Gurre-Lieder

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Die Gurre-Lieder von Arnold Schönberg sind eine Kantate für Soli, Chor und Orchester. Die Worte sind der 1871 entstandenen Novelle „En cactus springer ud“ des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen (1847–1885) entnommen, in der deutschen Übersetzung von Robert Franz Arnold.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Die Komposition des Werkes, die in wesentlichen Teilen schon in den Jahren 1900/01 vollendet war, erstreckte sich über einen Zeitraum von gut 11 Jahren. Dies Werk war zugleich das letzte tonale, extrem spätromantische Werk des Komponisten. Der Beginn der Komposition fiel mit der Ausschreibung eines Kompositionswettbewerbs des Wiener Tonkünstler-Vereins zusammen. Schönberg komponierte die Gedichte des ersten Teils als Liederzyklus für Gesang und Klavier, reichte sie aber nicht bei dem Wettbewerb ein. Nach einem Bericht Zemlinskys war dies der Neuartigkeit der Lieder und der deshalb vermuteten geringen Aussichten auf einen Preis geschuldet. Schönberg selbst gab dagegen an, er habe die Ausschreibungsfrist nicht einhalten können. Eine Vielzahl von Indizien (wie etwa die Tatsache, dass Schönberg bei den später komponierten Liedern keine Schlüsse komponiert, sondern Platz für die orchestralen Überleitungen gelassen hatte) legt allerdings den Schluss nahe, dass Schönberg von Beginn an die Absicht gehabt hatte, den Gedichtzyklus vollständig und in der größeren oratorischen Form zu vertonen [1]. Auf jeden Fall begann Schönberg nun, die Komposition zu einer dreiteiligen Kantate für Soli, Chor und Orchester umzuarbeiten, wobei er die bestehende Klavierpartitur als Grundlage für ein Particell mit Instrumentationsangaben verwendete. Im Rahmen der Arnold Schönberg Gesamtausgabe wurden die originalen Frühfassungen mittels restauratorischer und musikwissenschaftlicher Methoden rekonstruiert und sind nun der Öffentlichkeit wieder verfügbar. In der Folgezeit arbeitete Schönberg immer wieder von längeren Pausen unterbrochen an der Umarbeitung und Instrumentierung der Partitur.

Am 14. Januar 1910 wurde der erste Teil im Wiener Ehrbar-Saal mit Klavierbegleitung uraufgeführt. Für diese Aufführung arrangierte Anton Webern die Instrumentalteile für zwei Klaviere mit sechs- bzw. achthändiger Klavierbegleitung. Für eine Wiederaufführung dieses Konzerts im Musikinstrumenten-Museum Berlin zum 100. Jubiläum 2010 fertigte Urs Liska aus den handschriftlichen Quellen Aufführungsmaterial dieser Arrangements an und richtete eine aufführbare Version des ersten Teils ein [2].

Im Jahre 1911 vollendete Schönberg das Werk. Die Uraufführung erfolgte am 23. Februar 1913 durch das Tonkünstler-Orchester im Großen Musikvereinssaal in Wien unter der Leitung von Franz Schreker. Es sollte der größte Erfolg werden, den Schönberg je in seinem Leben erringen würde. Doch der Komponist, gekränkt durch die frühere konservative Haltung des Wiener Publikums, weigerte sich den Applaus entgegenzunehmen, worauf sich das Publikum einige Wochen später im sogenannten Skandalkonzert rächte, indem es die Aufführung zu einem vorzeitigen Ende brachte.

Besetzung[Bearbeiten]

Schönberg bedient sich in der Partitur der Gurre-Lieder reicher Klangmittel und steht damit in der Musiktradition der Wendezeit vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Besetzung erfordert fünf Vokalsolisten (Sopran, Mezzosopran oder Alt, 2 Tenöre, Bass), eine(n) Sprecher(in), drei vierstimmige Männerchöre und einen achtstimmigen gemischten Chor sowie ein sehr großes Orchester. Die Stärke der einzelnen Instrumentengruppen übertrifft dabei alle bis dahin bekannten Partituren: das gigantische Aufgebot umfasst 8 Flöten (davon 4 Piccoloflöten), 3 Oboen, 2 Englischhörner, 7 Klarinetten, 3 Fagotte, 2 Kontrafagotte, 6 Hörner, 4 Wagnertuben, 6 Trompeten, 1 Basstrompete, 1 Altposaune, 4 Tenorbassposaunen, 1 Bassposaune, 1 Kontrabassposaune, 1 Kontrabasstuba, 4 Harfen, 1 Celesta, umfangreiches Schlagzeug (darunter Xylophon, Glockenspiel, 6 Pauken und Eisenketten) sowie stark besetzte Streicher. Die Vokalsolisten übernehmen folgende Rollen: Waldemar (Tenor), Tove (Sopran), Waldtaube (Mezzosopran), Bauer (Bass), Klaus-Narr (Tenor).

Die Schloss-Ruine Gurre, Helsingør, Dänemark

Gliederung und Inhalt[Bearbeiten]

Die Liederfolge Jacobsens, die dem Werk zu Grunde liegt, behandelt die mittelalterliche Legende um die Liebe des Dänenkönigs Valdemar zu der schönen Tove und die Eifersucht der Königin, die Tove schließlich ermordete. Der Stoff gehört mit seinen verschiedenen Versionen zum nationalen Sagengut Dänemarks. Im Laufe der Zeit wurde die Vorstellung des nach Toves Tod ruhelos umherschweifenden Königs und dessen Projektion auf den in Schloss Gurre Helsingør verstorbenen realen dänischen König Waldemar IV. Atterdag (um 1321 - 1375) dem Sagenstoff hinzugefügt. Diese Version der Sage diente Jacobsen als Grundlage für seine Gedichte, die Schönberg in der deutschen Übersetzung des Wiener Philologen und Kritikers Robert Franz Arnold kennenlernte.

Schönbergs Kantate gliedert sich in drei Teile. Während die beiden ersten Teile nur von den Solostimmen gestaltet werden, sind im dritten Teil auch die Männerchöre Träger der Handlung.

Im ersten Teil, der durch ein Orchestervorspiel eingeleitet wird, erzählen neun Lieder für Sopran und Tenor von der Liebe Waldemars zu Tove und dem selbstvergessenen Glück, überschattet von Todesahnung. Ein längeres Orchesterzwischenspiel leitet zum Bericht der Waldtaube von Toves Tod und vom Schmerz Waldemars über, womit der erste Teil endet.

Der zweite Teil beginnt mit einem Vorspiel und besteht nur aus einem einzigen Lied, in dem der unglückliche Waldemar Gott ob seiner Grausamkeit anklagt.

Der dritte Teil steht in der Tradition der Schauerromantik, die seit WebersFreischütz“ Eingang in die Musik gefunden hat. In diesem gespenstischen Nachspiel ruft König Waldemar seine toten Mannen aus ihren Gräbern. Als rastlose, unerlöste Tote reiten sie nachts in wilder Jagd um die Burg Gurre, bis der Tag graut und sie wieder im Todesschlaf versinken. Dazwischen steht die Schilderung eines Bauern von seiner Angst vor dem unheimlichen nächtlichen Geisterheer und das groteske Lied des Klaus-Narr, der mit dem wilden Heer reiten muss, aber lieber im Grabe liegen möchte. Ein zartes Orchesterzwischenspiel, das nach dem nächtlichen Grauen von morgendlichem Licht durchflutet ist, leitet zum Melodram „Des Sommerwindes wilde Jagd“ über. Der Sprecher erzählt in rhythmisierter und tonhöhenfixierter Sprechweise (Sprechgesang) vom morgendlichen Wind, der dem nächtlichen Spuk ein Ende bereitet. Alles mündet in den grandiosen, vom achtstimmigen gemischten Chor intonierten Schlusschor „Seht die Sonne“. Dieser strahlende Sonnenaufgang bildet den optimistischen Abschluss dieser Kantate.

Disko- und Videographie (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Eberhard Freitag: Arnold Schönberg. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Eberhard Freitag. Rowohlts Monographien. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1990, ISBN 3-499-50202-X.
  • Ulrich Krämer (Hrsg.): Arnold Schönberg: Gurre-Lieder für Soli, Chor und Orchester. Studienpartitur (mit einem Text von Jens Peter Jacobsen). Universal-Edition, Wien u. a. o. J.
  • Ulrich Krämer: Oratorium oder Liederzyklus? Zur Entstehung von Schönbergs "Gurre-Liedern". In: Christian Meyer (Hrsg.): Arnold Schönberg in Berlin. Bericht zum Symposium 28.–30. September 2000. (= Journal of the Arnold Schönberg Center 3/2001). Arnold Schönberg Center, Wien 2001
  • Werner Oehlmann, Alexander Wagner: Reclams Chormusik- und Oratorienführer. 8., durchges. Aufl. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-010550-1.
  • Ulrich Tadday (Hrsg.): Arnold Schönberg. Musik-Konzepte 112/113. Edition text + kritik, München 2001, ISBN 3-88377-660-2.

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Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Krämer: Oratorium oder Liederzyklus? Zur Entstehung von Schönbergs "Gurre-Liedern". 2001
  2. http://www.sim.spk-berlin.de/veranstaltungen_detail.php?detail=229&PAGE_ID=378
  3. Arnold Schönberg: Sämtliche Lieder (Capriccio C7120), 2012