo verliebt sich in seine Schülerin Josephe. Diese erwidert seine Liebe und beide befinden sich in einem „zärtlichen Einverständnis“ (Seite 679, Z. 10). Die Warnungen des Vaters beachten die beiden nicht, und Jeronimo wird daraufhin entlassen und die Tochter in ein Kloster gesteckt. Obwohl Jeronimo ohne Beschäftigung und Einkommen ist, bricht er den Kontakt zu Josephe nicht ab, und es kommt im Klostergarten zur körperlichen Vereinigung, die Kleist mit „vollen Glückes“ (Seite 679, Z. 17f.) umschreibt. Das hierbei gezeugte Kind wird am Fronleichnamsfest geboren. Josephe wird ins Gefängnis eingeliefert und ihr wird trotz „sonst untadelhaften Betragens“ (Seite 679, Z. 31) auf Befehl des Erzbischofs der Prozess gemacht. Durch den Machtspruch des Vizekönigs wird sie zum Tode durch Enthaupten verurteilt. Auch Jeronimo wird ins Gefängnis gesteckt; die Nachricht über das Todesurteil für seine Geliebte lässt ihn fast „die Besinnung verlieren“ (Seite 679, Z. 42). Sein folgender Fluchtversuch bleibt erfolglos. Gottesgläubig bittet er die heilige Mutter Gottes um Rettung für die zur Todesstrafe Verurteilte. In der „völligen Hoffnungslosigkeit seiner Lage“ (Seite 680, Z. 8) beschließt er verzweifelt, am Hinrichtungstag der Geliebten sein Leben durch Erhängen zu beenden. Hierbei wird er jedoch durch das Erdbeben überrascht und ist „starr vor Entsetzen“ (Seite 680, Z. 18). Die Mauern des Gefängnisses stürzten ein, und er kann flüchten. Er läuft durch die zerstörte Stadt, und überall begegnen ihm Zerstörung und Tod. Außerhalb der Stadt hält er an und bricht ohnmächtig aufgrund des Leides und der Anstrengung zusammen. Als er wieder erwacht, fühlt er sich zufrieden und dankt „Gott für seine wunderbare Errettung“ (Seite 681, Z. 13). Erst danach fällt ihm wieder Josephe ein, und er geht zurück in die Stadt, um sie zu suchen. Dort fragt er die Leute, ob die Hinrichtung vollzogen worden sei. Nachdem er die Antwort erhält, dass dies der Fall sei, „überließ (er) sich seinem vollen Schmerz“ (vgl. S. 681, Z. 33) und begreift nicht, warum gerade er gerettet wurde. Er wünscht, „dass die zerstörende Gewalt der Natur“ (Seite 681, Z. 34f.) von neuem über ihn einbrechen möchte. Da dies aber nicht geschieht, setzt er seine Suche fort und findet außerhalb der Stadt in einem lieblichen Tal Josephe und ihr gemeinsames Kind an einer Quelle. Selig umarmen sich die Liebenden und danken Maria für das Wunder der Errettung.

Josephe erzählt Jeronimo, dass auch ihr durch den Einsturz der Gebäude die Flucht gelang und sie danach zum Kloster ging, wo ihr Knabe war, und dort rettete sie „unverschrocken durch den Dampf“ (Seite 682, Z. 2, 21) das Kind aus dem zusammenfallenden Gebäude. Mit diesem lief sie dann zum Gefängnis, doch auch dieses war zerstört und Jeronimo nicht zu finden. So hetzte sie weiter durch die Stadt. Dort sah sie die Leiche des Erzbischofs und dass der Palast des Vizekönigs und das Gerichtsgebäude in Flammen standen. Sie ging weiter, bis sie in das Tal außerhalb der Stadt kam und dort nun wieder mit ihrem Geliebten zusammentraf.

Die beiden fühlten sich an diesem Orte „als ob es das Tal von Eden …“ (Seite 683, Z. 10) wäre. „Wieviel Elend mußte über die Welt kommen,“ (vgl. S. 683, Z. 34) damit sie endlich glücklich wurden? Unter vielen Küssen schlafen sie ein. Am nächsten Morgen tritt ein junger Mann, Don Fernando, mit einem Kleinkind zu ihnen und bittet Josephe, ob sie dem Kind nicht kurz die Brust geben könne, da die Mutter schwer verletzt sei. Josephe erfüllt den Wunsch, und als Gegenleistung werden sie von der Familie des jungen Mannes zum Frühstück eingeladen. Von allen werden sie „mit so vieler Vertraulichkeit und Güte behandelt“ (Seite 684, Z. 24), dass sie nicht mehr wissen, ob sie von der schrecklichen Vergangenheit nur geträumt haben. Es wird von den schlimmen Zuständen in der Stadt erzählt, und dass durch das große Unglück die Standesunterschiede verschwunden seien, da alle das Gleiche durchgemacht hätten. Jeronimo und Josephe entschließen sich, beim Vizekönig um ihr Leben zu bitten.

Als sich die Nachricht verbreitet, dass in der einzig erhaltenen Kirche eine Dankmesse gefeiert werden soll, entschließen sich auch Josephe und Jeronimo, entgegen der Warnungen von Donna Elisabeth, daran teilzunehmen. In der Kirche predigt der älteste der Chorherren und sieht das Erdbeben als Strafe Gottes für „das Sittenverderbnis der Stadt“ (Seite 687, Z. 40). Auch erwähnt er den Frevel, der im Klostergarten stattgefunden hat. Weiterhin übergibt er die Seelen der Täter „allen Fürsten der Hölle“ (Seite 688, Z. 2). Die Kirchenbesucher erkennen die Schuldigen und fordern ihre Bestrafung. Hierbei kommt es zu einem Tumult, und Don Fernando wird mit Jeronimo verwechselt; sein Tod wird gefordert. Daraufhin gibt sich Jeronimo mutig zu erkennen. Es gelingt ihm und Josephe sowie der Familie Don Fernandos, die Kirche mit den Kindern wieder zu verlassen. Doch davor wartet bereits der Mob, und Jeronimo wird von seinem eigenen Vater mit einer Keule erschlagen. Auch die Schwägerin von Don Fernando, Donna Constanze, wird ein Opfer der Masse. Josephe stürzt sich mit den Worten: hier mordet mich, ihr blutdürstenden Tiger! (Seite 689, Z. 38) in die Menge. Don Fernando verteidigt sich mit einem Schwert und tötet einige Angreifer. Doch es gelingt dem Anführer, Meister Pedrillo, den kleinen Sohn von Don Fernando an sich zu reißen und ihn „an eines Kirchpfeilers Ecke“ (Seite 690, Z. 2f.) zu schmettern. Daraufhin ziehen sich alle zurück und entfernen sich. Die Leichen werden fortgeschafft; Don Fernando und seine Frau Donna Elvira nehmen, da ihr Sohn getötet wurde, den Sohn von Josephe und Jeronimo als Pflegesohn an.

Aufbau[Bearbeiten]

Die Erzählung besteht aus drei Teilen:

  • Die Vorgeschichte bis zum Tag der geplanten Hinrichtung und der Naturkatastrophe
  • Das idyllische Tal, Gemeinschaft der Menschen über Klassengrenzen hinweg
  • Dankgottesdienst und Lynchmorde

Doch diese Struktur ist nur vordergründig klar und einfach aufgebaut. Kleists zentrale Denkfigur ist nicht dialektisch, im Sinne von These – Antithese – Synthese, sondern antagonistisch. Jede Schilderung in der Erzählung findet ihre Überführung ins Gegenteil: So wird der Selbstmord Jeronimos durch ein todbringendes Erdbeben verhindert, der Dankgottesdienst wird zu einer Hassorgie. Die Erzählung ist geprägt von Kippfiguren und einem Ineinander von Rettung und Vernichtung. Dieses Ineinanderfallen von Widersprüchen, Gegensätzen prägt das kleistsche Denken seit seiner Studienzeit, wird aber ausformuliert vor allem in der Schrift Allerneuester Erziehungsplan aus den Berliner Abendblättern, die Kleist 1810 veröffentlichte. Ein durchgängig beibehaltenes Deutungsmuster ist so für den Leser nicht möglich, vielmehr bricht Kleist mehrfach mit den Erwartungen an den Text und den literarischen Konventionen, ein Grund, warum der Text bis heute, und vor allem in der aktuellen Forschung, eine derartig große Rezeption erfährt.

Bei genauerer Lektüre jedoch erkennt man in der groben Dreiteilung der Handlung den klassischen fünfteiligen Aufbau des Regeldramas: I. Vorgeschichte und Vorbereitung der Hinrichtung bzw. des Selbstmordes, II. „Peripetie“, in der „die zerstörerische Gesellschaft durch die hereinberechende Naturkatastrophe nun selbst zerstört wird, während ihre geschundenen Opfer Rettung finden“, III. der „Mittelteil, der Ausgleich und Versöhnung anzukündigen scheint“, IV. eine erneute Wendung, aber diesmal eine „Peripetie zum Schlimmen“, der Aufbruch zur Kirche, und V. die Katastrophe mit der „infernalischen Haßpredigt [und der anschließenden] mörderischen Massenhysterie“.[10]

Sprache und Erzählweise[Bearbeiten]

Charakteristisch für Kleist ist der Anfangssatz, der nüchtern-sachlich einen dramatischen Zustand umschreibt und dabei aus erzählerischer Sicht keine emotionale Beteiligung erkennen lässt. Dieser Stil kennzeichnet Kleists Werk seit der Königsberger Zeit, als er als Beamter zu Gericht in Akten häufig eine solche klare und raffende Schreibart lesen und selbst gebrauchen musste. In der gesamten Erzählung bleibt der Erzähler ohne Deutung oder emotionaler Ergriffenheit, selbst bei grausamen Szenen. Hingegen wird die chaotische Situation, etwa bei der Ermordung durch den Mob, sprachlich virtuos umgesetzt: Don Fernando, als er Constanzens Leichnam erblickte, glühte vor Zorn; er zog und schwang das Schwert, und hieb, daß er ihn gespalten hätte, den fanatischen Mordknecht, der diese Gräuel veranlaßte, wenn derselbe nicht, durch eine Wendung, dem wütenden Schlag entwichen wäre. Der turbulenten Situation des Kampfes entspricht hier die wilde Abfolge von Haupt- und Nebensätzen in zum Teil großangelegten Konstruktionen. Des Weiteren sind scheinbar lapidare Nebenbemerkungen wichtig, die Signalwirkung für den Leser haben und daher bei einer Deutung von immenser Bedeutung sind: Etwa wenn es zur Einleitung des zweiten Teils der Erzählung heißt, als die Nacht hereinbricht: wie nur ein Dichter davon träumen mag, dann ist das eine konkrete Infragestellung der geschilderten Realität. Kleist schreibt häufig hintersinnig und ironisch, eine Tatsache, die bei der Interpretation seiner Werke nie zu vernachlässigen ist .

Deutung[Bearbeiten]

Alle Interpretationen sind wegen der fehlenden Deutung durch einen Erzähler an die Perspektive der Figuren gebunden, was die Komplexität der Deutungsmöglichkeiten erhöht. Die Erzählung ist eine Reaktion auf das Erdbeben von Lissabon 1755, das eine Debatte der Theodizee auslöste und insbesondere den Optimismus der Aufklärung und den Deismus in Frage stellte. Vor allem Voltaire und Rousseau führten einen Diskurs über die Katastrophe. Kleists Standpunkt ist radikal anders als bisherige Stellungnahmen, indem er nicht versucht, Gott zu rechtfertigen oder die Naturkatastrophe zu erklären, sondern auf einer Metaebene die Deutungen der Katastrophe selbst kritisiert. Die Menschen, die die Katastrophe nur auf die beiden unglücklich Liebenden als Auslöser reduzieren und sich anmaßen, Gottes Willen erkennen zu können, sind im Text als fanatische Mörder entlarvt. Gott ist nicht rational erklärbar laut Kleist, und alle Deutungen von Naturkatastrophen als Strafe für individuelles Fehlverhalten decken nur die menschliche Hybris auf, und nicht mehr. Die Frage nach einem gerechten und guten Gott angesichts des Leidens der Menschen nach dem Erdbeben lässt Kleist in Aporie enden. Für ihn ist die Deutung des Erdbebens metaphysisch nicht möglich, und die sich neu formierende Gesellschaft in der Kirche, die versucht, einen Schuldigen zu finden und Gott einer Erklärung zu unterwerfen, endet in Wahnsinn und Irrationalität. Für Kleist ist Gott nicht erklärbar, nicht begreifbar und nicht fassbar. Gott und Aufklärung, so muss man im Sinne dieses Werkes folgern, sind nicht zusammen denkbar.

Günter Blamberger schreibt in seiner Biographie über Kleist zu Das Erdbeben in Chili: Trügerisch ist es, an den Bestand des Programms von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu glauben. Die Gemeinschaft der Erdbebenopfer im idyllischen Tal hält nicht länger als die Gesellschaftsutopie der Französischen Revolution, danach ist der Mensch wieder ein Wolf.[11] Das heißt, folgt man der Interpretation Blambergers, dass der Umsturz der Verhältnisse laut Kleist keine Rückkehr zum Naturzustand möglich macht, sondern nur eine kurze Unterbrechung der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen darstellt. Einerseits scheint durch das „egalitäre Nachtlager wie in Hölderlins Archipelagus [...] eine Basisutopie einer egalitären As-Sociation“ auf, das „Modell einer neuen As-Sociation, die neue gesellschaftliche Regeln begründen kann“.[12] Diese Utopie wird aber durch den Gang der Ereignisse dementiert und allenfalls am Ende der Erzählung in einem Detail rehabilitiert: „Die Adoption des natürlichen Kindes statt des verlorenen eigenen läßt [die Novelle] versöhnlich, viele haben gemeint: utopisch, ausklingen.“ Darin „könnte man in der Tat ein Versprechen auf Bewahrung dessen sehen, was in der idyllischen Vision aufgegangen war.“[13]

Einen anderen Interpretationsansatz liefert Friedrich Kittler: Der schon erwähnte dreiteilige Aufbau der Novelle führt „von einer Anfangskatastrophe, die – etwa beim Zusammenbruch der Kerkermauern – mit ingenieursmäßiger Präzision beschrieben wird, über ein Arkadien, das seinen Kindern keine psychischen Gefühle und philosophischen Deutungen gestattet, zu einer Schlußkatastrophe, die mit dem kalten Blick des Kriegstechnikers gesehen ist.“[14] Danach enthält die Erzählung eine Kritik am bürgerlichen Bildungsdiskurs um 1800 mit den Konzepten von Familie als der „heiligen Familie aus Kind, Mutter, Vater“[15], Familialismus und Mütterlichkeit und fokussiert schließlich die „Techniken und Waffen des Todes“ bzw. des „Volkskrieges“, für die es ein historisches Pendant im 1813 durch den König von Preußen erlassenen Landsturmedikt gibt.[16]

Eine weitere, autoreflexive Bedeutungskomponente wird angesprochen, wenn wie oben erwähnt eine „Geschichtsphilosophie des Poetischen“ ausgemacht wird. Eine Reihe von Substitutionen charakterisiert die Novelle, „die Zufall durch Deutung, Kontingenz durch Kohärenz, Ereignis durch Sprache und Geschehen durch Geschichte ersetzt und diese Ersetzung zugleich scheitern läßt“.[17]

Veröffentlichung und Gattungsfrage[Bearbeiten]

Kleist schrieb seine Erzählung 1806 in Königsberg, veröffentlicht wurde sie im darauf folgenden Jahr in der prominenten Zeitung Morgenblatt für die gebildeten Stände, die mehrfach pro Woche erschien und große Wirkung auf die literarische Kultur Deutschlands hatte, von Johann Friedrich Cotta. 1810 wurde die Erzählung in dem Band „Erzählungen“ veröffentlicht. Ursprünglich sollte dieser Band „Moralische Erzählungen“ betitelt werden. Kleists Text sollte damit in eine bestimmte literarische Traditionslinie gestellt werden, nämlich die der französischen Moralisten. Diese Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts beschrieben die Sitten (morales) der Zeitgenossen, um ein kritisches Bild der Umwelt zu zeichnen, nicht um eine besondere normative Ethik zu propagieren. Kleists Intention ist also die Moralistik. Kleist schildert ein bestimmtes Menschenbild und das Ringen um eine religiöse Deutung in einer irrationalen Welt, die sich jeder Deutung entzieht. Kleists Text ist der Gattung der Novelle zuzuordnen, allerdings sind die kleistschen Novellen von eigener Art und nicht vorgeprägt durch eine starke Verregelung, wie später geschehen bei Theodor Storm und Paul Heyse. Kleists Novellen sind auf ihre Weise Vorläufer der modernen Kurzgeschichte. Die Novelle ist keine Gattung aus der Antike, sondern entwickelte sich erst ab der Renaissance heraus, eminent bei Giovanni Boccaccio (1313–1375) und seinem Werk Decamerone. Wie bei Kleist haben die Novellen Boccaccios ihren Ursprung und ihren Ausgangspunkt in der Katastrophe. Im Decamerone ist es die Pest, bei Kleist das Erdbeben. Beide Katastrophen lösen die gesellschaftlichen Zwänge und führen zu einer sittlichen Enthemmung. Kleist nutzt diese Extremsituationen immer wieder, um in ihnen wie unter einem Brennglas die Bedingungen menschlicher Sitten zu sezieren.

Adaption für Film, Bühne und Oper[Bearbeiten]

Verfilmung[Bearbeiten]

Die Erzählung wurde von Helma Sanders-Brahms 1975 für das ZDF in einer Fernsehversion verfilmt. Sowohl das Drehbuch als auch die Regie wurden von Sanders-Brahms übernommen.

Bühnenfassungen[Bearbeiten]

2011 wurde in Dresden der Stoff unter der Regie von Armin Petras dramatisiert.[18] Im Hessischen Staatstheater Wiesbaden inszenierte Tilman Gersch ebenfalls 2011 eine Bühnenversion der Erzählung.[19]

Opern-Bearbeitungen[Bearbeiten]

Kleists Novelle wurde mehrfach für das Musiktheater bearbeitet, aber sehr erfolgreich war keine dieser Opern.

  • Rozsudok (Das Verdikt nach Heinrich von Kleists Das Erdbeben in Chili 1976–78), Oper von Ján Cikker, slowakischer Komponist (1911–1989). Die Deutsche Erstaufführung fand 1981 am Staatstheater Braunschweig in Anwesenheit des Komponisten statt; sie wurde zur „Inszenierung des Monats“ von der Opernzeitschrift Orpheus International gewählt, musikalische Leitung: Heribert Esser, Inszenierung: Michael Leinert.

Hörspielfassungen[Bearbeiten]

Daneben existieren mittlerweile auch eine Reihe von Hörbuch-Bearbeitungen, von denen die meisten erst in den letzten Jahren entstanden sind. Eine frühe Hörbuchadaption wurde allerdings bereits 1954 für den Hessischen Rundfunk nach einer Bearbeitung von Curt Langenbeck und Kompositionen von Werner Zillig unter der Regie von Walter Knauss erstellt.

Literatur[Bearbeiten]

Primärliteratur[Bearbeiten]

  • Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili. In: Heinrich von Kleist: Erzählungen. Mit Einleitung, Nachwort und einem Verzeichnis der Setzfehler versehen und herausgegeben von Thomas Nehrlich. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1810/11. Hildesheim: Olms 2011. 2 Bde. Bd. 1, S. 307–342.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Suzan Bacher, Wolfgang Pütz: Heinrich von Kleist: 'Die Marquise von O.'/'Das Erdbeben in Chili'. Lektürehilfen inklusive Abitur-Fragen mit Lösungen. Klett Lerntraining, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-12-923055-8.
  • Friedrich A. Kittler: Ein Erdbeben in Chili und Preußen. In: Wellbery, Positionen der Literaturwissenschaft, S. 24–38
  • Jürgen Link: Von der Denormalisierung zu kulturrevolutionären Drives? In: kultuRRevolution Nr. 61/61 (2011/2012), S. 12–18. ISSN 0723-8088
  • Norbert Oellers: Das Erdbeben in Chili. In: Walter Hinderer (Hrsg.): Kleists Erzählungen. Reclam, Stuttgart.
  • Wolfgang Pütz: Heinrich von Kleist: ‚Texte und Materialien‘. (Themenhefte Zentralabitur). Klett, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-12-347494-1.
  • Hans-Georg Schede: Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili. C. Bange, Hollfeld 2010, ISBN 978-3-8044-1811-0. (Königs Erläuterungen und Materialien, Bd. 425)
  • Jochen Schmidt: Heinrich von Kleist. Studien zu seiner poetischen Verfahrensweise, Tübingen 1974, ISBN 3-484-10213-6.
  • Helmut J. Schneider: Der Zusammensturz des Allgemeinen. In: Wellbery, Positionen der Literaturwissenschaft, S. 110–129
  • David E. Wellbery (Hrsg.): Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists 'Das Erdbeben in Chili' . Beck, München 1985, 2., durchgeseh. Aufl. 1987, ISBN 3-406-305229.
  • Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2011, ISBN 978-3-10-007111-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anmerkungen des Herausgebers, in: Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, Hrsg. Helmut Sembdner, München 1993. Band II, S. 902
  2. Interpretation zu Kleist
  3. Werke: Das Erdbeben in Chili
  4. Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen. (Reclam, 1998, S. 115 ff., Anmerkung IX)
  5. PDF als Material einer Lehrerfortbildung, basierend auf einen Vortrag von Prof. Lutz Hagestedt. Abgerufen am 30. April 2012
  6. Helmut J. Schneider, Der Zusammensturz des Allgemeinen. In: Wellbery, Positionen der Literaturwissenschaft, S. 127
  7. Siehe dazu Zantop, Susanne M.: Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland 1770–1870, Erich-Schmidt-Verlag Berlin 1999 (Philologische Studien und Quellen; H.158), S. 147 ff. ISBN 3-503-04940-1
  8. Jochen Schmidt, Heinrich von Kleist, S. 123
  9. Die folgenden Seitenzahlenangaben und Zitate beziehen sich auf  Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke. 1. Auflage Auflage. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München/Zürich 1961, S. 679–690 ([1]).
  10. Jochen Schmidt, a. a. O., S. 122
  11. Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2011, S. 288
  12. Jürgen Link, Von der Denormalisierung zu kulturrevolutionären Drives?, S. 15
  13. Helmut J. Schneider, Der Zusammensturz des Allgemeinen. In: Wellbery, Positionen der Literaturwissenschaft, S. 129
  14. Friedrich A. Kittler, Ein Erdbeben in Chili und Preußen. In: David E. Wellbery, Positionen der Literaturwissenschaft, S. 34
  15. Kittler, S. 29
  16. Kittler, S. 36
  17. Helmut J. Schneider, a. a. O., S. 129
  18. Theaterkritiken zur Inszenierung Petras. Abgerufen am 26. April 2012, 19:57 Uhr
  19. PDF einer Broschüre mit Beschreibung des Stückes durch das Theater selbst, abgerufen am 26. April 2012, 20:02 Uhr