Gilad Atzmon
Gilad Atzmon (* 9. Juni 1963 in Jerusalem) ist ein britischer Jazzmusiker, politischer Aktivist und Autor satirischer Romane israelischer Herkunft. Er spielt Saxophon, Klarinette und andere Holzblasinstrumente.
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Leben und Wirken [Bearbeiten]
Atzmon wuchs in Tel Aviv in einer "konservativen, weltlich-zionistischen Familie" auf.[1] Am israelischen Libanonkrieg 1982 nahm er als Rettungsassistent der israelischen Armee teil. Atzmon studierte nach Abschluss seines Wehrdienstes bei den israelischen Streitkräften während des Libanonkrieges 1982 Komposition und Jazz an der Rubin Academy of Music in Jerusalem. Dann tourte er mit seiner eigenen Band und arbeitete Atzmon als Produzent und Arrangeur im Bereich der Rock-, Jazz- und Weltmusik, beispielsweise mit Ofra Haza, Jack DeJohnette oder Michel Petrucciani. Aus politischen Gründen verließ Atzmon Israel, um zunächst nach Deutschland zu gehen. Seit 1993 lebt Atzmon in London, wo er Philosophie studierte und eine Dissertation über deutsche Denker einreichte, jedoch nicht promoviert wurde.
Der Musiker [Bearbeiten]
Atzmon spielt Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon, als Nebeninstrumente verwendet er darüber hinaus Klarinette, Sol, Zurna und Flöte. Er war Mitglied der Blockheads und arbeitete als Studiomusiker für Kollegen wie Ian Dury, Paul McCartney, Sinéad O’Connor und Robbie Williams. Seine erste CD legte er 1994 vor (Spiel). Er gründete dann das Orient House Ensemble, das nach dem früheren PLO-Hauptquartier in Ostjerusalem benannt ist und mit dem er seit 2000 CDs beim Münchener Jazzlabel enja veröffentlicht hat.
Seine Musik greift (etwa auf dem Album Exile, das die BBC zum „Jazz-Album des Jahres“ wählte) folkloristisch orientalische Elemente sowohl aus der Türkei als auch Israel auf, ohne dabei stehen zu bleiben; freie Improvisationen treten neben welt- und popmusikalische Momente. Auf einem neueren Album (In Loving Memory of America) spielt er amerikanische Standards und Balladen mit Streicherarrangements, ganz im Stile der Bopper der 1950er Jahre; er hat dabei, obgleich von Cannonball Adderley beeinflusst, einen leicht rauhen, aber lyrischen Ton. Teilweise geht er auch mit seinem Orient House Ensemble und dem Sigamos-Streichquartett auf Konzertreise. Dennoch begreift er Jazz als „eine innovative Form des Widerstands.“[2]
Als Produzent war er in den letzten Jahren für Sarah Gillespie, Elizabeth Simonian, die Weltmusik-Gruppe Yurodny und Robert Wyatt tätig.
Der politische Mensch [Bearbeiten]
Atzmon ist ein hoch politischer Musiker, der mit seinen Büchern und Veröffentlichungen im Internet gegen Israel in einer Art und Weise Stellung nimmt, die von vielen Kritikern als antisemitisch ausgelegt wird. Sein Auftritt bei der Sommer-Universität der Sozialistischen Arbeiterpartei in England führte im Juli 2005 zu Kritik anderer linker Gruppen, wie der „Allianz für die Freiheit der Arbeiter”, die der Veranstaltung fernblieb. Sein prägendes Erlebnis war nach eigenen Angaben der Libanonkrieg 1982. Er sah danach Israel als „einen kolonialen Staat, das Ergebnis von Plünderung und ethnischer Säuberung“.[3]
Der Autor [Bearbeiten]
Als Schriftsteller wird Atzmon bereits mit Philip Roth und Michel Houellebecq verglichen. Sein Debütroman Anleitung für Zweifelnde wurde in 18 Sprachen übersetzt. Die Handlung spielt im Jahr 2052 und geht satirisch der Frage nach, warum das untergegangene Israel seinen nahenden Zusammenbruch nicht gesehen hat. Die Untersuchung wird ausgerechnet durch das fiktive „Deutsche Institut zur Dokumentation Zions“ geführt.
Der hebräische Originaltitel des Romans lautet More nevuchim (מורה נבוכים). Es gab in der hebräischen Literatur bereits vor Atzmon ein berühmtes Werk mit dem Titel More Nevuchim. Diesen Titel trägt nämlich auch die hebräische Übersetzung des Hauptwerkes des Maimonides, eines jüdischen Philosophen aus dem 12. Jh. Allerdings fällt dem deutschsprachigen Leser die Gleichheit der beiden Titel nicht auf, da die deutsche Übersetzung des von Maimonides ursprünglich in arabischer Sprache verfassten More nevuchim „Führer der Unschlüssigen“ lautet (und nicht „Anleitung für Zweifelnde“).
In seinem im April 2005 erschienenen Buch My One and Only Love macht Atzmon sich über zionistische Helden lustig und stellt den israelischen Geheimdienst als Verbrecherbande dar. Atzmons Romandebüt verschwand in Israel nach kurzer Zeit aus den Buchläden, sein zweites Buch ist nicht auf hebräisch erschienen.
Atzmon fordert die Auflösung Israels und setzt sich für einen gesamtpalästinensischen Staat ein.
Kontroversen um Auftritte [Bearbeiten]
Mehrfach kam es aus Anlass von Auftritten Aztmons zu Kritik und Protesten.
Bei einem Auftritt am 27. November 2005 im Bochumer Kulturzentrum Bahnhof-Langendreer auf dem Festival der Literaturzeitschrift Macondo warf Atzmon Amerikanern und Zionisten vor, veranlaßt zu haben, die Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zu fälschen. Der Feind der Amerikaner sei Stalin und nicht Hitler gewesem. Die Deutschen seien die Opfer des Weltkrieges gewesen und sollten sich nicht länger schuldig und auch nicht verantwortlich fühlen. Die Amerikaner hätten Bomben gegen deutsche Städte, in Vietnam, Afghanistan und dem Irak willkürlich eingesetzt. Der us-amerikanische Präsident George W. Bush, der englische Premierminister Tony Blair und der Israelische Ministerpräsident Ariel Sharon seien die wahren Bösen.
Zudem stellte Atzmon die Zahl von 6 Millionen der jüdischen Holocaustopfer in Frage, für die es „keinerlei forensischen Beweis“ gebe. Die führte zu Einspruch bei den Zuhörern, von denen einige aus Protest den Saal verließen.[4]
In einer Stellungnahme nahmen die Veranstalter Atzmon in Schutz, der teilweise falsch wiedergegeben worden sei. Atzmon habe gesagt, daß Amerika Hitler nicht angegriffen habe, solange dieser den Kommunismus im Griff gehabt habe, daß die jetzige Generation der Deutschen sich nicht schuldig fühlen solle und daß Hitler ein Verbrecher gewesen sei. Atzmon habe kritisiert, daß Zweifel an der Zahl der im Holocaust ermordeten Juden unter Strafe gestellt würden, und auf abweichende Studien verwiesen, die vom Holocaust-Museum Yad Vashem genannt würden. Als Fehler bezeichneten es die Veranstalter, daß es keine zweisprachige Moderation des Auftrittes gegeben habe.
In einer eigenen Stellungnahme wies Atzmon zurück, ein Holocaustleugner zu sein. Zugleich nannte er den Zionismus eine rassistische expansionistische Bewegung, die sich darin nicht vom Nationalsozialismus unterscheide. Er wolle die Verwendung des Holocaust durch den Westen zur politischen und diskursiven Rechtfertigung in Frage stellen.[5]
Zu erneuten Protesten kam es 2011 im Vorfeld von Atzmons Auftritten beim Jazzfestival in Göttingen[6] und beim Festival des politischen Liedes „Raise Your Banners“ in Bradford[7]. Beide Auftritte Atzmons fanden statt.
Werke [Bearbeiten]
Tonträger (Auswahl) [Bearbeiten]
- Gilad Atzmon & The Orient House Ensemble, CD, enja, 2000
- Nostalgico, CD, enja, 2001
- Exile, CD, enja, 2003
- musiK, CD, enja, 2004
- Refuge, enja, 2008
- In Loving Memory of America, CD, enja, 2009
- The Tide Has Changed, CD, World Vill (Harmonia Mundi), 2011
Schriften [Bearbeiten]
- Anleitung für Zweifelnde. Roman (Ü.: Gabriela Hegedus). dtv, München 2003, ISBN 978-3-423-24368-1
- My one and only love. Roman (Ü.: Sophia Deeg). Edition Nautilus, Hamburg 2005, ISBN 978-3-89401-470-4
- Der wandernde - Wer?. Eine Studie jüdischer Identitätspolitik. Zambon Verlag, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-88975-199-7
Sekundärliteratur [Bearbeiten]
- Richard Cook Jazz Encyclopedia London 2007; ISBN 978-0-141-02646-6
- "Gilad Atzmon im Gespräch mit Manuel Talens: Schönheit als politische Waffe", in Die Aktion, Nr. 213, 04/2008, S. 149–174.
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ „a conservative, secular Zionist family“, John Lewis: Manic beat preacher, Guardian, 6. März 2009
- ↑ G. Atzmon Jazz ist Freiheit: Jazz und die Politik. Jazzzeitung 2/2005
- ↑ “I realised that I was part of a colonial state, the result of plundering and ethnic cleansing”, John Lewis: Manic beat preacher, Guardian, 6. März 2009
- ↑ Thorsten Hoops: Ein Abend voller Dissonanzen, Ruhr Nachrichten, 29. November 2005, zitiert nach: Henryk M. Broder: Ein Irrer kommt selten allein - es duerfen auch mal viere sein, Achse des Guten, 2. Dezember 2005
- ↑ Leserbrief des Macondo Literaturfestivals mit einer Stellungnahme von Gilad Atzmon (englisch) an die Ruhr Nachrichten, Rohfassung auf bo-alternativ.de
- ↑ Jan Singer: Keine Bühne gegen Israel?, Bahamas 64, 2012
- ↑ Kathie Griffiths: Calls for musician's show to be cancelled, Telegraph and Argus, 22. November 2011
Siehe auch [Bearbeiten]
Weblinks [Bearbeiten]
- Literatur von und über Gilad Atzmon im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Homepage von Gilad Atzmon
- Porträt (2008) in der Jazzzeitung
- Buchrezensionen bei Perlentaucher
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Atzmon, Gilad |
| KURZBESCHREIBUNG | britischer Jazzmusiker und Autor israelischer Herkunft |
| GEBURTSDATUM | 9. Juni 1963 |
| GEBURTSORT | Jerusalem |