Hauptkirche Sankt Michaelis (Hamburg)

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St. Michaelis
Innenraum
St. Michaelis (Luftbild 2013)

Die evangelische Hauptkirche Sankt Michaelis, genannt „Michel“, ist die bekannteste Kirche Hamburgs und ein Wahrzeichen der Hansestadt, da sie für Seeleute auf einlaufenden Schiffen gut sichtbar ist. Sie gilt als bedeutendste Barockkirche Norddeutschlands und ist dem Erzengel Michael geweiht, der als große Bronzestatue über dem Hauptportal steht. Er ist als Sieger im Kampf über Satan dargestellt. Der Michel steht in der südlichen Neustadt zwischen Ludwig-Erhard-Straße, Krayenkamp und Englischer Planke.

Geschichte[Bearbeiten]

Der heutige Bau ist der dritte Kirchenbau an dieser Stelle.

Erster Bau (1647–1750)[Bearbeiten]

Der erste Bau wurde von 1647 bis 1669 von Peter Marquardt und Christoph Corbinus (während der Bauzeit verstorben) in der Neustadt errichtet, die seit 1625 innerhalb der neuen Wallanlagen entstanden war. Im Jahr 1685 wurde der Michel neben St. Petri, St. Jacobi, St. Nikolai und St. Katharinen Hamburgs fünfte Hauptkirche und die Neustadt ein eigenes Kirchspiel.[1]

Am 10. März 1750 gegen 11:00 Uhr wurde die Kirche mit ungewöhnlich lautem Donner vom Blitz getroffen. Rauch und Flammen wurden ab 12:45 Uhr bemerkt. Der Brand konnte nicht mehr gelöscht werden, der Kirchturm brach im Zickzack zusammen. „Der Hauptteil des Turmes fiel auf das Kirchendach und setzte das Gotteshaus in Brand, das dadurch völlig vernichtet wurde.“ [2]

Zweiter Bau (1750–1906)[Bearbeiten]

Textblatt des Oratorium zur Einweihung im Jahre 1762

Im Jahr 1751 wurde der Grundstein für den zweiten Michel gelegt. Dieser wurde am 19. Oktober 1762 mit dem Oratorium "Komm wieder Herr, zu der Menge der Tausenden in Israel" (TWV 02:12) von Georg Philipp Telemann geweiht. Erst im Jahr 1786 wurde dieser Neubau nach einem Entwurf von Johann Leonhard Prey und Ernst Georg Sonnin durch den Bau des Turmes abgeschlossen.[3] Der Turm war ganz aus Holz und mit Kupfer verkleidet.[4] Im Jahr 1802 nutzte Johann Friedrich Benzenberg den Turm mit Erfolg für Fallexperimente zum Nachweis der Erdrotation und kam damit Léon Foucault mit seinem berühmten Pendelversuch um fast 50 Jahre zuvor. Am 3. Juli 1906 fing der Turm bei Lötarbeiten am Dachstuhl Feuer und brannte vollständig nieder. Auch das Kirchenschiff brannte bis auf die Grundmauern ab.

Dritter Bau (von 1906)[Bearbeiten]

Aufbau[Bearbeiten]

Über die Art des Wiederaufbaus gab es heftige Diskussionen. In einer Enquete von 1906/07 sprachen sich Cornelius Gurlitt, Fritz Schumacher und Peter Behrens gegen eine Rekonstruktion aus. Trotzdem erfolgte mit Rücksicht auf den Wahrzeichencharakter des „Michel“ und den Wunsch der Bevölkerung eine Wiederherstellung in der alten äußeren Form, allerdings mit Stahl und Beton anstelle der früheren Holzkonstruktion.[5] Die Bauarbeiten dauerten sechs Jahre. Am 19. Oktober 1912 wurde der Michel wiedereröffnet. Taufstein und Gotteskasten für Spenden stammen aus dem Jahr 1763.[6]

Bombardierung und Kriegsschädenbeseitigung[Bearbeiten]

Im Zweiten Weltkrieg wurde die gesamte Umgebung durch alliierte Bombenangriffe (Operation Gomorrha) stark zerstört, während die Kirche selbst zunächst fast unbeschädigt blieb. Erst 1944 und 1945 wurde schließlich auch das Hauptschiff getroffen. Die Schäden wurden bis etwa 1952 beseitigt.

Kontinuierliche Renovierung seit 1983[Bearbeiten]

Seit 1983 wird der Michel fast kontinuierlich renoviert:

  • 1983-1996: Erneuerung des Turms
  • 2002-Jahreswende 2009/10: Sanierung des Michels und Digitalisierung der Baupläne unter der Leitung des Hamburger Architektenbüros Plan-R Joachim[7]
  • 2007: Renovierung der Krypta
  • 2008-2009: Erneuerung des Kupferdachs und Innensanierung

Architektur und Ausstattung[Bearbeiten]

Grundriss
Gruft des Michels

Sankt Michaelis ist ein in Backsteinbauweise errichteter, barocker Zentralbau mit monumentalem Westturm. Als Wiederherstellung des Baus von 1762/86 ist sie die jüngste der fünf Hamburger Hauptkirchen und mit 2500 Sitzplätzen auch die größte. Der Kirchenraum hat einen kreuzförmigen Grundriss mit 44 m Breite, 52 m Länge und 27 m Höhe. Die marmorne Kanzel bildet das Zentrum des Raumes.

Kirchenraum[Bearbeiten]

Der Kirchenraum ist lichtdurchflutet, weil die klaren Fenster das Außenlicht passieren lassen.[8]

Eingänge[Bearbeiten]

Neben dem Haupteingang im Westen, der durch die Bronzeplastik des kämpfenden Erzengel Michaels gekennzeichnet ist, verfügt der Michel in Richtung Hafen (Süden) und Großneumarkt (Norden) über zahlreiche Pforten zum direkten Zugang aus den damals dichtbesiedelten Gebieten.[8]

Turmhalle[Bearbeiten]

Die Turmhalle ist Vorraum zur Kirche, zur Turmbesteigung und zur Kryptabesichtigung mit Kassenhäuschen für Broschürenverkauf.

Krypta[Bearbeiten]

Die Krypta wurde mit dem zweiten Bau der Kirche angelegt. Der Verkauf von Grabstellen sollte den Wiederaufbau mitfinanzieren. 2.425 Namen von dort Bestatteten sind bekannt, darunter Johann Mattheson († 17. April 1764), Carl Philipp Emanuel Bach († 14. Dezember 1788), Hinrich Borkenstein († 1777) und der Architekt des Michels Sonnin († 8. Juli 1794). Die Grabkammern sind tief ausgeschachtet für vier Särge übereinander. Während der Hamburger Franzosenzeit wurden 1813 Beerdigungen innerhalb der Stadt und damit auch in der Krypta verboten. Während des Zweiten Weltkriegs diente die Krypta als Luftschutzbunker.[9] [8] Das Gruftgewölbe beherbergt ab 1986 eine Ausstellung zur Baugeschichte mit Modellen der Kirche. Anfang 2000 wurde die Krypta umgebaut und wird nun für Gottesdienste und Konzerte genutzt.[10]

Turm[Bearbeiten]

Turm

Der 132 Meter hohe, charakteristische Kirchturm prägt die Silhouette der Stadt und galt schon früh als Orientierungsmarke für die auf der Elbe nach Hamburg segelnden Schiffe. In 106 Metern Höhe[11] ist die Turmplattform, die einen weiten Ausblick über die Stadt bietet, man kann sie zu Fuß über 453 Stufen oder mit einem Fahrstuhl erreichen. Am obersten Punkt des Turmes sind Webcameras angebracht.[12] Der Turm der Petrikirche ist ebenfalls 132 Meter hoch, damit können beide als zweithöchste Kirchtürme in Hamburg gelten; der höchste ist das Mahnmal St. Nikolai mit 147,3 Metern.

Turmuhr[Bearbeiten]

Turmuhr

Die Uhr im Kirchturm ist die größte ihrer Art in Deutschland. Sie wurde von der Straßburger Firma Ungerer hergestellt, deren Inhaber der Großvater des bekannten Grafikers Tomi Ungerer war. Jedes der vier Zifferblätter misst acht Meter im Durchmesser, ein großer Zeiger hat eine Länge von 4,91 Metern und ein kleiner von 3,60 m. Jeder dieser Zeiger wiegt 130 Kilogramm und ist – genauso wie die umgebenden Ziffern – mit Blattgold belegt. Für die Turmuhr gibt es zwei Schlagglocken.

Läuteglocken[Bearbeiten]

Als Ersatz für die große Michel-Glocke, die 1917 eingeschmolzen worden war, um Material für Rüstungsgüter zu erhalten, wurde am 31. März 2000 die große Jahrtausendglocke in der Glockengießerei A. Bachert in Heilbronn gegossen.[13] Allerdings entwickelte sich aufgrund schlechter Gussqualität am unteren Rand ein Sprung,[14] weshalb 2008 in Karlsruhe ein Neuguss erfolgte. Die anderen Glocken wurden von der Glockengießerei Schilling (Apolda) gegossen. In der Laterne befinden sich zwei Uhrschlag-Glocken der Heidelberger Glockengießerei von 1974 in den Tönen c1 und e1.[15]

Nr.
[13] 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Ø
(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
(HT-1/16)
Inschrift
 
1 Jahrtausendglocke 2008 Albert Bachert, Karlsruhe 2.340 7.549 f0 +3 Vorderseite: AUS DER TIEFE RUFE ICH HERR • ZU DIR •
DENN BEI DIR IST DIE VERGEBUNG DASS MAN DICH FUERCHTE

Rückseite: Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern
vergangen ist.
2 Bürgerglocke 1924 Franz Schilling Söhne, Apolda 1.960 4.911 a0 +2 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
3 Schifffahrtsglocke 1924 1.660 2.856 c1 +4 Fahret auf in die Höhe.
4 Gemeindeältestenglocke 1909 1.450 2.012 d1 +3 Lobet, ihr Völker, unsern Gott; laßt seinen Ruhm weit erschallen.
5 Pastorenglocke 1924 1.280 1.355 e1 +2 Selig sind die Knechte, die der Herr, so er kommt, wachend findet.
6 Kirchenvorsteherglocke 1909 1.220 1.102 f1 ±0 Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen
deinen Namen, du Höchster.

Orgeln[Bearbeiten]

Innenraum mit Blick auf die Hauptorgel

Der Michel besitzt fünf Orgeln: eine Marcussen-Orgel auf der Konzertempore, eine große Steinmeyer-Orgel mit ihren 85 Registern, 5 Manualen und 6674 Pfeifen, in der Krypta die romantische Felix Mendelssohn Bartholdy Orgel sowie ein Fernwerk mit Generalspieltisch im Dachboden. Am 1. Advent 2010 wurde zudem auf der Südempore die Carl-Phillip-Emanuel-Bach-Orgel eingeweiht.

Bräuche[Bearbeiten]

Türmer[Bearbeiten]

Nach einem 300 Jahre alten Brauch bläst der Türmer vom Michel werktags am Morgen um 10 Uhr, am Abend um 21 Uhr einen Choral auf seiner Trompete in alle vier Himmelsrichtungen. Sonn- und feiertags findet dies um 12 Uhr mittags statt. Dies war bis 1861 Signal zur Öffnung bzw. Schließung der Stadttore.[8] An vielen Abenden ist der Michel unter dem Slogan Nachtmichel bis etwa 23 Uhr geöffnet, man kann dann auf die beleuchtete Stadt und den Hafen schauen.[16]

Wicherns Adventskranz[Bearbeiten]

In der Advents- und Weihnachtszeit wird an einem Kran im Schallloch für das Fernwerk der Orgel in der Mitte des Kirchenraums ein riesiger Adventskranz mit bis zu 28 Kerzen nach Johann Hinrich Wichern aufgehängt.[17]

Umfeld[Bearbeiten]

Auf dem Vorplatz des Michels sind zwei mit grauem Schutzanstrich versehene Stunden-Glocken der Hauptkirche St. Michaelis von 1924 aufgestellt, die in der oberen Hälfte einen umlaufenden Sinnspruch enthalten. Aufhängung und Klöppel der Glocken wurden im Zweiten Weltkrieg beschädigt. Im Jahr 1974 wurden zwei neue Uhrschlag-Glocken im Glockenturm installiert.[18] Ferner sind im Boden des Vorplatzes Messingtäfelchen eingelassen, welche die Namen der Spender für die Renovierung aufführen.

Der Kleine Michel[Bearbeiten]

Der „Kleine Michel“ von Osten mit dem Turm des „Großen Michel“

Der „Kleine Michel“ ist die um 1600 erstmals entstandene Vorläuferkirche zum „Großen Michel“. Sie wurde ab 1757 als Notkirche nach dem Brand des Michels benutzt und wurde im Jahr 1811, während der Hamburger Franzosenzeit, katholisch.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Julius Faulwasser: Die St. Michaelis-Kirche zu Hamburg. Eine vaterländische Studie, Hamburg 1886.
  • Julius Faulwasser: Die St. Michaeliskirche zu Hamburg, Hamburg 1901.
  • Karl Reimer: St. Michaelis 1604-1904. Ein Überblick über die Geschichte der neustädtischen Gemeinde in Hamburg, Hamburg 1904.
  • Walter H. Dammann: Die St. Michaeliskirche zu Hamburg und ihre Erbauer. Ein Beitrag zur Geschichte der neueren Protestantischen Kirchenbaukunst, Leipzig 1909. (Digitalisat der SUB Hamburg)
  • Horst Lutter: Die St. Michaeliskirche in Hamburg. Der Anteil der Baumeister Prey, Sonnin und Heumann an ihrer Gestaltung, Hamburg 1966 (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs; 9).
  • Reinhold Pabel: Der kleine und der große Hamburger Michel, Hamburg 1986, ISBN 3-7672-0939-X.
  • Dieter Haas (Hg.): Der Turm. Hamburgs Michel, Gestalt und Geschichte. Beiträge von sechzehn Autoren, Festschrift, Hamburg 1986.
  • Hermann Hipp: Freie und Hansestadt Hamburg. Geschichte, Kultur- und Stadtbaukunst an Elbe und Alster, Köln 1989 (Dumont-Dokumente: Dumont-Kunst-Reiseführer).
  • Johannes Habich: Die grosse St.-Michaelis-Kirche zu Hamburg, 4. Aufl., München [u. a.], 1993 (Große Baudenkmäler; H. 310).
  • Matthias Gretzschel: St. Michaelis. Der Hamburger Michel, Hamburg 1996.
  • Hermann Heckmann: Baumeister des Barock und Rokoko in Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Lübeck, Hamburg, Berlin 2000.
  • Helge Adolphsen: Oh, wie so herrlich stehst Du da. Predigten im Hamburger Michel aus fünf Jahrhunderten. Murmann-Verlag, Hamburg 2006, ISBN 3-938017-79-1
  • Semjon Aron Dreiling: Pompöser Leichenzug zur schlichten Grabstätte. Die vergessenen Toten im Gruftgewölbe der Hamburger St.-Michaelis-Kirche 1762-1813, Medien-Verlag Schubert, Hamburg 2006, ISBN 3-937843-09-4 (PDF)
  • Joachim W. Frank, Iris Groschek, Rainer Hering, Volker Reissmann: Der Michel brennt! Die Geschichte des Hamburger Wahrzeichens, Edition Temmen, Bremen 2006, ISBN 3-86108-085-0 (PDF)
  • Bild Hamburg (Hrsg.): Der neue Michel. Sonderproduktion von ca. 2010

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Michaeliskirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hauptkirche St. Michaelis (Hrsg.): Der Michel. St. Michaelis. Faltblatt mit Eckdaten, Hamburg 2013
  2. Georg Wiarda: Die erste Große St. Michaeliskirche wird durch Blitzschlag zerstört. In: St. Michaelis aktuell. Ihr Gemeindebrief Februar bis April 2010, S. 7
  3. Jörn Masekowitz: Besichtigung des Michels. In: Hohenfelder und Uhlenhorster Rundschau, April/Mai 2012, S. 16.
  4. Hauptkirche St. Michaelis (Hrsg.): Der Michel. St. Michaelis. Faltblatt mit Eckdaten, Hamburg 2013
  5. Vgl: Jan Friedrich Hanselmann (Hg):Rekonstruktion in der Denkmalpflege. Texte aus Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 2009 S 38ff
  6. Hauptkirche St. Michaelis (Hrsg.): Der Michel. St. Michaelis. Faltblatt mit Eckdaten, Hamburg 2013
  7. plan-r.net Michelsanierung-Dokumentation pdf 13. Okt. 2009
  8. a b c d Michel, mein Michel. In: Hamburger Abendblatt vom 13. Oktober 2012, Magazin, Seite IV-V
  9. Nina Klein: Die Krypta vom Michel bei www.hamburg.de
  10. Matthias Gretzschel und Michael Zapf: Der doppelte Michel. In: Hamburger Abendblatt vom 16. Januar 2014, S. 8.
  11. laut Bauzeichnung: 105,90 m.
  12. Rundsicht vom Turm des Michels
  13. a b Internetseite Glockengießerei Bachert
  14. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJahrtausendglocke kehrt zum Hamburger Michel zurück. Die Welt, 8. November 2008, abgerufen am 26. December 2012.
  15. Hamburger Michel (Teilgeläut f° / a° / c´ / e´ / f´) auf YouTube.
  16. Sicht vom Michel am Abend
  17. Abbildung in plan-r.net Michelsanierung-Dokumentation pdf, S. 8/14
  18. Büro St. Michaelis, Frau Schröder am 15. Januar 2014.

53.5483333333339.9788888888889Koordinaten: 53° 32′ 54″ N, 9° 58′ 44″ O