Grünes Band Deutschland

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Verlauf des Grünen Bandes durch Deutschland

Das Grüne Band Deutschland ist ein Naturschutzprojekt mehrerer deutscher Bundesländer, auf dem fast 1400 km langen Geländestreifen entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze einen Grüngürtel zu schaffen.

Beim Grünen Band handelt es sich im Kern um den Bereich zwischen dem sogenannten Kolonnenweg (Lochplattenweg) und der ehemaligen Demarkationslinie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, der zwischen 50 und 200 m breit ist. Der Geländestreifen reicht von Travemünde an der Ostsee bis zum ehemaligen Dreiländereck bei Hof. Das Grüne Band Deutschland ist Teil des mitteleuropäischen Abschnitts des Grünen Bands Europa.

Anlass[Bearbeiten]

Markierungszeichen in Thüringen
Verlauf in der Nähe von Sorge und Hohegeiß im Harz

Der Bereich entlang der Innerdeutschen Grenze blieb im Zeitraum zwischen ihrer endgültigen Abriegelung, Befestigung und militärischen Bewachung 1952 durch die DDR und ihrer Aufhebung als Folge des Berliner Mauerfalls 1989 fast unberührt. Der - im Westen ehemals so genannte - „Todesstreifen“, unmittelbar am Metallgitterzaun gelegen, wurde zwar regelmäßig umgepflügt und mit Pestiziden völlig pflanzenfrei gehalten, aber das waren entlang des gesamten Grenzverlaufs nur etwa 100 km². Unmittelbar an diesen „Kontrollstreifen“ (offizieller DDR-Sprachgebrauch) schloss sich ein weiterer, mindestens 500 Meter breiter, ebenfalls streng bewachter „Schutzstreifen“ an, mit niedrig gehaltener, steppenähnlicher Vegetation, (um „freies Schussfeld“ zu haben), der über 700 km² Fläche hatte, sowie eine „5-km-Sperrzone“, in der menschliche Aktivitäten (insbesondere Verkehr und Industrie) strengstens kontrolliert und damit stark eingeschränkt waren. Diese Zonen entwickelten sich zu einem Rückzugsgebiet für vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Die gesamte Fläche, die zwangsläufig viele Jahrzehnte lang nur geringem menschlichem Einfluss ausgesetzt war, ist also erheblich größer, schätzungsweise fast 8000 km² (1400 km × min. 5,7 km), immerhin etwa die Hälfte der Fläche Thüringens.

Das Wissen um die Arten- und Lebensraumvielfalt stammte noch von naturschutzfachlichen Untersuchungen in der Grenzregion aus der Zeit, in der die Innerdeutsche Grenze noch bestand. Erste Kartierungen der Vogelwelt gab es bereits 1979/80 vom Bund Naturschutz in Bayern. Seit der Wiedervereinigung engagierte sich auch Heinz Sielmann für die Idee eines „Nationalparks von der Ostsee bis zum Bayerischen Wald“.

Plan[Bearbeiten]

Erste Ideen für das Grüne Band entstanden bereits 1989 und wurden vor allem vom Land Thüringen und dem BUND aufgegriffen. Der Umweltverband möchte auf die Bundesländer einwirken, verschiedene Schutzgebiete entlang des Grünen Bands neu auszuweisen. Dadurch soll nicht nur der Kernbereich, sondern auch die angrenzenden Gebiete als Lebensraum gesichert und entwickelt werden, vor allem die großflächigen, benachbarten und noch naturnahen Bereiche, die sich hier erhalten konnten.

Mitglieder des Bundes für Umwelt und Naturschutz und Bundesbürger sollen zu Spenden angeregt werden, damit Grundstücke entlang des Grünen Bandes erworben werden können. Für die Spenden gibt es unterschiedliche Bezeichnungen, von „Anteilscheinen“ über „Aktien“ bis hin zu Patenschaften. In den ersten Jahren organisierte der BUND jährliche Besichtigungstouren, teilweise als „Aktionärsversammlungen“. Damit wurde die Region des ehemaligen Grenzstreifens langfristig auch für Touristen attraktiv.[1]

Anlässlich einer Konferenz zu „Perspektiven des Grünen Bandes“ in Bonn im Juli 2003 übernahm Michail Gorbatschow die Schirmherrschaft für das Projekt. Dort wurde auch die weiter gehende Vision des Grünen Bandes Europa (European Green Belt) öffentlich bekannt gemacht.

Das Projekt ist seit seinem Beginn umstritten. Der Grenzstreifen befindet sich im Besitz des Bundes, der den Verkauf plante und den Erlös den neuen Bundesländern zukommen lassen wollte. Die thüringische Landesregierung, die das Projekt „Grünes Band“ als erste unterstützte, schlug vor, dass der Bund den Ländern die Flächen direkt überlassen sollte, damit diese sie als Schutzgebiete ausweisen könnten. Sachsen widersprach diesem Vorschlag entschieden. Grund war die vorgesehene Verteilung der Verkaufserlöse entsprechend der Einwohnerzahl der Länder. Dadurch hätte Sachsen einen deutlich höheren Anteil als Thüringen bekommen, auf dessen Gebiet der längste Abschnitt verläuft. Schließlich wurden die Grenzanlagen, die um und durch Berlin führen und die höchsten Preise erzielen dürften, aus den Verhandlungen herausgenommen. Sachsen stimmte darauf dem thüringischen Vorschlag grundsätzlich zu. 2005 war die geplante Übertragung der Flächen auf die Länder Bestandteil des Koalitionsvertrages.[2] 2008 gelang sie in Thüringen.[3] Die Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und den Ländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt waren 2009 noch nicht abgeschlossen. Unabhängig davon hat der BUND Flächen aus Privatbesitz am Grünen Band erworben, die bis Mitte 2011 insgesamt 580 Hektar ausmachten.[4]

Umsetzung[Bearbeiten]

Schild des Grünen Bandes bei Bad Sooden-Allendorf

2001/2002 wurden die Flächen und die dort lebenden Tiere erfasst, finanziell unterstützt vom Bundesamt für Naturschutz und vom Bundesumweltministerium. Die Untersuchung bestätigte die Ausnahmestellung des Grünen Bandes als eine Kette besonders wertvoller Biotope.[5]

Wie der BUND berichtet, wurden 109 verschiedene Biotoptypen erfasst, von denen die Hälfte auf der Roten Liste Deutschlands steht. 28 % des Grünen Bandes sind als Naturschutzgebiete geschützt, 38 % sind als sogenannte FFH-Gebiete ausgewiesen. Aus den Daten wurden Schwerpunktgebiete – meist von nationaler Bedeutung – ermittelt, die die Kernzonen des Biotopverbundes bilden. Daneben wurde deutlich, dass sehr viele Naturschutzgebiete entlang des Grünen Bandes liegen, die für den Biotopverbund wichtig sind.

Im Juni 2003 fand am Grünen Band in Zusammenarbeit mit dem Magazin GEO der „Tag der Artenvielfalt“ statt. 500 Experten kartierten in 24 Stunden mehr als 5200 verschiedene Tier- und Pflanzenarten im Grünen Band, darunter auch Arten, die bereits als ausgestorben galten.

Für den 763 Kilometer langen Abschnitt des Grünen Bandes im Freistaat Thüringen gibt es ein eigenes Leitbild zur Erhaltung und Gestaltung.

Öffentliche Resonanz[Bearbeiten]

Im Jahr 2009 wanderte der Naturfilmer Andreas Kieling am Grünen Band entlang und dokumentierte Land und Leute entlang der ehemaligen Grenze in der fünfteiligen TV-Serie Mitten im wilden Deutschland (ZDF). Die Reisebranche bietet mittlerweile touristische Unternehmungen im Zusammenhang mit dem Grünen Band an.[6] Der Luftbildarchäologe Klaus Leidorf dokumentiert seit der Grenzöffnung das Grüne Band aus der Vogelperspektive.[7] In einer Ausstellung im "Haus des Volkes" in Probstzella sind seine Luftaufnahmen vom Grünen Band zu sehen.[8]

Biotope und Tierarten[Bearbeiten]

Das Grüne Band ist ein Querschnitt durch fast alle deutschen Landschaften, von norddeutschen Niederungsgebieten bis zu Mittelgebirgen. Daher finden sich dort vielfältige Biotoptypen wie beispielsweise Brachflächen, verbuschte Bereiche, Altgrasfluren, Pionierwald, Gewässer, Feuchtgebiete und Moore.

Die Vielfalt der Landschaft ist ein wichtiges Rückzugsgebiet und Heimat für viele Tier- und Pflanzenarten: Seltene Orchideen wie Frauenschuh, die Keiljungfer (eine Flussjungfer), der Abbiss-Scheckenfalter, das Braunkehlchen, der Neuntöter, der Schwarzstorch, der Eisvogel und der Fischotter.

Literatur[Bearbeiten]

  • Norddeutsche Naturschutzakademie (Hrsg.): Mitteilungen aus der NNA. 5. Jahrgang 1994, Heft 3 mit dem Themenschwerpunkt Naturschutz am ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen. S. 2–35. ISSN 0938-9903.
  • Harteisen, U.; Neumeyer, S.; Schlagbauer, S.; Bizer, K.; Hensel, S.; Krüger, L.: Grünes Band – Modellregion für Nachhaltigkeit: Abschlussbericht des Forschungsvorhabens. Universitätsverlag Göttingen 2010 ISBN 978-3-941875-60-9 open access Version
  • R. Cornelius: Buchreihe über das Grüne Band: Vom Todesstreifen zur Lebenslinie. Das gesamte Grüne Band ist Dr. Reiner Cornelius abgewandert und hat in der Reihe "Vom Todesstreifen zur Lebenslinie" in 7 Bänden den ehemaligen Grenzstreifen beschrieben. Auwel-Verlag, Niederaula, 2009 bis 2012, www.grünes-band-wandern.de

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Grünes Band Deutschland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rundbriefe des BUND an die Aktionäre des Grünen Bandes
  2. BUND: Erfolge und Gefahren, Stand 2008, mit Auszug aus dem Koalitionsvertrag (Version vom 8. Juli 2008 im Internet Archive)
  3. BUND: Erfolge und Gefahren (Version vom 23. Oktober 2009 im Internet Archive)
  4. BUND: Erfolge und Gefahren
  5. Bundesamt für Naturschutz: Bestandsaufnahme Grünes Band
  6. Thüringer und Franken werben gemeinsam für das Grüne Band, 7. August 2010
  7. http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/ZDF.umwelt/2941994/5416644/bbd1a0/Die-gute-Sicht-von-oben.html
  8. http://www.probstzella.de/probstzella1/index.php?id=223