Günter Rohrmoser

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Günter Rohrmoser (* 29. November 1927 in Bochum; † 15. September 2008 in Stuttgart) war ein deutscher Sozialphilosoph. Er zählt zur Ritter-Schule.

Leben[Bearbeiten]

Günter Rohrmoser war Sohn eines Schriftsetzers. Von 1947 bis 1954 [1] studierte er Philosophie, Theologie, Geschichte, Germanistik und Nationalökonomie an den Universitäten Münster bei Joachim Ritter, Carl Heinz Ratschow, Alfred Müller-Armack und Tübingen. 1954 promovierte er an der Universität Münster bei Benno von Wiese mit der Arbeit Kritische Erörterungen zu Gundolfs Shakespeare-Bild unter den Kategorien der Geschichte und der Person.[2] 1961 habilitierte er sich an der Universität zu Köln. Seine Habilitationsschrift schrieb er über Subjektivität und Verdinglichung, Theologie und Gesellschaft im Denken des jungen Hegel. Bis 1976 war er dann Ordinarius für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Münster/Westf., nach deren Umwandlung dann an der Pädagogischen Hochschule Westfalen-Lippe, Abteilung Münster II, sowie Honorarprofessor an der Universität zu Köln. Nachdem der Versuch der SPD, ihn als Professor auf den Kölner Lehrstuhl für Philosophie zu berufen, am Widerstand der CDU gescheitert war, wechselte er 1976 als Ordinarius auf den Lehrstuhl für Sozialphilosophie an der Universität Hohenheim. Dieser Lehrstuhl war auf Initiative des Ministerpräsidenten Hans Filbinger für ihn eingerichtet worden.[3] Daneben lehrte er bis zum Sommer 1996 Politische Philosophie an der Universität Stuttgart. Die Schwerpunkte seiner Arbeit lagen auf den Gebieten der Religionsphilosophie, der Philosophie des Politischen und der Theorie der Gesellschaft.

Rohrmoser war verheiratet, er hatte mit seiner Ehefrau, die vor ihm verstarb, zwei Kinder, die kurz nach der Geburt verstarben. Er wurde nahe seines Wohnortes auf dem Ostfilderfriedhof in Stuttgart-Sillenbuch beerdigt. [4]

Politisches Wirken[Bearbeiten]

Rohrmoser war mit Peter von Oertzen Mitglied in der Marxismuskommission[5] der Evangelischen Kirche in Deutschland und der EKD-Synode, vielfacher Referent der Evangelischen und Katholischen Akademien (u.a. Bad Boll, Baden, Bayern, Berlin, Hamburg, Hofgeismar, Tutzing), Vizepräsident des Studienzentrums Weikersheim. SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz schätzte seine Beiträge in der SPD-Grundwertekommission, sein Referat beim Tübinger Forum[6] (mit Johano Strasser, moderiert von Herta Däubler-Gmelin) wurde mit großer Zustimmung aufgenommen. Rohrmoser war Mitarbeiter in der deutsch-skandinavischen Gesellschaft für Religionsphilosophie. Der Lutheraner Rohrmoser wurde 1981 von Papst Johannes Paul II. empfangen.

Zusammen mit Iring Fetscher wurde er von der sozial-liberalen Bundesregierung in die Kommission zur Erforschung der geistigen Ursachen des Terrorismus berufen. In diesem Zusammenhang besuchte er auch den als RAF-Terroristen inhaftierten Horst Mahler, welcher vom späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Wiederzulassung als Anwalt vertreten wurde. Mahler und Schröder besuchten später gemeinsam Rohrmoser in Stuttgart.

Publizistisches Wirken[Bearbeiten]

Rohrmoser trat zudem als Feuilletonist und Interviewpartner hervor, u. a. von Die Welt, Rheinischer Merkur, Badische Zeitung, Evangelische Kommentare, Evangelisches Gemeindeblatt, IDEA Spektrum, Catholica, Junge Freiheit, Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, MUT, Zeit-Fragen und der inzwischen eingestellten Criticón. Die Mitteilungen und Kurzkommentare der Gesellschaft für Kulturwissenschaft veröffentlichten regelmäßig seine Zeitanalysen. 1987 und 1988 war Rohrmoser mehrfacher Referent für die CAUSA Deutschland e. V..[7] In den Jahren zwischen 1981 und 1998 war Rohrmoser vielfacher Referent bei der SPD.

Spätere Positionen[Bearbeiten]

Nach seiner Beratertätigkeit für Franz Josef Strauß und Hans Filbinger galt Rohrmoser als christlich-konservativer Sozialphilosoph, der den Konservatismus im Umkreis der CDU geistig begründen wollte. Im September 2006 erschien von Rohrmoser Konservatives Denken im Kontext der Moderne. Andererseits wurde Rohrmoser als „fachkundiger, über den ideologischen Fronten stehender Analytiker“ und „leidenschaftlicher Liberaler“ bezeichnet.[8]

Rohrmoser war der Meinung, dass ein russischer Konservatismus, der sich etwa 2006 in Gewalttaten gegen Schwule niederschlug, nützlich gegen eine liberale Dekadenz sei. Er sagte, er wolle zwar nicht „frohlocken“, dass Volker Beck, „dem Hauptvertreter des deutschen Schwulentums“, im Mai 2006 beim Moscow Pride ins Gesicht geschlagen und er verletzt wurde, glaube aber, dass Russland dadurch 100.000 neue Freunde dazugewonnen habe, weil es ein Land sei, das „Wir wollen es nicht“ sage und auch danach handle.[9]

Philosophische Verortung[Bearbeiten]

Sein Werk Das Elend der kritischen Theorie (übersetzt u. a. ins Japanische) ist eine Metakritik der „Frankfurter Schule, insbesondere Marcuse, Adorno, Horkheimer und Habermas“, aus der „Sorge, dass die Emanzipation auch zu einer Destruktion der Freiheit führen kann“. Seine Werke Der Ernstfall – Die Krise unserer liberalen Republik und Neues konservatives Denken als Überlebensimperativ (zusammen mit Anatolij Frenkin) wurden ins Russische übersetzt.

Würdigungen[Bearbeiten]

Russland 1996[Bearbeiten]

Die Russische Akademie der Wissenschaften hat ihn 1996 als ersten deutschen konservativen Philosophen eingeladen, seine Werke diskutiert und ihm ein Symposium gewidmet. 1997 widmete sie ihm ein Kapitel in der Anthologie der größten politischen Denker der Welt.[10]

Laudatio zum 70. Geburtstag[Bearbeiten]

Eine Laudatio zu seinem 70. Geburtstag am 1. Dezember 1997 hielten Prof. Dr. Wjatscheslaw Stjopin, Direktor des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften und Ehrendoktor der Universität Karlsruhe, Christof Zernatto (ÖVP), damaliger Landeshauptmann von Kärnten; der evangelische württembergische Landesbischof i. R. Hans von Keler sowie der vormals radikal Linke Horst Mahler, der später Mitglied der NPD werden sollte.[11] Mahler erklärte Deutschland in seiner Laudatio auf Rohrmoser zu einem „besetzten Land“, das sich von der „Schuldknechtschaft“ zum aufrechten Gang seiner „nationalen Identität“ befreien müsse.[12]

Ehrungen[Bearbeiten]

  • 1997: Bundesverdienstkreuz am Bande (anlässlich des 70. Geburtstages)
  • 2007: Dankesurkunde der Universität Hohenheim für seine hervorragenden Leistungen und langjährige Tätigkeit [13]

Schriften[Bearbeiten]

  • Das Elend der kritischen Theorie. Rombach, Freiburg 1970.
  • Die metaphysische Situation der Zeit. Seewald, Stuttgart 1975.
  • Zeitzeichen: Bilanz einer Ära. Seewald, Stuttgart 1977.
  • Krise der politischen Kultur. v. Hase & Koehler, 1983.
  • Geistige Wende warum. v. Hase & Koehler, 1984.
  • Religion und Politik in der Krise der Moderne. Styria, 1989.
  • Der Ernstfall – Die Krise unserer liberalen Republik. Ullstein, 1994.
  • Emanzipation oder Freiheit. Propyläen, 1995.
  • Die Wiederkehr der Geschichte. Gesellschaft für Kulturwissenschaft e. V., 1995.
  • Landwirtschaft in der Ökologie- und Kulturkrise. Gesellschaft für Kulturwissenschaft e. V., 1996.
  • Wer interpretiert die Geschichte – Die Herausforderung der Wertedebatte. Gesellschaft für Kulturwissenschaft e. V., 1996.
  • Christliche Dekadenz in unserer Zeit – Plädoyer für die christliche Vernunft. Gesellschaft für Kulturwissenschaft e. V., 1996.
  • Geistiges Vakuum – Spätfolgen der Kulturrevolution. Gesellschaft für Kulturwissenschaft e. V., 1997.
  • Der Ernstfall auch in Russland – Russische Philosophen diskutieren Günter Rohrmoser. Gesellschaft für Kulturwissenschaft e. V., 1997.
  • Kampf um die Mitte. Der Moderne Konservativismus nach dem Scheitern der Ideologien. Olzog, München 1999.
  • Geistige Wende. Christliches Denken als Fundament des Modernen Konservativismus. München 2000.
  • Deutschlands Tragödie. Der geistige Weg in den Nationalsozialismus. München 2002.
  • Konservatives Denken im Kontext der Moderne. Gesellschaft für Kulturwissenschaft e. V., 2006.
  • Kulturrevolution in Deutschland. Philosophische Interpretationen der geistigen Situation unserer Zeit Resch, Gräfelfing, 2008.

Literatur[Bearbeiten]

  • Anthologie der größten politischen Denker der Welt. Band 2. Moskau 1997.
  • Rudolf Bahro: Logik der Rettung. Stuttgart 1987 und Berlin 1990, ISBN 3-522-70350-2.
  • Bundesminister des Innern (Hrsg.): Analysen zum Terrorismus. Westdeutscher Verlag, Opladen 1981–1984, Band 1: Iring Fetscher, Günter Rohrmoser (und Mitarbeiter): Ideologien und Strategien (1981)
  • Peter von Oertzen: Weder Prophet noch Demagoge. In: Die ZEIT. Nr.3 von 13. Januar 1995. * [14]
  • Akademie der Wissenschaften Russlands: Der ERNSTFALL auch in RUSSLAND. Russische Philosophen diskutieren Günter Rohrmoser. Gesellschaft für Kulturwissenschaft, Bietigheim/Baden 1997, ISBN 3-930218-33-X.
  • Philosoph in der Kulturkrise. Gesellschaft für Kulturwissenschaft, Bietigheim/Baden 1993.
  • MITTEILUNGEN. Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Kulturwissenschaft, Bietigheim/Baden 1998.
  • Tamen! Gegen den Strom. Günter Rohrmoser zum 80. Geburtstag. Verlag Neinhaus, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-87575-027-0.[15]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nachruf von Walter Egeler in Burschenschaftliche Blätter
  2. [books.google.de/books?id=ouGfY8RBauAC&pg=PA640&lpg=PA639 Artikel Gundolf im Intern. Germanistenlexikon S.639/40] (Masch.schriftl.54, Druck 1955)
  3. Nachruf von Ansgar Graw bei Welt Online 18. September 2008 (gesehen am 10. Mai 2011)
  4. Nachruf von Walter Egeler
  5. http://www.gfk-web.de/inhalt/leitthemen/080416.html
  6. http://www.tuebinger-forum.de/
  7. Zeitschrift Forum für geistige Führung Nr. 3, 1988 S. 37
  8. Peter von Oertzen: „Weder Prophet noch Demagoge“, in DIE ZEIT Nr. 03/1995 vom 13. Januar 1995
  9. gaywest: Das Studienzentrum Weikersheim, Rohrmoser und die liberale Dekadenz, gaywest.wordpress.com, 20. April 2007
  10. http://gfk-web.de/inhalt/leitthemen/080125.html
  11. Bibliografie Horst Mahler
  12. Rede Horst Mahlers zum 70. Geburtstag Günter Rohrmosers
  13. https://www.uni-hohenheim.de/uploads/tx_newspmfe/pm_Rohrmoser_80_Geb_1970-01-01_status_6.pdf
  14. http://www.zeit.de/1995/03/Weder_Prophet_noch_Demagoge
  15. http://www.landpost.de/files/verlagsprogramm/Tamen/Tamen-Inhaltsverzeichnis.pdf

Weblinks[Bearbeiten]