Der zerbrochne Krug

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Daten des Dramas
Titel: Der zerbrochne Krug
Gattung: Lustspiel
Originalsprache: Deutsch
Autor: Heinrich von Kleist
Erscheinungsjahr: 1811 (erste vollständige Druckfassung)
Uraufführung: 2. März 1808
Ort der Uraufführung: Hoftheater in Weimar
Personen
  • Walter, Gerichtsrat
  • Adam, Dorfrichter
  • Licht, Schreiber
  • Frau Marthe Rull, Witwe, Eigentümerin des Kruges
  • Eve Rull, ihre Tochter
  • Veit Tümpel, ein Bauer
  • Ruprecht Tümpel, sein Sohn, Eves Verlobter
  • Frau Brigitte, eine Zeugin, Nachbarin von Frau Marthe und Tante von Ruprecht

Der zerbrochne Krug ist ein Lustspiel von Heinrich von Kleist. Es gilt als eines seiner bekanntesten Werke. Die Komödie ist in Blankversen verfasst.

Obwohl der 1777 geborene Kleist zeitlich der Generation der Romantiker zugeordnet werden könnte, lässt sich der Autor der Romantik kaum zuordnen. Dasselbe gilt für sein Lustspiel, welches Züge des naturalistischen und des modernen Dramas vorwegnimmt. Der zerbrochne Krug gehört zum Kanon der deutschen Literatur, ist weit verbreitete Schullektüre und diente mehrfach als Vorlage zu Opern und Filmen.

Analytisches Drama und Vorbilder[Bearbeiten]

Dorfrichter Adam muss über eine Tat zu Gericht sitzen, die er selbst begangen hat. Die Handlung besteht in der Hauptsache aus einer Gerichtsverhandlung, die vollständig und in natürlichem Zeitverlauf wiedergegeben wird. Was verhandelt wird, hat sich jedoch in der Vergangenheit abgespielt und wird erst allmählich enthüllt. Das Stück gilt daher wie Sophokles’ König Ödipus als Musterbeispiel eines analytischen Dramas.[1] Wie die Komödien Shakespeares und Molières hat Der zerbrochne Krug einen ernsten Kern und streift an manchen Stellen das Tragische.[2]

Handlung[Bearbeiten]

Theaterzettel der Weimarer Uraufführung

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der titelgebende zerbrochene Krug, welcher der Frau Marthe Rull gehört. Sie beschuldigt Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve, am vorherigen Abend den Krug in ihrem Haus zerstört zu haben. Ruprecht hingegen versichert, dass ein Fremder ins Haus eingebrochen sei und dieses fluchtartig durch ein Fenster verlassen habe, wobei er den Krug vom Fensterbrett gestoßen habe.

Die Szene ist die Gerichtstube des fiktiven niederländischen Dorfes Huisum bei Utrecht.

Gerichtsschreiber Licht überrascht Richter Adam morgens beim Verbinden frischer Wunden. Adam erklärt, beim Aufstehen gestrauchelt und gegen den Ofen gefallen zu sein. Licht gibt sich damit einstweilen zufrieden, lässt aber durchblicken, dass er eher an ein erotisches Abenteuer seines Vorgesetzten glaube, bei dem ihm ein kräftiger Nebenbuhler in die Quere kam.

Da lässt sich Gerichtsrat Walter melden. Er ist aus Utrecht entsandt, um Gerichtskassen und Akten zu prüfen. Adam gerät in Panik, zumal seine richterliche Perücke verschwunden und kein Ersatz zur Hand ist. Obendrein ist auch noch Gerichtstag, Klägerin, Beklagter und Zeugen warten schon vor der Tür. Der Richter ahnt, weshalb sie gekommen sind, er hatte einen furchtbaren Traum. Seinem Schreiber Licht vertraut er ihn an:

Mir träumt', es hätt' ein Kläger mich ergriffen,
Und schleppte vor den Richtstuhl mich; und ich,
Ich säße gleichwohl auf dem Richtstuhl dort,
Und schält’ und hunzt’ und schlingelte mich herunter,
Und judicirt den Hals ins Eisen mir.[3]

Als Gerichtsrat Walter eintrifft, verlangt er, der Gerichtsverhandlung beizuwohnen, das mit den Kassen und Akten habe Zeit.

Nun ist Richter Adam wie einst König Ödipus gezwungen, über eine Tat zu richten, die er selbst begangen hat. Doch im Unterschied zum antiken Helden weiß er das von vornherein; ebenso, dass die Tat eine Schandtat ist und er selbst ein Schurke. Entsprechend tut er alles, was in seiner Macht steht, um die Aufklärung des Falls, bei dem außer dem Krug auch ein Verlöbnis entzweiging, zu verhindern.

Die Art, wie er seine Täterschaft durch eine allen Regeln richterlicher Unbefangenheit spottende Prozessführung zu verheimlichen sucht, die Zeugen bald mit Drohungen, bald mit süßen Worten beeinflusst und verwirrt, ist von hoher Komik. Schlangengleich dreht und windet er sich, um den Verdacht auf andere zu lenken, was ihn der Verachtung preisgibt. Schwitzend vor Angst wird er aber in die Enge getrieben, was menschliches Mitgefühl aufkeimen lässt. Die blühende Phantasie, mit der er immer neue Ausflüchte ersinnt, macht ihn zuweilen fast sympathisch.

Doch Gerichtsrat Walter und Schreiber Licht lassen sich davon nicht blenden. Beide sind an der Aufklärung des Falls interessiert, wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen, Walter geht es um die Reform der Rechtspflege auf dem platten Lande, Licht möchte selbst gern Dorfrichter werden. Schritt für Schritt enthüllt sich während der Verhandlung folgender Tatbestand:

Der Unbekannte, der am Vorabend des Gerichtstags hastig durch Eves Schlafkammerfenster entwich und dabei den Krug vom Sims stieß, war er, Richter Adam selbst. Weder war es der Beklagte, Eves Verlobter Ruprecht, noch dessen vermeintlicher Nebenbuhler Lebrecht, noch gar der Teufel, wie die Zeugin Frau Brigitte, die mit Licht zusammen den Tatort untersucht hat, steif und fest behauptet:

Was find ich euch für eine Spur im Schnee?
Rechts fein und scharf und nett gekantet immer,
Ein ordentlicher Menschenfuß,
Und links unförmig grobhin eingetölpelt
Ein ungeheurer klotz’ger Pferdefuß.[4]

Diese Aussage passt dem Richter vortrefflich ins Konzept. Adam zum Gerichtsrat und zum Schreiber:

Mein Seel, ihr Herrn, die Sache scheint mir ernsthaft.
Man hat viel beißend abgefaßte Schriften,
Die, daß ein Gott sei, nicht gestehen wollen;
Jedoch den Teufel hat, soviel ich weiß,
Kein Atheist noch bündig wegbewiesen.[5]

Aber die Indizien sprechen eine deutlichere Sprache als Klägerin, Beklagter und Zeugen:

Da sind die beiden Kopfwunden, die Adam davontrug, als Ruprecht dem unerkannt Flüchtenden zweimal die Türklinke über den Kopf hieb – der Eifersüchtige hat zuvor die Tür eingetreten und die Kammer regelrecht gestürmt. Da ist Adams Klumpfuß, welche die Spur vom Tatort quer durchs Dorf zu seiner Wohnung auf natürliche Weise erklärt. Da ist endlich die fehlende Richterperücke: Frau Brigitte legt sie stolz auf den Tisch, sie ist im Weinspalier unter Eves Kammerfenster hängengeblieben.

Nun rät Walter dem Richter, abzutreten, die Würde des Gerichts stehe auf dem Spiel. Aber dieser will nicht hören. Auch gut, meint Walter, dann soll er ein Ende machen und sein Urteil fällen. Im ausbrechenden Tumult judiziert Adam dem Beklagten wegen Ungebühr den Hals ins Eisen, worauf Ruprecht, angefeuert von Eve, Hand an ihn legt. Adam entschlüpft und flüchtet. Damit entsteht in der Stube endlich Platz für die volle Wahrheit:

Adam hat Eve vorgelogen, ihrem Verlobten drohe der Militärdienst in Ostindien, von wo bekanntlich nur einer von drei Männern zurückkehrt. Eve steht auf und spricht:

O Himmel! Wie belog der Böswicht mich!
Denn mit der schrecklichen Besorgniß eben,
Quält' er mein Herz, und kam, zur Zeit der Nacht,
Mir ein Attest für Ruprecht aufzudringen;
Bewies, wie ein erlognes Krankheitszeugniß,
Von allem Kriegsdienst ihn befreien könnte;
Erklärte und versicherte und schlich,
Um es mir auszufert'gen, in mein Zimmer:
So Schändliches, ihr Herren, von mir fordernd,
Daß es kein Mädchenmund wagt auszusprechen![6]

Doch Eve blieb standhaft. Auch während der Verhandlung; denn solange sie befürchten musste, der Erpresser besitze Macht, ihr den Verlobten zu entreißen, hat sie über das, was in der Schlafkammer geschah, geschwiegen und sogar ein wenig gelogen.

Ruprecht steht beschämt und bittet sie um Verzeihung dafür, dass er sie als „Metze“ beschimpft hat. Hochherzig, wie sie ist, gibt sie ihm einen Kuss. Die Hochzeit kann stattfinden, Walter hat etwas zur Verbesserung der Rechtspflege getan, der Streber Licht wird neuer Dorfrichter, den alten Adam erwartet eine Strafe. Nur der Krug wird davon nicht mehr heil, zum Verdruss von Eves Mutter, der Klägerin Frau Marthe. Diese hat Ruprecht so eifrig der Tat bezichtigt, weil ein anderer als der Verlobte in Eves Schlafkammer den guten Ruf ihres Kindes und Hauses vernichtet hätte. Doch auch der Krug war ihr lieb. Wenigstens hat sie ihn zum Auftakt der Verhandlung samt der darauf abgebildeten Geschichte der Niederlande episch breit beschrieben und damit verewigt.[7]

Zur Entstehung des Stücks[Bearbeiten]

Den Anstoß zum Schreiben empfing der Dichter 1802 bei seinem Aufenthalt in der Schweiz. Im Jahr darauf brachte er in Dresden die ersten Szenen zu Papier. Nachdem er das Stück in Berlin und Königsberg vollendet hatte, ließ er 1808 im Märzheft des Phöbus ein Fragment drucken. Um dieselbe Zeit wurde Der zerbrochne Krug bei der Uraufführung im Weimarer Hoftheater ausgepfiffen, ein Misserfolg, zu welchem auch Goethes Aufteilung des Einakters in drei Akte beitrug. Die vollständige Druckfassung erschien 1811 in Kleists Todesjahr. Ein Jahrzehnt später setzte der Erfolg ein: „Schon bald gehörte die Rolle des Dorfrichters Adam zu den größten und begehrtesten Charakterrollen des deutschen Dramas“.[8]

Le juge, ou la cruche cassée Kupferstich von Jean Jacques Le Veau nach einem Gemälde von Philibert-Louis Debucourt

Kleist pflegte während seines Aufenthalts in der Schweiz mit anderen jungen Dichtern Freundschaft, Ludwig Wieland, Heinrich Gessner (Sohn des Malers Salomon Gessner) und Heinrich Zschokke. Zschokke berichtet über einen Dichterwettstreit:

„In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich, La cruche cassée. In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochenen Majolika-Kruge, und einen großnasigen Richter zu erkennen. Für Wieland sollte dies Aufgabe einer Satire, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden. – Kleists Zerbrochner Krug hat den Preis davon getragen.“[9]

Kleist schrieb in dem erst nach seinem Tod gedruckten Entwurf zu einer Vorrede:

„Diesem Lustspiel liegt wahrscheinlich ein historisches Factum, worüber ich jedoch keine nähere Auskunft habe auffinden können, zum Grunde. Ich nahm die Veranlassung dazu aus einem Kupferstich, den ich vor mehreren Jahren in der Schweiz sah. Man bemerkte darauf – zuerst einen Richter, der gravitätisch auf dem Richterstuhl saß: vor ihm stand eine alte Frau, die einen zerbrochenen Krug hielt, sie schien das Unrecht, das ihm widerfahren war, zu demonstriren: Beklagter, ein junger Bauerkerl, den der Richter, als überwiesen, andonnerte, vertheidigte sich noch, aber schwach: ein Mädchen, das wahrscheinlich in dieser Sache gezeugt hatte (denn wer weiß, bei welcher Gelegenheit das Delictum geschehen war) spielte sich, in der Mitte zwischen Mutter und Bräutigam, an der Schürze; wer ein falsches Zeugniß abgelegt hätte, könnte nicht zerknirschter dastehn: und der Gerichtsschreiber sah (er hatte vielleicht kurz vorher das Mädchen angesehen) jetzt den Richter mistrauisch zur Seite an, wie Kreon, bei einer ähnlichen Gelegenheit, den Ödip, als die Frage war, wer den Lajus erschlagen? Darunter stand: der zerbrochene Krug. – Das Original war, wenn ich nicht irre, von einem niederländischen Meister.“[10]

Interpretation[Bearbeiten]

Im Stück wird der Sündenfall verhandelt: Der Fall des Dorfrichters Adam erhält eine exemplarische Bedeutung, er wiederholt die Vertreibung aus dem Paradies und vollzieht damit auch den Bruch zwischen Ideal und Wirklichkeit (z.B. bei der Gerechtigkeit) und Wahrheit und Lüge nach.

„Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Adam im Unterschied zur Schöpfungsgeschichten nicht der Verführte, sondern der Verführer ist.“[11]

Die Figuren sprechen oft die Wahrheit aus, ohne das bewusst oder mit Absicht zu tun. So stellt Kleist auch in diesem Stück die Frage, ob sich polare Gegensätze wie Schuld und Unschuld, Wahrheit und Lüge oder Recht und Unrecht nicht hinsichtlich einer dritten Möglichkeit auflösen ließen.

Adaptionen[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

Hörspiele[Bearbeiten]

Opern[Bearbeiten]

  • Der zerbrochene Krug, Oper op. 36, 1941/42, Komponist: Viktor Ullmann
  • Der zerbrochne Krug, Komische Oper in sieben Szenen, 1968/69, Komponist: Fritz Geißler
  • Der zerbrochne Krug, Oper in einem Akt, Bologna 1997, deutsche Erstaufführung Theater Erfurt 2007, Komponist: Flavio Testi

Hörbuch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Titelseite der ersten vollständigen Ausgabe

Werkausgabe[Bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Schadewaldt: „Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist und Sophokles König Ödipus“. In: Sophokles König Ödipus. Übersetzt und mit einem Nachwort und drei Aufsätzen zur Wirkungsgeschichte hrsg. von Wolfgang Schadewaldt. Insel Taschenbuch 15, 11. Aufl. Frankfurt a. M. 1994, ISBN 3-458-31715-5
  • Elmar Schürmann u. Herbert Hähnel: „Sexuelle Nötigung, Freiheitsberaubung, Rechtsbeugung. Der Prozeß gegen Adam u. a. vor dem Landgericht Osnabrück. Edition der Gerichtsakten“. In: Heilbronner Kleist-Blätter 17 (2005) S. 88–130. ISBN 3-931060-83-7. [Ein nachgestellter Prozess gegen literarische Figuren.]
  • Dirk Jürgens: Textanalyse und Interpretation zu Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 30), C. Bange Verlag, Hollfeld 2013, ISBN 978-3-8044-1997-1

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Der zerbrochne Krug – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Schadewaldt: „Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist und Sophokles König Ödipus“, in: Insel Taschenbuch 15, 2004.
  2. So in Shakespeares Viel Lärm um nichts. Kleist spielt auf dieses Stück im siebenten Auftritt an.
  3. Dritter Auftritt.
  4. Elfter Auftritt.
  5. Elfter Auftritt.
  6. Zwölfter Auftritt.
  7. Vgl. Siebenter Auftritt.
  8. Michael Titzmann: Lemma „Der zerbrochene Krug“, in: Kindlers Literatur Lexikon im dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, Bd. 12, S. 10372.
  9. Heinrich Zschokke: Selbstschau (1842). Zitiert nach Eduard v. Bülow (Hrsg.): Heinrich von Kleist’s Leben und Briefe. Mit einem Anhange, Berlin 1848, S. 26 f. Vgl. Bibliotheca Augustana.
  10. Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1, München 1984, S. 176. Vgl. Bibliotheca Augustana.
  11. Dieter Heimbüchel: Der terbrochne Krug. In: Kindlers Literatur Lexikon, 3. völlig neu bearbeitete Aufklag. Hrgs. von Heinz Ludwig Arnold. Zitiert nach kkl-online.de (9.6.2014)
  12. Der Zerbrochene Krug (1965) in der Internet Movie Database (englisch)
  13. Jungfer, Sie gefällt mir (1969) in der Internet Movie Database (englisch)
  14. Der Zerbrochene Krug (2003) in der Internet Movie Database (englisch)