Gurre-Lieder
Die Gurre-Lieder von Arnold Schönberg sind eine Kantate für Soli, Chor und Orchester. Die Worte sind der Novelle „En cactus springer ud“ des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen (1847–1885) in der deutschen Übersetzung von Robert Franz Arnold entnommen.
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Entstehungsgeschichte [Bearbeiten]
Die Komposition des Werkes, die in wesentlichen Teilen schon in den Jahren 1900/01 vollendet war, erstreckte sich über einen Zeitraum von gut 11 Jahren. Der Beginn der Komposition fiel mit der Ausschreibung eines Kompositionswettbewerbs des Wiener Tonkünstler-Vereins zusammen. Schönberg komponierte die Gedichte des ersten Teils als Liederzyklus für Gesang und Klavier, reichte sie aber nicht bei dem Wettbewerb ein. Nach einem Bericht Zemlinskys war dies der Neuartigkeit der Lieder und der deshalb vermuteten geringen Aussichten auf einen Preis geschuldet. Schönberg selbst gab dagegen an, er habe die Ausschreibungsfrist nicht einhalten können. Eine Vielzahl von Indizien (wie etwa die Tatsache, dass Schönberg bei den später komponierten Liedern keine Schlüsse komponiert, sondern Platz für die orchestralen Überleitungen gelassen hatte) legt allerdings den Schluss nahe, dass Schönberg von Beginn an die Absicht gehabt hatte, den Gedichtzyklus vollständig und in der größeren oratorischen Form zu vertonen [1]. Auf jeden Fall begann Schönberg nun, die Komposition zu einer dreiteiligen Kantate für Soli, Chor und Orchester umzuarbeiten, wobei er die bestehende Klavierpartitur als Grundlage für ein Particell mit Instrumentationsangaben verwendete. Im Rahmen der Arnold Schönberg Gesamtausgabe wurden die originalen Frühfassungen mittels restauratorischer und musikwissenschaftlicher Methoden rekonstruiert und sind nun der Öffentlichkeit wieder verfügbar. In der Folgezeit arbeitete Schönberg immer wieder von längeren Pausen unterbrochen an der Umarbeitung und Instrumentierung der Partitur.
Am 14. Januar 1910 wurde der erste Teil im Wiener Ehrbar-Saal mit Klavierbegleitung uraufgeführt. Für diese Aufführung arrangierte Anton Webern die Instrumentalteile für zwei Klaviere mit sechs- bzw. achthändiger Klavierbegleitung. Für eine Wiederaufführung dieses Konzerts im Musikinstrumenten-Museum Berlin zum 100. Jubiläum 2010 fertigte Urs Liska aus den handschriftlichen Quellen Aufführungsmaterial dieser Arrangements an und richtete eine aufführbare Version des ersten Teils ein [2].
Im Jahre 1911 vollendete Schönberg das Werk. Die Uraufführung erfolgte am 23. Februar 1913 durch das Tonkünstler-Orchester im Großen Musikvereinssaal in Wien unter der Leitung von Franz Schreker. Es sollte der größte Erfolg werden, den Schönberg je in seinem Leben erringen würde. Doch der Komponist, gekränkt durch die frühere konservative Haltung des Wiener Publikums, weigerte sich den Applaus entgegenzunehmen, worauf sich das Publikum einige Wochen später im sogenannten Skandalkonzert rächte, indem es die Aufführung zu einem vorzeitigen Ende brachte.
Besetzung [Bearbeiten]
Schönberg bedient sich in der Partitur der Gurre-Lieder reicher Klangmittel und steht damit in der Musiktradition der Wendezeit vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Besetzung erfordert fünf Vokalsolisten (Sopran, Mezzosopran oder Alt, 2 Tenöre, Bass), eine(n) Sprecher(in), drei vierstimmige Männerchöre und einen achtstimmigen gemischten Chor sowie ein sehr großes Orchester. Die Stärke der einzelnen Instrumentengruppen übertrifft dabei alle bis dahin bekannten Partituren: das gigantische Aufgebot umfasst 8 Flöten (davon 4 Piccoloflöten), 3 Oboen, 2 Englischhörner, 7 Klarinetten, 3 Fagotte, 2 Kontrafagotte, 6 Hörner, 4 Wagnertuben, 6 Trompeten, 1 Basstrompete, 1 Altposaune, 4 Tenorbassposaunen, 1 Bassposaune, 1 Kontrabassposaune, 1 Kontrabasstuba, 4 Harfen, 1 Celesta, umfangreiches Schlagzeug (darunter Xylophon, Glockenspiel, 6 Pauken und Eisenketten) sowie stark besetzte Streicher. Die Vokalsolisten übernehmen folgende Rollen: Waldemar (Tenor), Tove (Sopran), Waldtaube (Mezzosopran), Bauer (Bass), Klaus-Narr (Tenor).
Gliederung und Inhalt [Bearbeiten]
Die Liederfolge Jacobsens, die dem Werk zu Grunde liegt, behandelt die mittelalterliche Legende um die Liebe des Dänenkönigs Valdemar zu der schönen Tove und die Eifersucht der Königin, die Tove schließlich ermordete. Der Stoff gehört mit seinen verschiedenen Versionen zum nationalen Sagengut Dänemarks. Im Laufe der Zeit wurde die Vorstellung des nach Toves Tod ruhelos umherschweifenden Königs und dessen Projektion auf den in Schloss Gurre Helsingør verstorbenen realen dänischen König Waldemar IV. Atterdag (um 1321 - 1375) dem Sagenstoff hinzugefügt. Diese Version der Sage diente Jacobsen als Grundlage für seine Gedichte, die Schönberg in der deutschen Übersetzung des Wiener Philologen und Kritikers Robert Franz Arnold kennenlernte.
Schönbergs Kantate gliedert sich in drei Teile. Während die beiden ersten Teile nur von den Solostimmen gestaltet wird, sind im dritten Teil auch die Männerchöre Träger der Handlung.
Im ersten Teil, der durch ein Orchestervorspiel eingeleitet wird, erzählen neun Lieder für Sopran und Tenor von der Liebe Waldemars zu Tove und dem selbstvergessenen Glück, überschattet von Todesahnung. Ein längeres Orchesterzwischenspiel leitet zum Bericht der Waldtaube von Toves Tod und vom Schmerz Waldemars über, womit der erste Teil endet.
Der zweite Teil beginnt mit einem Vorspiel und besteht nur aus einem einzigen Lied, in dem der unglückliche Waldemar Gott ob seiner Grausamkeit anklagt.
Der dritte Teil steht in der Tradition der Schauerromantik, die seit Webers „Freischütz“ Eingang in die Musik gefunden hat. In diesem gespenstischen Nachspiel ruft König Waldemar seine toten Mannen aus ihren Gräbern. Als rastlose, unerlöste Tote reiten sie nachts in wilder Jagd um die Burg Gurre, bis der Tag graut und sie wieder im Todesschlaf versinken. Dazwischen steht die Schilderung eines Bauern von seiner Angst vor dem unheimlichen nächtlichen Geisterheer und das groteske Lied des Klaus-Narr, der mit dem wilden Heer reiten muss, aber lieber im Grabe liegen möchte. Ein zartes Orchesterzwischenspiel, das nach dem nächtlichen Grauen von morgendlichem Licht durchflutet ist, leitet zum Melodram „Des Sommerwindes wilde Jagd“ über. Der Sprecher erzählt in rhythmisierter und tonhöhenfixierter Sprechweise (Sprechgesang) vom morgendlichen Wind, der dem nächtlichen Spuk ein Ende bereitet. Alles mündet in den grandiosen, vom achtstimmigen gemischten Chor intonierten Schlusschor „Seht die Sonne“. Dieser strahlende Sonnenaufgang bildet den optimistischen Abschluss dieser Kantate.
Diskografie (Auswahl) [Bearbeiten]
- Manfred Jung, Eva-Maria Bundschuh, Rosemarie Lang, Ulric Cold, Wolf Appel; Gert Westphal; Rundfunkchor Berlin, Rundfunkchor Leipzig, Prager Männerchor; Dresdner Philharmonie, Rundfunksinfonieorchester Leipzig; Herbert Kegel (Dir.). Berlin Classics (2 CDs)
- Herbert Schachtschneider, Inge Borkh, Hertha Töpper, Kieth Engen, Lorenz Fehenberger; Hans-Herbert Fiedler; Chor des Bayerischen Rundfunks; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; Rafael Kubelik (Dir.). DGG 2726046 (2 LPs)
- James McCracken, Jessye Norman, Tatiana Troyanos, David Arnold, Kim Scown; Werner Klemperer; Tanglewood Festival Chorus; Boston Symphony Orchestra; Seiji Ozawa (Dir.). Philips 6 769 038 (2 LPs)
- Siegfried Jerusalem, Sharon Sweet, Marjana Lipovšek, Hartmut Welker, Philip Langridge; Barbara Sukowa; Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Arnold Schönberg Chor, Slowakischer Philharmonischer Chor Bratislava; Wiener Philharmoniker; Claudio Abbado (Dir.). DGG 439 944-2 (2 CDs)
- Richard Lewis, Ethel Semser, Nell Tangeman, John Riley, Ferry Gruber; Morris Gesell; Chœurs et Orchestre de La Nouvelle Association Symphonique de Paris, René Leibowitz (Dir.). Erato, 2 LPs. Grand Prix de Disque 1954.
- Siegfried Jerusalem, Susan Dunn, Brigitte Fassbaender, Hermann Becht, Peter Haage, Hans Hotter. Chor der Hedwigs-Kathedrale Berlin, Chor Städtischer Musikverein zu Düsseldorf, Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Riccardo Chailly, DECCA 473 728-2 (2 CDs)
- Paul Frey, Elizabeth Connell, Jard van Nes, Walton Grönroos, Volker Vogel, Hanz Franzen. Chor des NDR Hamburg, Chor des Bayerischen Rundfunks, Opernchor der Städtischen Bühnen Frankfurt. Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, Eliahu Inbal. Brilliant Classics 5-029365-815628 (2CDs)
- Melanie Diener, Yvonne Naef, Robert Dean Smith, Gerhard Siegel, Ralf Lukas, Andreas Schmidt. Chor des Bayerischen Rundfunks, MDR Rundfunkchor Leipzig, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Michael Gielen. Haenssler Classic 093.198.000 (2 CDs)
- Thomas Moser, Debora Voigt, Jennifer Larmore, Bernd Weikl, Keneth Riegel, Klaus Maria Brandauer - Chöre der Sächsischen Staatsoper Dresden, des Mitteldeutschen Rundfunks und des Prager Männerchors - Staatskapelle Dresden - Giuseppe Sinopoli; TELDEC 1996 (2 CDs)
- Melanie Diener, Markus Schäfer, Anke Vondung; Urs Liska. Originale Frühfassungen mit Klavierbegleitung. Capriccio C7120[3] (3. von 4 CDs)
Literatur [Bearbeiten]
- Eberhard Freitag: Arnold Schönberg. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Eberhard Freitag. Rowohlts Monographien. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1990, ISBN 3-499-50202-X
- Ulrich Krämer (Hrsg.): Arnold Schönberg: Gurre-Lieder für Soli, Chor und Orchester. Studienpartitur (mit einem Text von Jens Peter Jacobsen). Universal-Edition, Wien u. a. o. J.
- Ulrich Krämer: Oratorium oder Liederzyklus? Zur Entstehung von Schönbergs "Gurre-Liedern". In: Christian Meyer (Hrsg.): Arnold Schönberg in Berlin. Bericht zum Symposium 28.–30. September 2000. (= Journal of the Arnold Schönberg Center 3/2001). Arnold Schönberg Center, Wien 2001
- Werner Oehlmann, Alexander Wagner: Reclams Chormusik- und Oratorienführer. 8., durchges. Aufl. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-010550-1
- Ulrich Tadday (Hrsg.): Arnold Schönberg. Musik-Konzepte 112/113. Edition text + kritik, München 2001, ISBN 3-88377-660-2
Weblinks [Bearbeiten]
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Krämer: Oratorium oder Liederzyklus? Zur Entstehung von Schönbergs "Gurre-Liedern". 2001
- ↑ http://www.sim.spk-berlin.de/veranstaltungen_detail.php?detail=229&PAGE_ID=378
- ↑ Arnold Schönberg: Sämtliche Lieder (Capriccio C7120), 2012