Heinz Erhardt

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Ehrung zum 100. Geburtstag durch eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post AG, im Jahre 2009

Heinz Erhardt (* 20. Februar 1909 in Riga; † 5. Juni 1979 in Hamburg-Wellingsbüttel) war ein deutsch-baltischer Komiker, Musiker, Komponist, Unterhaltungskünstler, Schauspieler und Dichter.

Leben[Bearbeiten]

Der Sohn des deutsch-baltischen Kapellmeisters Gustl Erhardt wuchs größtenteils bei seinen Großeltern mütterlicherseits in der späteren lettischen Hauptstadt Riga auf, wo sein Großvater Paul Neldner ein Musikhaus führte. Über seinen Großvater kam Heinz Erhardt zum Klavierspiel. Zur Einschulung holte ihn seine Mutter nach St. Petersburg, wo er aber nur kurze Zeit blieb.

Jugendzeit und Ausbildung[Bearbeiten]

1919 nahm ihn sein Vater mit in das Deutsche Reich. Eine Zeit lang lebte er in der Wennigser Mark bei Hannover bei der zweiten Frau seines Vaters, die nur neun Jahre älter war als er selbst. Von 1919 bis 1924 besuchte er ein Internat in Barsinghausen bei Hannover und das Realgymnasium am Georgsplatz, die heutige Tellkampfschule. Danach kehrte er nach Riga zurück. Erhardt hatte zwischenzeitlich 15 Schulwechsel hinter sich und bestand das Abitur nicht. 1924 bis 1926 besuchte er das Deutsche Gymnasium in Riga, wo er an einer Laienspielgruppe teilnahm. Von 1926 bis 1928 besuchte er das Konservatorium in Leipzig und studierte dort Klavier und Komposition.[1] Erhardts Jugendtraum, Pianist zu werden, wurde aber von den Großeltern nicht unterstützt. Sein Großvater wollte, dass Erhardt eine kaufmännische Ausbildung erhielt und stellte ihn als Lehrling in seinem Musikhaus ein.

Familie[Bearbeiten]

1935 heiratete Heinz Erhardt die Tochter des ehemaligen italienischen Konsuls in Sankt Petersburg, Gilda Zanetti (1913–1987), die er, wie er schreibt, in einem Aufzug kennengelernt hatte. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Grit (* 1936, verh. Berthold), Verena (* 1940, verh. Haacker), Gero (* 1943) und Marita (* 1944, verh. Malicke). Gero Erhardt wurde Kameramann und Regisseur. Erhardts Enkel Marek Erhardt ist Schauspieler.

Karriere[Bearbeiten]

1928 bis 1938 arbeitete Erhardt in Riga in der Kunst- und Musikalienhandlung des Großvaters Paul Neldner. In Riga trat er auch mit selbst komponierten und komischen Texten und Liedern in den Kaffeehäusern der Stadt auf. 1937 trug er eigene Lieder in Programmen der Reichssender Königsberg und Danzig vor.

1938 holte Willi Schaeffers Heinz Erhardt in Berlin an das Kabarett der Komiker. Im Zweiten Weltkrieg wurde Erhardt 1941 zum Kriegsdienst einberufen. Bei zwei Musterungen war er durchgefallen, bei der dritten kam er – als Nichtschwimmer und Brillenträger – nach Stralsund zur Kriegsmarine, die für ihr Orchester einen Klavierspieler suchte. In der Folgezeit war er an verschiedenen Orten in der Truppenbetreuung tätig und hat nach der Grundausbildung nie mehr eine Waffe in der Hand gehabt. Während des Krieges schrieb er Friedensgedichte. Nach dem Krieg ließ sich Erhardt mit seiner Familie in Hamburg-Wellingsbüttel nieder und arbeitete als Radiomoderator beim NWDR, der 1948 auch den Komponisten Erhardt mit seiner 10-Pfennig-Oper ins Programm nahm.

Seine größten Erfolge feierte er ab 1957 im Kino als Hauptfigur in Filmkomödien wie Der müde Theodor, Witwer mit fünf Töchtern, Der Haustyrann, Immer die Radfahrer, Natürlich die Autofahrer und Was ist denn bloß mit Willi los?.

Humor[Bearbeiten]

Erhardts Humor baut in erster Linie auf Wortspielen und verdrehten Redewendungen auf. In dem Gedicht Ganz zuletzt bekannte er sich zu den Vorbildern Erich Kästner, Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz.[2]

In vielen seiner Filmrollen spielt er eine Art netten, aber etwas verwirrten und schüchternen Familienvater oder Onkel, der gerne Unsinn erzählt. Gleichzeitig versuchte er in seinen Filmen meist, den typischen Deutschen aus der Zeit des Wirtschaftswunders darzustellen. Der deutsche Germanist Heinrich Detering bezeichnete Erhardt als „einen Poeten, der es sich selbst und seinen Lesern nicht immer leicht gemacht hat, weil er es ihnen zu leicht machen wollte“.

Viele seiner Gedichte kreisen auf subtile Weise um die Themen Vergeblichkeit, Vergänglichkeit und Tod, sodass man sie auch dem Genre des Schwarzen Humors zurechnen kann.[3]

Unter anderem diente er Otto Waalkes[4] und Willy Astor[5] als Vorbild. Berühmt ist Heinz Erhardt auch für seine zahlreichen witzigen Gedichte. Seine Darbietungen schlossen Klavierspiel, Intonierung und Tanz, meist im kleinen Format, mit ein, was sein Profil als Alleinunterhalter abrundete. Auch kamen viele Partner-Nummern, so etwa im Film mit Hans-Joachim Kulenkampff oder Peter Alexander und auf der Bühne mit Rudi Carrell oder Udo Jürgens, zustande.

Ehrungen, Krankheit und Tod[Bearbeiten]

Ab Ende der 1960er Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand; häufig quälte er sich mit Herzrasen oder Fieber auf die Bühne. Am 11. Dezember 1971 erlitt Erhardt einen Schlaganfall, bei dem das Sprachzentrum seines Gehirns derart in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass er zwar lesen und verstehen, aber nicht mehr sprechen und schreiben konnte. Bedingt durch diese Aphasie zog er sich weitgehend ins Privatleben zurück. Zehntausende Genesungsbriefe gingen für ihn ein.

1978/1979 arbeitete Heinz Erhardt mit seinem Sohn Gero Erhardt an der Fernsehfassung seiner komischen Oper Noch 'ne Oper, die er bereits in den 1930er Jahren geschrieben hatte. Am 21. Februar 1979, einen Tag nach Heinz Erhardts 70. Geburtstag, wurde diese Fernsehfassung im ZDF ausgestrahlt; mit dabei waren viele Kollegen wie Paul Kuhn, Hans-Joachim Kulenkampff, Rudolf Schock, Ilse Werner und Helga Feddersen, sein Sohn Gero stand hinter der Kamera. Heinz Erhardts Stimme wurde aus früheren Rundfunkaufnahmen hinzugemischt; in kurzen, eingeblendeten Szenen war Erhardt selbst als amüsierter Dichter in einem Park auf einer Bank sitzend zu sehen.

Von der 1972 veröffentlichten LP Was bin ich wieder für ein Schelm wurden bis 1978 über 200.000 Exemplare verkauft. Die Plattenfirma Teldec und der Verlag Klemner und Müller überreichten Heinz Erhardt dafür am 31. Mai 1978 „Das Goldene Gedicht“, eine kilogrammschwere Tafel mit Erhardts Gedicht vom „Blähboy“.[6] Diese LP erschien 1985 auch in der DDR beim VEB Deutsche Schallplatten und war dort ebenfalls ein großer Erfolg.

Am 1. Juni 1979 wurde Heinz Erhardt das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland nachträglich zum 70. Geburtstag verliehen.[7]

Vier Tage später, am 5. Juni 1979, starb Erhardt. Er wurde auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf in Hamburg beigesetzt.[8] Die Grabstelle befindet sich in BI 66, 605-606.

Nachlass und postume Ehrungen[Bearbeiten]

Heinz-Erhardt-Denkmal am Heinz-Erhardt-Platz in Göttingen als Szene im Film Natürlich die Autofahrer

Im Nachlass von Heinz Erhardt fanden sich zahlreiche Klavier-Kompositionen, die er zwischen 1925 und 1931 geschrieben hatte. 23 dieser Stücke wurden 1994 erstmals auf Tonträger veröffentlicht. Die Noten zu diesen Klavierstücken wurden zu seinem 100. Geburtstag 2009 erstmals im Druck veröffentlicht.[9]

Heinz Erhardt ist ein Stern im „Sterne der Satire – Walk of Fame des Kabaretts“ in Mainz gewidmet.[10]

Der Platz in Göttingen, an dem Erhardt in dem Film Natürlich die Autofahrer als Polizist Dobermann den Straßenverkehr regelte, wurde im Mai 2003 in „Heinz-Erhardt-Platz“ umbenannt. Dort wurde eine Stele aufgestellt.[11]

Im Jahr 2007 kam Heinz Erhardt bei der Wahl zum besten deutschsprachigen Komiker in der ZDF-Sendung „Unsere Besten – Komiker & Co.“ auf den zweiten Platz hinter Loriot.[12] Auch in der „Unsere Besten“-Schauspielerausgabe konnte er sich unter den ersten zehn platzieren.

2009 schrieb John von Düffel das Theaterstück Ich, Heinz Erhardt zum 100. Geburtstag des Komikers als einen humorvollen Beitrag zur Integrationsdebatte. Die Titelrolle der Uraufführung am Staatstheater Oldenburg spielte Murat Yeginer.[13]

Ebenfalls 2009 wurde von der Deutschen Post AG eine Sonderbriefmarke im Wert von 0,55 € (Porto eines Standardbriefs) herausgegeben.[14]

Am 20. Februar 2010 wurde anlässlich Heinz Erhardts 101. Geburtstag die bisher größte Ausstellung „Noch ’ne Ausstellung“ in der Lutherstadt Wittenberg eröffnet.[15]

Am 16. Juni 2010 wurde der Heinz-Erhardt-Park in Hamburg-Wellingsbüttel eingeweiht. Anlässlich des 100. Geburtstages von Heinz Erhardt im Februar 2009 hatten die Bezirksversammlung Wandsbek und das Bezirksamt Wandsbek bekannt gegeben, dass die in der Nähe seines ehemaligen Hauses gelegene Parkanlage in „Heinz-Erhardt-Park“ umbenannt werde. Zu Ehren von Heinz Erhardt hat die Bezirksversammlung Wandsbek zusätzlich Gedichttafeln mit seinen bekannten Versen im Park aufstellen lassen.[16]

2010 wurde er vom Fernsehkritiker Volker Bergmeister hinter dem Spitzenreiter Loriot auf dem zweiten Platz der zehn nachhaltigsten Comedians gelistet.[17]

2014 wurde in Wien ein bislang unbekannter Kurzfilm mit dem Titel „Geld sofort“ entdeckt, der am 6. Januar 2015 im NDR seine Fernsehpremiere feiern soll.[18]

Werke[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Grit Berthold, Verena Haacker, Marita Malicke: Heinz Erhardt privat. Fackelträger, Oldenburg 2000, ISBN 3-7716-2164-X. (Geschrieben von den Töchtern Heinz Erhardts.)
  • Rainer Berg, Norbert Klugmann: Heinz Erhardt, dieser Schelm – Die Lebensgeschichte des großen Komikers. Heyne, München 1993, ISBN 3-453-06138-1. (Copyright: Fackelträger, Hannover 1987)
  • Michael Busch: Erhardt, Heinz. In: Hamburgische Biografie, Band 5, Wallstein, Göttingen 2010, S. 110–112.
  • Manfred Hobsch, Michael Petzel: Heinz Erhardt: Mopsfidel im Wirtschaftswunderland. Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin 2004, ISBN 3-89602-498-1. (Bildband über Filme Heinz Erhardts aus den fünfziger und sechziger Jahren)
  • Rolf Thissen: Heinz Erhardt und seine Filme. Heyne, München 1986, ISBN 3-453-86089-6.
  • Unvergeßlicher Heinz Erhardt. Rowohlt, Reinbek 1980, ISBN 3-499-14245-7.
  • Covertext von Horst Klemmer auf der Doppel-LP Heinz Erhardt – Das große Lachen. (Teldec, 1977)
  • Arne Mentzendorff: Heinz Erhardt, der Humorist aus Riga, hg. vom Bund der Vertriebenen, Hans-Dieter Handrack, Bonn 1999. ISBN 3-925103-97-X.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heinz Erhardt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mit Sprachwitz zum Schelm der Nation – Heinz Erhardt wäre 100 geworden. (Memento vom 10. Juni 2014 im Webarchiv Archive.today) – Beitrag des ZDF am 20. Februar 2009
  2. Nach: Steffen Jacobs (Hrsg.): Die komischen Deutschen. 881 gewitzte Gedichte aus 400 Jahren. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3-86150-598-3. S. 803.
  3. So beispielsweise „Die Made“, „Stiche“, „Tatü Tatü“, „Der König Erl“, „Der Brummer“, „Beethovens Totenmaske“. Nach: Die komischen Deutschen. 881 gewitzte Gedichte aus 400 Jahren.
  4. Waalkes Interview auf Die Welt, abgerufen am 8. Mai 2013.
  5. Astor Interview auf Reutlinger Nachrichten, abgerufen am 8. Mai 2013.
  6. Erhardt, Heinz. auf fernsehmuseum-hamburg.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  7. Der deutsche Komiker Heinz Erhardt stirbt am 05. Juni 1979 in Hamburg. auf hamburg.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  8. Das Grab von Heinz Erhardt. auf knerger.de
  9. Der Komiker komponierte köstliche Klaviermusik. auf zeit.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  10. Sterne der Satire. auf kabarettarchiv.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  11. Heinz Erhardt Stele. auf denkmale.goettingen.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  12. ZDF-Zuschauerwahl „Unsere Besten“ – Geförderte/Geehrte (ab 2000). auf kulturpreise.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  13. Noch’n Gerücht: Heinz Erhardt war Türke. auf welt.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  14. 100. Geburtstag Heinz Erhardt. auf philatelie.deutschepost.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  15. Vom Leben eines Schelms. auf mz-web.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  16. Hamburger Morgenpost: Ein Park für Heinz Erhardt. auf mopo.de, abgerufen am 26. Februar 2013.
  17. Der unvergessene Schelm, auf zehn.de (Version vom 12. August 2011 im Internet Archive)
  18. Süddeutsche Zeitung: Unbekannter Film von Heinz Erhardt entdeckt auf mopo.de, abgerufen am 21. Dezember 2014.