Helm Stierlin

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Wilhelm Paul Stierlin (* 12. März 1926 in Mannheim) ist ein deutscher Psychiater, Psychoanalytiker und Systemischer Familientherapeut. Er war von 1974 bis 1991 der ärztliche Direktor der Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie an der medizinischen Fakultät, der Ruperto Carola, in Heidelberg.[1]

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Familie [Bearbeiten]

Helm Stierlin wurde als ältester von drei Söhnen des Brückenbauingenieurs Paul Stierlin (* 1890 in Stuttgart; † 1. April 1945 in Mannheim) und seiner Ehefrau Elsbeth-Sophie, geb. Schöningh (* 1905 in Meppen; † 1995 in Neckarhausen), geboren. Stierlins Großeltern väterlicherseits sind Wilhelm Stierlin, königlich württembergischer Eisenbahndirektor (1853-1906), Nobilitierung durch Verleihung des württembergischen Hausordens, und dessen Ehefrau Anna Stierlin, geb. Bilfinger (1856-1928), aus der über Generationen in Württemberg ansässigen Familie Bilfinger stammend. Stierlins Großeltern mütterlicherseits sind der Gutsbesitzer Eduard Schöningh und dessen Ehefrau Elisabeth. Helm Stierlin ist verheiratet mit der promovierten Schweizer Psychologin und Familientherapeutin Satuila Stierlin. Der Ehe entstammen zwei Töchter. Die Angaben zu Herkunft und Familie sind der Veröffentlichung eines Interviews von Wolf Ritscher mit dem Ehepaar Stierlin und ihren Töchtern entnommen.[2]

Erste Lebensjahre und Jugend [Bearbeiten]

Durch den väterlichen Beruf bedingt, zog die Familie Stierlin mehrfach um. Helm Stierlin wuchs in Mannheim, Großwallstadt, Neckarsteinach und letztlich Stettin heran. Stettin war von 1935 bis 1945 Wohnsitz der Familie. Helm Stierlin nahm am Zweiten Weltkrieg teil. Es gelang ihm nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai 1945, als 19 Jähriger über Prag die Heimat zu erreichen, ohne in Gefangenschaft geraten zu sein. Helm Stierlins jüngerer Bruder Gerhard fiel im Zweiten Weltkrieg im Alter von 17 Jahren.

Medizinstudium in Heidelberg [Bearbeiten]

Als die Universitäten im Jahre 1945 wieder ihre Pforten öffneten, immatrikulierte sich Helm Stierlin, nach Absolvierung eines Notabiturs, an der Universität Heidelberg für das Studium der Medizin. Parallel zu den medizinischen Pflichtvorlesungen und Seminaren, besuchte Stierlin so oft es ihm gelang, die philosophischen Vorlesungen von Karl Jaspers, was ihm hin und wieder einen Spagat abverlangte, da die Vorlesungsorte der medizinischen Fakultät und der philosophischen Fakultät entfernt voneinander, aber die Pflichtvorlesungen und die ihn interessierenden wahlweise belegten Vorlesungen bei Karl Jaspers in Philosophie in ihrem Zeitplan sehr eng beieinander lagen. Neben Jaspers Denkansätzen blieben die Hegelsche Denkschule für Stierlin mithin ein lebenslanges Paradigma. Stierlin promovierte in Medizin und in Philosophie.

Neben noch nicht aufgearbeiteter Entgleisungen der ethischen Haltung und medizinischen Handlungsweise einiger Ordinarii an den medizinischen Fakultäten in Deutschland während des Nationalsozialismus, gab es 1945 viele positive Forschungsansätze und neue interdisziplinäre Bande und Verknüpfungen in Heidelberg, die insbesondere durch die wissenschaftlichen Denkansätze und die Forschungsarbeiten von Viktor von Weizsäcker und Alexander Mitscherlich auf den Weg gebracht worden waren. So konnte an der Universität Heidelberg 1950 ein Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin eingerichtet werden, dessen erster Inhaber Viktor von Weizsäcker wurde. Mitscherlich, der am Zustandekommen wesentlich beteiligt war verließ 1960 Heidelberg und ging nach Frankfurt am Main, wo er der erste Direktor nach dem Krieg, am wieder gegründeten Sigmund-Freud-Institut wurde.

Forschungsjahre in Amerika [Bearbeiten]

1957 ging Helm Stierlin in die Vereinigten Staaten. Hier arbeitete und forschte Stierlin, insbesondere über die Psychopathologie der Schizophrenie, psychotische– und psychosomatische Erkrankungen, den Ablösungsprozess in der Adoleszenz, und die jüngsten therapeutischen Erfahrungen in der Familientherapie mit den erweiternden therapeutischen Konzepten im Rahmen systemtheoretischer Denkansätze.

Helm Stierlin unterbrach seinen Amerika Aufenthalt für ein Jahr von 1963–1964, um einer Weiterbildung am Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen nachzukommen, anschließend ging Stierlin wieder zurück in die USA, wo er von 1965–1973 die Abteilung für Familientherapie am National Institute of Mental Health in Bethesda Maryland leitete.

Während seiner Jahre in Amerika wurde Helm Stierlin zu Gastdozenturen und Gastprofessuren an verschiedene amerikanische Universitäten eingeladen. Seine Gastvorlesungen und Vorträge führten ihn auch zu Einladungen nach Neuseeland und Australien.

Stierlin lernte während seiner Zeit in den USA die wichtigsten Pioniere auf dem Forschungsgebiet der Familientherapie kennen. Dazu gehören Gregory Bateson, Milton H. Erickson, Jay Haley, Margaret Mead, Salvador Minuchin, Virginia Satir, John Weakland. – Hier wurden nur einige erwähnt –.

Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie [Bearbeiten]

Helm Stierlin erhielt 1974 einen Ruf nach Heidelberg. Neben der Abteilung Psychosomatik, hier war Walter Bräutigam[3] auf den vakanten Lehrstuhl von Viktor von Weizsäcker gefolgt, den er in der Folge bis 1986 innehatte, entstanden als selbständige Abteilungen die Abteilung für Psychotherapie und Medizinische Psychologie, dieser Lehrstuhl wurde bis 1990 von Hermann Lang bekleidet. Seit 1991 ist Rolf Verres Lehrstuhlinhaber desselben.

Der Lehrstuhl Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie wurde 1974 neu eingerichtet. Lehrstuhlinhaber der Abteilung wurde Helm Stierlin, der ihn bis zu seiner Emeritierung 1991 bekleidete.

Nachdem Helm Stierlin 1974 seinen Ruf an die Universität Heidelberg angenommen hatte, veranlasste er als Lehrstuhlinhaber und Direktor der Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie interdisziplinäre Fortbildungskongresse zu denen in Stierlins 15−Jähriger Lehrtätigkeit weltweit bedeutende Mediziner, Psychologen, Neurobiologen, Molekularbiologen, Soziologen, Kybernetiker, Informatiker, Kommunikationswissenschaftler, Linguisten und weitere Vertreter interdisziplinär forschender Wissenschaftler kamen, um sich gemeinsam mit ihren Kollegen und der Studentenschaft durch Vorträge und in Seminaren auszutauschen.

Neben vielen anderen Wissenschaftlern waren als Lehrende zu Gast in Heidelberg Fritjof Capra, Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Niklas Luhmann, Francisco Varela, Paul Watzlawick und Joseph Weizenbaum.

Vom Beginn seines Lehrauftrages in Heidelberg bis Anfang der 80ger Jahre machte Stierlin seine Studentenschaft mit den interdisziplinären Forschungsergebnissen, u. a. folgender Wissenschaftler, auf dem Gebiet der Ätiologie und Pathogenese schizophrener Erkrankungen vertraut: Gregory Bateson, Wilfred Bion, Don D. Jackson, Jay Haley, Boszormenyi-Nagy, Murray Bowen, Hilde Bruch, Noam Chomsky, George L. Engel, Milton Erickson, Erik H. Erikson, Stanislaf Grof, Ronald Grossarth-Maticek, Heinz Hartmann, Bärbel Inhelder, Edith Jacobson, Otto Kernberg.

Nach Stierlins Emeritierung wurde die "Ausrichtung dieser Abteilung umgewandelt", sie erhielt jetzt die Bezeichnung "Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie", die kommissarische Vertretung hatte Prof. Gerd Rudolf[4] bis 1998. Lehrstuhlinhaber ist seit 1998 Manfred Cierpka.

Schriften und Editionen [Bearbeiten]

Stierlin ist Mitgründer der Zeitschrift Familiendynamik und war bis 1995 deren Herausgeber. Er ist Autor und Co-Autor von wissenschaftlichen Schriften und Büchern, die in über 12 Sprachen übersetzt wurden. Stierlin hat mit seinen Vorlesungen und Schriften über Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie wesentlich zur Etablierung und Weiterentwicklung der systemischen Therapie in Deutschland beigetragen. Stierlin war auch Mitbegründer des systemischen Familientherapie-Studiums im Psychotherapeutischen Institut Bergerhausen.

Auszeichnung [Bearbeiten]

Schriften (Auswahl) [Bearbeiten]

  • Adolf Hitler. Familienperspektiven Suhrkamp, Frankfurt/Main 1975 (Neuauflage 1995) ISBN 978-3-518-38861-7
  • Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen. Eine Dynamik menschlicher Beziehungen. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1976 ISBN 978-3-518-36813-8
  • Delegation und Familie Beiträge zum Heidelberger familiendynamischen Konzept, Suhrkamp 1982 ISBN 978-3-518-37331-6
  • Ich und die anderen. Psychotherapie in einer sich wandelnden Gesellschaft, Klett-Cotta 1994, ISBN 978-3-608-91631-7
  • Die Demokratisierung der Psychotherapie. Bilanz eines großen Psychotherapeuten, Klett-Cotta 2003, ISBN 978-3-608-96003-7
  • Ways to the heart. Carl-Auer-Systeme-Verlag, Heidelberg 2005
  • Gerechtigkeit in nahen Beziehungen. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2005
  • Psychoanalyse - Familientherapie - systemische Therapie. Entwicklungslinien, Schnittstellen, Unterschiede. Klett-Cotta 2006, ISBN 978-3-608-94036-7
  • Krebsrisiken - Überlebenschancen. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2006, 3. Aufl.
  • Nietzsche, Hölderlin und das Verrückte
  • Haltsuche in Haltlosigkeit
  • Christsein 100 Jahre nach Nietzsche

Festschrift zum 70. Geburtstag [Bearbeiten]

  • Individuum und System: für Helm Stierlin. Hrsg. von Hans Rudi Fischer und Gunthard Weber. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-518-29049-5

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Dokumentation Universität Heidelberg medizinische Fakultät
  2. Belege zu Herkunft und Familie: Wolf Ritscher Meine Begegnung mit Helm Stierlin in http://www.carl-auer.de/pdf/stierlin/4f026e8340417efe7c45b0a75b51e711.pdf
  3. Walter Bräutigam in http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/zpm/110418ZPM_NL_SF_Newsletter04_ID15116.pdf
  4. Gerd Rudolf in http://www.lptw.de/archiv/vortrag/2012/rudolf_gerd.pdf

Weblinks [Bearbeiten]